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Paul Pizzera und Daniel Fellner über Gewalt, Väter und Therapie

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Paul Pizzera und Daniel Fellner©Lukas Beck

Im musikalischen Kaleidoskop der Band Aut of Orda dominieren Hits für Wir-Gefühl, beste Stimmung und satirische Gesellschaftskritik. Umso greller sticht das Lied „Papa" hervor. Paul Pizzera und Daniel Fellner machen darin Gewalt gegen Kinder zum Thema und brechen ein Schweigen, das erstaunlich hartnäckig ist. Im Gespräch erzählen sie von Vätern und Verletzungen, männlicher Überforderung und Therapie. Und davon, was Gleichberechtigung Männern abverlangt.

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Paul Pizzera, Sie haben vor fast zehn Jahren mit Otto Jaus „Mama“ veröffentlicht, die Hymne auf fürsorgende Mütter. In „Papa“ geht es um einen Vater, der dem Sohn physische und psychische Gewalt antut. Erzählen diese Lieder Ihre Familiengeschichte?

Paul Pizzera: Ja, auf jeden Fall. Auch, wenn das Lied – wie jedes Lied – nicht bis ins Detail autobiografisch ist. Die Statistik zeigt, dass dieses schwierige Thema viele in Österreich betrifft. Schwierig ist oft ein Synonym für notwendig, und wir wollen den Schützenswertesten unserer Gesellschaft, den Kindern, eine Stimme geben. Dieses Leid gehört sichtbar gemacht, und so schirch es ist, es ist die Wahrheit und man kann auch zur Wahrheit tanzen.

Besonders die Zeile, die die Folgen von Gewalt aufzeigt, tut weh: „Warum bin ich nicht gut genug?“ bleibt die lebensbegleitende Frage. Ist es befreiend, so etwas aufzuschreiben, sich von der Seele zu schreiben?

Pizzera: „Von der Seele schreiben“ klingt sehr pathetisch, aber natürlich hat es etwas Kathartisches. Das Problem in diesem Zusammenhang ist, dass die Hoffnung auch ein Arschloch sein kann. Man glaubt daran, dass sich etwas ändert, und probiert Wege dahin. Hofft auf Anerkennung oder zumindest einen normalen Umgang. Aber man muss abschließen und seinen Frieden mit der Tatsache finden: Dieser Mensch kann es nicht besser. Wenn man aufhört zu hoffen, kann man das Problem besser bearbeiten.

Daniel Fellner, wie war das, als Sie „Papa“ das erste Mal gehört haben?

Daniel Fellner: Wie Pauli dieses intime Thema nach außen tragen kann, finde ich bewundernswert. Für mich fühlt es sich fast gefährlich an, wenn ich an die Gefühle denke, die das Lied bei mir auslöst. Umso beeindruckender war, wie offen Pauli im Entstehungsprozess sein konnte. Das hat sehr für unsere Freundschaft gesprochen. Meine Beziehung zu meinem Vater ist sehr gut. Aber mir ist schon klar, dass eine Vater-Sohn-Beziehung etwas sehr Fragiles ist.

Pizzera: Auf der Bühne werden wir es gemeinsam singen, das ist stimmiger. Zweimal sind wir heute schon gefragt worden, ob wir „Papa“ überhaupt live spielen werden. Daran sieht man, wie stark dieses Thema als Tabu wahrgenommen wird. Ja, klar spielen wir es live! Das ist der Sinn: dass es vielleicht jemandem hilft, sich verstanden und nicht mehr ganz allein zu fühlen.

Aut of Orda: „Papa“

Haben Sie je überlegt, „Papa“ nicht zu veröffentlichen, weil es sich auf eine reale Person, Ihren Vater, bezieht?

Pizzera: Nein, da möchte ich Gisèle Pelicot zitieren: Die Scham muss die Seite wechseln. Warum sollte ich mich schämen, weil mein Vater gschissn zu mir war? Meine persönliche Geschichte breitzutreten steht aber nicht im Vordergrund. Nicht alles ist autobiografisch. Es geht darum, dass Personen, die sich nicht gehört fühlen, erkennen: „Ich kann nichts dafür. Es ist nicht mein Fehler.“

Was hilft dabei, zu verstehen: „Ich kann nichts dafür“, wie Sie singen?

Pizzera: Der Weg führt natürlich über die Selbstliebe und den Wert, den nur du selbst dir geben kannst. Dabei helfen keine ausverkauften Konzerthallen. Diesen Wert bekommst du von niemandem anders, nur von dir. Auf dem Weg dorthin nicht allein zu sein und eine therapeutische Begleitung zu haben, hilft sehr. Es gehört freilich auch zur Wahrheit, dass ich den Drive für meinen Weg auf die Bühne fix nicht gehabt hätte, wäre ich als Kind gut genug gewesen. Diesen Ehrgeiz aus den falschen Beweggründen teile ich mit vielen Menschen, die auf Bühnen stehen. Aber wer weiß, vielleicht wäre ich 10.000-mal glücklicher, hätte ich das Gefühl gehabt, gut genug zu sein.

© Lukas Beck

Steckbrief

Daniel Fellner

Daniel Fellner, geboren 1988 in Wiener Neustadt, ist Musiker, Songwriter und Musikproduzent. Bekannt wurde er als Gitarrist, Produzent und Bandleader von Seiler und Speer. Er arbeitete unter anderem mit Wolfgang Ambros, der EAV, Turbobier und Pizzera & Jaus. Seit 2023 bildet er gemeinsam mit Paul Pizzera – bis 2024 war auch Christoph Seiler dabei – das Projekt Aut of Orda.

Sie haben die Vater-Sohn-Beziehung fragil genannt, Daniel. Inwiefern?

Fellner: Ich habe heute eine sehr gute Beziehung zu meinem Papa. Aber jetzt, mit 38, frage ich mich manchmal: Wie hätte ich selbst mit 30 ein Kind großgezogen? Ich habe erst in den vergangenen Jahren – auch in Therapie – angefangen, vieles zu reflektieren und zu verstehen. Ich bin der Älteste und habe arg meine Grenzen ausgetestet. Jetzt verstehe ich, dass das für meinen Vater nicht einfach war.

Pizzera: Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie ich mit 30 Vaterschaft gehandelt hätte. Aber ich glaube, ein wichtiger Teil ist, als Mann zur Überforderung zu stehen, die Kinder auch auslösen können. Aus dieser Überforderung können sich beschädigende Verhaltensweisen ergeben. Gerade Männer denken dann, sie müssen mit allem fertig werden und brauchen keine Therapie. Aber drei Haberer und fünf Bier sind keine Therapie. Wenn du schon nicht für dich selbst Therapie machst, dann werde doch für die Menschen, die du liebst, eine bessere Version deiner selbst.

Die Leichtdichtheit des Seins

Die Leichtdichtheit des Seins

99999 (Broken Silence)

Paul Pizzera und Daniel Fellner schöpfen als Bandkollektiv Aut of Orda auf „Die Leichtdichtheit des Seins“ grenzenlos aus der Vielfalt menschlicher Emotionen und sich folge­richtig anbietender Musikstile von Nu Metal bis Singer-­Songwritertum. Gesellschaftskritik, Humor und Empathie in präzisen Reimen, die ins Schwarze treffen. (töchtersöhne)

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Sprechen Sie miteinander über Angst, über Zweifel, über Scheitern?

Fellner: Ja, sogar oft. Das macht erst die Tiefe einer Freundschaft aus. Und es ist eine Grundvoraussetzung, wenn man an Texten wie „Papa“ arbeitet.

Wie gut sind Sie darin, einander zu sagen: „Es geht mir nicht gut“, oder: „Du bist mir wichtig“?

Pizzera: Da würde ich mich als sehr gut bezeichnen. Ich trage mein Herz auf der Zunge.

Fellner: Ich lerne. Pizzera: Es ist jetzt ganz anders als damals, als wir uns kennengelernt haben. Du hast aufgemacht, das ist schön. Fellner: Das ist Teil des Prozesses, von dem ich vorhin gesprochen habe. Wir leben in einer sehr druckbehafteten Branche. Irgendwann geht es nicht mehr, ohne nach innen zu schauen und dort an ein paar Schrauben zu drehen.

© Lukas Beck

Steckbrief

Paul Pizzera

Paul Pizzera, geboren 1988 in Deutschlandsberg, ist Musiker, Kabarettist, Autor und Schauspieler. Bekannt wurde der Steirer als Teil des mehrfach ausgezeichneten Duos Pizzera & Jaus. Seit 2023 bildet er gemeinsam mit Daniel Fellner – bis 2024 war auch Christoph Seiler dabei – das Projekt Aut of Orda. Zudem ist er als Podcaster, Kolumnist und Buchautor tätig.

Kann großer Erfolg, wie Sie ihn genießen, gefährlich werden, wenn er aufLeistungsdenken aufsetzt?

Pizzera: Erfolg kann nie ungefährlich sein. Erfolg ist die Mischung aus Zufall und Leistung. Die Leistung kannst du beeinflussen. Gefährlich wird es, wenn du für den Zufall keine Dankbarkeit mehr verspürst. Wenn du glaubst, nur du bist für deinen Erfolg verantwortlich. Wenn die Demut flöten geht, dann wird es gefährlich.

Fellner: Gefährlich ist es auch, wenn man vergisst, innezuhalten und Erfolge anzuerkennen und zu genießen. Wenn es nur noch darum geht, den Erfolg zu halten und einen noch größeren obendrauf zu setzen. Dann wird es schwierig. Ich suche bewusst andere Wege zur Zufriedenheit. Ich liebe gutes Essen und Kochen und möchte mich bald mit dem Fermentieren beschäftigen.

Männlichkeit ist mir nicht wichtig. Männlich und weiblich ist mir als Beschreibung einer Person zu kurz gegriffen

Daniel Fellner über Rollenbilder

Sie verkörpern ein progressives Männerbild. Reden wir zu wenig darüber, was das Patriarchat Männern antut?

Pizzera: Das Problem ist, dass Männer nicht checken, dass ihnen Feminismus etwas bringt. Sie haben oft das Gefühl, es wird ihnen etwas weggenommen und Feminismus stört ihre Identität.

Fellner: Gleichzeitig wird der Begriff mit einer Bedeutung aufgeladen, die ins Negative driftet. Wie das Pendel zuletzt immer stärker in Richtung Manosphere ausschlägt, ist extrem bedenklich. Dort werden jungen Männern einfache Angebote gemacht und als Feindbild Frauen präsentiert. Wenn etwas nicht funktioniert, sind Frauen schuld. Das folgt demselben Prinzip der einfachen Antworten und Schuldigen wie Rechtsaußenpolitik.

Daniel Fellner, bei unserem letzten Gespräch habe Sie gesagt, der BegriffMännlichkeit sei Ihnen unsympathisch. Sie würden sich auch nicht als männlich bezeichnen, richtig?

Fellner: Ich meine männlich, wie es konnotiert ist, ja. Ich habe aber auch nicht das Bedürfnis, den Begrifffür mich zurückzuerobern. Er ist mir nicht wichtig. Männlich und weiblich ist mir in der Beschreibung einer Person generell zu kurz gegriffen.

„Wir brauchen den Aufschrei von Männern“, hat die stellvertretende Klubobfrau der Grünen, Alma Zadić, im März im Nationalrat gefordert – nach fünf Femiziden und sexualisierter digitaler Gewalt gegen Collien Fernandes. Auch Sängerin Ina Regen hat die Stille männlicher Kollegen kritisiert. Müssten Sie als progressive junge Männer lauter sein?

Fellner: Ich bin kein Freund davon, jedes Mal, wenn etwas passiert, eine Pressemeldung mit meiner Meinung rauszugeben. Der Zehntausendste zu sein, der ungefragt seine Meinung in die Leere des Internets schreit, finde ich schwierig. Ich wünsche mir, dass allgemein klar ist, wofür ich einstehe.

Pizzera: Ich habe im „Hawi D’Ehre“-Podcast damals in mehreren Folgen darüber gesprochen. Aber Ina hat schon recht: Hier hätte mehr passieren müssen. Ungefragte Wortmeldungen sind freilich immer von der Angst begleitet, als Wichtigtuer wahrgenommen zu werden. Die Grundhaltung sollte trotzdem sein: Schade, dass man es sagen muss, aber gut, dass wir es gesagt haben.

Später wurde nach Gewaltvorwürfen gegen Ihren Ex-Bandkollegen Christopher Seiler ermittelt. Wie blicken Sie darauf?

Fellner: Er war damals nicht mehr Mitglied von Aut of Orda. Aber ich habe noch bei Seiler & Speer in der Band gespielt. Diese Zusammenarbeit habe ich daraufhin beendet. Es liegt mir mehr, zu handeln, ich muss das nicht öffentlich breittreten.

Pizzera: Es gibt keinen Kontakt, seit er die Band verlassen hat.

Woran merkt die Frau an Ihrer Seite, dass Sie progressive Männer sind?

Fellner: Ich habe selten klassische männliche Verlustängste. Ich würde mich nicht bedroht fühlen, wenn sie mehr verdient. Ich sehe mich mit meiner Partnerin nicht in einer Männer- und Frauenrolle, sondern als Team, das anstehende Aufgaben bestmöglich gemeinsam löst, unabhängig von Geschlechterrollen.

Pizzera: Echte Gleichberechtigung muss Männern auch weh tun im Sinn von: Sie müssen eine Veränderung spüren. Ich finde es lächerlich und peinlich, zu sagen, dass ich wirklich für die Wäsche zuständig bin. Das ist in meinen Augen nicht progressiv, sondern normal.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.

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