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Looksmaxxing: Der Krieg gegen das eigene Gesicht

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Clavicular alias Braeden Peters

©GettyImages

Nachdem Frauen jahrhundertelang unrealistischen Schönheitsidealen zum Opfer gefallen sind, sind jetzt scheinbar die Männer an der Reihe: Hinter dem vermeintlich oberflächlichen Trend Looksmaxxing verbirgt sich eine problematische Vorgeschichte und eine gefährliche Ideologie.

„Gene sind alles, Persönlichkeit ist nur ein Trostpflaster.“ Was zunächst wie eine absurde Übertreibung klingt, bildet den ideologischen Kern einer Bewegung, die sich von einer kleinen Nischenszene zu einer großen Online-Subkultur mit zahlreichen Anhängern entwickelt hat: Looksmaxxing.

Doch was steckt dahinter und warum könnte die Bewegung gefährlicher sein, als sie auf den ersten Blick erscheint?

Spieglein, Spieglein an der Wand …

Looksmaxxing bezeichnet den Versuch, das eigene äußere Erscheinungsbild durch möglichst weitreichende Maßnahmen zu optimieren – von Hautpflege und Fitness bis hin zu Schönheitsoperationen oder der Einnahme von Steroiden. Dahinter steht die Überzeugung, dass Erfolg im Leben maßgeblich vom Aussehen abhängt. Eigenschaften wie Intellekt, Persönlichkeit und Empathie werden dabei in den Hintergrund gedrängt oder teilweise vollständig ausgeblendet. Entscheidend seien demnach allein Knochenstruktur, Körperfettanteil und Gesichtssymmetrie.

Ascend“, „Mog“, „Chad“, „Stacy“ und „Bone Smashing” sind nur einige der zahlreichen Neologismen, die in diesem Milieu entstanden sind. Hinter all diesen Begriffen steht letztlich dieselbe Botschaft: Menschen werden anhand ihrer vermeintlichen Attraktivität in eine Rangordnung eingeordnet.

Clavicular: Das Gesicht der Szene

Einer der bekanntesten amerikanischen Streamer und Influencer der Looksmaxxing-Szene nennt sich Clavicular. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der heute 20-jährige Braeden Peters aus New Jersey. Nach eigenen Angaben verbrachte er bereits während der Corona-Pandemie täglich mehrere Stunden in Looksmaxxing-Foren und spritzte sich im Alter von 14 Jahren erstmals Testosteron. Was als persönliche Fixierung auf das eigene Aussehen begann, machte ihn innerhalb weniger Jahre zu einer prägenden Figur der Szene. Mittlerweile erreicht er über verschiedene Plattformen mehr als eine Million Menschen.

Von seiner Anhängerschaft schlicht „Clav“ genannt, gilt er als einer der radikaleren Vertreter des Looksmaxxing. Bekannt wurde er vor allem durch besonders extreme Maßnahmen wie die Einnahme von Steroiden oder Schönheitsoperationen, die in der Szene unter dem Begriff „Hardmaxxing“ zusammengefasst werden. An sich sind solche Entscheidungen persönlicher Natur. Problematisch wird es jedoch, wenn er für junge Männer, die häufig ohnehin mit einem negativen Selbstbild kämpfen, zum Vorbild und Orientierungspunkt wird.

Von der Jawline zum Hitlergruß

Braeden Peters stand zudem mehrfach wegen misogynen Aussagen und seines Frauenbildes in der Kritik. Frauen bezeichnete er unter anderem als „foids“, „targets“ oder „slayables“ – abwertende Begriffe, die insbesondere in der Incel-Szene verbreitet sind. Zudem vertrat er öffentlich die Ansicht, Frauen sollten nicht arbeiten.

In seiner kostenpflichtigen Online-Akademie verbreitete er darüber hinaus Ratschläge zum Umgang mit Frauen, die von mehreren Medien als frauenfeindlich und teilweise als Aufforderung zu übergriffigem Verhalten eingeordnet wurden. So empfahl er Männern etwa, einer Frau so lange körperlich näherzukommen, „until your erection is her problem“, oder ihre Hand einfach zu „guiden“.

Die jüngsten Vorfälle rund um Clavicular zeigen jedoch, dass es längst nicht mehr nur um Selbstoptimierung geht. Mehrere US-Medien, darunter der Miami Herald und NBC Miami, berichteten, dass Clavicular im Jänner 2026 in einem Nachtclub in Miami gemeinsam mit mehreren bekannten Vertretern der amerikanischen Manosphere – darunter Andrew und Tristan Tate, Nick Fuentes, Sneako, Myron Gaines und Justin Waller – gefilmt wurde. Die Gruppe grölte das damals unveröffentlichte Lied „Heil Hitler“ von Kanye West und zeigte dabei mehrfach den Hitlergruß. Clavicular spielte den Vorfall anschließend herunter und bezeichnete ihn lediglich als „just a song“.

Ein Skandal jagt den nächsten

Nur wenige Monate später sorgte er erneut für Schlagzeilen. Unter dem Schlagwort „Israelmaxxing“ reiste Clavicular nach Israel, um sein nach mehreren Kontroversen beschädigtes Image aufzupolieren. Dafür inszenierte er sich öffentlich als Unterstützer Israels und begleitete die Reise ausführlich auf seinen Social-Media-Kanälen. Nach eigenen Angaben wollte er damit Israel einem jungen Publikum näherbringen und das Land in einem positiveren Licht darstellen.

Während seines Aufenthalts traf er unter anderem eine Soldatin der israelischen Streitkräfte (IDF), die in der Kommunikationsabteilung an den Social-Media-Kanälen der Armee arbeitete. Nach einem gemeinsamen Livestream, der heftige Kritik auslöste, wurde die Soldatin laut einem Bericht der „Jerusalem Post“ aus ihrer bisherigen Funktion abgezogen und in eine andere Einheit versetzt.

Seiner Anhängerschaft scheint all das jedoch weitgehend gleichgültig zu sein. Im Gegenteil: Jedes Mal, wenn Clavicular in die Schlagzeilen gerät, steigen seine Followerzahlen weiter. Die geringe Bereitschaft vieler Anhänger, sich kritisch mit den Inhalten auseinanderzusetzen, überrascht angesichts der Botschaften, die sie täglich konsumieren, kaum.

Die Büchse der Pandora

Doch Looksmaxxing ist keineswegs isoliert entstanden. Die Ursprünge liegen in der sogenannten Manosphere oder Incelosphere. In dieser Online-Community beklagen vor allem Männer, dass sie keine sexuellen oder romantischen Beziehungen finden – sei es, weil sie sich als finanziell benachteiligt sehen oder weil sie glauben, nicht attraktiv genug zu sein.

In den entsprechenden Onlineforen sind auch weitere problematische Ideologien wie ausgeprägter Sexismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit und Neonazismus weit verbreitet.

Looksmaxxing entwickelte sich in diesem Umfeld als eine Art Werkzeug: Ziel ist es, das eigene Aussehen so weit wie möglich zu optimieren. Gleichzeitig herrscht in Teilen dieser Szene die Überzeugung, dass die genetischen Voraussetzungen die entscheidende Rolle spielen und den persönlichen Handlungsspielraum begrenzen.

Erschreckende Parallelen

Nicht nur die Aushängeschilder der Looksmaxxing-Community werden mit rechtsextremen Persönlichkeiten und Ideologien in Verbindung gebracht. Auch das Schönheitsideal, an dem sich dieser Optimierungswahn orientiert, weist erschreckende Parallelen zum „arischen“ Idealbild eines „echten Deutschen“ auf.

Als besonders attraktiv gelten in beiden Fällen helle Augen, ein symmetrisches Gesicht, ein bestimmtes Verhältnis von Kopfbreite zu Kopflänge, eine ausgeprägte Kieferpartie und – insbesondere bei Männern – eine überdurchschnittliche Körpergröße.

Das bedeutet nicht, dass jeder Looksmaxxer dieses menschenverachtende Weltbild teilt. Innerhalb bestimmter Teile des Milieus wird jedoch weiterhin häufig von Begriffen wie „europäischen Merkmalen“ oder „genetischer Überlegenheit“ gesprochen. Diese Parallelen lassen sich nicht ignorieren, denn der Einfluss, den sogenannte Manfluencer und Streamer auf junge Männer und insbesondere Teenager ausüben, ist erheblich.

Schönheitsdruck kennt keine Grenzen

Obwohl auch im deutschsprachigen Raum bereits einige Content Creator auf den Trend aufgesprungen sind, etwa @Bramal.LooksLab, können sie mit der Reichweite von Clavicular oder Andrew Tate bislang bei Weitem nicht mithalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Selbstoptimierungswahn nicht längst auch in Österreich angekommen ist.

Im Gegenteil: Eine Studie von Saferinternet.at aus dem Jahr 2024 zeigt, dass 51 Prozent der österreichischen Jugendlichen gerne etwas an ihrem Aussehen verändern würden. 53 Prozent gaben an, aufgrund von Bildern in sozialen Medien bereits Veränderungen an ihrem Erscheinungsbild vorgenommen zu haben, 71 Prozent vergleichen sich dort regelmäßig mit anderen und 28 Prozent haben schon einmal über einen Schönheitseingriff nachgedacht.

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 © Saferinternet.at

Internationale Forschung zeigt, dass diese Entwicklung insbesondere bei Jungen und jungen Männern problematische Folgen haben kann. Eine 2025 in der Fachzeitschrift Body Image veröffentlichte Studie mit 1.553 Teilnehmern aus Kanada und den USA kommt zu dem Ergebnis, dass die regelmäßige Konfrontation mit muskulösen Körperbildern sowie Inhalten zu Nahrungsergänzungsmitteln und anabolen Steroiden in sozialen Medien signifikant mit Symptomen von Muskeldysmorphie (Bigorexie) zusammenhängt.

Keine Paradiesvögel

Viele Looksmaxxer argumentieren, dass es in nahezu jeder Subkultur auch radikalere Ausprägungen gibt und man deshalb nicht die gesamte Bewegung verurteilen dürfe. Dieser Einwand ist nachvollziehbar. Das Problem liegt jedoch nicht ausschließlich in den extremen Rändern der Looksmaxxing-Szene, sondern bereits in Teilen der grundlegenden Idee dahinter.

Der Gedanke, den eigenen Wert eines Menschen maßgeblich anhand biologischer Merkmale und äußerer Eigenschaften zu bestimmen, weist Parallelen zu sozialdarwinistischen Denkmustern auf: Die Prinzipien von Konkurrenz und „Überleben des Stärkeren“ werden auf die menschliche Gesellschaft übertragen.

Doch Menschen sind keine Paradiesvögel, die ihre Partnerwahl ausschließlich nach der Intensität ihrer Federfarben treffen. Sie sind auch keine Löwen, die Rivalen ausschalten müssen, um selbst zu überleben. Menschen verfügen über die Fähigkeit, nicht nur ihren Instinkten folgen zu müssen und andere nach weit mehr als nur äußerlichen Merkmalen zu beurteilen.

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