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Mythos Therapiemuffel: Mann zeigt Gefühl

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Der Mythos besteht, ein Mann muss sich stets zu helfen wissen. Und er geht zur Problembewältigung lieber mit Kumpels auf ein gepflegtes Bier.  Männer gelten klischeehaft als hartgesotten, eigenständig, kontrolliert. Auch als eher gefühlsarm und daher therapiescheu, was oft mit Selbstkontrolle und Stärke verwechselt wird.

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Mythos: Superman

Paul Pizzera und Daniel Fellner sprachen im NEWS-Interview darüber, wie schwer es Männern fallen könne, sich Überforderung einzugestehen. So geht es gleichermaßen Frauen. In mitteleuropäischen Gesellschaften gilt Autonomie als Grundprinzip des Glücks. Folglich entstehen Versagensgefühle und ein Gefühl des Scheiterns, wenn ich etwas nicht selbst bereinigen, lösen und berichtigen kann.

Auch wenn wir alle möglichst bis ins hohe Alter entscheidungsfähig sein wollen, hat sich auch hier viel getan: Menschen haben erkannt, dass Hilfe zur Selbsthilfe oft schon vorbeugend wirksam ist. Immer mehr Paare und Einzelpersonen suchen Psychotherapeutinnen auf, wenn in der Partnerschaft noch alles gut ist: Vorbeugend, um möglichen Krisen entgegenzuwirken. Es wird auch von Männern zunehmend als Zeichen von Verantwortung und Stärke gewertet, kein narzisstisch sich selbst überschätzender Superman zu sein.

Mythos: Vermeidung

In der österreichischen Gesundheitsbefragung 2019 gaben 6,2 Prozent der Männer und 8,5 Prozent der Frauen an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe beansprucht zu haben. Wenn ich in meine Praxis und in die psychiatrische Rehabilitationsklinik schaue, wo ich seit vielen Jahren als Psychotherapeutin mit Gruppen, Paaren und Einzelpersonen arbeite, begegnen mir dort gefühlt immer mehr Männer.

Die Dunkelziffer dürfte gerade hier meiner Einschätzung nach beträchtlich sein, da psychische gegenüber körperlichen Erkrankungen noch immer schambesetzt sind. Und manche, zum Glück nicht alle meiner Klienten kommen bevorzugt „durch die Hintertür“, um nicht vor sich selbst und anderen als hilflos, weil Hilfe suchend, dazustehen. Immerhin begeben sie sich in Therapie.

Eine im Vorjahr erschienene Studie stellte Zusammenhänge fest zwischen einer stärkeren Orientierung an traditionellen männlichen Geschlechternormen und geringerer psychologischer Hilfesuche sowie geringerer Therapiebindung. Darüber hinaus gilt Skepsis, ja Kopfschütteln gegenüber psychologischen Angeboten bei Männern als etabliert.

Mythos Vermeidung

In der österreichischen Gesundheitsbefragung 2019 gaben 6,2 Prozent der Männer und 8,5 Prozent der Frauen an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe beansprucht zu haben. Wenn ich in meine Praxis und in die psychiatrische Rehabilitationsklinik schaue, wo ich seit vielen Jahren als Psychotherapeutin mit Gruppen, Paaren und Einzelpersonen arbeite, begegnen mir dort gefühlt immer mehr Männer.

Die Dunkelziffer dürfte gerade hier meiner Einschätzung nach beträchtlich sein, da psychische gegenüber körperlichen Erkrankungen noch immer schambesetzt sind. Und manche, zum Glück nicht alle meiner Klienten kommen bevorzugt „durch die Hintertür“, um nicht vor sich selbst und anderen als hilflos, weil Hilfe suchend, dazustehen. Immerhin begeben sie sich in Therapie.

Eine im Vorjahr erschienene Studie stellte Zusammenhänge fest zwischen einer stärkeren Orientierung an traditionellen männlichen Geschlechternormen und geringerer psychologischer Hilfesuche sowie geringerer Therapiebindung. Darüber hinaus gilt Skepsis, ja Kopfschütteln gegenüber psychologischen Angeboten bei Männern als etabliert.

Mythos: Krankheitssimulation

Psychische Krisen kommen häufig in die „Das-ist-alles-nur-Einbildung-oder-Simulation-Schublade“ und sind mit Überlegungen verknüpft, nur zu schwach, ein Weichei, ein Warmduscher, unwillig zu sein, zu übertreiben, in die Opferrolle zu flüchten; man müsse sich ja bloß nicht so gehen lassen. Sich zusammenreißen. Mit einem Satz gesagt: „Sei ein Mann!“

Vor diesem Hintergrund wäre Psychotherapie unmännlich, sie stünde im Ruf der Gefühlsduselei, des Jammerns, des Drucks, einer Fremden intime Dinge ausbreiten, Seelen-Striptease zu machen. Absolut keine Männersache.

Mythos: Hilflosigkeit

Die Forschung zeigt vor allem eins: Dass traditionelle Männlichkeitsnormen viele Männer davor zurückhalten, sich in Krisen professionelle Hilfe zu holen. Wer gelernt hat, Gefühle zu kontrollieren, Probleme allein zu lösen und keine Schwäche zu zeigen, wehrt Hilfsbedürfnisse ab. Solcherart geprägte Männer verwechseln Therapie mit einem Eingeständnis des Versagens, mit Kapitulation und Unterwerfung unter die Autorität einer fremden Person, die einen nicht einmal kennt.

Ein Betroffener beschrieb seine frühere Haltung so: „Ich wäre nie im Leben in Therapie gegangen. Dann ist doch schon alles vorbei, wenn ich mir selbst nicht mehr helfen kann.“ Der Autonomie- und Leistungsanspruch ist aber keine angeborene Wesenseigenschaft von Männern. Das Vertrauen zur Therapeutin, aber vor allem Kosten, Wartezeiten und die Erreichbarkeit des Angebots beeinflussen zusätzlich, ob jemand Unterstützung sucht, oder  die Selbsttherapie mit Freunden am Tresen bei einem Bier vorzieht.

Mythos: Therapie ist keine Frauensache

Frauen gelten gemeinhin als weicher, offener, sozialer und gefühlvoller. Zunehmend sind es jedoch in meiner Praxis mittlerweile die Männer, die ihre Frauen für eine Paartherapie die Initialzündung geben. Nicht weil Männer weicher geworden sind, sondern weil das neue Männerbild, wie Männer sich selbst sehen und bewerten, sich ändert. Das widerspricht dem alten Klischee vom Therapiemuffel.

Bevölkerungsdaten zeigen weiterhin eine eher geringere Nutzung psychischer Gesundheitsangebote durch Männer. Sie sagen aber wenig über Motivation, Eigeninitiative und therapeutisches Engagement derjenigen aus, die tatsächlich Hilfe suchen.

Mythos: Ruhe nach dem Orgasmus

Ein Beispiel für die Trendwende in Beziehungen: Ein weit verbreiteter Mythos ist, dass sich Männer nach dem Orgasmus zur Seite rollen und keine Nähe wollen. Viele Männer wollen indessen nach dem Sex heute öfter „eine zweite Runde“ oder kuscheln. Das sexuelle Vorspiel, von dem man klischeehaft den Frauen nachsagt, dass es so wichtig für sie wäre, erscheint vielen heute oft nur als unnötiges Hinauszögern, ehe es endlich zur Sache geht.

Frauen erlauben sich zunehmend „männliche Eigenschaften“ und Männer „weibliche“, wobei das gesellschaftliche Schablonen sind, die spätestens seit der Dr.-Oetker-Fernsehwerbung aus den fünfziger Jahren ausgedient haben sollten, wo es heißt: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen: Was soll ich anziehen? Was soll ich kochen?“

Mythos: Freunde als Therapieersatz

Der Mythos, man könne ebenso mit einem Freund über seine Probleme reden, greift zu kurz. Und auch, dass einem das weniger unangenehm sei und zudem kostenlos. Ein Freund, mit dem ein Mann in einer Krise auf ein Bier geht, bedeutet möglicherweise Erleichterung, ist aber kein Therapieersatz. Er ist ja in die Biografie der Person verstrickt, emotional betroffen und daher nicht wertneutral.

Allerdings sind soziale Kontakte und ein supportiver Freundeskreis begleitend zu einer Psychotherapie geradezu unentbehrlich, um die entsprechende Wirkung zu haben, aus der Krise wieder hinauszukommen. Bei Freunden haben gerade Männer tendenziell die Sorge, ihnen zur Last zu fallen. Ein Hindernis, das in einer Psychotherapie wegfällt.

Mythos: Der emotionslose Mann

Aus meiner Erfahrung in Klinik und Praxis weiß ich: Männer sind feinsinnig und keineswegs emotionslos. Sie kommen keineswegs nur dann in Therapie, wenn ihre Partnerin sie dazu drängt oder wenn bereits alles zusammengebrochen ist. Ich erlebe Männer, die sich bewusst Unterstützung suchen, konkrete Fragen an sich selbst stellen und den therapeutischen Prozess mit großer Ernsthaftigkeit verfolgen. Gerade in der Paartherapie sind sie mitunter sogar die treibende Kraft. Das ist eine Beobachtung aus meiner Arbeit, keine universale Aussage über alle Männer.

Für mich ist daher nicht die Frage entscheidend, ob Männer grundsätzlich therapiebereit sind. Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen sie sich auf einen therapeutischen Prozess einlassen - und wie selbstverständlich wir ihnen zutrauen, dies aus eigenem Antrieb zu tun. Wer frühzeitig über Ängste, Überforderung oder Beziehungskonflikte spricht, muss keine überkommene Vorstellung von Stärke erfüllen. Er übernimmt Verantwortung für sich selbst und für die Menschen, mit denen er lebt. Die psychotherapeutische Zusammenarbeit an Themen des Lebens und die Fähigkeit, sich offen und verletzlich zu zeigen, sabotieren nicht das Prinzip der Selbstbestimmung. Sie sprechen für ein großes Verantwortungsgefühl.

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