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2nd Opinion: Welterzählung

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Michael Fleischhacker

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Die Welterzählerin Monika Helfer ist nach einem Sturz gestorben, 78-jährig am Höhepunkt einer Karriere, die erst mit 70 richtig Fahrt aufgenommen hatte. Das ist eine Katastrophe: Über Die Welt als Erzählung und den Tod und das Menschheitsverbrechen des Krieges.

Monika Helfer ist diese Woche nach einem Sturz gestorben, mit 78 Jahren am Höhepunkt einer Karriere, die erst mit 70 richtig Fahrt aufgenommen hatte. Ihr plötzlicher Tod ist nicht nur für Michael Köhlmeier und ihre große Familie eine Katastrophe, sondern für die ganze Welt. Denn die Welt wird jetzt nicht mehr so erzählt, wie sie bis zu Monikas Sturz erzählt wurde.

Sie werden vielleicht einwenden, dass auch Goethe und Schiller gestorben sind, Stefan Zweig und Gertrude Stein, Joan Didion und Virginia Woolf. Das stimmt, aber es ist nicht wahr.

Die Bedeutung eines Menschen

Dass Menschen, wie man zu sagen pflegt, vor der Zeit sterben, ist für die, mit denen sie gelebt und die sie geliebt haben, immer eine Katastrophe. Welches Ausmaß die Katastrophe über diesen Kreis hinaus hat, daran misst man gewöhnlich die „Bedeutung“, die ein Mensch, der gestorben ist, zu Lebzeiten gehabt hat.

Wie misst man ernsthaft die Bedeutung eines Menschen, einer Schriftstellerin zum Beispiel? An den verkauften Büchern? Daran, ob man nach vier Generationen noch von ihr im Schulunterricht hören wird? Wenn es danach geht, gibt es schon heute keine bedeutende Literatur mehr, denn im Schulunterricht spielt Literatur keine Rolle mehr.

Liebevoll und schonungslos

Was jeden, der Monika Helfer persönlich kannte, an ihr selbst faszinierte und was ihre Leserinnen und Leser an ihr so schätzten, hat, und das macht auch in einem über das Persönliche weit hinausgehenden Sinn ihre Bedeutung als Erzählerin aus, mit der Erzählung der Welt selbst zu tun. Also damit, wie man als Mensch in der Welt sein kann. Und man kann es nicht, ohne dass einem die Welt erzählt wird und ohne dass man die Welt den anderen erzählt.

Was da passiert, wie da der junge Mensch, das Kind, in die Welt erzählt wird und sich in die Welt erzählt, das hat vielleicht niemand besser beschrieben als der Kinderpsychiater und Autor Paulus Hochgatterer in seinen Poetikvorlesungen, die 2012 unter dem schönen Titel „Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe“ erschienen sind. Zuerst bittet das Kind: „Erzähl mir was“, und dann bietet es an: „Ich erzähl Dir was.“

Darin steckt alles, was wir über die Welt und ihren Erzählcharakter wissen müssen. Und die Übersetzung dieser im besten Sinn kindlichen Weltaneignung, die liebevoll und schonungslos zugleich ist, in eine literarische Sprache ist die große Kunst, mit der uns Monika Helfer beschenkt hat.

Erzählen als Lebensauftrag

Am gleichen Tag, an dem uns die Nachricht von Monikas Tod überraschte und schockierte, starb in einem Hospiz eine Frau, die in der sogenannten Öffentlichkeit niemand kannte. Ein bisschen jünger als die Schriftstellerin, Magdalena mit Namen, hatte sie wenige Monate zuvor eine überraschende und terminale Krebsdiagnose erhalten und sich dafür entschieden, dem Unvermeidlichen in einem Hospiz entgegenzuleben und entgegenzusterben.

Ich war auf eigentümliche Weise mit ihr, der Mutter einer wunderbaren Freundin, aus der Ferne verbunden, und habe sie nur einmal im Leben persönlich getroffen, das war in ihrem Hospizzimmer. Wie sie ihre Entscheidung begründete, was sie über Leben und Sterben sagte, wie sie auf die Welt, die ihr schon bald versagt sein würde, blickte, war von beeindruckender Klarheit und Zugewandtheit.

Die Bedeutung eines Menschen daran zu bemessen, was er einem selbst bedeutet und sich zugleich bewusst machen, wie viel ein jeder Mensch einem anderen bedeuten kann, ist so etwas wie der gar nicht so versteckte Zugang zur Welt des Erzählens und zur Welterzählung. Jeder, der aufmerksam zuhört und bedachtsam spricht, nimmt daran teil, und die Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen wir uns als Menschen vorstellen, die an unserem Kinderbett sitzen und uns erzählen oder vorlesen, damit wir es später auch so machen können.

Verrückt sein heißt: Die Welt nicht mehr schlüssig erzählen können

Die Wahrnehmung oder Behauptung, dass das Sterben von besonders begabten Erzählerinnen und Erzählern die Welt verändert, ist in keiner Weise überspannt oder gar esoterisch, es ist eine nüchterne Wahrheit, über die man nicht hinweggehen kann, ohne selbst innerlich zu verarmen. Wir haben als Menschen die Aufgabe, den Erzählstrom aufrechtzuerhalten, damit die Welt nicht aufhört, zu existieren, und jeder mutwillige Eingriffin diesen Erzählstrom hat das Potenzial zu einer Katastrophe.

Ich habe an dem Tag, an dem ich zwei Todesnachrichten erhalten habe, die Behauptung gelesen, dass die durchschnittliche Lebensdauer eines russischen Soldaten, der an die ukrainische Front kommt, nicht einmal einen Tag beträgt. Gut möglich, dass das Propaganda war, ich konnte es nicht überprüfen. Aber selbst, wenn es nicht ein Tag, sondern ein Jahr wäre: Mir wurde an dieser Stelle wieder einmal klar, welches Weltverbrechen jeder Krieg darstellt.

Wenn man ernsthaft bedenkt, was der Tod eines einzelnen Menschen, den man wie nah auch immer gekannt hat, mit einem und mit der Welt macht, dann kann man bei dem Gedanken, dass in gar nicht so großer geografischer Entfernung jeden Tag Tausende junge Menschen in den sicheren Tod geschickt werden, eigentlich nur verrückt werden. Und verrückt werden heißt seit jeher ganz wesentlich auch: Die Welt nicht mehr schlüssig erzählen können.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.

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