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The Rolling Stones: „Man macht einfach weiter“

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V.l.: Keith Richards, Mick Jagger, Ron Wood

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Mick Jagger in London, Keith Richards in New York. The Rolling Stones geben Interviews über Kontinente hinweg. So arbeiten und leben sie. Richards sagt trotzdem über Jagger: „mein bester Freund, in vieler Hinsicht“. Ihr neues Album „Foreign Tongues“ erscheint kurz vor Jaggers 83. Geburtstag. Im Interview spricht er von seiner Lust, auf Tour zu gehen und fein ziselierte politische Kommentare.

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Bild von Michael Bonner

Michael Bonner

Es ist Mitte Mai. In einer luxuriösen Hotelsuite mit Blick auf den Hyde Park steht Mick Jagger, 82, am Fenster und schaut hinaus in die Baumkronen. Drinnen herrscht Ruhe, in den Hotelfluren organisierte Hektik. Sicherheitskräfte bewachen die Aufzüge, Mitarbeiter der Plattenfirma eilen von Zimmer zu Zimmer, Journalisten und Kamerateams warten nervös auf ihre wenigen Minuten mit Jagger oder, einige Türen weiter, mit Ron Wood. Für The Rolling Stones ist die Szenerie Routine. Und doch hat sie etwas Bemerkenswertes.

Nach mehr als 60 Jahren sind die „Stones“ immer noch im Geschäft, nehmen Alben auf und reüssieren im Markt. Die Interviews gibt die Band anlässlich der weltweiten Pressepräsentation ihres neuen Studioalbums „Foreign Tongues“. Es folgt auf das 2023 erschienene „Hackney Diamonds“, das erste Album mit neuem Material seit 13 Jahren und zugleich die erste Veröffentlichung nach dem Tod ihres langjährigen Schlagzeugers Charlie Watts im Jahr 2021. Es gewann den Grammy für das „Best Rock Album“.

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Nach mehr als 60 Jahren sind die „Stones“ immer noch im Geschäft

 © Mark Seliger/Universal Music

Spontaneität trifft Planung

Mick Jagger wirkt wie ein Fels im Zentrum dieses Medienansturms. Er trägt Farben, die mit der Landschaft vor dem Fenster zu verschmelzen scheinen: waldgrün, verwaschene Blautöne, kastanienbraunes Haar. Wie es sich für den CEO eines globalen Unternehmens namens The Rolling Stones geziemt, bewegt er sich mit entspannter Autorität: ein fester Händedruck, ein zugewandtes Lächeln, direkter Blickkontakt. „Ich hatte ein wenig Sorge, dass das Album zu lang geworden ist“, sagt er über „Foreign Tongues“. „Wenn wir die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen bedenken, ist sie wohl kürzer als je zuvor.“

Es ist nur eine kleine Bemerkung, doch sie verrät etwas über Jaggers Naturell. Seit Jahrzehnten gilt er als akribischer, bis ins Detail engagierter Chef der Rolling Stones. Die Arbeit am Album im siebten Jahrzehnt nach Bandgründung beschreibt er als sorgfältig vorbereitet und gleichermaßen offen für Spontaneität. Die Songs werden im Vorfeld entwickelt. Was im Studio tatsächlich entsteht, hängt auch von der jeweiligen Stimmung ab.

Als die Stones im vergangenen Frühjahr für die Aufnahmen von „Foreign Tongues“ intensive Wochen in den Londoner Metropolis Studios verbrachten, kamen sie mit einem großen Vorrat an Material an.

„Wir hatten 16 oder 17 Songs und damit legt man einfach los“, sagt Jagger. „Man stürzt sich mitten rein. Niemand hat Zeit, lange nachzudenken, ob etwas gut oder schlecht ist oder welchem Stil es entspricht. Man kann sich ohnehin nicht alles merken, dafür gibt es zu viel Material. Dann beginnt die Auswahl der Songs unter dem Aspekt der Vielfalt. Das ist eine der großen Stärken der Rolling Stones“, sagt er. „Wir können unterschiedliche Stilrichtungen spielen, damit kommen am Ende nicht zu viele Punknummern, nicht zu viele geradlinige Rocksongs, nicht zu viele Country-Stücke zusammen.“

„Homeoffice“ bei den Stones

Während Jagger in London Interviews gibt, weilt Keith Richards, 82, in den USA. Dort wartet er auf die Geburt seines ersten Urenkels. Als gemeinsame Eigentümer eines der berühmtesten Songwriting-Credits aller Zeiten sind Jagger und Richards ein eingespieltes Team. Im „Homeoffice“ über große Entfernungen arbeiten sie seit den frühen 70er-Jahren, als die Stones Großbritannien aus steuerlichen Gründen verließen und sich über Europa und Amerika verstreuten. „Vieles wird von Mick angestoßen“, sagt Richards aus dem Büro seines Managers in New York. „Vor allem die Texte. Ich klinke mich dann ein und sage: Das sollte vielleicht hierhin ... Ehrlich gesagt arbeiten wir jedes Mal anders. Aber Mick hatte noch Material übrig, das aus der Zeit von Hackney Diamonds stammte. Also haben wir dort weitergemacht, wo wir aufgehört hatten.“

„Heute wird viel online erledigt“, sagt Jagger. „Und Keith macht überhaupt nichts online. Aber ich treffen ihn, wenn ich nach New York komme. Für dieses Album sind wir ins Studio gegangen, und ich habe ihm ein paar Songs vorgespielt. Einige waren fertig, andere halb fertig. Ich habe gefragt: Was hältst du davon? Kannst du mir helfen, das zu Ende zu bringen? Funktioniert das Stück? Dann hat Keith mir seine Songs vorgespielt. Aber dieses Mal sind wir nicht wochenlang zusammengesessen. Wir haben das Album unterwegs zusammengesetzt.“

„Mein bester Freund, in vieler Hinsicht“

Über Jahrzehnte galten die beiden als zwei Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Jagger als der rastlose, kontrollierende Organisator und Richards als der lässige, verwegene Freigeist. Die Reibungen, die ihre Beziehung einst geprägt haben mögen, sind mit den Jahren einem belastbaren, stillen Gleichgewicht gewichen, dem die Stones vertrauen. Richards, der im Alter gelassener und nachdenklicher geworden ist, beschreibt Jagger im Interview als „mein bester Freund, in vieler Hinsicht“.

Jagger, der bewusst gesetzte Mehrdeutigkeit kultiviert hat und seine Privatsphäre strengstens hütet, reagiert auf diese Aussage warm, aber zurückhaltend. „Oh, das ist sehr nett“, sagt er. „Wirklich sehr nett.“ Darryl Jones, seit Mitte der 1990er-Jahre Bassist der Stones, beschreibt das Duo so: „Sobald beide im selben Raum sind, entsteht etwas Besonderes.“ Dann spielt es kaum noch eine Rolle, wer den Großteil eines Songs geschrieben hat oder wessen Idee er war. Wenn sie zusammenarbeiten, setzt sich etwas in Bewegung.“

Durch und durch Rolling Stones

„Foreign Tongues“ ist ein Rolling-Stones-Album für die Gegenwart. Produzent Andrew Watt ist der derzeit gefragteste Mann in Sachen späte Karrieresprünge großer Rocklegenden. Er arbeitete zuletzt mit Paul McCartney, Elton John und Iggy Pop und verleiht auch den Stones bemerkenswerte Energie. Die klassischen Qualitäten eines Stones-Albums sind präsent: der Blues als Ausgangs- und Endpunkt, die rasante Fahrt durch riffgetriebenen Rock’n’Roll, soulige Balladen und jene leicht angeheiterten Country-Songs, in denen Herzschmerz und Whiskey seit jeher eine Allianz eingehen. Zusammengehalten wird das Ganze von Gitarren, die nach wie vor kompromisslos zupacken.

Die Figuren, die diese Songs bevölkern, wirken vertraut: Rachsüchtige Liebende, gewiefte Überlebenskünstler, zynische Außenseiter, Hochstapler und Vagabunden bewegen sich durch eine Welt, die von gegenwärtigen Unsicherheiten und Misstrauen gegenüber Institutionen geprägt ist. Jagger hat tagespolitische Kommentare stets gemieden. Trotzdem durchziehen die Spannungen der Gegenwart die neuen Songs. Vergiftete Himmel tauchen darin auf, Autokraten, Raketen bei einer Parade oder Risse in der berühmten Liberty Bell von Philadelphia. Ein Song enthält die Zeile vom „verrückten Mogul Mr. Musk“.

Es ist eine besondere Zeit. Ich habe selbst in Liebesliedern dystopische Zeilen getextet

Mick Jagger

Andeutungen statt Polit-Botschaften

„Natürlich ist mir bewusst, dass wir in einer besonderen Zeit leben“, sagt Jagger. „Es ist keine Zeit, die einfach vor sich hinläuft. Es ändert sich unglaublich viel, und nicht alles davon gefällt einem. Ich habe bemerkt, dass ich selbst in Liebesliedern dystopische Zeilen getextet habe.“

Die Rolling Stones haben ihrer Zeit immer wieder einen Spiegel vorgehalten. Ende der 1960er-Jahre entstanden Songs wie „Gimme Shelter“ oder „Street Fighting Man“ vor dem Hintergrund von Vietnamkrieg, politischen Unruhen und einer Serie von Attentaten. Später thematisierte „Undercover Of The Night“ (1983) die Militärdiktaturen Lateinamerikas

und die Verschleppung und Folter politischer Gegner. Noch direkter griff „Sweet Neo Con“ im Jahr 2005 die amerikanische Außenpolitik an. Auf diese Songs zurückblickend, gibt Jagger zu, dass er Andeutungen offenen politischen Botschaften vorzieht. „Bei ,Gimme Shelter‘ ging es um all das, was man damals gespürt hat“, sagt er. „Der Vietnamkrieg war präsent. Er hatte so viele erschreckende Aspekte. Ich war damals in Südostasien im Urlaub und habe überall die Folgen gesehen. Natürlich beeinflusst so etwas das Schreiben. Aber man sagt sich auch: Die Leute wissen das doch. Ich erzähle ihnen nichts Neues. Deshalb darf man es nicht übertreiben. Es gibt eine sehr feine Grenze.“

Ein kritisches Liebeslied an Amerika

„Street Fighting Man“ bildet für ihn eine Ausnahme. Der Song entstand unter dem Eindruck der Anti-Vietnam-Proteste. Jagger war 1968 in London und Paris selbst mit dabei. „Ja, das war ein Song über eine bestimmte Zeit und letztlich ein Vietnamkrieg-Song“, sagt er. „Das kann man gelegentlich machen und damit durchkommen. Aber zu einer anderen Zeit hätte ich so etwas nicht geschrieben. Vor drei Jahren wäre vermutlich auch ,Ringing Hollow‘ nicht entstanden.“ Das Stück, das an Country-Ausflüge wie ,Far Away Eyes‘ oder ,Country Honk‘ erinnert, bezeichnet Jagger als „Liebeslied an Amerika“.

Die amerikanische Kultur prägte den jungen Michael Philip Jagger und seinen Freund Keith Richards in den 1950er-Jahren, allen voran der Blues. Sein Einfluss zieht sich bis heute durch die Musik der Stones, egal, wie weit sie sich stilistisch entfernen. „Mir gefiel die Idee, dass der Song wie ein Liebeslied an eine Frau beginnt. Erst später merkt man, dass es ein Liebeslied an Amerika ist“, sagt Jagger. „Er macht das Land nicht schlecht. Da ist Zuneigung, aber er beschreibt auch, was man zusammen erlebt hat. Deshalb tauchen die typisch amerikanischen Warnzeichen wie die Liberty Bell auf. Diese Anspielungen sind keine zufällig hingeworfenen Zeilen. Sie sind zielgerichtet. Es ist direkt, aber nicht auf die langweilige Art. Es ist eine andere Art sich dem Thema zu nähern, statt nur zu jammern und zu stöhnen.“

„Man macht einfach weiter“

Als 25. Studioalbum markiert „Foreign Tongues“ den jüngsten Meilenstein einer Karriere, die jede gewöhnliche Zeitrechnung hinter sich gelassen hat. 2012 begann für die Rolling Stones eine Phase der Rückschau. Es gab aufwendig restaurierte Wiederveröffentlichungen, eine Tournee zum 50-jährigen Bandjubiläum, einen Dokumentarfilm, eine große Ausstellung und 2016 das Album „Blue & Lonesome“ – eine Sammlung von Blues-Covern, mit der die Band zu ihren musikalischen Ursprüngen zurückkehrte, dem Chicago Blues.

Es schien, als müssten die Stones in ihre Vergangenheit eintauchen, um den Weg in ihr sechstes Jahrzehnt als Band zu finden. Dann starb 2021 Charlie Watts. Für viele Bands wäre so ein Verlust existenziell bedrohlich gewesen. Bei den Stones löste er Entschlossenheit aus. Das Album „Hackney Diamonds“ klang wie eine Band, die an der Leine zerrt, voller Energie, Dringlichkeit und Spielfreude. Dieser Schwung trägt auch „Foreign Tongues“.

„Wir haben ,Hackney Diamonds‘ auf Tour gespielt“, sagt Richards. „Dabei entwickelt man eine neue Beziehung zu den Songs. Jeder wollte sehen, wie dieses Album funktioniert. Es entstand eine Dynamik. Und dann macht man einfach weiter.“

Verneigung vor Charlie Watts

Auf „Foreign Tongues“ ist noch einmal Charlie Watts zu hören. Für den Song „Hit Me In The Head“ verwendete die Band eine Aufnahme aus dem Jahr 2019. „Charlie Watts ist unsterblich“, sagt Richards. Dass heute Steve Jordan hinter dem Schlagzeug sitzt, empfindet er nicht als Bruch. „Charlie selbst hat Steve empfohlen. Er fand, Steve sei die natürliche Wahl für den Fall, dass er einmal nicht mehr da ist. Zwischen den beiden herrschte ein gegenseitiger Respekt, den man nicht kaufen kann. Es ist, als wäre etwas weitergegeben worden.“ Den Wechsel von Watts zu Jordan versteht die Band weniger als Einschnitt, denn als Fortsetzung einer langen Geschichte.

Schließlich haben die Stones mehrfach solche Übergänge erlebt. Als Gründungsmitglied Brian Jones 1969 durch Mick Taylor ersetzt wurde (der die Stones 1974 verließ). Richards betrachtet die Sache mit bemerkenswerter Gelassenheit. „Es ist eben eine Band. Es sind die Stones. Wer gerade dazugehört, ist fast zweitrangig“, sagt er pragmatisch. „Ich höre die Stones nicht bewusst. Meistens laufen sie zufällig im Radio. Aber dann denke ich manchmal: ,Hast du das gehört? Was Brian da gespielt hat! Oder dieser Bass von Bill Wyman! Unglaublich!‘ Ich bin kein Typ, der ständig Eigenlob verteilt. Aber ja, ich liebe es, Platten aufzunehmen. Vor allem gute.“

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Unvergessen live 2018: Charlie Watts (li.) – verstorben 2021 – mit Keith Richards. „Foreign Tongues“ enthält einen Song mit Watts

 © Getty Images

Große Lust auf eine Tour 2027

Jagger beschreibt die Geschichte der Band strategischer als Abfolge klar unterscheidbarer Epochen: die frühen Bluesjahre, die experimentelle und psychedelische Phase der 1960er-Jahre und jene legendäre Serie der Alben zwischen 1969 und 1974, die viele Fans als kreative Hochphase betrachten. „Natürlich verändert sich eine Band mit neuem Personal“, sagt er. „Mick Taylor klingt anders als Brian Jones. Trotzdem bleiben es immer die Stones.“ Was aber verbindet die Band von heute mit der jungen Gruppe aus den Sechzigern?

Richards denkt lange nach. „Der Humor“, sagt er schließlich. „Es gibt dieses Gefühl von Kontinuität bei uns, das selten geworden ist. Das genieße und schätze ich. Es gibt einen roten Faden, der sich durch all die Jahrzehnte zieht. Am Ende hört man ja doch nur die Lebensgeschichten von ein paar Männern.“

Noch ein Album? Warum nicht? Es gibt noch genug Material, und alle haben Spaß am Aufnehmen

Keith Richards

Trotz all der Jahre deutet nichts darauf hin, dass diese Geschichten enden. Jagger würde mit „Foreign Tongues“ gerne auf Tournee gehen. „Ich würde sehr gerne Konzerte spielen“, sagt er. „Dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr. Aber vielleicht sollten wir nächstes Jahr etwas machen.“ Richards denkt sogar noch weiter. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir irgendwo eine Residency spielen. In London, im Madison Square Garden, völlig egal. Paris. Rom. Ich spiele überall.“

Jagger arbeitet bereits an neuem Material. „Für mich war immer klar: Sobald dieses Album fertig gemischt und gemastert ist, mache ich mit den nächsten Songs weiter.“ Richards nimmt es stoisch: „Noch ein Album? Warum nicht? Es gibt noch genug Material, und alle haben Spaß am Aufnehmen. Aber zuerst müssen wir diese Platte veröffentlichen. Ich hoffe, sie gefällt euch. Es sind die Rolling Stones. Mehr bekommt ihr nicht.“

Das Album

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Das Album
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.

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