Die Architekturprofessorin und Wahl-Venezianerin über stille Gärten, besondere Lichtstimmungen, die heilende Kraft des Meeres und das Venedig jenseits der Touristenströme.
von
Frau Revedin, wo liegt für Sie die Seele von Venedig?
Meine Seele von Venedig liegt im kleinen Garten in der Calle dello Zuccaro, der Kürbisgasse, in dem wir wohnen dürfen. Hier zogen die Schwestern das Gemüse für die unheilbar Kranken im nahen Ospedale degli Incurabili, über das schon Joseph Brodsky schrieb. Er ist mein tägliches Geschenk.
Die alte Hanfpalme haben noch die Augustinerinnen gepflanzt. Die Oleander tuscheln des Nachts, wenn Wind aufkommt, und die Hortensien sind stolz auf unseren Garten-Star, den alle bewundern, die durch unsere Gasse gehen: einen Ginkgo biloba, den ich aus einer Nuss gezogen habe, die mir im Pariser Jardin des Plantes vor die Füße rollte. Goethes „Baum des Glücks“.
Wo soll man logieren, wenn man das wahre Venedig spüren will? Muss es in der Stadt sein? Oder kann es auch am Lido sein?
Es kann überall in der Lagune sein. Nur wer erlebt und erkennt, dass unsere fruchtbare Lagune die einst dicht besiedeltste Stadt des Mittelalters ernährte, dass sie ihre geniale Verteidigung und ihre offene Perspektive war, kann das Phänomen Venedig verstehen. Wenn Sie allerdings das Venedig von seinerzeit erleben wollen, dessen Sestieri Dörfer waren, in denen jeder jeden kannte und man sich gegenseitig mischte und unterstützte, kommen Sie auf den Dorsoduro, nach Castello, nach Canareggio.
Sie schildern in Ihrem Buch, dass Venedig die beste Kur gegen selbst gemachte Hektik sei? Wie ist das zu verstehen?
Die Zeit steht still, wenn Wind aufkommt, Starkregen, brütende Sonne, oder wenn das Wasser ansteigt. Die Vaproretti werden außer Dienst gestellt und wir gehen alle zu Fuß. Bitte Gummistiefel und Hut nicht vergessen! Wir leben direkt am Meer und die große Natur belehrt uns, wie klein wir Menschen mit unseren vermeintlichen Dringlichkeiten sind. Wie heilsam! Die Zeit ist uns geschenkt, nur die Hast ist teuer.
Sie fahren am liebsten mit dem Zug nach Venedig. Was ist das Besondere, am Bahnhof Santa Lucia anzukommen?
Ich komme gerne morgens an, da erlebe ich eine Stadt, die noch ganz bei sich ist. Ich treffe die Menschen, die hier arbeiten und leben, und unsere Stadt-Gäste, die inzwischen immer öfter und immer länger bleiben, genau, was Venedig verdient hat. Die „Eintagsfliegen“ nehmen seit der Verbannung der Kreuzfahrtschiffe und einem neu etablierten Off-Season-Kultur- und Wissenschafts-Tourismus dankenswerterweise ab.
Ist die Faszination für Sie nach all den Jahren ungebrochen?
Sie wächst von Tag zu Tag.
Sie verweisen im Buch auf Henry James‘ Essayband „Italian Hours“. Er beschreibt darin Venedig als einen Ort, der sich unaufhörlich in seinen Elementen spiegelt und auflöst. Wo kann man das erleben?
Sie nehmen das 6-er Vaporetto von den Zattere zum Lido und kreuzen über das Markusbecken. Da erleben Sie, was meine junge Gärtnerin Eri in „Die Gärtnerin von Venedig“ beim Ankommen in der Stadt erlebt.
Auszug aus „Die Gärtnerin von Venedig“ von Jana Revedin
Das Salute-Kloster und eine weitere langgestreckte Lagerhalle, die die Zollspitze sein musste, durch die einstmals die Waren aus dem Orient nach Europa gelangten, waren umschifft und das Vaporetto legte ein paar Knoten zu. Sie kreuzten in das offene Markusbecken. Ein Meer! Das Licht änderte sich von einem Augenblick zum nächsten, sie erlebten die volle Szenenbeleuchtung eines großen Opernfinales.
Klar, dass Tante Eri, die Opernbegeisterte, diese Stadt so sehr liebte. Eri beobachtete, wie sehr das Wasser nicht nur jeden Umriss, jeden Schatten widerspiegelte, sondern sie zum Flimmern, zum Schweben brachte. Es hatte selbst kaum eine Farbe, man konnte am ehesten sagen, es sei von einem diffusen Himmelblau, dem azzurro celeste, das Tizian, der venezianische Malerfürst, die Farbe ohne Zeit genannt hatte.
Eine Farbe, die sich von jeder Farbskala loslösen und verselbstständigen konnte, ja zu einem Zustand aufsteigen, zu einem Momentum. Rote Hortensienwolken konnten das. Oder Ahornkronen im Wind. Oder der fliegende Teppich frisch erblühten Heidekrauts.
Was hat es mit den Augen auf dem Hotel Excelsior auf sich, von denen Sie in ihrem Buch erzählen?
Meine Großeltern erzählten mir die Geschichte der „Augen“ bei unseren Spaziergängen am Lidostrand, jeden Januar meiner Kindheit. Ich muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein, als ich die Geschichte der Geburt des Filmfestivals zum ersten Mal hörte. Ich konnte mir eine Greta Garbo in „Menschen im Hotel“ gut vorstellen, denn meine Großmutter spielte sie so herrlich nach!
Warum ist das Betreten einer Schmelzhütte in Murano für Sie ein Initiationsritus?
Das Glasblasen ist wie Blumen, Sträucher oder Bäume pflanzen. Aus einem fragilen Setzling entsteht, obschon man das kaum annehmen kann, eine immer robuster werdende Struktur, deren Seele doch immer sichtbar und ertastbar bleibt. Und wie die Pflanzen sich selbst im Licht, im Grund und im Wasser entwickeln, ihren eigenen Charakter ausbilden, so tut das das Glas.
Ist eine Gondelfahrt nur etwas für Touristen?
Außer man ist Peggy Guggenheim.
Sie nennen Venedig in einem Kapitel die Stadt als Bühne. Verwandelt sich Venedig während der Filmfestspiele oder während der Biennale-Eröffnungen? Gibt so etwas wie ein offizielles und ein privates Venedig?
Das offizielle Venedig ist das private Venedig. Wenn zur Eröffnung der Biennale oder der Filmfestspiele alle Salons am Canal Grande erleuchtet sind und interessante, begeisterte Menschen durch die Gassen ziehen, ist Venedig glücklich: Die Stadt der Anderen, die stets alle Kulturen, Nationen und Religionen aufnahm, förderte und, wie Rilke so schön sagte, „zur Vollendung trieb.“
Ist dieses „private“ Venedig jetzt im November zu erleben?
Über den ganzen Herbst, den Winter und den Frühling. Nehmen wir nur die Karnevalswochen aus, denn leider ist dieses zutiefst venezianische Fest der sozialen Mischung, des Humors und des kulturellen Erfindergeists zum inhaltslosen Marketing- und Selbstdarsteller-Event verkommen.
Was mögen Sie am Herbst in Venedig besonders?
Das Licht. Im September und Oktober erleben wir Morgen- und Abendröte von großer Schönheit. Dieses schmeichelnde Licht kommt dann im Januar zurück, wie Joseph Conrad schrieb: Es war Januar, und das Wetter war prachtvoll – jenes sonnige Winterwetter, das noch mehr Zauber besitzt als der Sommer, weil es unerwartet kommt, klar und frisch ist und man weiß, dass es nicht dauern wird, nicht dauern kann. Es ist wie ein Geschenk des Himmels, ein Segen, ein unerwartetes Stück Glück. Jedes Jahr im Januar nahmen meine Großeltern mich mit nach Venedig und zu langen Spaziergängen am Lido …
Was löst die Bora in Ihnen aus? Was ist das Besondere an diesem Wind?
Er reinigt. Ich lasse alles stehen und liegen und fahre ans Meer.
