Eine psychologische Analyse über Sündenböcke, kollektive Schuldabwehr und die Gefahr, die getöteten Kinder aus dem Blick zu verlieren.
Einordung
Die Analyse und Einordnung des Falls von Lindsay Clancy sowie seiner Folgen stellt keine psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnose oder Begutachtung durch die Autorin dar. Sie ist eine persönliche mögliche Einordnung aus der Distanz und stützt sich ausschließlich auf öffentlich zugängliche Medienberichte und Informationen zum Fall.
Abwehr kollektiver Verantwortung
Angesichts unerträglicher Ereignisse wie Kindstötungen durch eine durchwegs als „wundervoll“ beschriebene Mutter, fällt es dem gesellschaftlichen Kollektiv häufig schwer, sich mit dem realen Schrecken auseinanderzusetzen: Einer Tat, die ja verhindert werden hätte können, aber eben doch geschehen konnte - wenngleich Lindsay Clancy Ärztinnen konsultiert, Psychopharmaka durchprobiert und sich ihrer Familie wiederholt über ihre psychischen Probleme mitgeteilt und um Hilfe ersucht hatte.
Auslagerung von Schuld
Psychologisch liegt häufig der Impuls nahe, das kollektive Gewissen zu entlasten, um als Gesellschaft nicht „versagt zu haben“: Und nach einem Schuldigen zu suchen. So werden Schuldgefühle unbewusst abgewehrt, indem die Verantwortung ausgelagert wird – in Clancys Fall nach dem „Misstrial“ auf einen zum Sündenbock ernannten Juror. Diese Dynamik wird durch die engmaschige sensationsgierige Berichterstattung noch beschleunigt und angeheizt.
Clickbait
Studien zeigen, dass negative Begriffe in Überschriften Anteilnahme und Emotionen wecken, polarisieren und damit die Klickrate erhöhen. Und dass Schreckensmeldungen häufiger geteilt werden.
Problematisch ist, dass nach dem Prozess in erster Linie nicht die offene Rechtsfrage, sondern die Person des Holdout-Jurors zur sich zuspitzenden Story wird. Auch dieses Narrativ ist eingebettet in ein Schwarzweiß-Denken von Idealisierung und Abwertung, Huldigung und Hasstiraden. Biografische Details, alte Vorwürfe, familiäre Hintergründe des Jurors, alles dient auf einmal als Material für die nächsten viralen Schlagzeilen.
Sündenbock-Funktion
Jurymitglieder beschreiben den Holdout-Juror nach dem „Misstrial“ öffentlich als arroganten Sonderling, Provokateur oder Narzissten, der ihre Bemühungen gleichsam sabotiert habe. Seitdem richtet sich ein Teil der öffentlichen Aggression gegen jenen Mann, der Clancys Freispruch als einziger verhinderte.
Angesichts einer Welle von Aggression, Drohung und Hass hat das Gericht die Namen der Jurymitglieder auf unbestimmte Zeit geschützt. Und verwies ausdrücklich auf Gefahren für Sicherheit und Rechtspflege. Dennoch kursieren laufend Namen. Kritische Wortmeldungen anderer Jurymitglieder boomen auf Social Media.
Emotionale Entlastung
Aus dem menschlichen Bedürfnis, zur emotionalen Entlastung einen Schuldigen zu finden, kann in so polarisierenden Fällen der kollektive Wunsch entstehen, Entsetzen, Empörung und Kausalität an einer Ursache festzumachen. Das Narrativ von Clancy als Opfer, das vom Gesundheitssystem nicht nur verkannt, sondern durch falsche Medikamente krank gemacht wurde, erscheint möglicherweise noch am erträglichsten für eine emotional überforderte, zunehmend verrohende Gesellschaft.
Aktuell halten der Juror, die Psychiatrie und „das System“ als Schuldige her: Ein Sündenbock kann kurzfristig für ein Gefühl von Kontrolle und Ordnung sorgen. Das kollektive Gewissen kann sich wieder moralisch als „sauber“, „gerecht“, „klärend“, „wirksam“ erleben.
Abwehr
Der Wunsch nach Ordnung und Klarheit ist menschlich. Psychologisch ist er aber wie eine Seifenblase: Die verlockend vereinfachende Vision einer Welt, in der Gut und Böse klar getrennt sind, damit alles wieder geordnet erscheint. Und man das Grauen von sich abwenden und wieder aufatmen kann.
Wahrheit
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, wie Ingeborg Bachmann sagte: Drei Kinder wurden nacheinander stranguliert. Die Taten waren allesamt unbeschreiblich grausam.
Schwarz-Weiß-Denken
Wie beruhigend erscheint dagegen die Dichotomie: Hier die gute, aber allein gelassene und psychisch schwer kranke Mutter, dort die unmenschliche Psychiatrie und der unerbittliche böse Juror. Oder: Hier die Täterin, dort ein System, das die Taten nicht entschuldigt, aber ein „erlösendes Feindbild“ braucht. Jeweils eine mögliche Erzählweise, aber wohl zu einfach.
Psychische Erkrankung kann für strafrechtliche Verantwortlichkeit zentral sein, macht aber die Tötung der Kinder nicht hinfällig oder ungeschehen. Die fünfjährige Cora, der dreijährige Dawson und der acht Monate alte Callan bleiben die primären Opfer. Die Kinder müssen im Zentrum des Falles bleiben. Eine psychische Erkrankung ist für die Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit relevant. Der Tod der Kinder darf dadurch nicht verschwimmen.
Gefahr der Identifikation
Durch die starke Identifikation mit Lindsay Clancy, die sich während des Prozesses in Demonstrationen pink gekleideter Unterstützerinnen abzeichnete, drohten die drei getöteten Kinder im öffentlichen Narrativ zunehmend aus dem Blick zu geraten. Clancy wurde dabei teilweise selbst zur Symbolfigur für postpartal psychisch erkrankte und biopsychosozial unzureichend versorgte Frauen. Das Anliegen ist klar. Schwierig, ja gefährlich kann es werden, wenn aus Identifikation Idealisierung wird.
Copycat-Effekt
Wie hochsensibel die Dynamik des Clancy-Falles ist, zeigt ein aktueller Fall aus Illinois: Die vierzigjährige Corie Walsh soll sich der Staatsanwaltschaft zufolge intensiv mit dem Fall Clancy beschäftigt und wenige Stunden vor der Tötung ihres zweijährigen Sohnes Textnachrichten darüber ausgetauscht haben.
Sie steht unter Mordanklage; die Verteidigung beschreibt eine postpartale psychotische Episode. Ein kausaler Zusammenhang mit dem Fall Clancy ist zwar nicht belegt. Die öffentliche Ikonisierung einer für Kindstötungen ursächlich verantwortlichen Person muss jedoch nicht immer ohne Folgewirkungen auf vulnerable Menschen bleiben.
Ambivalenz
Den Fall Clancy kritisch differenziert zu betrachten, bedeutet nicht, ihr gegenüber empathielos zu erkalten. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, eine hohe Ambivalenz auszuhalten: Schwere psychische Erkrankung sehr wohl ernst zu nehmen, Versorgungslücken zu erkennen und zu beseitigen, Menschen, hier insbesondere: Mütter in Krisen ernst zu nehmen und unverzüglich zu unterstützen. Verantwortung juristisch zu prüfen.
Auch soziale Isolation und perfektionistische Mutterschaftsideale müssen in dem Zusammenhang gesehen und berücksichtigt werden. Zentral ist in dem Zusammenhang: Postpartale Psychosen sind seltene psychiatrische Notfälle. Gerade deshalb sind die frühe Erkennung und psychosoziale Behandlung entscheidend.
Soziale Kälte
In einer Epoche sozialer Kälte stürzt sich die Gesellschaft förmlich auf jede Möglichkeit, sich wieder zu spüren und zumindest durch Fälle wie Clancys große Gefühle zu entwickeln. Und große Gefühle zwischen Liebe und Hass werden in den Chats zum Fall Clancy in den Sozialen Medien geteilt, weshalb man hier auch auf eine soziale Entladung und Ventilfunktion aufgestauter verdrängter Emotionen schließen kann.
Eine reife Gesellschaft muss Ambivalenzen nicht nur aushalten, sondern sich ohne Schuldzuweisungen, Feindbilder und Sündenböcke selbstkritisch regulieren. Der Fall Clancy bildet die Not einer buchstäblich Gott verlassenen Gesellschaft ab. Und eine Wahrheit, die schier unzumutbar, aber unausweichlich bleibt.
Wichtiger Hinweis & Hilfsangebote
Wenn Sie sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben, holen Sie sich bitte Hilfe. Sprechen Sie mit Menschen, die Ihnen helfen können. Die folgenden Stellen bieten kostenlose, anonyme und professionelle Beratung rund um die Uhr:
Telefonseelsorge: 142 (Notruf für Erwachsene, gratis aus ganz Österreich)
Rat auf Draht: 147 (Notruf und Beratung speziell für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene)
Männernotruf: 05 76 77 (24 Stunden erreichbar)
Eine detaillierte Übersicht aller Bundesland-Hotlines und Krisendienste bietet die Website des Kriseninterventionszentrums Wien sowie das Gesundheitsportal des Bundesministeriums.
