An vielen Beziehungen wird mehr herumgedeutet, als direkt kommuniziert wird. Warum denn nicht einfach nachfragen? Holger interpretiert dagegen lieber Stephanies Äußerungen willkürlich - als wüsste er am besten, was sie wirklich meint.
In meiner Praxis kämpfen viele Paare um die Deutungshoheit der Liebe. So auch bei Holger und Stephanie. Er beharrt darauf, exklusiv hinter ihre Fassade zu sehen. Er erklärt ihr nicht nur die Welt (wie man am besten mit Menschen umgeht, was ihr modisch wirklich steht, welche Frisur ihr schmeichelt, wie sie sprechen soll, gegen wen sie sich abgrenzen muss), sondern deutet ihre eigenen noch dazu verborgenen Absichten und Gedanken.
Stephanies tiefgründige Absichten sind Holgers Deutung zufolge alles andere als klar. Ein alltägliches Beispiel: Sie textet ihm, der in seiner Firma Mitarbeitergespräche führt, ihre momentane Befindlichkeit. „Ich geh jetzt in die Mittagspause, habe ein bisschen Kopfweh. Bis später.“ Daraufhin kommt nach zwei Stunden von ihm zurück: „Du willst also heute nicht ins Konzert. Dann nicht.“ Stephanies Versuche, Holger zu überzeugen, dass sie nicht absagen, sondern mit ihm nur ihre aktuelle Situation teilen habe wollen, so wie man das in einer Liebesbeziehung mache, prallen ab. „Hör auf mit deinen Schutzbehauptungen.“
Buchstäblich gegessen sind der mit Holgers Geschäftspartnern geplante Konzertbesuch und das anschließende Abendessen im Restaurant, zu dem er allein geht. Denn mit einer Frau, die kränklich sei und sich nicht richtig darauf freue, wolle er nichts unternehmen, so Holger in der Paartherapie.
Was passiert, wenn die Deutungshoheit in einer Partnerschaft von nur einer Person beansprucht wird? Sehen wir uns das anhand von zentralen Warnzeichen genauer an:
1. Deutungshoheit
Eine Beziehung ist asymmetrisch, wenn immer einer bestimmt, was wirklich gemeint ist, wobei es auch im Pingpong wechselseitig sein kann, sich zwei Personen gegenseitig fehldeuten und auf ihrer Sicht beharren, anstatt ihrem Gegenüber schlichtweg zuzuhören. Die andere Person fühlt sich dann von der Deutungsmacht überrollt. Achtung: Toxisch!
2. Schöpfungshoheit
Was in der Beziehung als wahrhaftig gilt, wird in diesem Fall auch jeweils nur von einer Person erschaffen. Den Rahmen und die Struktur gibt immer die Person mit der Schöpfungshoheit vor. Übersteigt das ein tolerables Maß einer „anderen Sichtweise“, ist die Psychodynamik der Beziehung nicht mehr im grünen Bereich. Dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um Gaslighting, wenn die Wirklichkeit nur eines Partners zählt.
3. Küchenpsychologie
Wie viele meinen, ihren Partner besser zu durchschauen als er sich selbst. Betroffene verstummen, wenn ihnen dauernd das Wort im Mund herumgedreht wird oder ihnen Absichten unterstellt werden, wie bei Holger, der Stephanie das Kopfweh als Vorwand unterstellt, um ihn abends nicht begleiten zu müssen.
Fazit: Echte Liebe ausgeschlossen
Eine andauernde einseitige Deutungshoheit schließt echte Liebe aus. Denn: Liebe geschieht auf Augenhöhe, dialogisch, durch achtsames Zuhören, Ausreden-Lassen und vor allem eine wohlwollende Grundhaltung statt Argwohn, Flucht nach vorne und Schuldzuweisungen. Hinter Holgers brachialem Verhalten stecken in Wahrheit verborgene Ängste vor Zurückweisung und Wertlosigkeit, weshalb er immer recht haben will.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.



