Vor dem antisemitischen Friedensnobelpreis verschlägt es mir die Schreibe. Aber der Literaturnobelpreis für die Kanadierin Anne Carson ist ein traumhaftes Plädoyer für die humanistische Bildung. Minister Wiederkehr geht derweil zur Abwechslung gegen die Geographie vor.
Zum antisemitischen Friedensnobelpreis – pervers wie der eben verliehene Westfälische Friedenspreis für die NATO – fällt mir nichts Abdruckbares ein. Aber den Kollegen von der Literatur ist einmal etwas gelungen: kühn und frei wie zuletzt 2019, als sie den Preis an Peter Handke vergaben, weil er der vielleicht größte lebende Schriftsteller ist. Und aus keinem Grund sonst.
Freilich, zum Deppen-Echauffieren wie damals kann die kanadische Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson, 76, nichts beitragen: Um den Nobelpreis als scharfe Intervention im Überlebenskampf der abendländischen Zivilisation zu verstehen, fehlt solchem Fachpersonal die intellektuelle Ausrüstung. Aber man vernimmt doch da und dort verhaltenen Unmut: Wenn schon Kanada, weshalb dann nicht Margaret Atwood, die mit ihren 86 doch unermüdlich für die Sache der Frau und gegen die Klimakrise unterwegs ist?
Schön und zuinnerst verstörend
Weil das (bei allem Respekt vor der großen, alten Dame) für die Bewertung von Literatur unerheblich ist. Lesen wir uns lieber in Anne Carsons magische Reiseberichte „Anthropologie des Wassers“ ein. „Am Fuß des Passes von Roncesvalles badet eine kleine Stadt. Abends gewittert es von den Bergen. Feuerbälle donnern durch die Stadt. Die Luft springt auf wie eine grüne Frucht. Unter meinem Hotelfenster ein Fluss (La Nive) mit einem recht großen Wasserfall. Als ich hinunterschaue, entdecke ich am Rand der Fälle einen dunklen Schemen, der in der Strömung mal hierhin, mal dorthin schlägt. Man könnte meinen, ein ertrunkener Hund. Es ist ein ertrunkener Hund. Ich stehe da, schaue hinunter, mir glüht der Verstand.“
Das ist Sprache, so schön und zuinnerst verstörend, wie große Literatur es verlangt. Oder das, themengleich mit Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ die Demenz des Vaters beschreibend: „Sprache und Stimme lagen entzweit in seinen Händen, und als er anfing zu sprechen, fielen sie zu Boden und kullerten auseinander wie Glockenschwengel.“
Das humanistische Erbe bleibt uns eingeschrieben, so tief in den Blödsinn der Zeit kann es gar nicht gesunken sein
Die unauslöschliche Antike
Die Akademie hebt besonders Anne Carsons lebenslanges Werk der Vermittlung zwischen der klassischen Antike und den Fragen der Moderne hervor. Ihr zweiteiliger Roman „Rot“ ist ein Langgedicht in freien Rhythmen, Protagonist ist der mythologische Riese Geryon, rot wie die Rinderherde, die ihm Herakles im Auftrag des Schurkenkönigs Eurystheus raubt.
Aber das Werk schwingt sich mit unergründlicher Leichtigkeit zu dem auf, was Analphabeten eine „Coming of Age“-Geschichte unserer Tage nennen würden: Das humanistische Erbe, so lehrt uns Anne Carson, bleibt uns eingeschrieben, so tief in den Blödsinn der Zeit kann es gar nicht gesunken sein.
Bücher von Anne Carson
„Rot“, ein Versgedicht in zwei Bänden, S. Fischer, € 26,73
„Anthropologie des Wassers“, Matthes & Seitz, € 23,50
„Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte – Berliner Rede zur Poesie“, Wallstein, € 16,50
Und Minister Wiederkehr
Zum Stichwort auf Christoph Wiederkehr zu kommen, widerstrebt mir aufrichtig, muss aber sein. Der Minister grübelt bis heute, wie das möglich war, dass die künstlerische, wissenschaftliche und intellektuelle Elite seine Vandalenakte gegen den Latein- und den Fremdsprachenunterricht unterbunden hat. Sein Ersatzangebot mit dem pauschalen Schwafeltitel „Demokratie und Medien“ ist in den Lehrplänen verschwunden, fast alle Schulen breiten es als Querschnittsmaterie über andere Fächer aus (wenn es dort nur nicht zulasten des werthaltigen Lehrstoffs auswuchert).
Dass allerdings die lateinische Sache deshalb gewonnen wäre, ist zu optimistisch gedacht. Schon seinerzeit hat sich Wiederkehr mit seinem Siamesischen Geisteszwilling Eva-Maria Holzleitner über die Marginalisierung des Latinums für Universitätsfächer verständigt. Die wird nun von juristischen Fakultäten vorangetrieben, obwohl das Wiener Institut für Römisches Recht Maßstäbe setzt: Die Unterweisung in den philosophisch-moralischen Grundlagen gewährleistet den Abgängern des Massenfachs ein nicht hoch genug einzuschätzendes humanistisches Fundament inmitten der Anfechtungen des Berufs.
Hier ist noch nichts entschieden, und die Klassischen Philologen freuen sich einer bis in die besten Stockholmer Kreise reichenden Sympathisantenschaft. Ob über eine solche auch die wackeren Geographen verfügen, ist zu bezweifeln.
Jetzt ist die Geographie dran
Lassen Sie mich deshalb einen Alarmruf weitertragen, mit dem sich die Freunde dieser nützlichen Disziplin an mich wenden. Schon im März verlautbarte der Minister, im Gymnasium sei ihm außer Latein auch die Geographie zuwider gewesen, welche sich daher zeitnah auf etwas gefasst machen müsse (da sind wir noch einmal davongekommen, stellen Sie sich vor, er hätte in der Volksschule mit dem Lesenlernen gekämpft).
Nun droht er, die Geographie in der gymnasialen Unterstufe zum nächsten Schwafeltitel, „Berufsorientierung und wirtschaftliche Bildung“, umzuwidmen. Da haben wir ihn wieder erwischt, unseren Bildungsverwüster: Junge Menschen sind nach neoliberalem Modell als funktionstüchtige Trottel in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen. Jede Art Weltläufigkeit, mag sie klassische oder fremde Sprachen oder ferne Länder und Kulturen betreffen, ist da kontraproduktiv.
Man könne, ließ der Minister wissen, all die Länder und Flüsse schließlich im Netz aufrufen. Da hat er recht. Noch besser lässt man sich im Sinne des Gleichgewichts des Schreckens von Putins Telegram und Musks X durch die Welt geleiten. Oder, um das Entsetzen auf die Spitze zu treiben, von @chriswiederkehr auf TikTok.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
