Beatles-Experte Ian Leslie über John Lennon und Paul McCartney, deren wechselnden Ruf und die Frage, warum McCartney erst Jahrzehnte nach Lennons Tod als Genie auf Augenhöhe anerkannt wurde.
John Lennon starb mit 40, Paul McCartney hatte Jahrzehnte, seine Sicht der Dinge zu erzählen. Hat sich das historische Gleichgewicht zwischen beiden dadurch verschoben?
Ja, allerdings nur sehr langsam. Für Pauls Ruf war es zuerst ein Nachteil, dass er derjenige war, der weiterlebte. Die Musikpresse liebte John und sah in ihm einen Helden der Gegenkultur. Paul dagegen galt als Enttäuschung, weil er scheinbar nichts lieber tat, als mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen zu sein. In den Siebzigern konnte man kaum uncooler sein. Diesen PR-Krieg hat er verloren. Nach Johns Ermordung verstärkte sich das. John wurde zu einer Art Heiligen, während Paul weiter abgewertet wurde. Erst in den vergangenen 20 Jahren hat sich sein Ansehen verbessert. Inzwischen ist weitgehend anerkannt, dass Paul ein Genie auf demselben Niveau ist.

Steckbrief
Ian Leslie
Der Brite arbeitete als Kommunikationsstratege, bevor er sich als Autor mit Psychologie, Kreativität und den Mechanismen menschlicher Beziehungen beschäftigte. In „Born Liars“ (2011) untersuchte er, warum Täuschung zum Zusammenleben gehört, in „Curious“ (2014) die Bedeutung der Neguier. „Conflicted“ (2021) thematisiert Streit als unverzichtbaren Teil von Beziehungen. Der lebenslange Beatles-Fan wandte diese Themen erstmals auf die große popkulturelle Geschichte zwischen John Lennon und Paul McCartney an.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
