Die Regisseurin Alexandra Liedtke inszeniert bei den Festspielen in Reichenau Joseph Roths „Die Legende vom heiligen Trinker“. Ein Gespräch über Erfahrungen mit Alkoholsucht, vermeintliche Revolutionen und menschliches Fehlverhalten.
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Dass Literatur, dass Theater das Leben abbildet, ist nicht neu. Wenn das aber direkt zutrifft, bekommt die Behauptung eine andere Dimension. So wie im Fall der deutschen Regisseurin Alexandra Liedtke. Am 4. Juli bringt sie Joseph Roths Novelle „Die Legende vom heiligen Trinker“ bei den Festspielen von Reichenau zur Premiere.
Das sei für sie ein Geschenk, sagt sie. Einerseits werde ihrer Arbeit vom vergangenen Sommer die Wertschätzung erwiesen: Da brachte sie Roths Roman „Hiob“ mit Joseph Lorenz in der Titelrolle auf die Bühne. Jetzt setzt sie in derselben Konstellation – Lorenz spielt Roth – fort. Erzählt wird die Geschichte vom Sterben des jungen Andreas, der dem Alkohol verfallen ist. Nicht einmal Wunder können ihn von der Sucht heilen.
Der Stoff, sagt Alexandra Liedtke, sei wie für sie gemacht: Auch ihr Vater sei 2023 an seiner Alkoholsucht gestorben, mit 63 Jahren war es vorbei. Er war 19, als sie geboren wurde. Sein Leiden verbarg er über die Jahrzehnte vor der heute 47-jährigen Tochter. Erst ein halbes Jahr vor seinem Tod habe sie das Problem ihres Vaters erkannt, sagt sie.
Joseph Roths literarisches Testament
Die Novelle ist Roths literarisches Testament, auch er war hoffnungsloser Alkoholiker. Schonungslos beschreibt er da seine eigene Krankheit, an der er seinen Protagonisten am Ende sterben lässt. „Trotzdem verwebt Roth eine große Hoffnung in die Geschichte“, will Alexandra Liedtke festgehalten wissen.
Lust am Leben zu empfinden, sich ihr aber gleichzeitig vehement zu verweigern: Das ist die höllische Konstellation des Werks. Als ihm ein eleganter Herr 200 Francs anbietet, um sein Leben und seine Sucht in den Griffzu bekommen, zögert der zum Stadtstreicher herabgesunkene Andreas. Wie soll er die Summe zurückzahlen? Doch der andere beruhigt ihn: Wenn er das Geld nicht mehr braucht, soll er es bei der heiligen Thérèse von Lisieux in der Kapelle St. Marie des Batignolles abgeben.
Das klingt auf seine Art plausibel. Aber Andreas entkommt der Sucht nicht. Was er hat, gibt er für Hochprozentiges aus. Da hilft es auch nichts, dass sich auf wundersame Weise ein Geldsegen nach dem anderen einstellt, bis ihm kurz vor seinem Tod die Heilige Thérèse in Gestalt eines kleinen Mädchens erscheint.
Leben mit Sucht
Im Leben hat Stefan Zweig den suchtkranken Kollegen immer wieder finanziell unterstützt. „Wir haben eine interessante Korrespondenz gefunden, in der Zweig hinterfragt, ob man einem Suchtkranken tatsächlich Geld geben soll oder ob man damit nicht dessen Sucht erhält“, führt Alexandra Liedtke aus. „Eine spannende Frage, denn jeder, der mit suchtkranken Menschen zu tun hat, kennt das Problem. Es gibt diese sehr dunkle Seite und eine ganz große Hoffnung. Diese Ebenen zu verschmelzen, ist das Interessante.“ Roth beendet seine Novelle mit einer Art Fürbitte: „Gebe Gott uns allen, uns Trinkern, einen so leichten und so schönen Tod“.
Roths Biografie sei auch mit Blick auf seinen Glauben interessant, fährt die Regisseurin fort. In „Hiob“ schildere er seine Sicht auf das Judentum, in der Novelle manifestiere sich seine Sehnsucht nach dem Katholizismus. Wie Stefan Zweig sei Roth ein Heimatloser gewesen, der weder in der Welt des Judentums noch in der des Christentums sesshaft gewesen sei.
Das Tröstliche an diesem Ende sei, dass Andreas mit niemandem konfrontiert wird, der ihm vorwirft, er habe seinen frühen Tod selbst verschuldet, sagt Liedtke. Er könne im Glauben, seine Schuld beglichen zu haben, also mit reinem Gewissen sterben. „Das Klären von Schuld ist ein Urbedürfnis eines jeden Menschen“, blickt sie nochmals auf das Sterben ihres Vaters zurück. Als sie ihre Großmutter über das Verhängnis aufklären wollte, habe ihr der Vater das verboten: „Die Mama soll ihren Jungen nicht liegen sehen.“
Menschliche Schwächen
Am Salzburger Landestheater, einem Mehrspartenhaus, ist Liedtke Teil des Leitungsteams der Oper und inszeniert selbst. Zuletzt Tschaikowskys von Kritik und Publikum akklamierten „Eugen Onegin“. Dafür habe sie, wie auch bei ihren Inszenierungen von Joseph Roth, die Biografie des Komponisten recherchiert. Auch darin habe sie viel über die Figuren und menschliches Fehlverhalten erfahren, sagt sie.
Der Begriff „Fehlverhalten“ hat in der jüngsten Vergangenheit am Theater eine andere Dimension erlangt. Die Liste der Betroffenen, die mit den Vorwürfen ungestümen Führungsverhaltens konfrontiert sind, wird täglich länger.
Auch ihr Ehemann Matthias Hartmann war während seiner höchst erfolgreichen, durch eine unverschuldete Malversationsaffäre beendeten Zeit als Burgtheaterdirektor mit solchen Vorwürfen konfrontiert, ebenso Herbert Föttinger an der Josefstadt. Maria Happel, Schauspielerin und Reichenau-Intendantin, musste ihren Direktionsposten am Reinhardt-Seminar abgeben, weil ihre Assistentin (!) Studenten zum Weinen gebracht habe. In keinem Beruf, sagt Alexandra Liedtke, sollten Menschen zum Weinen gebracht werden. „Aber im Theater gehen Menschen ständig an ihre Grenzen. Dass man in einem Probenprozess in eine Form von Erschöpfung gerät und dann in Tränen ausbricht, kann im Theater immer wieder passieren. Genauso, wie man total euphorisch aus einer Probe herausgehen kann.“ Aber, fügt sie hinzu, es sei sehr schwer, konkrete Fälle pauschal zu beurteilen.
Ich hoffe, dass wir empathiefähig genug sind, um die Not von anderen zu sehen
Die Revolution frisst ihre Kinder
„Es ist sicherlich sehr gut, dass wir gewisse Verhaltensformen weder im Theater noch in anderen Lebensumständen akzeptieren. Aber in Umwälzungsprozessen, wie wir sie heute erleben, passieren immer auch Dinge, die nicht richtig sind. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck, die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Jakobinertum setzt immer ein, wo wir eine Revolution starten. Das zeigt, dass wir Menschen Schwächen haben. Auch wer vermeintlich etwas Gutes tun will, ist deshalb nicht per se ein guter Mensch oder tut immer das Richtige.“ Gerade am Theater sei das Miteinander zum Großteil psychologische Arbeit. „Ich hoffe, dass wir empathiefähig genug sind, um die Not von anderen zu sehen“, fährt sie fort.
„Alles, was ich im Theater erlebe, kann ich irgendwie mit der Realität verknüpfen. Es ist so, als ob ich im Theater das Leben lerne. Auch die Menschen, die ins Theater gehen, können dann für ihr Leben lernen. Denn im Idealfall lösen wir Emotionen aus. Und in dem Moment, wo wir gemeinsam in einem Saal sitzen und spüren, dass unser Nachbar auch etwas empfindet, lerne ich, ein waches Auge für andere Menschen zu haben. Dieses Miteinander ist unersetzbar. Daran kann auch die Digitalisierung oder eine KI nichts ändern“, konstatiert sie.
Würde sie selbst ein Haus übernehmen wollen? „Was mir daran Freude machen würde, ist, dass man für Künstler, mit denen man konsequent länger zusammenarbeitet, etwas tun kann, damit sie sich weiterentwickeln. Das wäre der Hauptgrund, einmal ein eigenes Team aufzustellen.“ Das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen.
Das Programm in Reichenau
Seit 100 Jahren wird in Reichenau an der Rax im Sommer Theater gespielt. Intendantin Maria Happel begeht das Jubiläum mit einem dem Jubiläum entsprechend starken Programm:
„Die Fledermaus“ von Johann Strauß – ab 1. Juli
Der deutsche Schauspieler und Musiker Nils Strunk bearbeitete mit Lukas Schrenk die „Fledermaus" für Live Band. Er spielt Klavier und inszeniert. Mit Raphael van Bargen (Gabriel von Eisenstein), Eva Mayer (Rosalinde), Julia Edtmeier (Adele), Moritz Mausser (Orlofsky), Peter Lesiak/ Lukas Schrenk (Falke) Sebastian Wendelin (Frosch).„Reigen“ von Arthur Schnitzler – ab 2. Juli
Alexandra Henkel und Dietmar König inszenieren und spielen selbst mit. In weiteren Rollen: Therese Affolter, Lukas Watzl, Bettina Schwarz, Markus Freistätter, Clara Wolfram, Daniel Jesch, Stefanie Dvorak, Stefan Jürgens.„Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi im Südbahnhotel auf dem Semmering – ab 3. Juli
Regie: Philipp Hauß Mit Noah Saavedra (PIerre), Johanna Mahaffy (Natascha), Johanna Arrouas, Dirk Nocker, Evi Kehrstephan, Martin Schwab, Rafael Schuchter.„Die Legende vom heiligen Trinker“ von Joseph Roth – ab 4. Juli
Regie: Alexandra Liedtke.Mit Joseph Lorenz, Julienne Pfeil, David Oberkogler und Oliver Urbanski.„24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ von Stefan Zweig – ab 5. Juli
Regie: Gordon Greenberg. Mit Julia Stemberger, Nils Arztmann, Alex Kapl, Sona MacDonald und Roman Frankl.„Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry – ab 10. Juli
Johanna Arrouas bearbeitete die Erzählung und setzt sie in Szene. Mit Alex Kapl, Skye MacDonald und Clara Wolfram.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.
