Einmal noch zur Neubesetzung der Salzburger Festspiele. Mit mehr Glück als Verstand hat man eine fähige Person für die Intendanz gefunden. Aber der zweifelhafte Findungsvorgang, der inferiore Umgang und die enormen Kosten werden der Landeshauptfrau nicht gut bekommen.
Glück und Verstandesrudimente waren in der Causa arg ungleich verteilt. Die Salzburger Festspiele sind am Ende einer bizarren, überlangen Findungsprozedur sogar mehr als bloß gut davongekommen: Der Belgier Peter de Caluwe, 63, ist eine tadellose Besetzung. Abgesehen davon allerdings, dass man sich die mutwillige Beschädigung des blühenden Unternehmens hätte ersparen können, wenn man Markus Hinterhäuser bis Vertragsende 2031 in Ruhe gelassen hätte.
Abgesehen ferner davon, dass man die weltweite Gefragtheit des lang favorisierten Regisseurs Barrie Kosky nach Provinzlogik leider als Hindernis statt als Chance begriff und ihn in einer Doppelspitze degradieren wollte. Den Umgang mit dem geschätzten Kollegen und erfolgreichen Intendanten kommentiert die große Regisseurin Andrea Breth so: „Es fehlt der Provinzpolitik jeder Respekt vor der Kunst. Allein die Idee, Kosky eine ,Managerin‘ vor die Nase zu setzen, war eine Beleidigung.“
Ich halte die Verlängerung von Präsidentin Hammer für eine ganz schlechte Entscheidung
Die Anführungszeichen gelten der künstlerisch unauffälligen bis fatalen Amsterdamer Opernchefin Sophie de Lint, die als Captain eines widersinnigen Tandems zweier Operndirektoren Kosky auf den Rücksitz praktizieren sollte. Sich als „Co-Artistic-Director“ vorführen zu lassen, wollte Kosky nicht gefallen, und die zusehends angstaggressive Landeshauptfrau Edtstadler (ÖVP) ordnete unverzügliche weiße Rauchentwicklung an. Caluwe hatte sich beworben und stand bereit. „Sie haben mit der zweiten Wahl angefangen und sind dann Gott sei Dank zur ersten gekommen“, begrüßt Andrea Breth das gute Ende.
Die Kunst als Unterläufel?
Dass Koskys Instinkte nicht grundlos angeschlagen haben, erwies sich schon bei de Caluwes Präsentation: Da ließ die Landesmutter ernsthaft wissen, der renommierte Intendant sei „Erster Maat“ hinter der an Bord verbliebenen Kapitänin! Gemeint war Präsidentin Kristina Hammer, deren Vertragsverlängerung nicht nur euphorisch aufgenommen wurde. Hinterhäuser: „Ich halte ihre Verlängerung für eine ganz schlechte Entscheidung. Das kann ich nach fünf Jahren Zusammenarbeit sagen.“
Das Amt wurde zwar durch Helga Rabl-Stadler aus dem Status des Grüßaugusts erlöst, ist aber an Relevanz mit dem des Intendanten nicht vergleichbar. Es gab auch namhafte Bewerber, doch hatte sich Hammer als Beteiligte an Hinterhäusers Demontage nicht nur die Landeshauptfrau, sondern auch die Findungskommission verpflichtet: Edtstadler wollte Hinterhäuser loswerden, weil er sich über sie lustig gemacht haben soll. Und in der Kommission amtierten mehr oder weniger offene Gegner Hinterhäusers.
Der warnt den Nachfolger also mit Anlass: „Vor allem würde ich ihm wünschen, die Festspiele in einer gewissen Freiheit zu übernehmen. Dazu werden die Parameter allerdings zu eng, im Kulturbetrieb allgemein und speziell in Salzburg, was den Umgang der Politik mit den Festspielen betrifft.“
Krause Findungsprozedur
Dass die Findung in keinem Debakel endete, ist eher dem Glück als den Abläufen zu danken: Laut Procedere traf unter den Bewerbern eine von Edtstadler geschätzte Wiener Betriebsberaterin die Vorauswahl (!), aus der sich das sachkundige Gremium dann bedienen durfte. Das ist, als stellte einem der Steuerberater drei schwere Krankheiten zur Auswahl, mit denen sich anschließend die Medizin befassen darf.
Dass die Festspiele jetzt aus dem Gröbsten wären, trifft indes nicht zu: Die schon begonnene Sanierung der Festspielhäuser wird die veranschlagten Kosten inflationsbedingt bei Weitem übersteigen. Deshalb hat die Landeshauptfrau den Betrag bei 400 Millionen „gedeckelt“, eine Maßnahme von spezieller Logik: Als erwürbe jemand eine Villa in Grinzing und legte, wenn es ans Zahlen gehe, mangels Liquidität 50.000 Euro Kaufpreis fest.
Der Einzige, der das sich anbahnende Inferno soweit überblicken kann, ist der allseits geschätzte kaufmännische Direktor Lukas Crepaz. Der allerdings soll die Vertragsverlängerung im März nicht mehr anstreben, sei es aus Skepsis gegen die Präsidentin oder im Gefolge unfreundlicher Edtstadler’scher Signale. „Ich kann nur sagen, dass es eine Katastrophe wäre, wenn er die Festspiele verlässt“, bestätigt Hinterhäuser.
Es geht abwärts
So entwickeln sich die Edtstadler’schen Verhältnisse vor der im Frühjahr 2028 drohenden Landtagswahl zusehends labiler. Aktuelle Umfragen des Portals PolitPro verorten die ÖVP und Marlene Svazeks FPÖ bald innerhalb der Schwankungsbreite. Da sollten auch die Kosten für Hinterhäusers willkürliche Demontage wieder zum Thema werden: Der Intendant verdient etwa 250.000 Euro im Jahr. Hätte sich Hinterhäuser etwa kulant mit zwei Jahresgehältern begnügt und rechnete man zwei weitere Jahresgehälter für die Interimsintendantin Karin Bergmann hinzu, touchiert man brutto schon die Million.
Nun hat aber zusätzlich der designierte Intendant Anspruch auf ein Vorbereitungshonorar, üblicherweise ein halbes Jahresgehalt. Rechnet man das Gehalt für Bergmanns Assistentin und die Honorare für die Betriebsberaterin und die Anwälte hinzu; bedenkt man ferner, dass Hinterhäusers Abfertigung laut Gerichtsbeschluss demnächst offengelegt werden muss: so braucht man nach dem prognostizierbaren Wahldebakel wenigstens keinen neuen schwarzen Landeshauptmann zu suchen. Wo doch die charmante Amtsinhaberin schon den konsensfähigen Vizebürgermeister Kreibich verbellt und ihr beliebter Stellvertreter Schnöll sich aus der Politik verabschiedet hat.
Er war übrigens schon als Nachfolger gesetzt, als Landeshauptmann Haslauer seinen Rückzug bekanntgab. Dass es anders kam, ist ein Kollateralschaden auf zwei Beinen.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.
