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Bachmannpreis 2026: Gedämpfter Jubel

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Die diesjährige Siegerin Lena Schätte©ORF Boris Breuer

100 Jahre Ingeborg Bachmann, 50 Jahre Bachmannpreis. Zum Jubiläum hat die ausrichtende Stadt Klagenfurt schätzenswerte Anstrengungen unternommen. Das Niveau der Texte war allerdings nicht übertrieben hoch. Und die Beste wurde nur Zweite.

Es gab bessere Texte im Bewerb, aber der Gewinnerin ist das späte Glück zu gönnen. Zwar hat die deutsche Psychiatriekrankenschwester Lena Schätte mit dem Siegertext „Was wir tragen“ keineswegs die Body-Positivity-Prosa in die Literaturgeschichte eingemeldet, wie als Apercu herumgereicht wurde (Marie Luise Kaschnitz’ „Das dicke Kind“ hat 1952 schon eine geräumige Furche gebahnt).

Aber wie uns die Verfasserin in ihre bis heute nachglühende Kindheitshölle zwingt, als Klassendickste unter dem Zugriff des Oberteufels, der sadistischen Mutter: Das hat erzählerisches Format und genügt vor allem dem ungeschriebenen, stets wie aus dem Nichts Gestalt annehmenden Jahresmotto, dem sich Teilnehmer wie Jury (Letztgenannte wohl schon auf dem Weg der Textauswahl) alljährlich zu verpflichten scheinen.

Generalbefindlichkeit „privates Wehklagen“

Im qualitativ bescheidenen Jubiläumsjahr dürfte man sich auf die Generalbefindlichkeit „privates Wehklagen“ verständigt haben. Zwar sind die lang dominierenden literarischen Flüchtlingsströme als preisobligater Grundbestand noch lang nicht versiegt. Sie wurden aber zwischendurch in Seitenarme reguliert, bevorzugt als Vater-Sohn- bzw. Mutter-Tochter-Konflikt infolge Integrationsdilemma. Mit Letztgenanntem kann Lena Schätte zwar nicht dienen, aber zumindest die Mutter passt. Auch lamentiert der Text jahresmottogemäß zum Himmel, und zwar derart intensiv, dass einem die Selbstverstümmelungsfantasien ins Herz schneiden.

Das ist nicht nichts. Aber wie man sein Privatestes nach außen kehrt, ohne die Kontrolle über die Sprache zu verlieren, das lehrt die in Berlin lebende Österreicherin Magdalena Schrefel. Sie beschreibt nicht mehr und nicht weniger als Diagnostizierung, Entfernung und erfolgreiche Therapierung eines Brusttumors. Alles im Ton kühler wissenschaftlicher Beobachtung, während unter der Textoberfläche die Angst wütet. Einen besseren als den vierten Preis hätte dieses Kunststück jedenfalls verdient.

Ungarische Exzellenz

Aber nicht den ersten: Der wäre der Ungarin Kinga Tóth zugestanden. Wie der vorjährige Siegertext der Österreicherin Natascha Gangl wurde auch dieser von der Jurorin Brigitte Schwens-Harrant eingebracht. Diese listige Widerstandskämpferin gegen die Unterbewertung der Sprache schätzt Texte, die sich auf stabilem politischem Fundament in performative Höhen entäußern. Im Vorjahr flogen südoststeirischen Biedermännern schwerelos die Untaten der Nazizeit um die Ohren.

Kinga Tóths „OstblockMädl“ führt nun zurück zum Fall des Eisernen Vorhangs, als ungarische Lehrerinnen in den Sommerferien zum Überleben österreichische Salatköpfe ernteten. Die hierorts bis heute tendenziell gepflogene Herrenmenschenmentalität versetzt die in Niederösterreich ansässige Performancekünstlerin in hellen, jede Larmoyanz ausschließenden Zorn. Das ist Klassenkampf von der Art Brechts, des sinnlichsten Lyrikers seiner Zeit. Die performativen Gesangseinlagen hätte der Auftritt gar nicht benötigt, für gesungenes Ungarisch hält man sich besser an qualifizierte Aufführungen der „Gräfin Mariza“ (sofern solche noch angeboten werden). „OstblockMädl“ ist ein erstklassiger Text, das genügt.

Exotisch anmutende Exzesse

So einen schrieb auch Schwens-Harrants zweiter Kandidat, der unberücksichtigt gebliebene Österreicher Christoph Szalay, der sich in seiner Jugend als Nordischer Kombinierer (Langlauf, Schispringen) viehischen Selbstüberwindungsritualen unterzogen hat.

Von solch eisigen, im tropischen Klagenfurt exotisch anmutenden Exzessen handelt der Text „Amiata“, der sich mit Handke’scher Beschreibungsbeharrlichkeit durch dämonisierte Berglandschaften kämpft. Die Sorge, ein Korrektheitsdolm könnte hier Blut-und-Boden-Techniken fehldiagnostizieren, war groß. Aber nichts war, der herausragende Text wurde bloß ins Mittelmaß juriert.

Kein Autor gesucht

Dafür erregte man sich über die Deutsche Slata Roschal, die zur Jury-Diskussion angekündigterweise das Studio verließ. Mit ihrer Argumentation ist sie prinzipiell im Recht: Das als Literaturwettbewerb verkleidete Kritikerpirouettendrehen würde prinzipiell gar keine Schriftsteller benötigen. Andererseits hätte man auch nichts versäumt, wäre die Autorin schon während der vorhergehenden 20 Minuten ferngeblieben: Der von ihr eingereichte, arg unbeholfene Klassenkampftext eignete sich maximal als mahnendes Gegenstück zu Kinga Tóths bravourösem Zornausbruch.

Bachmann 2026 auf einen Blick? War wenigstens nicht von solcher Ärgerlichkeit wie Bachmann 2024, als ein ungewöhnliches Aufkommen an Sprachkünstlern in den Wörthersee juriert wurde. Dafür triumphierten damals Politbanalisten, deren Wirken sich heuer im Drittplatzierten Ozan Zakariya Keskinkılıç personifizierte. Migrierter schwuler Moslem im Vater-Sohn-Dilemma – nach dem Baukastenprinzip wäre da ein glatter Sieg zu prognostizieren gewesen.

Ja, und der Vorsitzende Klaus Kastberger verlässt die Jury. Als seine Nachfolgerin soll Gerüchten zufolge die Deutsche Insa Wilke ins Gremium zurückgebeten werden. Das verwundert, denn sie hat es erst vor drei Jahren verlassen, nachdem sie zum Besten ihrer eigenen Kandidatin die hoch favorisierte Österreicherin Anna Felnhofer von der Spitze gepunktet hatte.

Klagenfurt 2026 – die Preisträger

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 27/2026 erschienen.

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