Schon wieder das leidige Abschiednehmen von jemandem, den man gern gehabt hat. Erni Mangold war eine Außenseiterin im großartigen Sinn, was immer ihr jetzt hinterherlamentiert wird. Auch an der Josefstadt, die gerade unter riskanten Umständen in die neue Zeit steuert.
Fünf Jahre ist das Telefonat schon wieder her, fast auf den Tag. Da entspann sich aus meinem Hörfehler eine Auseinandersetzung von grandiosem Weltgrant, auf den man in Jahrzehnten loser Berufsfreundschaft jederzeit vorbereitet sein musste. „Geht’s dir gut?“ – „Naa!“ – „Ja? Gratuliere!“
Es folgte eine an Invektiven reiche Berichtigungskanonade in feinstem Josefstädtisch, wie man es seit Jahren nicht mehr zu hören bekommt. Wie solle es einem denn gehen, wenn man seit drei Monaten in stationärer Behandlung darum kämpfe, ins Haus bei Krems heimkehren zu können, per Adresse „Prof.-Erni-Mangold-Weg 1“? Sie war damals 94 und ist jetzt in einem Wiener Altersheim gestorben.
Ich bin kein wildes Huhn. Ich bin eher eine Rebellin, immer aufseiten der Wahrheit
Jetzt lamentieren ihr Unzuständige aus Kunst und Politik hinterher. Ob man sie als wildes Huhn definieren dürfe, fragte ich damals an. „Ich bin kein wildes Huhn. Wilde Hühner sind ein bisschen verrückt und beißen sich gegenseitig. Das tu ich nicht. Ich bin eher eine Rebellin, immer aufseiten der Wahrheit.“ Dass die nicht die Tugend der Stunde ist? „Das ist mir scheißegal, ich sag sie trotzdem.“
Die Außenseiterin
Das trifft. Seit wir einander kannten (und das muss aus meiner Anfängerzeit bei der seligen „Arbeiterzeitung“ datieren), habe ich sie als Außenseiterin empfunden. Sie hat als Neunzehnjährige an der Josefstadt debütiert und zehn Jahre lang ihr gesamtes Fach gespielt. Aber zu Hause war sie dort nicht, ein Fremdkörper unter den unerlösten Fürstinnenimitatorinnen aus der selbstnobilitierten Max-Reinhardt-Verweserschaft.
Als ich ihr dort später periodisch begegnet bin, war sie gerade vom grandiosen, heute vergessenen Saufkopf Heinz Reincke geschieden und Mitglied der verdächtigen „Kottan“-Sippschaft. Sie passe nicht in die Josefstadt, deuteten meine Eltern an. Und als sie dann in den imponierenden Lohner- und Föttinger-Jahren auftrat, war es im ersten Altersfach. Natürlich in „Arsen und Spitzenhäubchen“ mit Elfriede Ott, natürlich als Großmutter in „Geschichten aus dem Wiener Wald“, das Bösartigste seit der atemberaubenden Adrienne Gessner, die diesbezüglich nur sich selbst spielen musste. Wogegen Erni Mangold das Schwärzeste an katholischer Gemeinheit aus einer zarten, zutiefst humanen Seele mobilisieren musste.
An der Josefstadt hat sie 2018 auch den Abschied vollzogen, mit „Harold und Maude“ und im gesegneten Schauspieleralter von 91. Aber wie viel Anarchie sie noch abrufbar hatte, das legte drei Jahre vorher Michael Schottenberg anlässlich der Dernière seiner Volkstheaterdirektion frei: Ihr Puck im „Sommernachtstraum“ war Galaxien entfernt von den obwaltenden todfaden Cross-Gender-Eskapaden. Sondern die Apotheose purer, grenzenloser Verwandlungskunst.
Für die #Metoo-Bewegung hatte sie Verständnis, verwies aber, wie die unsterbliche Lotte Tobisch, auf ihre eigene Strategie gegen oft handgreiflich unterfütterte Avancen: Die Watsche habe sich stets bewährt, und wenn dann die Rolle weg war, kam dafür eine andere.
Und die Josefstadt heute
Jetzt hat sie mich, zuvorkommend, wie sie war, zur Josefstadt von heute geführt, zur seit 1. September amtierenden Direktorin Marie Rötzer.
Um als gemarterter Austrianer der fußballaffinen Seele Erleichterung zu verschaffen: In der Ligaphase ist die neue Direktion noch lang nicht, hat aber in der Qualifikationsrunde halbwegs Gleichstand erzielt. Dafür verantwortlich ist eine solide, gut gearbeitete Inszenierung von Turrinis klassischer Beaumarchais-Überschreibung „Der tollste Tag“ in den Kammerspielen. Man hätte das nicht unbedingt gegen eine Premiere im Akademietheater programmieren müssen: So rückte nämlich die Klatsche zur Eröffnung noch grausamer in den Blick.
Die Strategie war erkennbar: Man wollte dem Publikum den Hausgott Schnitzler nicht vorenthalten, das aber mit einer raffinierten Extravaganz aus dem Raritätenfundus. „Komödie der Verführung“ entstand 1924 und ahnte die Reprise des im Stück geschilderten Untergangs schon voraus: Eine Gesellschaft privilegierter Hedonisten taumelt da über die Schwelle zum Ersten Weltkrieg. Das Stück ist verrätselt und uferlos, hat aber eine Art Magie, die noch kein Regisseur zu greifen bekam.
Im Quotendilemma
Schon gar nicht die Ungarin Ildikó Gáspár, die mit fatalem Resultat von den direktoralen Prämissen profitiert hat: „Eine Frau“ musste es laut Quotendiktat sein, Diversität sei anzustreben. Das war es aber auch schon mit den Qualifikationsnachweisen. Schnitzlers fragile Dialoge sind, möglicherweise infolge der Sprachbarriere, hilflos gearbeitet. Sie werden sinnlos aus mehreren Räumen des Hauses live auf eine Filmleinwand übertragen. Doch statt Nähe und Intimität wird damit die eingedickte Banalität einer Telenovela erzielt.
So etwas kann vorkommen, wenn man sich etwas traut. Doch mich beunruhigt etwas anderes: Sämtliche Übernahmen aus der Vorgängerdirektion, auch solche, für die bis Juni dieses Jahres kaum eine Karte zu bekommen war, sind plötzlich schwerverkäuflich.
Das wäre das Schlimmste: Wenn das Stammpublikum, das mehrheitlich auch über die Corona-Krise hinaus gehalten hat, der Meinung wäre, es hätte nun das Seine getan. Deshalb bitte ich Sie herzlich: Lassen Sie nicht nach, wenn schon die Welt in zivilisationsfernen Blödsinn entgleist und die Finanzierung des Grundnahrungsmittels Kunst insgesamt zur Debatte steht.
PS.: Den Turrini hat übrigens auch „eine Frau“ inszeniert. Aber weil sie es kann.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
