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Peter de Caluwe: „Ich kenne keine Tabus“

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Peter de Caluwe©Franz Neumayr

Ein Leben ohne Oper wäre für ihn nicht einfach, sagt Peter de Caluwe, designierter Intendant der Salzburger Festspiele. Im Gespräch gibt er erste Einblicke in seine Pläne, den Umgang mit Stars und wie er Neues an der Salzach schaffen will.

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Was war Ihre erste Reaktion auf die Ernennung zum Salzburger Festspiel-Intendanten? Fühlen Sie sich am Ziel?

Wenn ich früher darüber nachgedacht habe, war das Höchste für mich immer Salzburg. Es fühlt sich wie eine Fügung, eine Bestimmung an. So gesehen würde ich sagen: Ja, aber was heißt am Ziel? Es gibt viel zu tun. Man kann nicht Vollkommenheit erreichen, sie aber anstreben. Wir können in einem kontinuierlichen Prozess als Teil einer Kette dazu beitragen, dabei das Ziel im Auge behalten und so Projekte zur Realisierung begleiten.

Sie übernehmen die Festspiele in einer schwierigen Situation. Durch den Umbau stehen zentrale Spielstätten wie das große Festspielhaus nicht zur Verfügung, massive Sparmaßnahmen stehen an. Haben Sie denn keine Bedenken wegen des Budgets?

Wir, damit meine ich das gesamte Team, sind in einer Phase, die sehr viele Möglichkeiten bietet. Ein Budget ist immer fragil. Aber es gibt hier eine gute Basis. Es ist die Frage, wie kreativ man damit umgehen kann. Es gibt ein Budget für die Kunst und eines für den Umbau, diese klare Trennung finde ich sehr gut. Ich will natürlich zusammen mit allen Künstler:innen und Mitarbeiter:innen ein spannendes und relevantes Programm realisieren, das nicht weniger Einnahmen bringt als die der vergangenen Jahre. Die 31 Millionen sind eine Referenz.

In Brüssel arbeiteten Sie mit denselben Regisseuren wie Markus Hinterhäuser. Wie schaffen Sie da für Salzburg Neues?

Romeo Castellucci, Andrea Breth, Dmitri Tcherniakov, Krzysztof Warlikowski waren schon Teil meiner Künstler-Familie, bevor sie nach Salzburg kamen. Romeo hat in La Monnaie mit „Parsifal“ 2011 angefangen, Oper zu inszenieren, Krzysztof hat mit „Medea“ eine seiner ersten Operninszenierungen mit mir realisiert. Und ich werde weitere Regisseure entdecken. Wie ich es in Brüssel getan habe, werde ich auch in und speziell für Salzburg junge Regisseure fördern.

Wir müssen sowohl für Kontinuität sorgen als auch zugleich generationenübergreifend denken und agieren. Heutzutage gibt es vielleicht mehr gute Sänger und Dirigenten als großartige Regisseure. Wir müssen auch nach Leuten suchen, die sehr gut mit Communitys arbeiten können, partizipativ denken oder uns mehr hybride Formate vorstellen, wie Peeping Tom oder Sasha Waltz.

Kollektive halte ich für wichtig, das ist für mich ein zeitgemäßer Denkansatz: Mich mit Künstlern, Komponisten, Librettisten, Regisseuren und Dirigenten zusammenzusetzen, um neue Formate, Arbeiten und Werke zu diskutieren, Ideen für Themen zu entwickeln und gemeinsam etwas – mit einem leeren Blatt Papier beginnend – Neues zu schaffen, ist eine Denk- und Arbeitsweise, die mir entspricht.

Ich ziehe es vor, mich zunächst mit Künstlern auszutauschen, bevor ich mir eine Meinung bilde, das werde ich auch mit Teodor Currentzis so halten

Peter de Caluwe

Sie sagten, Schauspiel, Oper und Konzert sollen ineinander übergreifen. Wie ist das zu verstehen?

Ich nehme meine Verantwortung als Intendant und künstlerischer Leiter sehr ernst, daher werde ich mit Leuten vom Theater und vom Konzert sprechen. Wir werden uns ausgiebig unterhalten und gemeinsam über Formate, Konzepte und Ideen für die Zukunft entscheiden. Ich unterhalte mich gerne mit Künstlern, die nicht in Genres denken, sondern Grenzen überwinden wollen – auch die vierte Wand zwischen Künstlern und Publikum. Mir ist wichtig, eine starke Verbindung zwischen den Sparten zu entwickeln.

Die Interimsintendantin Karin Bergmann bereitet bereits den Sommer 2028 vor. Wird sie das Schauspiel übernehmen?

Natürlich habe ich schon mit Karin gesprochen und wir werden die Gespräche in den nächsten Tagen und Wochen intensivieren. Sie ist im Moment Intendantin und Schauspielchefin. Aber ein Festspielkonzept ist kein starres, sondern ein offenes Konzept. Ich will sehr offen kommunizieren. Das Konzept muss auf einen Inhalt zielen, worin sich die Gedankenstränge aufeinander beziehen.

Werden Sie Markus Hinterhäuser als Pianist für Konzerte einladen?

Ich kenne keine Tabus.

Heißt das, dass Sie auch Teodor Currentzis engagieren? Welche Dirigenten interessieren Sie für Salzburg?

Ich ziehe es vor, mich zunächst mit Künstlern auszutauschen, bevor ich mir eine Meinung bilde, das werde ich auch mit Teodor Currentzis so halten. Ich kann ein Beispiel aus eigener Erfahrung anführen: In Brüssel hatten wir bei Ausbruch des Ukraine-Kriegs erstmals drei russische Opern im Programm, eine Folge der Pandemie, die die Planungen (unsere, wie die der Künstler) durcheinandergebracht hatte.

So kamen plötzlich alle bereits vereinbarten Projekte innerhalb von anderthalb Jahren geballt. Einige sagten, das kannst du nicht machen. Ich habe dann mit jedem von uns engagierten Künstler einzeln ein Gespräch dazu geführt, mit den russischen wie mit den ukrainischen Künstlern. Wenn jemand gesagt hätte, dass er oder sie hinter einem gewissen Regime steht, wäre das ein Grund gewesen, mit ihm oder ihr nicht weiterzugehen, aber es galt für niemanden.

Aber nun zur Frage nach den Dirigenten. Es gibt heute viele großartige Leute jeden Alters und es gilt, auch große Begabungen zu entdecken. In Salzburg gibt es zudem den Herbert von Karajan Young Conductors Award, der viele mittlerweile bekannte Dirigenten hervorgebracht hat. Die Wiener Philharmoniker sind für mich untrennbar mit den Salzburger Festspielen verbunden. Auf diese Kontinuität baue ich und freue mich auf eine hervorragende Zusammenarbeit.

Was ist mit Barrie Kosky?

Ich werde sicher mit ihm sprechen.

Wie wichtig sind Ihnen Stars wie Jonas Kaufmann, Anna Netrebko, Benjamin Bernheim, Piotr Beczała …?

Diese und viele weitere Namen stehen natürlich auf meiner Liste an Künstlern, die ich für meine Programmplanungen kontaktiere. Aber, als Beispiel, ich werde nicht einem Sänger wie Jonas Kaufmann sagen, du singst Parsifal, sondern mit ihm über Projekte innerhalb meines Programms sprechen und erfragen, welche Vorstellungen er hat, die auf meine Ideen und Planungen treffen können.

Die Frage ist auch zu stellen, wie entstehen sogenannte große Namen: weil sie Besonderes leisten, außergewöhnlich diszipliniert sind, außerordentlich denken und umsetzen können, also für höchste Qualität stehen. Sei es in der Kunst, im Sport, in der Wissenschaft oder in der Industrie. Dafür steht auch die Gründungsidee der Festspiele. Sie basieren auf dem Streben nach höchster Qualität.

Für mich ist der ‚Jedermann‘ ein Projekt, das man mit Communitys überdenken kann, sodass nicht nur der Jedermann, sondern Jedermensch auf die Bühne kommt

Peter de Caluwe

Salzburger Festspiele – hier entsteht Außergewöhnliches, habe ich in meiner Antrittsrede sehr bewusst gesagt. Große Künstler werden hierher engagiert, andere starten von Salzburg aus ihre internationale Karriere und darin muss eine Philosophie erkennbar sein, die das Programm in ihren Teilen, die das Ganze ergeben, leitet, ein Kompass, wie ich es nenne. Dann lebt Salzburg.

Wie halten Sie es mit dem „Jedermann“?

Ich finde die Inszenierung von Robert Carsen sehr gut. Aber für mich ist das ein Projekt, das man mit Communitys überdenken kann, sodass nicht nur der Jedermann, sondern Jedermensch auf die Bühne kommt.

Das klingt nach Milo Rau? Werden Sie Ihn für Projekte engagieren?

Ich finde es hervorragend, wie er denkt, aber ob er eine DNA für Salzburg hat, ist eine andere Frage. Ich werde sicher mit ihm sprechen.

Was war Ihr erstes Opernerlebnis?

Das war in Verona, „La forza del destino“ von Verdi. Ich war mit meinen Eltern auf Urlaub. Das war 1975, ich war zwölf. Das hat mich wirklich gepackt. Diese tollen Sänger, Carlo Bergonzi, Ljiljana Molnar-Talajić sang die Leonora, es war umwerfend.

Ich erinnere mich neben der Musik auch noch an den Vollmond, also an die gesamte Atmosphäre, das Gesamterlebnis war beeindruckend. Dank Mortier konnte ich dann für die Oper arbeiten. Ohne diese Welt zu leben, wäre für mich nicht einfach.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 39/2026 erschienen.

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