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Lennon und McCartney: Die Wahrheit war komplizierter

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Im Jahr des großen Durchbruchs: Paul McCartney und John Lennon. Im März erschien „Please Please Me“, im November „With The Beatles“.©APA-Images

Genie und Spießer, Freunde und erbitterte Rivalen: Was wir über John Lennon und Paul McCartney zu wissen glauben, hält einer genauen Betrachtung nicht stand. Autor Ian Leslie hat mit „John & Paul" einen neuen Goldstandard für Beatles-Bücher geschaffen. Er erklärt die kreative Zweierbeziehung als Liebesgeschichte, die auch nach dem Ende der Beatles nicht vorbei war.

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Sie bezeichnen die Beziehung zwischen John Lennon und Paul McCartney ganz bewusst als Liebesgeschichte. Warum reicht das Wort Freundschaft für die beiden nicht?

Nun, ich habe sehr gute Freunde. Aber meine Beziehung zu keinem von ihnen gleicht auch nur annähernd der Beziehung zwischen John und Paul. Zwischen ihnen war etwas sehr viel Intensiveres und natürlich hing das mit ihrer Kreativität zusammen. Ihre Beziehung war intensiver, unbeständiger und komplexer als die meisten Freundschaften. Für mich ist sie deshalb eher eine Liebesbeziehung. Eine seltsame Romanze. Das Wort Freundschaft wird dem, was John und Paul hatten, nicht gerecht.

John Lennon und Paul McCartney durchliefen Phasen, wie man sie aus Liebesbeziehungen kennt, geprägt von Eifersucht, Unsicherheit über die Gefühle des anderen, Machtkämpfe. Meinen Sie das, wenn Sie von einer komplexen Beziehung sprechen?

Genau. Da waren Eifersucht und Unsicherheit, die Beziehung war nicht stabil. Auf diesem Intensitätsniveau konnte die Beziehung nicht dauerhaft bestehen. Es war eher eine Romanze, die wegen ihrer tiefen widersprüchlichen Gefühle irgendwann im Streit enden musste. Und es gab auch viele Spannungen und Schreiereien. Sie konnten sich nicht die Hand geben und sagen: „Es war großartig, mit dir zu arbeiten, bleiben wir in Kontakt.“ Es musste explodieren.

Was denken Sie, lag diesen Spannungen zugrunde?

Letztlich war es wohl die Chemie zwischen ihnen. Beide waren emotional sehr intensive junge Männer und hatten früh einen geliebten Menschen verloren, diese Erfahrung konnten sie miteinander teilen. Und beide hatten eine enorme Liebe zur Musik und zum Rock ’n’ Roll. Aus diesen Elementen entstand eine Beziehung, die Feuer gefangen hat.

Sie beschreiben, wie sie gemeinsam ihre Songs entwickelt und einander besser gemacht haben. Was konnte Lennon, weil McCartney mit ihm im Raum war – und umgekehrt?

Zunächst begegneten beide zum ersten Mal jemandem, der mit derselben Leidenschaft für Musik lebte wie sie selbst. Paul war technisch weiter: Er spielte sehr gut Gitarre, konnte Klavier spielen, erinnerte sich an Liedtexte und hatte eine enorme Begabung für Melodien. John selbst erzählte beeindruckt vom Treffen im Kirchensaal 1957, als Paul ihnen einen Eddie-Cochran-Song vorspielte und jedes Wort kannte. Er arbeitete hart, spielte gut, sah gut aus und begriff Dinge sehr schnell.

John wiederum brachte zu seinen musikalischen Fähigkeiten Kühnheit und enormes Selbstvertrauen mit. Er dachte: Wir können mit Musik machen, was wir wollen. Wir müssen sie nicht verehren, wir können sie verändern und etwas Eigenes daraus machen. Das zeigte sich später in seiner Fähigkeit, vollkommen wilde Klänge, Geräusche und Akkorde zu erfinden. Dieser Radikalismus – das Gefühl, alles machen und erfinden zu können – war etwas, zu dem Paul ohne John vermutlich nicht gelangt wäre.

Kann man bei einem Song sagen: Das ist ein John-Song und das ist ein Paul-Song?

Ja, absolut. Bei einigen frühen Songs wie „I Want to Hold Your Hand“ oder „From Me to You“ ist das schwieriger. Damals waren sie ständig zusammen und schrieben in Hotelzimmern, im Tourbus oder hinter der Bühne. Bei manchen Songs weiß man deshalb schlicht nicht, wer welchen Teil geschrieben hat. Bei den Songs danach ist es ziemlich klar: Meistens brachte einer dem anderen einen Song mit, und der half ihm, ihn weiterzuentwickeln. Dieser Anteil konnte zehn Prozent betragen, manchmal aber auch 40 oder 50 Prozent.

Und selbst wenn der andere weder Text noch Akkorde beisteuerte, war oft sein Beitrag im Studio entscheidend für den fertigen Song. Die gängige Erzählung lautet, dass sie nach 1963 oder 1964 im Grunde aufgehört hätten, gemeinsam Songs zu schreiben. Das sehe ich anders. Ihre Zusammenarbeit wurde informeller und subtiler, aber sie dauerte bis zum Schluss an. „Being for the Benefit of Mr. Kite!“ etwa ist ein John-Song, aber Paul steuerte einen beträchtlichen Teil zum Text bei. Auch in den letzten Jahren halfen sie einander noch, im Rahmen von „Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band“ sogar ziemlich häufig.

Wenn wir an Lennon als rebellischen Bohemien denken und an McCartney als fleißigen, dem Mainstream zugewandten Musiker, liegen wir falsch. Das beschreiben Sie. Müssen wir unser Bild von Lennon/McCartney grundsätzlich korrigieren?

Es gibt eine Reihe von Dingen, die wir falsch verstanden haben. Über die Intensität ihrer Beziehung, die unterschätzt wurde, haben wir schon gesprochen: Sie waren mehr als nur Freunde. Wir habe auch unterschätzt, wie eng sie zusammengearbeitet haben, selbst, als sie sich in den letzten Jahren persönlich nicht mehr besonders gut verstanden. Es wurde vor allem Pauls künstlerischer Beitrag lange unterschätzt. Er galt als der, der die hübschen Popsongs schrieb, während John als das große kreative Genie angesehen wurde. Heute ist weitgehend anerkannt, dass Paul ein Genie auf demselben Niveau war. Auch sein enormer Antrieb und Ehrgeiz waren für die Gruppe entscheidend. Umgekehrt unterschätzen wir Johns sentimentale Seite. Er konnte furchtbar zu Menschen sein, aber auch warmherzig. Auf eine Art war er emotional offener als Paul.

Haben diese beiden Männer Songs benutzt, um einander Dinge zu sagen, die sie sich als Männer nicht direkt sagen konnten?

Ja, das glaube ich. Als sie anfingen, gemeinsam Songs zu schreiben, waren sie emotional intensive junge Männer, geprägt von Verlusterfahrungen und Johns Leben war ausgesprochen kompliziert und chaotisch. Wenn Sie je ein Gedicht oder ein Lied geschrieben haben, wissen Sie, wie angstbehaftet der Moment ist, in dem man es jemandem anderen zeigt. Damit begannen sie sehr früh. Dadurch entstand zwischen ihnen ein emotionaler Kommunikationsweg.

Sie sprachen nicht besonders viel über ihre Gefühle, legten sie aber in ihre Songs und verarbeiteten sie gemeinsam. Dazu gehörten auch ihre Gefühle füreinander. So wurden Songs zu einem Mittel, Dinge auszudrücken, die sie einander persönlich nicht sagen wollten oder konnten: Zuneigung, aber auch Spannungen, Unsicherheit und Wut. Ein gutes Beispiel ist „How Do You Sleep“ aus 1971. Diese Art der Kommunikation zieht sich auf subtile Weise durch ihr Werk der sechziger und siebziger Jahre.

Ihre Beziehungen zu Frauen hat zwischen John Lennon und Paul McCartney viel verändert. Ist Yoko Ono so eine zentrale Figur, weil John in ihr etwas gefunden hat, das zuvor Paul verkörpert hat?

Ja, wobei diese Veränderung zwischen John und Paul bereits im Gange war. Ich glaube, beide spürten, dass ihre Beziehung Risse bekam und sie sich voneinander lösen mussten. Yoko und Linda wurden zu einem Weg, das zu tun. Diese Frauen wurden zu den großen Lieben ihres Lebens. Das war keine taktische Entscheidung. Aber es ist auch kein Zufall, dass beide fast zur selben Zeit ihre Frauen fanden und im Abstand von zwei Wochen heirateten. Und beide haben mit ihren Ehefrauen gearbeitet und Musik gemacht, was ziemlich einzigartig ist.

Es zeigt, wie eng für John und Paul kreative und persönliche Beziehung verbunden sein mussten. Beide konnten nur schwer von ihren Partnerinnen getrennt sein. Yoko war ständig mit John im Studio. Paul hat selbst gesagt, dass er und Linda während ihrer gesamten Ehe nur drei Nächte getrennt waren. Ich glaube, das spielte auch eine Rolle bei seiner Entscheidung für Linda und gegen Jane Asher, die selbst häufig auf Tournee war. Nicht, weil Paul keine berufstätige Frau wollte, sondern weil er mit dem Menschen, mit dem er zusammen war, möglichst immer zusammen sein wollte.

Das Buch

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Würden Sie sagen, dass für sie ohnehin der Zeitpunkt gekommen war, weiterzuziehen? Musste die Trennung irgendwann passieren?

Ja. Man kann ihre Beziehung wie eine instabile chemische Verbindung betrachten, die irgendwann explodieren musste. Statt zu fragen, warum sie sich trennten, sollte man eher fragen, wie sie so lange zusammenbleiben konnten. Diese Instabilität gab es zwischen John und Paul von Anfang an. Schon vor dem Plattenvertrag wären sie beinahe auseinandergegangen.

Paul wollte sich nicht von John dominieren lassen, nicht bloß sein Begleitmusiker sein. Später kamen weitere Spannungen hinzu. George wurde zunehmend zu einem eigenständigen Musiker, zugleich verdienten Lennon und McCartney deutlich mehr als George und Ringo. Für George war das durchaus ein Problem. Ich glaube deshalb, dass die Beatles sich irgendwann ohnehin getrennt hätten. Bemerkenswert ist eher, wie lange sie zusammenblieben.

John Lennons Attacken auf McCartney nach der Trennung der Beatles waren grausam. Trotzdem blieb Paul McCartney für die Öffentlichkeit der „Bösewicht“. Warum fiel sein aggressives Verhalten nicht stärker aufLennon zurück?

John bekam durchaus Kritik, gerade für den Song „How Do You Sleep?“ (von John Lennons zweitem Soloalbum „Imagine“ 1971). Selbst Kritiker und Fans, die ihn liebten, fanden, dass er zu weit gegangen war. Interessanterweise relativierte er den Song später: Er sei gar nicht wirklich über Paul, nur ein bisschen Spaß. Die Musikpresse liebte John nun mal und sah in ihm einen Helden der Gegenkultur.

Paul dagegen galt als Enttäuschung, weil er scheinbar nichts lieber tat, als mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen zu sein. In den Siebzigern konnte man kaum uncooler sein. Diesen PR-Krieg hat er verloren. Nach Johns Ermordung verstärkte sich das. John wurde zu einer Art Heiligem, während Paul weiter abgewertet wurde. Für ihn waren die Achtzigerjahre sicher sehr schwierig: Er verlor seinen früheren besten Freund und kreativen Partner, und gleichzeitig wurde sein Ruf weiter beschädigt.

Wenn wir die Solosongs aus den 70ern als eine Art Gespräch lesen: Was sagten Lennon und McCartney einander nach dem Ende der Beatles? Und wo stand dieses Gespräch, als Lennon 1980 ermordet wurde?

Anfang der Siebziger schrieben sie Songs, in denen sie ihre Wut aufeinander ausdrückten. John hatte völlig recht, als er auf „Ram“ (Anm: McCartneys zweites Soloalbum mit Linda McCartney) Botschaften an sich erkannte, auch wenn Paul das zunächst bestritt. Danach begann eine Phase der Versöhnung, etwa mit „Dear Friend“ (Anm.: Song von McCartneys Band Wings aus 1971).

Im weiteren Verlauf der Siebziger wurden die Songs dann zu ausgestreckten Olivenzweigen. Im Grunde sagten sie: Ich liebe dich immer noch, wir sind immer noch Freunde. Dinge, die sie einander sonst kaum sagen konnten. Sie bewegten sich wieder aufeinander zu, auch wenn ihre Beziehung keineswegs geklärt war. In Johns Interviews von 1980 spürt man diese Ambivalenz. Für mich liegt darin etwas sehr Trauriges: Er hatte noch nicht den Abstand gewonnen, um zu erkennen, was für einen wunderbaren Freund er in Paul gehabt hatte.

Ian Leslie

Steckbrief

Ian Leslie

Der Brite arbeitete als Kommunikationsstratege, bevor er sich als Autor mit Psychologie, Kreativität und den Mechanismen menschlicher Beziehungen beschäftigte. In „Born Liars“ (2011) untersuchte er, warum Täuschung zum Zusammenleben gehört, in „Curious“ (2014) die Bedeutung der Neguier. „Conflicted“ (2021) thematisiert Streit als unverzichtbaren Teil von Beziehungen. Der lebenslange Beatles-Fan wandte diese Themen erstmals auf die große popkulturelle Geschichte zwischen John Lennon und Paul McCartney an.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.

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