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Spitzentöne: Noch sieben Jahre Milo Rau?

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Heinz Sichrovsky

©Matt Observe

Der Krawall um den amerikanischen Sonderling Peter Thiel brachte den Festwochen-Intendanten Milo Rau in Bedrängnis. Wird sein Vertrag bis 2033 verlängert?

Im Herbst wird verpflichtend ausgeschrieben, teilt das Stadtratbüro auf Anfrage mit. Dann entscheidet sich, ob Milo Rau nach dem Frühsommer 2028 fünf weitere Jahre an der Spitze der Wiener Festwochen verbleibt. Ob man sich das wünschen soll, ist derzeit umstritten, wie aus unserer Umfrage ab Seite 62 hervorgeht.

Wäre die Auslastung das einzige Kriterium, die Verlängerung stellte sich als bloße Formalie dar: Seit dem Krawall um den Weltuntergangs-Bot Peter Thiel habe der Kartenverkauf 100 Prozent erreicht, lässt mich Rau in einer Eilnachricht wissen. Mit anderen Worten: Er hat den Bach, den die Festwochen über Jahre hinuntergegangen waren, wenigstens wieder aufgestaut. Bevorzugt mittels Dauerkrachs.

So formuliert es in unserer Umfrage die ehemalige Kulturstadträtin Ursula Pasterk. Sie ist im Auftrag des Bürgermeisters Zilk über die Wiener Kulturlandschaft gebraust wie niemand vor und nach ihr, ab 1984 ein Jahrzehnt lang auch als Intendantin, dann Präsidentin der Festwochen. 1991 übernahm aus ihren Händen der damals unbekannte Österreicher Nikolaus Bachler die Intendanz. Als es ihn rasch an die Burg und dann immer höher trug, berief die Stadträtin an seine Stelle den Weltregisseur Luc Bondy. Ihm folgte Markus Hinterhäuser, der sich zwei Jahre lang die letzte Legitimation für die dann glückhaft verwalteten Salzburger Festspiele erwarb.

Mit Hinterhäusers Wechsel begann das Verhängnis: Der Nachfolger Tomas Zierhofer-Kin wertete 2017 das stilbildende Hochkulturfestival zur wirren Experimentalpetitesse um. Ein Jahr später feuerte ihn die eben angetretene Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. Aber statt zu den alten Maßstäben zurückzukehren, verpflichtete sie den Belgier Christophe Slagmuylder, einen Zierhofer für Wohlhabende.

Spektakel zählt

Dessen Vertrag war schon in diskreter Verlängerung, da verwiesen findige Journalisten auf den deplorablen Publikumszuspruch der Tourneestation für abgehangene Retro-Avantgardisten. Slagmuylder retirierte eilig nach Brüssel. Doch die Stadträtin, infolge autobiografischer Verstrickungen in der Sehnsucht nach dem „steirischen herbst“ der Nullerjahre gefangen, blieb unbelehrt: Die hellhörige Kulturpublizistik verhinderte im letzten Moment die Inthronisierung des deutschen Rabiatreformers Matthias Lilienthal, der nach Absenkung des Zulaufs unter 50 Prozent soeben von den Münchner Kammerspielen gefeuert worden war.

Deshalb regiert jetzt der fraglos fähigere Rau, dessen Prinzip der Tumult ist, erzeugt bevorzugt in „Kongressen“, die erwachsene Menschen zum Gerichtspielen an langen Tischen versammeln. Am Rand des heurigen Mottos „Republic of Gods“ sollte Thiel auftreten, nachdem schon ein Wunderheiler reglos ins Eröffnungspublikum geblickt hatte.

Und jetzt? Man möge über dem Begleitlärm das Programm nicht vernachlässigen, mahnt in unserer Umfrage der frühere Festwochen-Präsident Rudolf Scholten. Sein Wunsch ist mir Befehl, aber zur Klarheit führt mich das bisher Gesehene nicht: Den Maßstab setzen Diskussionen und großteils entbehrliche Performance-Projekte zweiter Ordnung.

Fest der Toten

Personen von Rang und Namen müssen im Idealfall verstorben sein, um zugelassen zu werden. Im Vorjahr wurde Peter Brook, heuer Robert Wilson gefeiert, beide mit posthumen Shakespeare-Gastspielen. Das größte Aufsehen erregte Hermann Nitsch in der Fortschreibung durch Florentina Holzinger (übrigens ein Projekt der Nitsch Foundation).

Doch, der große Regisseur Romeo Castellucci war eingeladen. Er verstörte 2013 das Festwochenpublikum mit einer Theaterperformance, in deren Verlauf Kinder ein Jesus-Bild attackierten. Ein Jahr später begleitete er Glucks „Orpheus“ mit den Live-Bildern einer Wachkomapatientin. Großartig war das, niemand wird das entrückte Lächeln der jungen Frau vergessen können.

Gern weitere fünf Jahre Rau, aber mit einem erstklassigen Musikdirektor zur Seite

Heuer? Setzten Castelluccis Assistenten in Dauerschleife je 50 maskierte Besucher ins Museumsquartier, wo man sich am Ende einer kuchlsurrealistischen Performance auf dem elektrischen Stuhl zu Tode zucken durfte. Ein fades, niemanden erschreckendes Nichts war das, als wäre Rau vom Kollegen über den Tisch gezogen worden.

Da sind wir schon mitten in der Kulturgeschichte. Intendant Bondy verantwortete 2000 das Erträumbare, als Christoph Schlingensief der schwarz-blauen Koalition den „Ausländer raus“-Container vor die Oper pflanzte. Gleichzeitig aber schuf der Chef im Akademietheater eine theaterhistorische „Möwe“ mit Gert Voss und Jutta Lampe.

Heuer? Wäre fast Peter Thiel gekommen, und im Akademietheater wurden Flüchtlinge und Behinderte als Mitglieder eines Laienchors vorgeführt, um beschämenden Agitprop zu produzieren.

Goldene Jahre

Vor mir liegt die Bilanzaussendung zu Ursula Pasterks letzten Festwochen 1990: Peter Brook war da, Klaus Michael Grüber, Jan Fabre, John Adams’ „The Death of Klinghoffer“, das erste Miniopern-Projekt von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth. Beide haben kürzlich in Hamburg das Fulminanzstück „Monster’s Paradise“ herausgebracht. Kann es sein, dass die Stadträtin via News eine künftige Einladung monieren musste?

Aber andererseits strömt das junge Publikum, und der 30-jährige Filmstar Felix Kammerer zeigte sich kürzlich via News begeistert von der Kraft des Gebotenen. Selbst der Skeptiker Michael Köhlmeier fordert Raus Verbleib: Man müsse Gegenpositionen aushalten, statt Erschießungskommandos zu formieren.

Die Schlussfolgerung? Gern weitere fünf Jahre Rau, aber mit einem erstklassigen Musikdirektor zur Seite, wie ihn auch Bondy und Bachler mit Dank arbeiten ließen. Der weltbeste wäre übrigens frei. Markus Hinterhäuser ist das, der soeben von Politdilettanten aus Salzburg expatriiert wurde. Da könnte das stolze roten Wien einmal eine Ansage gegen das Provinzlertum leisten.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.

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