Marie ist mit Henrik auf Urlaub auf den Seychellen. Sie feiern an der Hotelbar bei Livemusik. Im Bungalow beklagt er sich, dass sie ihn zu wenig beachten würde. Als Marie nicht darauf reagiert, wirft er ihr vor, für nichts zu gebrauchen zu sein
Henriks Stimmung kippt nicht zum ersten Mal. Bei Menschen wie ihm geht Nähe mit Kontrolle einher. Marie hat zuvor allein im Barbereich zur Musik getanzt, und Henrik fühlte sich daraufhin selbst unbrauchbar neben ihr. Um ihre gute Laune und damit verbundene Überlegenheit zu sabotieren, werten Menschen wie Henrik ihre Partnerinnen ab.
Marie ist nicht in der Lage, Henriks unmotivierte Angriffe abzufedern. Menschen wie Henrik handeln nicht mit dem Vorsatz, andere zu verletzen. Eine Partnerschaft fühlt sich für sie wie Glatteisgefahr an: Nur um gefühlt nicht dominiert zu werden, attackieren sie. Wie lange hat Marie nun schon auf Besserung gewartet?
Warum lassen sich Co-Abhängige narzisstischer Persönlichkeiten die wiederkehrenden Attacken auf ihr Selbstwertgefühl gefallen?
Beziehungsmuster
Marie wurde von Kindheit an darauf trainiert, stark zu sein. Sie ist bis heute zurückhaltend und harmoniebedürftig, in ihren Liebesbeziehungen konfliktscheu und überangepasst, um ja keinen Konflikt zu provozieren. Sie sagt nicht, was sie bewegt, da es erfahrungsgemäß nichts ändern und ihren Partner nur noch in seinem narzisstischen Verhalten anfeuern würde. Auch bei ihm sind frühe Beziehungsmuster der Kindheit verantwortlich für sein heutiges Verhalten.
Selbstwert-Booster
Indem Menschen wie Henrik ihre Partnerinnen abwerten, erhöhen sie sich scheinbar selbst. Sie „boostern“ damit ihr, wegen jeder Kleinigkeit angeknacktes, Selbstwertgefühl. Sie sind aber ebenso abhängig von der Anpassungswilligkeit ihres sozialen Umfelds, wie Maries Seelenfrieden scheinbar von ihrer Fähigkeit zur Unterwerfung abhängt.
Toxische Beziehung
In solch toxischen Beziehungen bedingt eins das andere: Menschen wie Marie regulieren kurzzeitig das übererregte Nervensystem von Menschen wie Henrik. Er droht ihr im Urlaub mit vorzeitiger Abreise, wenn sie ihn nicht in seinen Machtgebärden bestätigt. Dabei greift er zu unlauteren Mitteln, um sein brüchiges Selbstbewusstsein vor mutmaßlicher Gefahr zu schützen.
Und Marie? Im Urlaub trifft sie sein Verhalten härter als jede Kokosnuss. Ihr gewohntes Denken kehrt wieder: „Alles könnte so schön sein.“ Wenn „sie nur nicht so schwierig wäre“, wie Henrik ihr immer wieder vorhält.
Doch in ihrem tiefsten Innersten wissen Betroffene, dass sie Opfer einer toxischen Beziehung sind. Marie ist eine von jenen, die sich im Spannungsfeld von Nähe und Selbstaufgabe verfangen haben. Dahinter stecken Verlustängste, an die sie sich zwar nicht bewusst erinnert, die aber umso nachhaltiger wirken.
Um sich das Überleben zu sichern, passen sich Kinder ihren emotional unzugänglichen Eltern an. Kinder idealisieren Eltern, die ihnen nicht guttun, nur um nicht verlassen zu werden.
Irgendwann ist aber Schluss mit dem Überlebensmodus: Marie ist erwachsen, sie ist selbstbestimmt und in Sicherheit. Es ist nicht Liebe, emotionale Wechselbäder mitzumachen und dabei das zu riskieren, was wirklich schützenswert ist: die Menschenwürde.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
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