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Roger Schawinski: „Boomer können Vorbilder sein“

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Roger Schawinski©Silas Zindel/13Photo

Roger Schawinski wird bewundert und zugleich gefürchtet. Der Privatradio- und Privat-TV-Pionier hat die Schweizer Medienlandschaft mehrfach gegen Widerstände neu erfunden. Er glaubt an Öffentlichkeit als Kampfraum, an Streit als demokratische Notwendigkeit. In einem neuen Buch ruft er die Boomer-Generation auf, das Alter neu zu definieren. Und dann spricht der streitbare Unternehmer und Journalist von Altersmild.

Herr Schawinski, Sie werfen in Ihrem Buch „Hallo Boomer, so geniesst du deine Bonus-Jahre“ einen liebevollen Blick auf die Generation der Boomer, die heute arg kritisiert wird. Brauchen die Boomer mehr wohlwollende Zuwendung? Müssen wir da etwas zurechtrücken?

Vor allem die Boomer selbst müssen etwas zurechtrücken. Sie brauchen mehr Selbstwert. Sie sollten nicht das Gefühl haben, bereits abgeschrieben zu sein. Sie müssen mit Disziplin für sich sorgen und ihre körperlichen und mentalen Kräfte erhalten, damit sie ihrer Umwelt etwas zu geben haben. Gerade die Boomer können wichtige Role Models sein, jetzt, wo die Riege gesellschaftlicher Vorbilder ausdünnt.

Worin besteht für Sie diese Vorbildfunktion? Beschreiben Sie doch bitte.

Boomer können Vorbilder sein, indem sie positiv bleiben, indem sie altersmilde sind statt altersstarrsinnig. Wir sollten nicht auf Vergangenes schauen, nicht auf unsere Fehler, sondern optimistisch in die Zukunft blicken. Ich bin hier gerade mit meiner Tochter und meinen Enkeln zusammen in Ibiza.

Wir spielen Schach und Domino und Fußball, und ich finde es herrlich, etwas geben zu können. Was man im direkten Umfeld bewirkt, ist im Leben wichtiger als berufliche Erfolge. Gleichzeitig weiß ich aus Erfahrung, wie erfüllend es sein kann, wenn man sich beruflich weiterhin sinnstiftend einbringen kann.

Vieles wird der Generation der Boomer heute vorgeworfen: ihre politische und wirtschaftliche Dominanz, fehlende Solidarität und Sensibilität, die Klimakrise, mentale Gesundheit oder strukturelle Ungleichheit. Gibt es gesellschaftliche Kritik an den Boomern, die Sie für berechtigt halten?

Die Kritik ist berechtigt, ganz klar. Das Verhalten der Boomer ist oft nur selbstreflektierend. In der Schweiz haben wir durch die direkte Demokratie laufend Abstimmungen über Sachthemen, und die Boomer stimmen in erster Linie für ihre eigenen Interessen. Das ist nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht.

Natürlich haben wir das Gefühl, dass wir viel geleistet und die Gesellschaft vorangebracht haben. Trotzdem sollten wir uns einen langfristigen Blick angewöhnen. Einen Blick für die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft. Sonst können uns wirtschaftliche und demografische Entwicklungen rasch in einen Generationenkonflikt führen.

Ihre Karriere war vom Kampf gegen Institutionen und Monopole geprägt. Beobachten Sie heute wieder mehr Konformität, die durch soziale Medien und Empörungskultur entsteht?

Es ist vor allem einfacher geworden: Wer ein Problem hat, fragt ChatGPT. Meine Tochter gründet gerade eine Arztpraxis und beschafft sich viele Informationen aus dem Netz. Ich musste damals auf einen fast 3.000 Meter hohen italienischen Berg gehen, um Radio 24 zu gründen. Diese Entwicklung hat Vor- und Nachteile: Es ist gut, dass Wissen leichter zugänglich ist. Weniger gut ist der Eindruck, man müsse sich keine Mühe mehr geben, um etwas zu erschaffen.

Braucht es mehr Austausch? Müssen junge Generationen stärker auf die Älteren zugehen?

Das ist schwierig in dieser stark fragmentierten Medienwelt. In dieser „TikTokisierung“ der Gesellschaft Gegenimpulse zu setzen, ist nicht einfach. Deshalb sollte man die Generationen nicht gegeneinander ausspielen. Wenn ältere Menschen gelassener werden und mehr Selbstvertrauen entwickeln, können auch sie offener auf Jüngere zugehen.

Sie beschreiben die steigende Lebenszeit, mit der sich auch die Pflegezeit verlängern kann. Ist das Altern für die Boomer anders als für die Generationen vor Ihnen?

Ja, und die Herausforderung wird mit dem Blick auf die demografische Entwicklung für die nachfolgenden Generationen größer. Deshalb appelliere ich dafür, die Health Time, die gesunde Lebenszeit, zu verlängern und den Pflegebedarf möglichst gering zu halten.

Das ist nicht nur gut für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Als Gesellschaft werden wir die Belastung des steigenden Pflegebedarfs langfristig kaum bewältigen. Wer möglichst lange gesund bleibt und nur kurz pflegebedürftig ist, tut sich und der Gemeinschaft etwas Gutes.

Man muss auch im Alter Dinge tun, die am Anfang keine Lustgefühle auslösen

Roger Schawinski

Ist es also eine gesellschaftliche Aufgabe der Boomer-Generation, lange gesund zu bleiben?

Genau, das ist eine Win-win-Situation. Und was ich beschreibe, lebe ich selbst. Ich beschäftige mich mit gesellschaftlichen Themen und schreibe Bücher und Artikel. Das hält mich geistig fit und ich gebe etwas Positives an andere weiter.

Seit einiger Zeit mache ich Krafttraining und Pilates. Das macht mir keinen Spaß und erfordert viel Selbstdisziplin. Aber man muss auch im Alter Dinge tun, die am Anfang keine Lustgefühle auslösen. Früher habe ich 50 Liegestütze geschafft, jetzt mache ich 70. Weshalb? Weil es nicht nur die Muskeln stärkt, die mit dem Alter nachlassen, sondern auch das Selbstwertgefühl.

Viele Menschen Ihrer Generation definieren sich über Leistung, Erfolg und Einfluss. Wie geht man damit um, wenn all das abnimmt?

Die starre Pensionierung mit 65 halte ich diesbezüglich für extrem problematisch. Wer plötzlich das Gefühl bekommt, nicht mehr gebraucht zu werden, gerät leicht in eine Krise. Ich empfehle jedem und jeder, sich aktiv Aufgaben zu suchen: im privaten Umfeld oder in ehrenamtlichen Projekten. Es ist wichtig, das Selbstwertgefühl aus sinnvollen Tätigkeiten zu beziehen.

Trägt hier neben den Einzelnen nicht auch die Politik Verantwortung?

Ein schwieriges und komplexes Thema! In der Schweiz wurde die Verlängerung des Rentenalters abgelehnt. Das war ein Sieg des Egoismus der älteren Generation, der man ewig lang erzählt hat, mit der Rente beginnt das Leben: Jetzt kannst du endlich tun, was du willst! Das ist ein falscher Ansatz. Viele Menschen sind mit 65 Jahren geistig fit und leistungsfähig.

Sie erwähnten vorhin Altersmilde als Bonuseigenschaft. Gelingt es einem streitbaren Geist wie Ihnen denn, altersmild zu sein?

In dem Sinn, dass ich mehr nach vorne schaue statt zurück, ja. Ich vermeide es, alten Fehlern oder Verletzungen nachzuhängen. Wir haben alle negative Erlebnisse im Gepäck. Wenn wir die ständig anschauen, blockieren sie uns. Let it be! Wenn man altersmild ist, ist man ein glücklicher Mensch. Mit Altersstarrsinn, ist man unglücklich. Ich empfehle, sich das bewusst zu machen und es anzugehen. Es gibt vieles, das einem helfen kann, wie Achtsamkeitsübungen.

Gehört die Routine, die Sie täglich vor dem Spiegel absolvieren, zu diesen Übungen?

Am Morgen nach dem Aufstehen mache ich tatsächlich beim ersten Blick in den Spiegel ein freundliches Gesicht. Der erste Mensch, den ich treffe, ist ein freundlicher Mensch. Das ist sehr einfach und unglaublich effektiv. Es erzeugt Glückshormone.

Das Buch

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Das Buch
 © Edition Einwurf

Wie gelingt der Abschied von Macht und Bedeutung?

Das ist für jeden und jede schwierig. Am besten wäre es, selbst entscheiden zu können, wann man sich zurückzieht. Ob ich selbst gut damit umgehen werde, irgendwann ganz unbedeutend zu werden, weiß ich nicht. Ich weiß, dass es hilft, wenn der äußere Erfolg nicht das Wichtigste im Leben ist. Der Abschied wird leichter, wenn das, was man im engen Umfeld darstellt, die größere Bedeutung hat.

Nothing fails like success, sagt ein verbreitetes Zitat. Wenn man immer das Gefühl hat, Erfolg ist das Entscheidende, dann ist er nie genug. Erfolg und Bedeutung in der Gesellschaft sollte man relativ sehen und sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren – Freunde, Familie, Kinder, mit sich im Reinen zu sein. Ich habe erlebt, wie Leute, die nur für den Beruf gelebt haben, mit dem Ende des Berufslebens zugrunde gegangen sind. Diesen Fokus muss man rechtzeitig geraderücken.

In Ihrem Buch schildern Sie die Geschichte einer Bekannten, die nach ersten Anzeichen von Demenz, selbstbestimmt ihr Leben beendet hat. Verändert sich diesbezüglich das Denken Ihrer Generation?

Die Entwicklung in der Schweiz weist klar darauf hin. Unsere Generation wollte schon immer alles anders machen als die vor ihr. Wir sind auch eine Generation, die immer selbst über ihr Leben bestimmen wollte. Weshalb sollte das nicht auch für den letzten Moment gelten? Die Vorstellung, zuletzt ewig von medizinischen Apparaten, von Ärzten oder Gesetzen abhängig zu sein, passt für viele nicht zu diesem Selbstverständnis. Deshalb beobachte ich einen wachsenden Wunsch, selbst entscheiden zu können, wie und wann man geht.

Wie stehen Sie persönlich zum assistierten Suizid?

Ich halte es für eine interessante Entwicklung, weiß aber nicht, wie ich mich verhalten werde. Meine Frau und ich sind Mitglied bei einer Schweizer Sterbehilfeorganisation. Dennoch ist das Thema komplex. Eine solche Entscheidung betrifft nie nur die eigene Person, sondern immer auch Familie und Umfeld. Deshalb lässt sie sich nicht abstrakt beantworten, man muss im konkreten Fall sorgfältig abwägen.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.

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