Als Architektin plädiert Jana Revedin für Nachhaltigkeit. Als Schriftstellerin garantiert sie der Branche Bestseller. Ein Gespräch über ihren Roman „Die Gärtnerin von Venedig", die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe aus der Lagune, ihre Vorbilder Max Frisch und Umberto Eco und das Prinzip Hoffnung
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In der internationalen Architekturszene ist Jana Revedin seit Jahrzehnten eine Instanz, wenn es um nachhaltiges Bauen geht. An der École Spéciale d’Architecture in Paris gründete sie eine Meisterklasse für experimentelle Designprozesse. Für die Buchbranche ist die 1965 in Konstanz, Deutschland, geborene Tochter einer Journalistin seit dem Erscheinen ihres ersten Romans „Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus“ (2018, über die Ehefrau von Walter Gropius) ein Garant für Bestseller.
Auch ihr jüngster Roman „Die Gärtnerin von Venedig“ erreichte wenige Wochen nach Erscheinen hinter Marc Elsberg Platz zwei der Bestsellerliste. Darin schildert die seit Jahren in der italienischen Lagungenstadt Wohnhafte, wie eine junge Frau um die Wiederbelebung der Flora in der Serenissima ringt. Wie sie das wirkliche Leben inspiriert, erklärt sie im Gespräch.
Frau Revedin, in den meisten Ihrer Romane stehen reale Personen im Zentrum? Auch bei diesem Roman?
Eine betagte Dame schrieb mir nach dem Erscheinen meines letzten Romans, den meine Mutter mir am letzten Tag ihres Lebens aufgetragen hat: „Der Frühling ist in den Bäumen.“
Sie meinen die Geschichte Ihrer Mutter, die Unsägliches erlitt, nämlich Missbrauch durch ihren ersten Ehemann. War es für Sie nicht hart, diesen Roman zu schreiben?
Ich brauchte gute zehn Jahre, um diese brutale Geschichte, die stark an die aktuelle Geschichte der Gisèle Pelicot erinnert, zu Papier zu bringen. Doch meine Mutter hatte das von mir gefordert: „Schreib das eines Tages auf, Kind. Für Frauen, die Ähnliches erleiden und die sich doch wehren können.“ Das war damals, im konservativen Deutschland der frühen 1950erJahre, alles andere als einfach. Aber lassen Sie mich auf „Die Gärtnerin von Venedig“ zurückkommen. Die betagte Dame, die mich anschrieb, lebt in Amsterdam und heißt Eri Jung. Sie eröffnete mir, dass sie die allererste Sekretärin meiner Mutter gewesen sei „... nach jenem unsäglichen Skandal und ihrem Mut, sich scheiden zu lassen und jenen Mann anzuzeigen.“ Ihre eigene Bewerbung bei meiner Mutter, erzählte sie mir, habe in Venedig stattgefunden – und sie müsse mir so viele Geschichten dazu erzählen, die bis in die Gegenwart reichen. Ich hörte natürlich zu. „Die Gärtnerin von Venedig“ ist das Ergebnis.
Schreib das eines Tages auf, Kind. Für Frauen, die Ähnliches erleiden und die sich doch wehren können.
Ist die Gärtnerin Eri Ihr Alter Ego?
Wenn Sie das so empfinden, bin ich geehrt! Tatsächlich wollte ich als Kind Gärtnerin werden. Mein Vater, Chirurg und junger Primar seines Krankenhauses, hatte einen einzigen Nachmittag in der Woche ein paar Stunden frei: am Donnerstag, dem „Gartentag“. Schon montags richtete ich seine und meine Gartengeräte her und bereitete alles vor. Meine Mutter, die darauf hoffte , dass ich eines Tages ihren Verlag und ihre emanzipierte Frauenzeitschrift „Lady“ – die erste im Nachkriegseuropa überhaupt – übernähme, freute sich über meine Liebe zu den Gärten, hatte doch Martin Heidegger, ihr Professor, alle seine Werke im Garten geschrieben. Noch heute sagen meine Töchter: „Am glücklichsten ist sie im Garten – und beim Schreiben.“
Gab es einen bestimmten Anlass, dass Sie diesen Roman jetzt geschrieben haben? Die Bepflanzung der Lagune?
Alles, was ich zu Venedig berichte und beschreibe, ist wahr und geschieht heute, vor unseren Augen. Die Stadt erlebt, wie sie das alle hundert Jahre vermag, eine Renaissance, genährt durch ihre eigenen Ressourcen und ihr zweitausendjähriges Erfolgsrezept: Nicht nur Schauplatz und Umschlagplatz von Waren zu sein, sondern Ort von Erfindungen: denken wir an die Lacktechnik, die Stuccomalerei, die schwebende Pfahlbaustruktur, den Terrazzo, die erstmals von Wänden abgelösten Gemälde „auf Canvas“, das Glas! Im letzten Jahrzehnt haben wir die Kreuzfahrtschiffe verbannt, das Hochwasser gezähmt, die Lagune nachgepflanzt – die Flora und Fauna ist lebendig und vielfältig wie seit 200 Jahren nicht, Delphine, Flamingos und Kormorane tummeln sich wieder in der Lagune, die Fischvielfalt hat man so nie gesehen. Der Industriehafen erfindet sich durch nachhaltige Leichtindustrie neu, ein Offshore-Hafen zur ökologischen Verwandlung von Ammoniak in grünes Hydrogen und Methan ist in Planung ... und die Stadt wird zur Heimat für Stiftungen und Assoziationen aus aller Welt, die Kunst, Kultur und Forschung hier ansiedeln. Ich nenne Venedig gerne „Die älteste Stadt der Zukunft“.
Max Frisch scheint Ihr Vorbild?
Ich liebe Max Frisch für seinen guten Blick auf Orte, seine Protagonisten und Atmosphären.
Ihr Philosophieprofessor und Schriftsteller Umberto Eco ebenso?
Umberto Eco ist mein erklärtes Vorbild. Wer wie er bindet uns ganz nebensächlich, ohne je belehrend zu sein, in ein profundes Wissen über Symbole, Archetypen und Erinnerungen ein?
Max Frisch: (1911-1971) Der Schweizer Schöpfer weltliterarischer Romane wie „Stiller" und„Homo Faber" war Architekt, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Gärtnerei und Schreiben?
Ich habe 30 Jahre lang nachhaltige und – wie meine Bauherren und Bewohner sagen – lebensfrohe Architekturprojekte geleitet und verantwortet. Das ist Teamarbeit. Mein Vater, Chirurg, lebte mir diese Teamarbeit vor. Und doch war mein Traum als Kind, Gärtner zu werden. Und zu schreiben. Wenn ich meine Mutter im Verlag besuchte, muss ich ihre Sekretärin Eri Jung, die jetzt eine Hauptrolle in „Die Gärtnerin von Venedig“ spielt, gebeten haben, mir ihren Schreibtisch zu überlassen. „Ich spiele Schreiben“, muss ich gesagt haben, und war nachmittagelang damit beschäftigt. Das Gärtnern und das Schreiben geschieht allein. Mit der Natur. Mit den Protagonisten, die mich rufen, und die dann mit mir machen, was sie wollen.
Was bedeutet es Ihnen, Geschichten zu erzählen?
Alles. In der Architektur erzählen wir Geschichten, doch sie sind von größter sozialer, ökologischer, ökonomischer und legaler Verantwortung. Sie geschehen im Dienst einer Stadt, eines Landes, einer Gesellschaft. In der Literatur kann ich mit viel einfacheren Mitteln Geschichten erzählen, ein paar Hundert Seiten zwischen zwei Buchdeckeln – sie sind leicht, sie schweben: reisende Nomaden, die über die Kontinente ziehen und die Seelen der Menschen bewegen.
Eines der zentralen Themen des Romans ist das Ergreifen von Chancen. Wie erkennt man die?
„Ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug“, zitiert unsere junge Heldin Eri im Roman Hilde Domin. Eri hat von ihrer Mutter gelernt, dass jeder Mensch einen Traum verdient, den man sich beharrlich erkämpfen muss. Wer mit dem Plan B beginnt, hat schon verloren. Was wir lernen müssen? Chancen zu verfolgen und zu ergreifen, aber auch Hilfe anzunehmen. Was die lernen müssen, die Erfahrung und Chancen weitergeben können? Damit großzügig zu sein.
Das Buch


In ihrem Roman „Die Gärtnerin von Venedig“ führt Jana Revedin eindrucksvoll durch das reale Leben der Serenissima und zeigt mit ihrer Heldin Eri, wie man beste Chancen im Leben erkennt.
Braumüller, € 20,99
Lassen Sie uns über Venedig sprechen. Leben Sie noch in dieser Stadt?
Ich habe meine Heimat seit 40 Jahren in meinem kleinen Hof in Kärnten gefunden, doch mein „Capitano“, einst Kapitän zur See und seit vielen Jahren Direktor des Hafens und Industriehafens von Venedig – eine Aufgabe, die einem Bürgermeister gleichkommt – lebt in Venedig und ich, wann immer ich kann, bei ihm. Die Verbannung der Kreuzfahrtschiffe, die Renaturierung der Lagune, die Transformation des Industriehafens, das Offshore-Projekt ... sind seine Lebensleistungen.
Im Roman ist davon die Rede, dass die Kreuzfahrtschiffe aus Venedig verbannt wurden? Hatten Sie nicht wesentlichen Anteil daran?
Wir haben sie nach Triest und Ravenna „weggelobt“. Es gab kurz vor der Covid-Epidemie einen Unfall, in dem ein Kreuzfahrtschiffim Giudecca-Kanal die Kontrolle verlor und beinahe den Stadthafen der Marittima in voller Kraft gerammt hätte. Endlich war ein Krisenszenario da, um das Transportministerium von der Dringlichkeit der Entfernung jener Mega-Schiffe aus dem historischen Stadtgebiet von Venedig zu überzeugen. Die UNESCO, für die ich seit Jahrzehnten als Berater für Nachhaltigkeit in wesentlichen Kommissionen arbeite, half der Hafendirektion. Von einem Tag auf den nächsten mussten die internationalen Reedereien neue Anlegestellen im Mittelmeerraum finden.
Im Roman heißt es, Venedig müsse ständig gerettet werden. Vor dem Massentourismus, vor der Invasion der Blaukrabben … Wie sehen Sie das?
Genau das möchte uns der Roman nahebringen: dass Venedig kein verlassenes Bühnenbild ist, sondern eine lebende Bühne. Die Serenissima rettet sich selbst. Warum siedelt sich ein zukunftsreiches Forschungs- und Heilprojekt im Ospedale al Mare am Lido an? Warum investieren die bestdotierten Kultur- und Kunstinstitutionen erneut – gute hundert Jahre nach Gründung der weltweit ersten Kunst-Biennale und des ersten Filmfestivals – in der Stadt?
Ist Ihr Roman auch als Plädoyer für Empathie zu verstehen?
Ohne Empathie sind wir verloren. Ich glaube an die Kraft der Erinnerung, an Wahlverwandtschaften, an das Prinzip Hoffnung.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 13/2026 erschienen.

Steckbrief
Jana Revedin
JANA REVEDIN wurde 1965 in Konstanz, Deutschland, geboren. Sie studierte Architektur und Städtebau in Buenos Aires, an der Princeton University, USA, und in Mailand. Promotion und Habilitation absolvierte sie an der Universität IUAV Venedig. An der École Spéciale d'Architecture in Paris gründete sie eine Meisterklasse. Ihr Debütroman „Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus" über Ise Frank, die Ehefrau des Architekten Walter Gropius, verschaffte ihr den Durchbruch als Schriftstellerin. Sie lebt in Venedig und Wernberg, Kärnten
Gewinnspiel
Gemeinsam mit dem Braumüller Verlag verlosen wir ein handsigniertes Exemplar von Die Gärtnerin von Venedig – persönlich signiert von Bestsellerautorin Jana Revedin.
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Teilnahmeschluss ist der 15. April.
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„Susanne Zobls beste Seiten“







