Hubert Steger
Männer sind nicht nur Täter, sondern häufig auch selbst von Gewalt betroffen. Hubert Steger von der Männerberatung Wien spricht über traditionelle Rollenbilder, die Arbeit mit gewalttätigen Männern und die Folgen mangelnder Beratungsangebote.
Hubert Steger ist der fachliche Geschäftsführer der Männerberatung in Wien, eine Organisation, die Männern psychologische, soziale und juristische Hilfe anbietet. Im Gespräch mit dem Klinischen Psychologen geht es um überwunden geglaubte Rollenbilder, die Arbeit mit gewaltbereiten Männern, Sozialgelder und warum man Männer nicht in den Täter-Topf werfen sollte.
Laut einer internationalen Ipsos-Umfrage zum Weltfrauentag hat die Gen Z vermehrt rückschrittliche Frauenbilder: 31 % der Männer unter 26 sind der Meinung, dass eine Ehefrau ihrem Mann immer gehorchen sollte. Bei den Boomern sind es nur 13 %. Woran liegt das?
Ich finde die Studie sehr erstaunlich, vor allem als jemand, der in der kritischen Männerarbeit und Männerforschung arbeitet. Wir reflektieren das Männerbild und versuchen, damit das Alltagsleben zu verbessern. Es ist ernüchternd zu sehen, wie als überwunden geglaubte Männlichkeitsrollen wieder en vogue werden.
Ich denke, dass dieser Trend mit der Suche nach Orientierung, Klarheit und Sicherheit erklärbar ist. Diese Rollenbilder geben vor, wie man über die Welt, Beziehungen oder die Relationen von Männern zu Frauen denkt, und das gibt einem natürlich total Orientierung.
Wie kann man dem entgegenwirken, auch in unsicher wahrgenommenen Zeiten nicht in solche Rollenbilder zurückzufallen?
Es braucht einen langen Atem und ein Angebot an Einrichtungen, die für Männer und Jungs da sind und zu diesen Themen Stellung beziehen. Es gibt meines Erachtens schon viel mehr Diskurs über Männlichkeit, Frauen, oder auch Femizide als früher. In den 80er Jahren hat man als Reaktion auf die Frauenbewegung begonnen, sich auch den Burschen zu widmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Und das ist dann mit der Zeit viel mehr geworden.
Gibt es noch blinde Flecken?
Ja, es bleibt zum Beispiel weitgehend unter dem Radar, wie sehr Männer selbst von Gewalt betroffen sind, die meistens auch von Männern ausgeht. Das geht beim Fokussieren von Männern als Täter oft unter. Was extrem schade ist, weil es viel komplexer ist als das. Beispielsweise ist die Suizidrate bei Männern wesentlich höher als bei Frauen oder Männer sind im Alter viel stärker von Einsamkeit betroffen, weil sie häufig nicht gelernt haben, liebevolle Beziehungen zu leben, sondern eben zu funktionieren.
Auch bei Männern, die selbst von Gewalt betroffen sind, vor allem sexualisierte Gewalt, steht das Funktionieren oft sehr stark im Vordergrund. Circa zwei Drittel der betroffenen Burschen sprechen in der Kindheit oder der Jugend nicht darüber, selbst wenn es die Möglichkeit gäbe. Sie wollen damit nichts zu tun haben, spüren aber, dass das eine Untiefe hat und sehr bedrohlich für sie ist. Und dann greifen viele auch zu Drogen oder Alkohol.
Es geht weniger um die strafrechtlichen Konsequenzen oder eine moralische Verurteilung, sondern vielmehr um die Frage: Was waren die Gründe dafür?
Es ist in der Gesellschaft also nicht akzeptiert, als Mann ein Opfer von Gewalt zu sein?
Vor allem unter Männern ist es wenig akzeptiert. Unter Frauen ist es noch leichter zu sehen, dass Männer auch Betroffene sind. Dementsprechend gibt es auch wenig Strukturen für Männer als Gewaltbetroffene. Zum Beispiel wird bei Gewalt gegen Kinder oft geschlechtsneutral gesprochen, und obwohl es Fortschritte dabei gab, auch die Burschen in den Blick zu nehmen, besteht mittlerweile eher wieder die Tendenz, dass sie in der Neutralisierung untergehen.
Wenn ein Mann, der Gewalterfahrungen gemacht hat, bei der Männerberatung Hilfe sucht: Wie bringt man so jemandem bei, dass es nicht schwach oder unmännlich ist, Opfer von Gewalt zu sein?
Es geht darum, die eigene Kontrollierbarkeit wiederherzustellen. Dazu gehört auch zu wissen, ob die Tat schon verjährt ist, und sich zu überlegen, ob man Anzeige erstatten möchte und wie das aussehen würde, welcher Paragraf das wäre, wie hoch die Strafe ausfallen würde oder wie eine Begleitung aussehen würde. Das motiviert dann, wenn eine Selbstermächtigung wieder spürbar wird.
Es kommen ja auch viele Männer hierher, die selbst gewalttätig geworden sind. Man kann freiwillig kommen oder auf eine gerichtliche Weisung, wie wird mit jemandem gearbeitet, der auf eine gerichtliche Weisung das Programm in Anspruch nimmt?
Also, er ruft zunächst an und vereinbart ein Erstgespräch. Im Erstgespräch schauen wir dann sehr genau darauf: Wie sehr kann jemand zu dem stehen, was passiert ist? Sieht er seine eigenen Fehler ein und übernimmt er Verantwortung? Gleichzeitig schauen wir uns die aktuelle Situation an: Wie geht es dem Betroffenen gerade? Ist jemand in seinem Umfeld gefährdet?
Wenn es um Beziehungsgewalt geht, ist auch wichtig zu wissen: Gibt es eine Partnerin oder Ex-Partnerin, die an einem anderen Ort Unterstützung bekommt und vielleicht ebenfalls mitbetreut werden sollte? Wenn jemand bereit ist, sich darauf einzulassen und an sich zu arbeiten, zeigen wir die Möglichkeiten auf: wir haben derzeit drei Gruppen mit Männern, die in Beziehungen gewalttätig geworden sind. Es kommen zwar viele Männer mit einer gerichtlichen Weisung zu uns, aber mehr als 50 Prozent kommen freiwillig oder aufgrund einer Fremdmotivation.
Was passiert, wenn es keinen Sinn macht und jemand sich nicht darauf einlassen kann?
Dann macht das Programm auch keinen Sinn. Wenn jemand eine Weisung hat und sagt: „Ich bin unschuldig, das war ein Fehlurteil“, dann können wir so nicht mit ihm arbeiten, weil keine Anhaltspunkte da sind.
Wie viel Raum nimmt das Verurteilen der Taten der gewalttätigen Männer bei den Programmen ein?
Die konkrete Tat steht schon im Vordergrund, aber nicht unbedingt, um sie zu verurteilen, sondern um zu erkennen, welchen Schaden sie angerichtet hat. Es geht weniger um die strafrechtlichen Konsequenzen oder eine moralische Verurteilung, sondern vielmehr um die Frage: Was waren die Gründe dafür?
Warum ist diese Situation entstanden, in der ein Mann Gewalt ausgeübt hat – und warum gerade in dieser Form? Des Weiteren geht es auch viel um die eigene Biografie und um die eigenen Vorstellungen von Männlichkeit. Ein wichtiger Punkt ist, die eigenen Warnsignale zu erkennen: Wann merke ich bei mir selbst, dass es in Richtung Eskalation driftet? Die Tat wird verurteilt – im Sinne von: Das war nicht richtig. Gleichzeitig versuchen wir, den Menschen dahinter zu sehen.
Männerberatung Wien
Seit 1985 bietet die Männerberatung Wien Begleitung in schwierigen Lebenslagen – mit einem breiten Angebot, das geschlechter- und männlichkeitsreflektierte Beratung, Begleitung, Psychotherapie und Coaching in unterschiedlichen Formaten umfasst: einzeln, als Familie, in der Gruppe, in Bildungseinrichtungen oder außerschulisch.
Die Männerberatung ist überdies in ein Netzwerk aus sozialen Einrichtungen und Institutionen eingebunden, wie z.B. den Dachverband für Männer-, Burschen- und Väterarbeit Österreich (DMÖ). Die Einrichtung war eine der ersten in Österreich, die systematisch mit gewaltausübenden Männern arbeitete, und dabei den Opferschutz stets im Blick hatte.
Mittlerweile zählt die Männerberatung Wien zu den größten und ältesten Beratungseinrichtungen für Männer im deutschsprachigen Raum. Das Team besteht aus über 50 Mitarbeiter:innen mit vielfältigen kulturellen Hintergründen, Altersgruppen und beruflichen Zugängen – ein gelebtes Beispiel für Diversität und interdisziplinäre Zusammenarbeit.
Das heißt, es gibt bei vielen Männern, die gewalttätig sind, auch eine Einsicht, dass sie daran arbeiten müssen?
Ja, und es hat sich gezeigt, dass die Gruppenarbeit dabei sehr hilfreich ist. Wir haben offene Gruppen, in denen Männer unterschiedlich weit sind. Manche beginnen gerade erst, andere haben bereits die acht Monate des Programms absolviert. Gerade diese Männer sind für die Gruppe sehr wichtig, weil die anderen an ihnen sehen können: Da ist jemand, der etwas wirklich Schlimmes getan hat, aber dazu steht. Er kann erzählen, wie es dazu gekommen ist, wie er damals gedacht hat und wie er heute darüber denkt. Und er kann auch berichten, was sich in seinem Leben verändert hat, seit er begonnen hat, an sich und seinem Verhalten zu arbeiten.
Die Freiwilligen bringen häufig eine größere eigene Motivation mit. Und die Männer mit Weisung können von ihnen erleben, dass man sich mit dem eigenen Verhalten auseinandersetzen kann, ohne dafür verurteilt zu werden. Das macht die Arbeit sehr spannend, weil innerhalb der Gruppe viel Entwicklung passiert. Manche Männer sind auf der Einstellungsebene schon zu Beginn relativ weit. Aber die richtige Einstellung allein reicht nicht. Das auf die Verhaltensebene zu bringen, ist ein viel längerer Prozess.
Welche Gefahr stellen die Sozialgeldkürzungen für die Männerberatung dar?
Ja, das macht uns allen Sorgen. Ich möchte aber noch einmal ganz stark hervorstreichen: Männerarbeit und Männerberatung sind nicht nur Arbeit zum Thema Gewalt. Es geht auch um stärkende und reflexive Arbeit mit Burschen, Jugendlichen und Männern – darum, unterschiedliche Formen von Männlichkeit und männliche Lebensweisen sichtbar zu machen und mehr Möglichkeiten zu schaffen.
Unsere Vision ist es, dass jeder Bub, jeder Bursche und jeder Mann Beratung bekommen kann, wenn er das möchte. Wir wissen allerdings, dass es schwerer ist als Mann Beratung in Anspruch zu nehmen, weil die Erwartung da ist, das Problem selbst zu lösen. Aber selbst wenn Buben, Burschen oder Männer Beratung suchen gibt es noch immer zu wenig Angebote. Die Männerberatungsstellen sind nämlich nach wie vor prekär finanziert.
Für mich ist das auch eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage: Was stellen wir Menschen zur Verfügung, damit sie sich gut entwickeln können und damit sich auch die Gesellschaft gut entwickeln kann? Dafür braucht es mehr Möglichkeiten zur Reflexion und vor allem niederschwellige Beratungsangebote für Männer. Bei uns wurden jetzt konkret keine Gelder gestrichen. Davor schützt uns auch der Nationale Aktionsplan gegen Gewalt und die Männerberatungsstellen sind dabei überall als wichtige Akteure vorgesehen. Wir sehen aber, was rundherum passiert, und natürlich macht uns das Sorgen.
Gibt es Pläne für die Zukunft?
Langfristig hoffen wir trotzdem, dass diese Arbeit weiter ausgebaut werden kann. Denn Männerarbeit hat einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen und ist letztlich auch ein gutes Investment. Es kostet einer Gesellschaft etwas, wenn Männer weniger Pflege- und Care-Arbeit übernehmen oder weniger Verantwortung in der Familie tragen. Das macht eine Gesellschaft krisenanfälliger und eine stärkere Buben-, Burschen- und Männerarbeit kann hier etwas verändern.
Und ich habe schon den Eindruck, dass diese Zusammenhänge zunehmend gesehen werden – auch von jüngeren Verantwortlichen in der Politik. Ich bin zuversichtlich, dass sich diese Entwicklung durchsetzen wird. Deshalb sehe ich die Entwicklung trotz der aktuellen Sparmaßnahmen grundsätzlich positiv. Wir hatten auch in der Vergangenheit Sparpakete, und trotzdem ist die Männerarbeit gewachsen. Sie ist bekannter geworden und mehr Menschen wünschen sich solche Angebote.
Steckbrief
Hubert Steger
Hubert Steger, geboren 1972, ist Klinischer und Gesundheitspsychologe und seit 2006 in der Männerberatung Wien tätig. Heute ist er dort fachlicher Geschäftsführer. Zu seinen Arbeitsbereichen zählen präventive Jugendarbeit, Betroffenenarbeit und Prozessbegleitung sowie Familienberatung mit den Schwerpunkten Trennung, Scheidung und Väterarbeit.
Von 2008 bis 2018 war Steger zudem Bereichsleiter für Diagnostik beim Verein Limes, wo er sich mit sexuell grenzverletzenden Buben und Burschen beschäftigte. Er engagiert sich in internationalen Fachnetzwerken, unter anderem zu häuslicher Gewalt gegen Männer und sexualisierter Gewalt an Männern. Seit 2019 ist er Vorstandsmitglied des Dachverbands für Burschen-, Männer- und Väterarbeit in Österreich (DMÖ).
