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Liebe nach dem Algorithmus

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Monika Wogrolly

©Matt Observe

Wo und wie lernt man heute noch jemanden kennen? Und wer ist überhaupt der oder die Richtige? In Japan hilft eine staatliche App alleinstehenden Menschen auf der Suche nach dem perfekten Ehepartner.

News auf Google bevorzugen

Seit rund zwei Jahren hat der Staat das KI-gestützte Matchingsystem „Tokyo Enmusubi“ für heiratswillige Menschen eingerichtet. Volljährige Singles, die in Tokio wohnen, arbeiten oder studieren und heiraten wollen, können sich diese App besorgen.

Dazu müssen sie zunächst ihre Personalien bekannt geben sowie einen Einkommensnachweis vorlegen und nachweisen, ungebunden zu sein. Nach einem Online-Aufnahmegespräch können sie sich kostenpflichtig registrieren.

KI als Filter

Die Nutzer von „Tokyo Enmusubi“ unterziehen sich einem Test zur Evaluierung ihrer zentralen Werte in einer Ehe. Vor diesem Datenhintergrund bietet ihnen das System mögliche Partner an. Der Algorithmus der Liebe funktioniert dabei wie eine Rechenanleitung: Eingespeiste Informationen werden nach definierten Regeln verarbeitet, um dann den Nutzern ihre Matches vorzuschlagen.

Partnersuche

Neue Technologien verändern die Partnersuche drastisch. In einer US-amerikanischen Studie berichteten bereits vor neun Jahren fast vierzig Prozent der heterosexuellen Paare, sich online kennengelernt zu haben. Frühere Liebesknotenpunkte wie Freundeskreis, Familie, Nachbarschaft oder Religion verlieren zusehends an Bedeutung. Online-Dating erweitert vor allem den Kreis der Menschen, denen wir begegnen können.

Overload-Dilemma

Mehr Auswahl bringt aber nicht automatisch eine höhere Trefferquote oder mehr Zufriedenheit mit sich. Studien zufolge kann ein „Partner-Choice-Overload“, eine zu große Auswahl an Partnern, das Gefühl der Überforderung auslösen und die Angst steigern, allein zu bleiben.

Psychologisch entsteht dabei Stress: Wer jederzeit mit einer nächsten (womöglich noch besseren) Option rechnen muss, tendiert zu stetigen Vergleichen. Das reale Gegenüber gerät dann mit einer theoretisch unbegrenzten Zahl möglicher „besserer“ Menschen in einen rasenden Wettbewerb.

Freie Wahl

Eine Studie zu Online-Dating zeigt, dass ideologische Übereinstimmung die Bewertung und die Kontaktaufnahme positiv beeinflussen kann. Ähnlichkeit ist jedoch kein Rezept für Liebe. Dass jemand attraktiv erscheint, beruht auf ersten Eindrücken, Übertragungsphänomen sowie einem Narrativ aus Biografie, Erwartungen, Vertrautheit und spontanem Staunen – und natürlich insbesondere auch auf körperlicher Anziehung und auf der Art der Interaktion zweier Menschen miteinander. In der Jugendsprache wird treffend von „Vibes“ als gemeinsamen Schwingungen gesprochen.

Liebesfilter

„Tokyo Enmusubi“ ist psychologisch weniger als Liebesmaschine nutzbar. Die App wirkt eher als Filter gegen Unsicherheit. Wer dort angemeldet ist, signalisiert klare Heiratsabsicht. Das kann den Argwohn und das sonst übliche Rätselraten, was das Gegenüber eigentlich will, abbauen. Ein System kann Kompatibilität sortieren.

Beziehung entsteht aber erst, wenn sich zwei Menschen begegnen und einander Resonanz geben. Technik kann bei der Partnersuche helfen. Verlieben können wir uns allerdings nur ohne App: wenn ein „Ich“ einem „Du“ begegnet und sie sich in der Liebe zum „Wir“ entwickeln und darin entfalten können. Klingt fast nach ­Algorithmus, ist aber einfach nur das Leben.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.

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