Die Vertragsverlängerung des so erfolgreichen wie umstrittenen Intendanten der Wiener Festwochen bis 2033 muss in naher Zukunft entschieden werden. Hat ihm die Einladung Peter Thiels geschadet? Überlagert das Krawallkonzept das Minimum an szenischer Qualität? Rau möchte bleiben, die Stadträtin unterstützt ihn.
Ob sich die Spekulation mit dem Eso-Rechtsverbinder gerechnet hat, ist schwer zu beantworten: Zwar reichte es schon, dass der Milliardär Peter Thiel den Wiener Festwochen fernblieb, um deren Intendanten Milo Rau, 49, überregionales Interesse ohne künstlerische Gegenleistung zu sichern.
Regional hingegen entwickelt sich die Causa uneindeutig: Möglicherweise per Abmahnung durch den Bürgermeister hatte Kulturstadträtin Kaup-Hasler ihrem Vorzeigeprotegé überraschend Unfreundlichkeiten übermittelt, worauf Thiel eilends ausgeladen wurde. Die Festwochen selbst gestalten sich zur Halbzeit künstlerisch eher unauffällig bis ärgerlich.
Und in sehr absehbarer Zeit wird per gesetzesverbindlicher Ausschreibung über den Amtsverbleib des Intendanten zu befinden sein. 2023 hat er das kommunale Renommierprojekt in desolatem Zustand übernommen, 2028 endet die fünfjährige Amtsperiode. Zwei, im Minimalfall eineinhalb Jahre vor Vertragsablauf sind noch knapp bemessen, um zu einer Entscheidung zu kommen, die demnach allerspätestens zum Herbstende fallen muss.
Wo bleibt die Qualität?
Verbessert hat sich die Situation des so charmanten wie krawallsicheren Eidgenossen eher nicht. Thiels Einladung wird ihm von links, die Ausladung von rechts, die Programmgestaltung von vielen verübelt: Die 1951 wiedergegründeten Festwochen waren der Synthese von Hochkultur und Avantgarde verschrieben, beides in obligater Höchstausführung. Hier (und in Zürich) brachte Nikolaus Harnoncourt den Originalklang in die Opernpraxis ein.
Hier lag die Stadt dem aufstrebenden Claus Peymann für seinen Stuttgarter „Faust“ zu Füßen. Hier regierten über Jahre Kapazunder wie Ursula Pasterk, Nikolaus Bachler und Luc Bondy. Der verwirklichte anno 2000 das Maximum: Christoph Schlingensief stellte der eben angelobten schwarz-blauen Regierung mit tumultösem Resultat den „Big Brother“-Container „Ausländer raus“ vor die Staatsoper. Aber Bondy selbst inszenierte im Akademietheater eine aufführungshistorische „Möwe“ mit Gert Voss und Jutta Lampe.
Heuer gastierte im Akademietheater ein Laienchor aus Berlin, der Flüchtlinge und Behinderte schamlos mit Kitsch und Agitprop-Banalitäten vorführte. Insgesamt beschränkt sich die Präsenz relevanter Personen weitgehend auf Tote. Zuletzt Peter Brook und Robert Wilson mit posthumen Shakespeare-Gastspielen und Hermann Nitsch, fortgeschrieben von Florentina Holzinger.
Milo Rau will bleiben
Milo raus also? Der Apostrophierte selbst lässt auf Anfrage keine Zweifel über seinen Verbleibswillen offen: „Ich finde, Wien, die Festwochen und ich sind ein match made in heaven. Es freut mich total, da und dabei zu sein, Getöse mag ich, in Wien und weltweit, bin ja das ganze Jahr als eifriger Kulturbotschafter unterwegs von New York bis gerade Oslo.“
Das Programm? Sei keineswegs unausgewogen, und der Kartenverkauf habe seit Thiel Rekordhöhe erreicht. Sollten Theater und Oper nicht durch einen Spartendirektor auf das schmerzlich vermisste Weltniveau befördert werden? Derlei gebe es in Wien das ganze Jahr über, und das hervorragend. Auftrag der Festwochen sei es, „das außergewöhnliche Oper-/Theater-Projekt nach Wien zu bringen, was sonst niemand schafft“.
Er hat Kaup-Haslers Vertrauen
Das sieht die Stadträtin wie? Nie würde sie einer Ausschreibung durch Empfehlung vorgreifen wollen, versichert sie im News-Gespräch. „Aber Milo Rau ist als Intendant angetreten, Debatten anzustoßen und große Produktionen nach Wien zu bringen. Ich habe wunderbare Vorstellungen gesehen, die diese internationale Strahlkraft bestätigen.“ Die Auslastung sei hervorragend, die Aufmerksamkeit reiche bis New York, kurz: „Rau hat nach wie vor mein Vertrauen.“
Das hat er auch verdient, denn er hat die nicht schlafwandlerisch personalsichere Politikerin aus einer prekären Situation gerettet: 2018, kaum angetreten, beförderte sie den fehlbesetzten Festwochen-Intendanten Zierhofer-Kin verdienstvoll ins Freie. Sie ersetzte ihn allerdings durch den Belgier Christophe Slagmuylder, der das Festival als trostlose Tourneestation abgehangener Retro-Avantgarde in der Nichtwahrgenommenheit versenkte.
Dennoch wollte sie seine Vertragsverlängerung diskret durchwinken, hätten nicht aufgeweckte Fachjournalisten Einspruch erhoben. Slagmuylder verflüchtigte sich daraufhin heim nach Brüssel. So wurde im Jänner 2023 Milo Rau präsentiert, mit der ehrgeizigen Verpflichtung, schon 2024 sein erstes Programm zu verwirklichen.
Statistisch aufwärts
Statistisch betrachtet, überzeugen die Folgen: Slagmuylder verabschiedete sich 2023 mit (nicht allseits geglaubten) 88 Prozent Auslastung bei 45.000 aufgelegten Karten. Rau erhöhte 2024 auf 48.000 und erzielte 96 Prozent. Ein Jahr später waren es 93 Prozent, von 50.000.
Das Publikum verjüngte sich, auch an Aufmerksamkeit fehlte es nicht. Nur der Preis war umstritten: Die Einladung des Tingel-Antisemiten Varoufakis zu einem der fortan notorischen „Prozesse“ wurde mit ebensolchen Bedenken quittiert wie die Ausladung des griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis auf Geheiß einer minder bedeutenden ukrainischen Fachkollegin.
Der Krawall begann zu regieren. An Begriffen wie „Holocaust“ und „Genozid“ im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg zu zupfen, kann das Programm bis heute nicht lassen. Und als Rau im Oktober 2025 auf der Festwochen-Website die Elite der deutschsprachigen Kultur beschuldigte, sich nicht deutlich genug gegen den „Völkermord im Gaza“ zu erklären, taumelte er nahe an den Rücktritt: Die apostrophierten Kapazunder – an ihrer Spitze Elfriede Jelinek, die schon Raus Inszenierung ihrer Farce „Burgtheater“ alles andere als goutiert hatte – kündigte ihm die Freundschaft auf. Welche Amtsberechtigung blieb ihm da ohne seine Kernklientel?
Köhlmeier: „Er soll bleiben“
Soll Milo Rau also gehen oder bleiben? Michael Köhlmeier, der im Oktober das Künstlermanifest gegen Rau unterschrieben hat, meldet sich auf Anfrage überraschend deutlich von der Verleihung des Max-Frisch-Preises in Zürich: „Natürlich soll er bleiben! Dass jemand eine andere Meinung hat als man selbst, muss man schon aushalten. Oder soll als Nächstes ein Erschießungskommando aufgestellt werden?“
Felix Kammerer ist seit „Im Westen nichts Neues“ derart auf Hollywood-Kurs, dass er sein Burgtheater-Engagement aufgeben musste. Um Aufgaben bei den Festwochen war ihm also glaubhaft nicht zu tun, als er jüngst gegenüber News anmerkte: „Wie Rau das Rituelle, fast Religiöse im Theater mit einer Form von Realhaltung zusammenbringt, ohne penetrantes Mitmachtheater und geblähtes Kunstgeschwätz zu erzeugen, ist toll. Ich weiß nicht, wann das in den letzten 20, 30 Jahren so stattgefunden hat.“
Freie Szene für Rau
Mehrfach wurde gefordert, Rau möge die ungekürzten 15 Millionen Stadt-Subvention durch Kooperationen an die arg niedergestümmelte freie Szene weiterreichen. Aber just dort hat man gegen ihn nichts vorzubringen, im Gegenteil. Peter Paul Kainrath vom Klangforum verweist auf das gemeinsame Projekt, vergessene Komponistinnen ins Bewusstsein zurückzurufen, und schätzt Raus gesellschaftspolitische Relevanz. Allerdings vermisse er „neues Musiktheater, aus dem Zentrum avanciertester Neuer Musik heraus gedacht“.
Thomas Gratzer vom Rabenhof-Theater räumt politische Differenzen ein, fährt aber fort: „So bunt, wild, widersprüchlich und diskussionsfreudig waren die Wiener Festwochen seit langer Zeit nicht mehr.“ Bloß überlagere die Inszenierung der Inszenierung oft die Inszenierung selbst. Ein Musikchef „und etwas weniger Aufmerksamkeit für die Cocktailkirschen am Glasrand des Diskurses“ könnten nicht schaden.
Prinzipielle Sympathie äußert auch die designierte Josefstadt-Chefin Marie Rötzer, die sich ungeachtet stark unterschiedlicher Konzepte Kooperationen vorstellen kann. Thiel hätte sie nicht eingeladen: Demokratische Werte dürften in diesen Zeiten nicht leichtfertig diskutiert werden.
Scholten und Pasterk, Legenden
Franz Vranitzkys ikonisierter Kunstminister Rudolf Scholten war bis 2025 20 Jahre lang Aufsichtsratsvorsitzender der Festwochen: Nunmehr Publikum, weigert er sich, die Debatte um Thiel wie eine Decke über das künstlerische Programm zu ziehen. „Ich finde Raus Rolle in Wien gut und wichtig, auch wenn nicht alles gelingt. Es gab immer die Forderung, dass die Festwochen zeigen sollen, was im Repertoirebetrieb nicht gezeigt wird. Wenn dann der Performance-Teil überwiegt, entsteht die Sehnsucht nach echtem Theater, und ist das echte Theater dominant, entsteht die Sehnsucht nach Performance.“
Und Thiel? „Die Grundfrage ist, ob wir uns stark genug fühlen, seinen Auftritt so zu gestalten, dass am Schluss für jeden ersichtlich ist, wer recht hat. Ich zweifle trotzdem, dass es klug war, ihn einzuladen.“ Der Rückzieher? „Wirkt wie ein Bekenntnis, dass wir gegen ihn verloren hätten.“ Wenn aber Künstler mit Absage gedroht hätten, sei die Entscheidung zu verstehen.
Er glaubt, je wahrgenommener, desto relevanter sind die Festwochen. Dem schließe ich mich nicht an. Es geht um Kunst und Inhalte
Ursula Pasterk war bis 1996 Kulturstadträtin historischer Dimension, Festwochenintendantin, ehe sie Nikolaus Bachler und dann Luc Bondy verpflichtete, endlich Präsidentin. „Vor drei Jahren waren die Festwochen in einem noch viel krisenhafteren Zustand. Mit Slagmuylder ist alles den Bach hinuntergegangen. Der Milo hat den Bach wenigstens wieder aufgestaut, indem er Provokation zum wesentlichen Stilmittel erhoben hat.“ Aber: „Er glaubt, je wahrgenommener, desto relevanter sind die Festwochen. Dem schließe ich mich nicht an. Es geht um Kunst und Inhalte.“
Den öfter gezogenen Vergleich zwischen Rau und Schlingensief weist sie empört zurück: Nie hätte der früh verstorbene Genius der politischen Provokation etwa Jörg Haider zu einer Diskussion eingeladen! Und Thiel erst recht nicht: „Man hat die ungeheuerliche Ideologie eines Menschen nicht weiter zu verbreiten. Und selbst wenn ich es ihm dann gezeigt habe, war er wieder Tage in den Medien. Dazu braucht es weder die Festwochen noch den Milo Rau.“ Die Wiederaufforstung hochkultureller Qualität? „Ich kann nichts verlangen, ich kann meine Meinung nur zeigen, indem ich nicht mehr hingehe. Dann müsst ihr euch an das Publikum wenden, das euch für relevant hält.“
Bachler: „Spätrömische Dekadenz“
Der Österreicher Nikolaus Bachler, heute Intendant der Salzburger Osterfestspiele, wurde von Ursula Pasterk 1991 aus der Berliner Anonymität an die Spitze der blühenden Festwochen berufen. Er lud erstmals Ariane Mnouchkine nach Wien ein und gab bei Paulus Manker das Format „Alma“ in Auftrag.
Wie sieht er seinen Nachnachnachnachnachfolger Milo Rau? „Der Macher bestimmt die Mittel, und wenn die Festwochen vorwiegend keinen theatralischen, sondern einen Diskurs- oder Kongressweg gehen, muss man das als Statement des Machers respektieren.“
Aber Rau, den Theoretiker, mit dem glühenden Performer Schlingensief zu vergleichen, sei Widersinn, hält auch er fest. „Wenn Rau über die CDU unter Helmut Kohl was sagen wollte, würde er einen Kongress machen. Schlingensief hat uns massenhaft in den Wolfgangsee kommandiert, damit dem Kohl in seiner Sommerresidenz das Wasser bis zum Hals steigt“, erinnert er an eine legendäre Künstlerperformance. Und jetzt? „Ist das theatralische Format bisweilen ein bisschen dem Laienspiel zuzuordnen.“


Der Sturm. Shakespeare in der Regie des 2025 verstorbenen Großmeisters Robert Wilson war bisher einer der Ausreißer.
© Gergana-DamiaAber das junge Publikum? „Sehe ich nicht. Ich sehe die typischen Grünwähler von 40 aufwärts, also Leute, die sich ohnehin im Bereich aufhalten. Und ich frage mich, was man dort von Herrn Thiel erfahren hätte können, was man nicht eh weiß, abgesehen davon, dass er unseren ehemaligen Messias-Bundeskanzler auf die Payroll gestellt hat.“
Rau selbst müsse wissen, ob er das Beabsichtigte auserzählt habe. Dann habe die Kulturpolitik über die Verlängerung zu entscheiden. Fachberatung, wie sie Rau derzeit dringend empfohlen wird, habe er, Bachler, in der Gestalt seines renommierten Musikchefs Klaus-Peter Kehr sehr gern in Anspruch genommen. „Beratungsresistent und eingemauert ist nie gut für ein Festival.“ Milo Rau kenne er nicht persönlich. „Aber wie ich ihn einschätze, ist er schon ein Autist, der sehr bei sich ist.“
Und die wortmächtige Coda: „Wenn ein Macher auf Diskurs umstellt, ist das sein Statement, das man respektieren muss. Aber Musiktheater und Theater kosten sehr viel Geld, und das macht man bei den Festwochen jetzt nicht, obwohl man eine Riesensubvention von 15 Millionen hat. Für mich ist das spätrömische Dekadenz, wenn gleichzeitig die freien Gruppen beschnitten werden. Für ein Diskussionsformat brauche ich nicht die Summe wie für eine Produktion mit Michel Piccoli und Luc Bondy.“ Ibsens „John Gabriel Borkman“ war das, 1993. In der goldenen Zeit.

Steckbrief
Milo Rau
Geboren am 25. Jänner 1977 in Bern, studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik, war Reisejournalist und begann 2002 mit Theatertexten und Aktionen, die mehrfach auch zu den Festwochen gelangten. Intensive Regie- und Lehrtätigkeit. 2018 bis 2024 Intendant in Gent, seit 2024 der Wiener Festwochen. Wohnt mit Lebenspartnerin und zwei Töchtern in Wien und Köln.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.








