Nach chaotischer Findungsprozedur wurde der Belgier Peter de Caluwe überraschend zum Intendanten der Salzburger Festspiele ernannt. Er setzt die große Linie von Gerard Mortier und Markus Hinterhäuser fort, pflegt aber die Handschrift eines inspirierten Theatermannes.
Das sei ja wieder nur die Fortsetzung Markus Hinterhäusers, der schon die Fortsetzung Gerard Mortiers gewesen sei: So meckerte es aus der Zeitgeistblase, sowie sich (via NEWS, so viel Eitelkeit ist ununterdrückbar) Peter de Caluwes bevorstehende Ernennung zum Intendanten der Salzburger Festspiele herumgesprochen hatte.
Ein größeres Kompliment konnte man dem 63-jährigen Belgier mit drei Jahrzehnten Intendanzerfahrung in Amsterdam und Brüssel nicht machen. Sein Landsmann Gerard Mortier holte die Festspiele 1991 aus der existenziellen Krise nach dem Tod des Alleinherrschers Karajan. Ihm folgte der dezent idealformatige Peter Ruzicka, ehe die Politik ihre gesamte Chaotisierungs- und Zerstörungskraft mobilisierte: Ruzicka wurde 2006 von SPÖ-Landeshauptfrau Burgstaller dilettantisch abmontiert. Es folgten zehn von Streit, Chaos, zorniger Demission und Interimsherrschaft aufgewühlte Jahre. 2016, Burgstaller war längst in einem Wohnbauskandal versunken, übernahm Mortiers Konzertchef Markus Hinterhäuser, der schon 2011 kurz eingesprungen war.
Die folgenden zehn Jahre verliefen mehrheitlich glänzend. Bis sich Burgstallers türkiser Avatar Edtstadler vom Künstler Hinterhäuser verspottet fühlte (mehr in den „Spitzentönen“).
Die große Linie
Und jetzt soll also, als unverhoffter Glücksfall nach chaotischer Findung, de Caluwe das Erreichte nicht nur stabilisieren, sondern mit eigener Pranke weiterschreiben. Mortier hat ihn erfunden und als seinen späteren Nachfolger in Brüssel etabliert. Jetzt schließen sich gleich drei Kreise.
Nichts Besseres kann man sich wünschen, denn in der Tat ist allen dreien eines gemeinsam: Es geht ihnen um die Kunst, nichts sonst, aber auf der jeweiligen Höhe der Epoche, damit autonom und unverwechselbar. Bei Mortier arbeiteten nicht nur die aufregendsten neuen Regisseure, sondern auch die größten Dirigenten und Sänger ihrer Zeit. Kuchlpolitische Dramaturgenpädagogik und penetrantes Diversitätsflügelschlagen interessierten ihn nie: Er war politisch kraft künstlerischer Exzellenz.
Genauso hielt es Hinterhäuser, der die Sopranistin Asmik Grigorian und den Dirigenten Maxime Pascal zur Weltelite entwickelte. Großteils parallel zu ihm glänzte de Caluwe, der erst 2025 aus der Intendanz der Brüsseler Oper schied. „Das ist keine schlechte Wahl“, räumt Vorgänger Hinterhäuser ein. „Der Stall, aus dem er kommt, ist ja nicht der schlechteste – auch ich wurde unter Mortier sozialisiert. Wenn er das Salzburg-Spezifische mit dem Stellenwert der Oper im Rahmen der gesellschaftlichen Debatte vereinen kann, sollte das sehr gut werden.“
Eurydike im Wachkoma
Da beide mit visionärer Innensicht die besten Regisseure beschäftigten, kam es auch zu glückhaften Überschneidungen. Nicht genug, dass Hinterhäusers identitätsstiftender Regisseur Romeo Castellucci 2011 an de Caluwes Brüsseler Opernhaus mit einem umkämpften „Parsifal“ ins Operngenre einstieg: Drei Jahre später, während Hinterhäusers kurzer Intendanz der Wiener Festwochen, entstand als Koproduktion Castelluccis aufführungshistorischer Gluck-„Orpheus“.
Die aus ihrem Schmerzenszimmer übertragene Wachkomapatientin, Eurydike im Totenreich des Hades spiegelnd, verstörte und bewegte zutiefst. Die Regisseurin Andrea Breth, nach längerer Abwesenheit prognostizierbarerweise wieder Richtung Salzburg unterwegs, hat bei de Caluwe in Brüssel seit 2010 das große Repertoire bearbeitet: Leoš Janáčeks „Káťa Kabanová“, Giuseppe Verdis „Traviata“, Wolfgang Rihms „Lenz“, zuletzt Benjamin Brittens „Turn of the Screw“, 2021 coronabedingt digital, 2024 endlich vor Publikum.
Künstlerisch fehlte de Caluwes Intendanzen wenig. Aber die Atmosphäre, unter dem Schwafeltitel „Karma“ heute schon wichtiger als das Resultat?
„Familiär und einladend“
Da kann Andrea Breth helfen. „Es war jedes Mal ein außerordentlich gutes Zusammenarbeiten. Die Atmosphäre am Haus war familiär, einladend, um die Produktion besorgt, immer mit wunderbar zusammengestelltem Team und einem großen Wissen um Sänger. Die Absprache, was die Charaktere betrifft“, fährt die Schöpferin detailscharfer Seelenlandschaften fort, „war eine Wonne. Ich hatte nie den Eindruck, einem Fehlgriff ausgeliefert zu sein, was ja oftmals vorkommt, wie auch eine unpersönliche, kalte Atmosphäre.“
Auch im pragmatischen Detail blieb man präzise. „Nach anstrengenden Schlussproben, wo noch spät in der Nacht Kritik gemacht werden muss, hat er für die Künstler und die Technik – auch das ist eine Ausnahme, dass die Technik gleiche Behandlung erfahren hat – ein Buffet zur Verfügung gestellt.“
So bestellt man als Hausvater mit sanfter Autorität seine Geschäfte, ohne sich zu verkleinern oder anzubiedern.
Andrea Breth war nach verschwindend wenigen Ausnahmen – Ruth Berghaus, Angelika Hurwitz – die erste deutschsprachige Regisseurin von Weltrang.
Die Dynastie.
1991: Der Belgier Gerard Mortier wechselt von der Brüsseler Oper als Intendant nach Salzburg.
2007: Mortiers Schüler Peter de Caluwe übernimmt die Brüsseler Oper.
2016: Mortiers Konzertchef Markus Hinterhäuser wird Intendant in Salzburg.
2027: Peter de Caluwe folgt Hinterhäuser an die Festspielspitze
Aber für außerkünstlerische Quotenerfüllung ist sie nicht zu begeistern. Beinahe wäre in Salzburg an de Caluwes Stelle der bedeutende Regisseur Barrie Kosky als Quasi-Zuarbeiter der weit weniger bedeutenden Amsterdamer Opernchefin de Lint ins Amt gelangt. Die Schreckensvision hat sich der Umsetzung barmherzig entzogen. Aber für die Erörterung von Grundsätzlichkeiten taugt sie gut. Zum Beispiel hat die Direktorin einen fertig disponierten „Otello“ aus der Planung gekippt: Der mauretanische Feldherr müsse einem schwarzen Team vorbehalten sein.
Breth: „Ich halte das für einen politischen Irrsinn, der nichts mit Kunst zu tun hat. Die Partie des Otello ist unglaublich schwer, wir haben eine Produktion mit Barenboim an der Scala aufgegeben, weil wir damals keinen Protagonisten von Weltklasse fanden. Ich finde diese Entwicklung, dass nur ein Schwarzer einen Schwarzen darstellen kann, eine chinesische Figur nur ein Chinese … nahezu geistesgestört. Das hat mit Kunst nichts zu tun.“
Hinterhäusers Perspektive
De Caluwe schließt derweil im Interview Angebote an Kosky und den Pianisten Hinterhäuser alles andere als aus. Der antwortet mit verhaltener Sympathie: „Drüber denke ich überhaupt nicht nach, aber es gibt den Pianisten und Künstler und den früheren Intendanten. Die sind vollkommen zu trennen. Ich brauche jetzt Zeit, um von den letzten Wochen und Monaten Abstand zu gewinnen. Die waren schwer für mich. Aber ich werde schon weiterspielen und versuchen, mit Menschen, die mir etwas bedeuten, Dinge zu tun, die ich interessant finde.“
Das wiederum finden wir interessant.
Steckbrief
Peter de Caluwe
Peter de Caluwe wurde am 26. April 1963 in Dendermonde, Flandern, Belgien, als Sohn eines Lehrers geboren. Er studierte Literatur- und Theaterwissenschaft an den Universitäten von Gent, Brüssel und Antwerpen. 1986 engagierte ihn Gerard Mortier als Dramaturg an das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel. 1989 kam er zu Pierre Audi ins Leitungsteam an der Nederlandse Opera in Amsterdam. Von 2007 bis 2025 war er Generaldirektor des Théâtre Royal de la Monnaie, das in seiner Intendanz zweimal als Opernhaus des Jahres ausgezeichnet wurde. Im Herbst 2027 übernimmt er die Intendanz der Salzburger Festspiele.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
