Auf Instagram wurde Presley Gerber mit seinen „Mental Health Mondays“ zur Identifikationsfigur für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Nach seinem Tod greift Monika Wogrolly mit der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin Astrid Maierhofer-Deutschmann das Thema Panikattacken auf und fragt, warum sie ein ernst zu nehmendes Alarmsignal sind.
Presley Gerber stieg mit 15 ins Model-Business ein, hatte das „perfekte Aussehen“, war erfolgreich, dann auch suchtkrank. Er litt unter Panikattacken, klärte darüber auf. Was sind Panikattacken?
Panikattacken sind ein häufiges Phänomen und können sowohl im Rahmen einer Panikstörung als auch im Zusammenhang mit anderen psychischen Belastungen auftreten. Das Auftreten einer einzelnen Panikattacke bedeutet daher nicht automatisch, dass eine Panikstörung vorliegt. Charakteristisch sind wiederkehrende, schwere Angstattacken, die nicht auf eine bestimmte Situation beschränkt sind und deshalb häufig unvorhersehbar auftreten.
Was genau geschieht bei einer Panikattacke?
Eine Panikattacke lässt sich vereinfacht als eine intensive Aktivierung des körpereigenen Alarm- und Stresssystems verstehen. Evolutionsbiologisch dienen solche Reaktionen dazu, den Organismus innerhalb kürzester Zeit auf eine mögliche Gefahr vorzubereiten. Häufig wird dabei vom Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsmechanismus gesprochen. Die Muskulatur und das vegetative Nervensystem werden aktiviert, Herzfrequenz und Atmung verändern sich, der Körper stellt kurzfristig Energie zur Verfügung. Bei einer Panikattacke wird dieses Alarmsystem sehr stark in Gang gesetzt, obwohl für den Betroffenen nicht immer ein konkreter Auslöser erkennbar ist.
Gibt es auch erkennbare Gründe und Auslöser?
Nicht jede Panikattacke lässt sich auf einen unmittelbar erkennbaren Grund zurückführen. Sie kann scheinbar „aus dem Nichts“ auftreten, sowohl tagsüber als auch nachts. Auch aus einem zunächst ruhigen Zustand heraus können Paniksymptome entstehen. Gerade diese Unvorhersehbarkeit wird von Betroffenen oft als besonders belastend erlebt.
Was sind typische Beschwerden?
Typische Symptome können unter anderem sein: Herzrasen, Herzklopfen oder stark wahrnehmbarer Herzschlag, Atemnot oder das Gefühl, nicht ausreichend Luft zu bekommen, Engegefühl im Brustbereich, Schwindel, Benommenheit, Zittern, Schwitzen, Hitze- oder Kälteempfindungen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle, ein Gefühl der Unwirklichkeit oder Fremdheit, Angst vor Kontrollverlust, das Gefühl, „verrückt zu werden“ und starke Todesangst.
Diese Beschwerden entstehen wesentlich durch die starke Aktivierung des autonomen Nervensystems. Bei rascher oder vertiefter Atmung kann zusätzlich eine Hyperventilation auftreten. Dadurch können Beschwerden wie Schwindel, Kribbeln, Benommenheit oder ein verstärktes Gefühl der Atemnot zunehmen.
Ist eine Panikattacke so etwas wie ein „Fehlalarm“ des Körpers?
Zum besseren Verständnis kann das Bild eines zu empfindlich eingestellten Alarmsystems hilfreich sein: Der Körper reagiert so, als müsste er sich unmittelbar auf Flucht oder Kampf vorbereiten, obwohl für den Betroffenen nicht unbedingt eine konkrete Gefahr erkennbar ist. Bei einer Panikattacke kann man sich das so vorstellen, dass der Körper eine ausgeprägte Flucht- oder Alarmreaktion vorbereitet, ohne dass diese Reaktion tatsächlich in Bewegung umgesetzt wird: Dadurch werden Herzschlag, Atmung, innere Unruhe und körperliche Anspannung noch stärker wahrgenommen. Diese Wahrnehmungen können dann wiederum Angst auslösen.
So kann ein Kreislauf, ein regelrechter Teufelskreis der Angst, entstehen.
Genau. Eine körperliche Empfindung wird als bedrohlich erlebt, die Angst nimmt zu, das Stresssystem wird aktiviert und die Symptome verstärken sich weiter. Panikattacken sind für die Betroffenen häufig sehr unangenehm und beängstigend, grundsätzlich jedoch ein Ausdruck eines stark aktivierten körpereigenen Alarm- und Stresssystems.
Der Körper reagiert so, als müsste er sich unmittelbar auf Flucht oder Kampf vorbereiten, obwohl für den Betroffenen nicht unbedingt eine konkrete Gefahr erkennbar ist.
Sind Panikattacken ein Phänomen unserer Zeit?
Unser Alltag ist durch Beschleunigung, ständige Erreichbarkeit, hohen Leistungsdruck und eine Vielzahl gleichzeitig zu bewältigender Anforderungen geprägt. Vieles muss sofort geschehen, ein Ziel folgt unmittelbar auf das nächste und es kann der Eindruck entstehen, sich im eigenen Leben gewissermaßen selbst zu überholen.
Dabei kann etwas Zentrales verloren gehen, das für die psychische Stabilität von großer Bedeutung ist: Die Fähigkeit, zur Ruhe zu kommen, bei sich selbst zu bleiben und einen inneren Mittelpunkt wahrzunehmen. Aus meiner Sicht kann eine solche dauerhafte innere und äußere Beschleunigung einen wesentlichen Hintergrund für das Auftreten von Angst und Paniksymptomen darstellen.
Ist Perfektionismus auch eine Wurzel von Panikattacken?
Perfektionismus kann natürlich zu einem starken inneren Antreiber werden: Es ist nie gut genug, nie vollständig abgeschlossen und scheinbar gibt es immer noch etwas zu verbessern. Niemand kann letztgültig festlegen, wann etwas tatsächlich vollkommen oder perfekt ist.
Wer sich diesem Anspruch unterwirft, kann daher in einen Zustand geraten, in dem eine Aufgabe zwar immer weiter verbessert, innerlich aber niemals als abgeschlossen erlebt wird. Der Perfektionismus führt zu einem Kreislauf, in dem der Mensch dauerhaft das Gefühl hat, noch nicht zu genügen. Es gibt immer noch eine weitere Aufgabe, eine weitere Verbesserung und einen nächsten Anspruch. Dadurch kann ein permanenter innerer Spannungszustand entstehen.
Wichtiger Hinweis & Hilfsangebote
Soforthilfe in akuten psychischen Krisen (24/7):
Telefonseelsorge (österreichweit): Unter der Telefonnummer 142 kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar.
Rat auf Draht (für Kinder und Jugendliche): Kostenlos und anonym rund um die Uhr unter 147.
PsyNot (Psychiatrisches Krisentelefon): Kostenfrei und anonym unter 0800 44 99 33.
Klinisch-psychologische Behandlung (Neu über ÖGK): Beratung und Koordination der Behandlungen auf Kassenkosten über die zentrale Servicestelle unter 0800 10 02 03.
Männernotruf: 05 76 77 (24 Stunden erreichbar)
Kriseneinrichtungen & Fachberatung:
Kriseninterventionszentrum Wien: Telefonische Beratung unter 01 406 95 95 (Montag bis Freitag 8-17 Uhr) sowie Online-Beratung auf der Website des Kriseninterventionszentrums.
pro mente Austria: Der Dachverband bietet österreichweit über regionale Mitgliedsorganisationen Betreuung, Wohn- und Arbeitsplatzprojekte für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Kontaktdaten zu den Landesvereinen finden Sie auf der Plattform von pro mente Austria.
Im Falle einer akuten Selbst- oder Fremdgefährdung wählen Sie bitte sofort den Euro-Notruf unter 112 oder den Rettungsdienst unter 144.
Eine detaillierte Übersicht aller Bundesland-Hotlines und Krisendienste bietet die Website des Kriseninterventionszentrums Wien sowie das Gesundheitsportal des Bundesministeriums.
Wie kann man Panikattacken behandeln?
Ein wichtiger Bestandteil besteht darin, den möglichen Hintergründen der Panikattacken nachzugehen und bestehende Stressfaktoren, innere Belastungen und wiederkehrende Gedankenmuster zu erkennen. Einen besonderen Stellenwert haben psychotherapeutische Verfahren. Dabei können Betroffene lernen, ihre körperlichen Reaktionen besser zu verstehen, angstauslösende Gedanken anders einzuordnen und den Kreislauf aus Angst, körperlicher Wahrnehmung und weiterer Angst schrittweise zu unterbrechen.
Durch gezielte Entspannungsübungen können sich Betroffene nach und nach selbst regulieren, aber nur mit viel Übung.
Entspannungs- und Stressregulationsverfahren können auch sehr hilfreich sein. Darüber hinaus kann es sinnvoll sein, wieder Räume für Ruhe, Selbstwahrnehmung und die Auseinandersetzung mit persönlichen Werten und Sinnfragen zu schaffen. Dabei kann – unabhängig von religiöser Zugehörigkeit – auch eine spirituelle Haltung eine persönliche Ressource darstellen.
Ein weiterer therapeutischer Ansatz kann darin bestehen, überhöhte Ansprüche und perfektionistische Muster zu erkennen und schrittweise ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann etwas „gut genug“ ist. Die Fähigkeit, abzuschließen, loszulassen und die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten anzunehmen, kann wesentlich zur Entlastung beitragen.

Steckbrief
Astrid Maierhofer-Deutschmann
Astrid Maierhofer-Deutschmann ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, Psychotherapeutin sowie Allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Psychiatrische und Forensische Psychiatrie.
Können Medikamente als ergänzende Behandlung sinnvoll sein? Gibt es überhaupt hilfreiche Medikamente?
Bei entsprechender Indikation kann eine medikamentöse Behandlung eingesetzt werden. Hierzu gehören unter anderem bestimmte antidepressiv wirksame Medikamente wie Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die Auswahl der medikamentösen Behandlung erfolgt individuell und ärztlich. Das therapeutische Ziel besteht letztlich nicht ausschließlich darin, Symptome zu beseitigen. Es kann ebenso darum gehen, wieder einen inneren Mittelpunkt, mehr Ruhe und ein tragfähiges Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Leben zu entwickeln.
Am wichtigsten und schwierigsten ist, wie ich aus meiner psychotherapeutischen Erfahrung weiß, die Fürsorge für und eine wertschätzende liebevolle Beziehung zu sich selbst. Presley Gerber setzte sich mit seinen „Mental Health Mondays“ für andere ein. Eine Zeitlang war ein Tattoo in seinem Gesicht, das lautete „misunderstood“ (dt. missverstanden). Kann man Selbstliebe denn überhaupt jemals erlernen?
Selbstliebe und Selbstwertschätzung sind gewiss wichtige Therapieelemente, um Panikattacken zu behandeln. In einer Psychotherapie ist das möglich, aber kann dauern, da alte Verhaltens- und Denkmuster zunächst sichtbar und bewusst gemacht werden müssen, um sie zu verändern.
Hinweis der Redaktion
Dieser Beitrag enthält keine psychiatrische Diagnose. Astrid Maierhofer-Deutschmann hat Presley Gerber nicht persönlich untersucht und kennt den Fall ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Informationen. Ihre Ausführungen dienen allein der allgemeinen fachlichen Einordnung und Begriffsklärung von Panikattacken. Sie erlauben keine Rückschlüsse auf Presley Gerbers individuellen psychischen Zustand, seine Persönlichkeit, Erkrankungen und Schicksal.
Auch Sie möchten ein Thema vorschlagen? Dann schreiben Sie mir: praxis@wogrollymonika.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2026 erschienen.
