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Der Fall Gunkl: Doppelleben, Scham und Verantwortung

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Günther Paal alias Gunkl

©Robert Peres

Der 64-jährige Wiener Künstler Günther Paal soll die heute fünfjährige Tochter einer Bekannten vor etwa zwei Jahren sexuell missbraucht haben. Paal alias „Gunkl“ betont nach der Selbstanzeige in einem Facebook-Video die dadurch auf sich gezogene Schande, eine „Phase“ und einen verborgen gehaltenen Teil seines Lebens. Der Fall wirft Fragen nach Pädophilie, Doppelleben, Reue und echter Übernahme von Verantwortung auf.

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Geheimes Leben

Gegen den Kabarettisten Günther Paal alias Gunkl wurde in Wien ein Ermittlungsverfahren wegen einer geschlechtlichen Handlung an einer unmündigen Person sowie wegen des Besitzes von zumindest 960 Bild- und 19 Videodateien mit Kindesmissbrauchsmaterial erhoben. Paal hatte sich zuvor selbst angezeigt – angeblich wegen Erpressung durch die Kindsmutter und eine weitere Person.

Schande

In seinem Facebook-Video spricht Paal von „Schande“ und davon, dass niemand in seinem Umfeld gewusst habe, „wie es in mir zugeht“. Psychologisch auffällig ist die Trennung zwischen der öffentlichen Person und dem verborgenen Parallelleben. Dafür braucht es keine „zweite Persönlichkeit“.

Abspaltung

Mithin lässt sich in solchen Fällen auf eine Art „Kompartimentierung“ schließen: Widersprüchliche Bereiche des Lebens werden komplett voneinander getrennt, während das Selbstbild unbeschadet bleibt und der Alltag davon unbenommen weiterläuft. Ein solches „Doppelleben“ kann nach außen lange angepasst und unauffällig erscheinen.

Es gibt noch andere Erklärungsmodelle und Fachbegriffe für menschliche Strategien, Handlungen und Gedanken vom Selbstbild abzuspalten. In der Psychotherapie kann man auch von abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen sprechen, die beispielsweise in der therapeutischen Teile-Arbeit zunächst differenziert, benannt und dann bearbeitet werden können.

Öffentliche Beichte

In ersten Meldungen war noch ungenau von einem „bekannten Künstler“ die Rede. Und man wusste nicht, aber ahnte schnell, aha, wieder einer, den man aus der Öffentlichkeit kennt, aber eben wieder nur als Kunstfigur, nicht wirklich. Und nur von seiner Vorzeige-Seite: Ja, wieder so ein Wolf im Schafspelz, der „Dreck am Stecken“ hat. Und dem offenbar nun nichts anderes bleibt, als alles zu gestehen und öffentlich Buße zu tun. Im Sündergewand, das ihn durch das Geständnis schon wieder, wenn schon nicht „frei von Schuld“ zeigt, so doch einsichtig und reumütig, sich zu seinem früheren Fehlverhalten vollinhaltlich bekennend.

In einer säkularisierten Zeit boomen öffentliche Outings, Bußen und Reue-Bekundungen in den Sozialen Medien. Gunkl betont in seinem Video, sein Freundeskreis und alle, die mit ihm in irgendeiner Art verbunden gewesen seien, hätten nichts gewusst. Und schon haben wir wieder ein grausam reales Outing von einem, der bis jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung bei „den Guten“ war. Bei den Vorbildern, Role-Models, Menschen mit Bekanntheitsgrad und Wiedererkennungseffekt.

Pädophilie ist kein Synonym für Missbrauch

Pädophilie ist differenziert zu betrachten. Und bezeichnet anhaltende sexuelle Interessen an vorpubertären Kindern. Pädosexualität oder sexueller Missbrauch ist dagegen eine Handlung und bedeutet, dass sexuelle Handlungen an und mit Kindern faktisch begangen werden.

Auch der Besitz von Missbrauchsdarstellungen allein erlaubt noch keine psychiatrische Diagnose. Ob bei Paal eine pädophile Störung vorliegt, lässt sich aus Medienberichten nicht seriös beurteilen.

„Eine Phase“

Paal bezeichnet selbst seinen Konsum entsprechender Videos als „eine Phase“ seines Lebens. Das kann eine tatsächliche Weiterentwicklung und Veränderung beschreiben. Es kann aber auch moralisch und biografisch Distanz schaffen: Das war der Mensch von damals, das bin ich heute nicht mehr.

Entscheidend ist, ob das Geschehnis aus heutiger Sicht wegrationalisiert und auf frühere Umstände geschoben wird. Und ob es in die eigene Biografie integriert und Verantwortung dafür übernommen wird oder ob es aus dem heutigen Selbst ausgelagert wird.

Scham, Schuld und Reue

„Ich hab’ Schande auf mich gebracht“, sagt Paal im Video. Scham zentriert sich psychologisch stärker auf die eigene Person und ein beschädigtes Selbstbild. Schuld lenkt dagegen den Blick stärker auf die Handlung, ihre Folgen und die von der Handlung geschädigte Person. Beides kann gleichzeitig vorhanden sein.

Ob Reue authentisch ist, lässt sich aus einem Video nicht feststellen. Ein Hinweis kann jedoch sein, worauf sich die Aufmerksamkeit richtet: auf die eigene Scham über das beschädigte Selbstbild, den Imageschaden und den gesellschaftlichen Absturz – oder auf das Leid, das man anderen zugefügt hat.

Vom Beschuldigten zum Mahner

In seinem Facebook-Video ruft Paal Menschen mit ähnlichen Neigungen dazu auf, sich Hilfe zu holen und Kinder zu schützen. Das kann sinnvoll sein. Gleichzeitig entsteht eine heikle Verschiebung: Ein öffentliches Geständnis kann eine neue Rolle suggerieren, vom Beschuldigten zum Geläuterten und Mahner. Ja, zum Advokaten geschädigter Kinder.

Verantwortungsübernahme und öffentliche Reue-Bekundungen auf Facebook dürfen nicht zu neuen Heldengeschichten führen. Die öffentliche Meinung bildet nicht das Jüngste Gericht, das die Guten von den Bösen trennt oder Absolutionen erteilen kann. Im Zentrum steht im Fall Gunkl nicht die Selbstoffenbarung eines Prominenten über eine vergangene Zeit, in der er - wie er im Video sagt - auf einem alten Rechner verbotenes Material hatte. Im Fokus steht das Kind, das von ihm geschädigt und dem Unrecht angetan wurde.

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