20 Jahre Herbert Föttinger, davor eine Gigantenbesetzung nach der anderen, von Reinhardt bis Schenk und Lohner. Marie Rötzer, seit 1. September Direktorin der Wiener Josefstadt, hat viel einzulösen. Am 3. September wurde mit einer Schnitzler-Apokalypse eröffnet. An den Kammerspielen bleibt Peter Turrini Herr im Haus.
Hof halten stellt man sich anders vor: Das Gespräch findet in der demonstrativen Sachlichkeit der Büroräume im Haus links vom Bühnentürl statt. Hier war vor Halbjahresfrist schon das vorige Gespräch anberaumt, da war Marie Rötzer noch designiert, und Herbert Föttinger lief mit Glanz eine Abschiedsrunde vor der anderen. Was also hält die Nachfolgerin von den Direktionsräumen fern, die 1923 Max Reinhardt für sich maßfertigen ließ und die seither von Legenden in beachtlicher Zahl genutzt wurden?
Sie sei ja noch gar nicht Direktorin, wendet Marie Rötzer bescheiden ein. Wir schreiben den 28. August, und mit Vertragsbeginn vier Tage später gilt keine Ausflucht mehr. Pfeift und droht am Ende, wie weiland Hamlets Vater, der Geist des Vorgängers durch das Gemäuer? Von purem Wohlwollen war die Übergabe ja nicht bestimmt.
Herbert Föttinger, guter Geist
„Ich gehe davon aus, dass Herr Föttinger ein guter Geist ist, weil ihm das Haus immer noch am Herzen liegt“, wendet die energetische Direktorin im Ton jovialer Strenge ein. „Es geht ja nicht um Personen, sondern um die große Geschichte und Tradition der Josefstadt, und ich freue mich unglaublich, dieses Erbe weitertragen zu dürfen.“
Aber wie das im Theater so ist, schiebt sich gleich die finstere vor die heitere Maske. Einen sehr guten „Hamlet“ hat man ja in die neue Spielzeit übernommen. Der Geist erscheint da als Projektion, in der Gestalt des großen Johannes Krisch. Marie Rötzer wollte das ändern und ihn leibhaftig auftreten lassen. Auch er wollte das, obwohl ihm der Krebs keinen Verzug mehr ließ. Man besprach sogar noch etwas Musikalisches für die nächste Spielzeit. Für die Kammerspiele? Nein, für die Stadthalle, antwortete er. Den Platz im Ensemble nimmt jetzt Stefan Jürgens ein. An Johannes Krisch werden ein großes Foto und eine Trauermatinee im Dezember erinnern.
Drüben im Theater erreicht derweil Schnitzlers rare „Komödie der Verführung“ die Endproben. Der Bühnenboden besteht aus einem goldenen Metallspiegel. Ansonsten gehört der Raum den sehr guten Schauspielern, wenn man von einer Videofläche absieht.
„Komödie der Verführung“
Schnitzlers „Komödie der Verführung“ wird von Ildikó Gáspár inszeniert. Lili Winderlich, Johanna Mahaffy, Silvia Meisterle, Ulli Maier und Joseph Lorenz spielen. Die Premiere fand am 3. September 2026 statt.
Schnitzlers Untergangsvision
Die Regisseurin Ildikó Gáspár hat in Budapest länger als ein Jahrzehnt unter Orbán durchgehalten, bis sie sich Richtung Berlin profiliert hatte. Sie ist für beherzte Zugriffe auf Klassisches bekannt, Kleists „Marquise von O.“ verschnitt sie mit dem Fall Pelicot. Derlei radikale Einstandsgabe für das Publikum ist diesmal nicht beabsichtigt, man verbleibt vielmehr in den Zeiten des Schnitzler’schen Rätselwerks. Geschrieben 1924, an der Schwelle zur nächsten Katastrophe, spielt es im Jahr 1914.
Eine Partie wohlhabender Realitätsflüchtlinge, die man heute einer Blase zuordnen würde, feiert sich da an den Rand des Weltkriegs. Arduin, Prinz des imaginären Reichs Perosa, verschwindet am Ende mit der jüdischen Sängerin Judith Asrael zu Schiff aus Dänemark ins Nirgendwo. Das erinnert ein wenig an die „Lustige Witwe“, und in der Tat unterhebt die Regie das Werk mit einem anderen Stück der silbernen Operette, der „Csárdásfürstin“ des Emigranten Emmerich Kálmán.
Es gehe da, sagt Marie Rötzer, „um die dunkle Vergangenheit Europas. Schnitzler ahnt schon, dass es zu einer Katastrophe kommen wird“. Das Donnergrollen des Ersten Weltkriegs, verursacht von den politischen und militärischen Eliten, wecke Assoziationen und Befürchtungen. „Das ist unglaublich interessant für uns heute. Wie blind sind wir diesen Kräften gegenüber, die ihre eigenen destruktiven Interessen verfolgen? Da setzt das Stück an, aber wie immer bei Schnitzler in den Seelenlandschaften der Menschen, die zueinanderkommen wollen und es nicht schaffen.“
All das wird an Frauenschicksalen erklärt und verrätselt in einem. Einerseits verkörpern sie Schnitzlers Leidensprototypen, andererseits sind sie emanzipiert, etwa als Musikerinnen, ihren Schicksalen nicht widerstandslos ausgeliefert.
Turrini und die Sorgen ums Budget
Die Kammerspiele eröffnet sie klug mit Peter Turrinis klassischer Beaumarchais-Paraphrase „Der tollste Tag“. Turrini war einer von Föttingers Identitätsstiftern, aber da kann sie gegenhalten: Sie hat schon am früheren Dienstort St. Pölten ein Turrini-Stipendium ausgeschrieben und dabei die Dramatikerin Teresa Dopler entdeckt. Turrini, einer der größten österreichischen Dramatiker, gehöre zur DNA des Hauses. Wie ja weder ein Bruch noch ein Knall beabsichtigt sei, sondern die Erweiterung der Grundidee des großen Erzähl- und Literaturtheaters mit modernen Mitteln. Sollte Turrini wieder ein Stück schreiben, werde es mit Freude uraufgeführt.
Dass der Turrini am selbem Abend Premiere feiert wie ein „Merlin“ im Akademietheater, amüsiert sie nicht. Man ermittle noch, wie das zuging.
„Der tollste Tag“
Turrinis „Der tollste Tag“ in der Regie von Anna Stiepani, mit Johanna Martini, Claudius von Stolzmann, Raphael von Bargen, Maria Köstlinger. Seit 5. September 2026, Kammerspiele.
Föttinger wurde von zart besaiteten Anonymi rüder Führungsgepflogenheiten bezichtigt. Dergleichen werde man ihr nicht nachsagen. Sie empfange schon freudige Signale die dichtere Kommunikation in allen Formationen des Theaters betreffend. Schon die ersten Bauproben, mit denen jede Inszenierung beginnt, seien für alle geöffnet. Man wisse das im Haus zu schätzen.
Leichter wird es jedenfalls nicht. Die Subvention der nächsten Saison ist Gegenstand durchaus offener Gespräche mit der Politik. Schon die Nichterhöhung wäre in Zeiten riesiger Teuerung eine harte Einbuße. „Wir werden kämpfen müssen, damit wir in dieser Eröffnungsspielzeit und in Zukunft gut über die Runden kommen.“
Auch die Demokratie war schon in besserem Zustand, die Zukunft strahlt diesbezüglich nicht in hellem Licht, und das Theater wird hier prognostizierbar nichts aufhalten können. Gewiss, aber zumindest Signale müsse man aussenden. „Wenn wir auch noch loslassen, ist der Weg frei für radikale Gruppen.“
Der Empörung über die Demontage des Salzburger Festspielintendanten Markus Hinterhäuser mag sie sich, anders als der Vorgänger, nicht a priori anschließen. Im eventuellen Fall schwerwiegender Verfehlungen habe man nicht anders handeln können, Wertschätzung und Respekt vor der eigenen Truppe seien schlicht erforderlich. Sollte tatsächlich der Regisseur Barrie Kosky ante portas weilen? „Ich würde mich sehr freuen. Was er mitbringt, ist eine grundsätzlich positive Unterhaltungskultur, Lebensfreude und große Leidenschaft.“
Im Zaubergarten von Rudolfsheim
Großer Tapetenwechsel von St. Pölten nach Wien sei nicht erforderlich gewesen, schließt sie das Gespräch im Privaten. Seit Jahren schon lebe sie im zusehends stürmisch angesagten 15. Bezirk, gleich hinter dem Westbahnhof, dicht besiedelt mit Künstlerateliers, von Jungen, Einheimischen und Auswärtigen.
Sie lebt da mit ihrem Mann, einem Schüler des Bildhauers Alfred Hrdlicka. Kinder? Kamen keine auf dem Karriereweg aus dem niederösterreichischen Weinbauerngut nach Graz, Hamburg, Mainz, Zürich, Berlin.
Nicht einmal ein Hund ist sich da ausgegangen. Dafür kann sie einem Netzwerk vertrauen, in dem sich sogar an der Traisen Kapazunder wie Christoph Marthaler, Frank Castorf und Isabella Rossellini verfingen. Jetzt kommen Jossi Wieler und Stefan Pucher an die Josefstadt, und dass mit der Championsligistin Andrea Breth zu rechnen ist, wird qualifiziert vermutet.

Steckbrief
Marie Rötzer
Marie Rötzer, geboren am 16. Juli 1967 in Mistelbach in eine Weinbauernfamilie, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften, kam als Dramaturgin über Graz und Mainz nach Hamburg und übernahm 2016/17 das Theater in St. Pölten. Mit September 2026 leitet sie das Theater in der Josefstadt.
