Das irrationale Wüten der Kulturpolitik hatte am Ende doch noch das Glimpflichste zur Folge: Karin Bergmann, Krisenmoderatorin mit Endlospraxis, übernimmt interimistisch die Salzburger Festspiele. In Wien lebt sie seit 1986 und hat hier das gesamte Theaterportfolio durchmessen. Als sie an Krebs erkrankte und ihren Mann verlor, entwickelte sie Riesenkräfte.


Karin Bergmann übernimmt interimistisch die Salzburger Festspiele. Im Interview spricht sie mit News-Redakteur Heinz Sichrovsky.
Die stets falsch angewandte Metapher vom Auge des Sturms trifft hier einmal zu: Rundum stürzen die Häuser ein, aber im Zentrum des Untergangs residiert unbeschädigt die seit 40 Jahren in Wien naturalisierte deutsche Theaterfrau Karin Bergmann, 72.
Dass sie sich nach der Demontage des Intendanten Markus Hinterhäuser verpflichtet hat, die sinnlos devastierten Salzburger Festspiele zu übernehmen, wollte man zuerst nicht glauben: Sie stand quasi schon als Hinterhäusers Schauspielchefin ab 2027 fest, hatte mit ihm auch das Theaterprogramm des kommenden Sommers gestaltet. Das als Kuratorium verkleidete Politbüro war stets informiert, warf Hinterhäuser aber plötzlich vor, ein gesetzlich gar nicht gefordertes Ausschreibungsverfahren unterlaufen zu haben.
Jelinek gegen Wackeldackel
Jetzt ist er nach neun Maßstäbe setzenden Jahren weg, und in der Kunstwelt herrscht zornige Verwirrung. Elfriede Jelinek auf Nachfrage: „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich schätze, wir alle schätzen die Karin Bergmann sehr, da wird keiner was andres sagen. Sie ist einfach großartig, das hat sie längst bewiesen. Aber“, nennt die Nobelpreisträgerin den Skandal beim Namen, „die Tragödie von Markus wird bleiben. Es ist eine Schande, wie man mit ihm umgesprungen ist. Sie kann nichts dafür, aber es wird Karin Bergmann sicher auch belasten, könnte ich mir vorstellen. Das Niedrigste sind diese Salzburger Lokalpolitiker (und andre genauso schwachen Kräfte, die sich jetzt besorgt geben wie Wackeldackel, aber sie wissen gar nicht, wer und was dieser Mann überhaupt war!), die jemand wie Markus vom Hof gejagt haben wie einen streunenden Hund. Das ist unverzeihlich und wird die Festspiele beschädigen, auch wenn Karin das großartig machen wird.“
Klar unter diesen Umständen, dass sogar die fachferne Chaoskulturpolitik quasi von selbst auf Karin Bergmann kommen musste: Es gibt ja nichts im Portfolio, was sie nicht schon erfolgreich absolviert hat. Als sie 1986 mit dem Großtumultator Claus Peymann ans Burgtheater kam, war sie noch Pressesprecherin und in dieser Funktion schon beim anderen irren Giganten – Peter Zadek in Hamburg – auf Apokalypsen trainiert. Als Direktionsmitglied betreute sie dann den von Rudi Klausnitzer verwalteten Wiener Musical-Konzern, ehe sie in nämlicher Funktion mit Klaus Bachler erst an die Volksoper und dann zurück an die Burg ging.
Sie verblieb dort auch unter Bachlers Nachfolger Matthias Hartmann, ging aber nach einem Jahr. Bis sie ihm 2014 als Interimsdirektorin folgte, weil er im Gefolge eines Finanzskandals, für den er nichts konnte, entlassen worden war.
Bergmann, Hartmann und das „System S.“
Hartmann versichert bis heute, die lang unentdeckten Malversationen der damaligen Finanzdirektorin S. hätten schon unter Bachler und seiner Vizedirektorin begonnen. „Bergmann war das System S. und hat das System auch immer vor meinen Versuchen, da durchzudringen, beschützt. Ausgerechnet sie war dann diejenige, die den Scherbenhaufen richten sollte. Jetzt kommt sie schon wieder nur zum Retten und weil sie gebeten wurde. Das sieht schon nach Methode aus. Für mich ist sie eine Aufrichtigkeitsposerin.“
Hartmann sei nachvollziehbar unversöhnlich, erwidert Karin Bergmann, und vielmehr sei sie es gewesen, die ihn und S. ständig gemahnt habe, dass man über die Verhältnisse Geld ausgebe. Deshalb sei sie auch nach einem Jahr gegangen. Müßig, hier nachträglich zu rechten.
Tatsache ist allerdings, dass sie die Burg nach Hartmann fünf Jahre lang auf beachtlicher Höhe hielt. Die Weltmeister Andrea Breth und Claus Peymann, die dann von Bergmanns Nachfolger Martin Kusej verpöbelt wurden, feierten große Dernièren. Sogar der jetzt amtierende Direktor Stefan Bachmann wurde machtvoll in die Spur gesetzt: Eine mit dem Dramatiker Ferdinand Schmalz erarbeitete „Jedermann“-Paraphrase gelang dem Regisseur derart spektakulär, dass er für die Kusej-Nachfolge zum ernsthaften Namen wurde.
Man darf keine Ansprüche an das Schicksal stellen

Hätte Karin Bergmann damals ihren Vertrag verlängert, wäre wohl die gesamte Ära Kusej ausgefallen. Doch zog sie sich 2019 hochgeachtet und allseits bedankt zurück, als sie im vierten Jahr ihrer Direktionszeit an Krebs erkrankte. Die folgende, letzte Saison war schon durchdisponiert, also hielt die Schwerkranke durch.
„Da ich schon vier sehr erfolgreiche Spielzeiten hinter mir hatte und wusste, ich gehe in ein gut aufgestelltes fünftes Jahr, war ich elf Tage im Spital, einen Tag zu Hause, und dann bin ich in die Burg gegangen. Auch während der daraus folgenden Behandlung, die sich über Monate erstreckt hat. Der Knackpunkt war, dass ich die ganze Zeit mit Strickhaube gearbeitet habe und heute immer noch merkwürdig berührt bin, wenn ich die Fotos von Premieren oder Pressekonferenzen ohne eigenes Haar sehe.“ So kühl kann man eine Lebenskatastrophe beschreiben.
Schicksalsgemeinheiten
Zuversicht gab ihr damals ihr Wiener Ehemann, der um neun Jahre ältere Architekt und Designer Luigi Blau. Wäre er nicht 2023 am Herzinfarkt verstorben, der nächste Schlag ins Eingemachte nach dem Krebs, so hätte sich das Leben anderswohin gewendet. „Man darf keine Ansprüche an das Schicksal stellen“, beantwortet sie die sich aufdrängende Frage. „Ich fühle mich trotz allem beschenkt mit dem, was ich hier erleben durfte. Aber natürlich hätte ich mir gewünscht, mit meinem Mann noch mehr schöne Zeit zu erleben. Und wenn es Herrn Blau noch gäbe, hätte ich sicherlich kein neues Engagement angetreten.“
Man wäre dann mehr gereist, statt die Intendanz der Festspiele von Gmunden zu übernehmen, wo sie, quasi aus der Portokassa in Gestalt des Telefonbüchleins, allsommerlich die Elite der Theaterwelt zu Gast hat.
In der anderen Zeit
Das Gespräch hat sie in Blaus Atelier an der Alserstraße verlegt, ein durchgestaltetes Kunstwerk, das sie heute einer befreundeten Familie zur Verfügung stellt. Die Zeit scheint hier stehengeblieben, seit sich Claus Peymanns Pressesprecherin 1986 der Stadt präsentierte. Die eisige norddeutsche Schönheit von damals trägt Spuren des Erlittenen, ist aber sonst kaum verändert.


Was war das damals für eine Umstellung! Das Ensemble wandte sich offen gegen den zur Diplomatie unbegabten Peymann, der kurz danach beinahe aus dem Amt gejagt worden wäre, als Thomas Bernhards „Heldenplatz“ zum Hochverratsfall krawallisiert wurde. „Das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, diese Art fantasievoller Bösartigkeit, die die Österreicher entwickeln können. Das war ein großer Schock. Und wenn ich nicht nach einem Jahr den echten Wiener Luigi Blau kennengelernt hätte, der mir vieles davon übersetzt hat, weiß ich nicht, ob ich das alles geschafft hätte.“ Jetzt möchte sie, den kurzfristigen Wechsel nach Salzburg ausgenommen, nirgendwo anders sein.
Letztlich habe es das Leben nur gut mit ihr gemeint. Daheim im Ruhrpott, im prosaischen Recklinghausen, gab es keine Bücher. Der Vater war Bergmann, die Tochter saß Stunden in der nahen Arztpraxis und las „Quick“ und „Stern“. Bis sie mit 13 im Bücherbus versank, einer Errungenschaft der Sozialdemokraten, deren Nähe zu den Menschen sie in den heutigen realitätsentrückten Digitalzeiten sehr vermisst.
Geblieben ist das, was ihr Kurzzeitchef Rudi Klausnitzer schätzt: „Sie hat eine integre und sachorientierte Führungskultur, die in der täglichen Arbeit wichtig ist. Der künstlerische Bereich tendiert ja zu sofortiger Emotionalisierung und Lagerbildungen. Da war sie immer die Stimme der Ruhe und der Überlegung.“ Und die so Gefeierte per Selbstporträt: „Ich habe mir in der Kommunikation eine Art Preußentum und Ruhrpottklarheit erhalten. Das hat mir extrem geholfen. Einerseits bin ich verknallt in euch, andererseits war es wichtig, alles beruflich Nötige mit deutscher Klarheit, Straightheit und Direktheit zu beobachten.“
Bekenntnis zu Currentzis
Und jetzt? Sie hat sofort nach ihrer Bestellung mit Elfriede Jelinek und Peter Handke telefoniert, es waren gute Gespräche. Bisher hat noch niemand aus Solidarität mit Hinterhäuser abgesagt, aber Erkrankungen brechen ja gern kurz vor Probenbeginn aus. Die Programme bis 2027 sind weitgehend fertig. Ihr obliegt im zweiten Jahr vor allem das Schauspiel, man wird da wohl Sven-Eric Bechtolf und eine Inszenierung von Karin Beier sehen.
An Hinterhäusers Programmen wird sie nichts ändern, auch nicht die Auftritte des als Putin-Knecht desavouierten Dirigenten Teodor Currentzis. „So wie wir früher in Regimen gastiert haben, die autokratisch regiert wurden, suche ich auch heute die gedankliche Überwindung von Grenzen. Wenn sich Menschen nicht komplett distanzieren, so wie Netrebko und Currentzis, denke ich immer an die Beweggründe. Haben sie vielleicht Familie in ihren Heimaten? Ich frage mich auch immer, wer von uns in einer vergleichbaren Lebenssituation so mutig wäre, sich zu distanzieren.“
Wenn nach der 2027 endenden Interimsfrist noch ein paar Jahre nötig sein sollten, um in anderen Verträgen stehenden Nachfolgern den Übergang zu erleichtern? Da könne man über alles reden. Die Lehre aus den Jahrzehnten im Theater? „Ich komme aus der Generation, die meinte, regieführende Intendanten seien das Beste, was einem Haus passieren kann. Natürlich kann das eine große Integrationskraft haben. Wir haben aber auch verfolgt, dass die Führung eines Hauses so viel Kraft absorbiert, dass die künstlerische Qualität leidet. Ich glaube mittlerweile, dass es bei extrem großen Apparaten hilfreich sein kann, wenn die Intendanz nicht selber Regie führt.“
Insgesamt sei die Zeit der genialen Wüteriche abgelaufen, ihr seinerzeit wegweisender Direktor Klaus Bachler sei ihr mit seiner heiteren Autorität stets ein Vorbild gewesen. „Ein schlechter Führungsstil ist keine Kleinigkeit, vor allem nicht, wenn er über Jahre geht und Menschen psychisch beschädigt.“ Deshalb wird sie – „auch zu meinem eigenen Schutz“ – in Salzburg eine Compliance-Stelle einrichten. Aber irgendwelche Geschichten aus der Vergangenheit hervorzuholen, wie jetzt gegen den ORF-General Weißmann oder im „Spiegel“ anonym gegen Hinterhäuser: „Das finde ich falsch.“
Und der Schatten des Vorgängers
Zumal jetzt über allem Kommenden der riesige Schatten des Vorgängers liegt, mit dem noch kein Friede hergestellt ist. „Natürlich ist er traurig und enttäuscht. Ich hätte lieber mit ihm als ohne ihn gearbeitet, und lieber in einer anderen Position als jetzt. Aber ich werde seine Position so gut ausfüllen, wie es mir möglich ist.“ Das Gespräch endet mit einer Bewunderungsbekundung, die der Politik in den Ohren gellen sollte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich mir nichts anderes wünsche, als dass er im Sommer seine beiden Konzerte macht, und dass ich ihn um Großzügigkeit bitte. Ich mache es wegen ihm und nicht gegen ihn.“
Schon als der junge Hinterhäuser 1993 das Salzburger Avantgardefestival Zeitfluss gründete, sei sie begeistert gewesen. „Ich finde großartig, was er geleistet und wie er Musiktheater neu gedacht hat. Ich habe mich in allen Gesprächen zu ihm hingezogen gefühlt, weil ich gemerkt habe, da gibt es gleiche Schwingungen. Dass das jetzt von seiner Seite nicht mehr existiert, macht mich traurig, und ich werde jede Begegnung nutzen, um ihn wiederzugewinnen.“ Noch besser wäre, die Politik zeigte Versagenseinsicht und holte ihn zurück.

Steckbrief
Karin Bergmann
Karin Bergmann, geboren 1953 in Recklinghausen, Deutschland, in eine Bergarbeiterfamilie, begann als Claus Peymanns Assistentin in Bochum, kam mit ihm 1986 als Pressesprecherin an die Burg und geleitete ihn durch Tumulte. 1993 wurde sie Direktionsmitglied der Vereinigten Bühnen Wien, ging dann mit Klaus Bachler an die Volksoper und an die Burg, die sie nach Matthias Hartmanns Zwangsausstieg 2014 übernahm. Sie war mit dem Designer Luigi Blau verheiratet und lebt kinderlos in Wien.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 16/2026 erschienen.







