Heinz Sichrovsky
©Matt ObserveDer SPÖ-Kunstvizekanzler und sein parteifreundlicher Finanzminister haben weitgehend unwidersprochen die Liquidation des Kultursenders ORF III auf den Weg gebracht. Auch das formidable Radiosymphonieorchester wankt. Die Hoffnungen ruhen auf dem neuen General Clemens Pig.
Ein damals noch mittelgroßer Alb hat mich schon seinerzeit geritten, als sich Andreas Babler anlässlich der Regierungsbildung für kulturzuständig erklärte. Andererseits: Wer, so dachte ich, sollte das ihm Anvertraute besser schützen können als der Vorsitzende der Vizekanzlerpartei mit dem Finanzminister auf dem Sozius?
Jetzt erweist sich speziell die Babler’sche Personalunion in Kunst- und Medienbelangen als unheilvoll. Rechnet man noch Wissenschaftsministerin Holzleitner in den ideologisch innersten Kreis, nehmen die gegen Kunst und Wissenschaft arbeitenden Kräfte destruktive Ausmaße an.
Halbiertes Budget
Der Kultursender ORF III steht exemplarisch für den Umgang mit dem Ganzen. Was ihm in letzter Konsequenz droht, konnte ich auch nach mehreren Anfragerunden nicht ermitteln, man hofft noch auf den neuen General Clemens Pig.
Dabei gleicht schon das bereits Beschlossene zum Verwechseln der Liquidierung. In Kurzem wird das Produktionsbudget von bisher 15 Millionen halbiert. Die Folgen sind, dass man kaum noch produzieren und nur Fremdinhalte abspielen kann. Das Ausmaß, in dem hier gewütet wird, kann nur demonstrativ genannt werden: Von den 40 Millionen, die dem ORF ursprünglich als Sparvolumen auferlegt wurden, soll der in eine GmbH ausgelagerte Kultursender also 20 Prozent stemmen, obwohl sein Anteil am Gesamtbudget zwei Prozent ausmacht. Der Marktanteil von 3,5 Prozent wiederum liegt nur gering unter dem des erfolgreichen Senders ServusTV.
Und nochmals 90 Millionen
Mittlerweile haben sich die Ereignisse ins Apokalyptische entwickelt: Der ORF verliert zusätzlich 90 Millionen, weil er sich die Umsatzsteuer nicht mehr vom Finanzministerium zurückholen kann, wie es jeder Würstelbude zugestanden wird. Babler, offenbar mit dem Überleben ausgelastet, hat sich das vom Finanzminister widerspruchslos aufschwatzen lassen. Die noch amtierende ORF-Interimsgeneralin Thurnher hat dagegen Verfassungsklage wegen Aushebelung des öffentlich-rechtlichen Auftrags angekündigt.
Das ist lobenswert, doch hätte man vergleichbare Entschlossenheit schon früher begrüßt, als dem ORF zur Einsparung bloß 40 Millionen auferlegt waren. Die nunmehrige Generaldirektorin Thurnher hat ihre stürmische Spätkarriere im Jänner 2017 als Chefredakteurin des Spartensenders ORF III begonnen. 2021 übernahm sie die Radiodirektion, gleich mit der Ansage, dem Elitesender Ö1 „mehr Content als Köchel“ aufzuerlegen. Heißt: Das im Köchelverzeichnis geordnete Werk Mozarts sei auf seinen Platz hinter den unsterblichen Schöpfungen des Aktuellen Dienstes zu verweisen. Da verwundert es nicht, dass der Demontage des Kultursenders ORF III von Anfang an kein übertriebener Widerstand entgegengesetzt wurde.
Was dem Sender nun droht, ist ungewiss. Erklärtermaßen wird an einem „Kulturcluster“ gearbeitet, der das gesamte einschlägige Angebot in einer Hand sammeln und über den ORF ergießen soll. Auch Ö1 könnte dann zentral befüllt werden.
Was jetzt noch fehlt, ist die von der FPÖ geforderte ORF-Finanzierung aus Regierungshand. Dann haben wir, analog zum Erfolgsmodell Orbán, 2029 Vokaki-TV
Perspektivisch dunkel
ORF III mitsamt der zugehörigen GmbH ganz zu liquidieren, den Spartensender somit im Gesamt-ORF aufgehen zu lassen, brächte schon a priori interessante Herausforderungen: Der ORF muss seinem Auftrag entsprechend einen Kulturanteil von 20 Prozent anbieten. Auch um die Quote zu erfüllen, wurde 2011 der Sender ORF III gegründet. Wie und auf welchen Sendeplätzen man ohne ihn das Rundfunkgesetz zu erfüllen gedenkt, wird mit Interesse beobachtet.
Und selbst wenn er bestehen bleibt, kann er nicht mehr produzieren. Das halbstündige werktägliche Nachrichtenformat „Kultur heute“ um 19.40? Wohl unfinanzierbar, gerüchtehalber denkt man an die Durchschaltung der ZIB 1 auf allen drei Programmen. Wobei das Schicksal eines Abspielsenders zu Streaming-Zeiten mittelfristig absehbar wäre.
Die über Jahre geschlossenen Verträge mit Orchestern, Festivals und Sendern wie Arte und 3Sat? Kompliziert aufzulösen. Die jährlich 40 bis 50 Übertragungen, die mancher Kulturinstitution das (Über)leben erleichterten? Geschichte. Die Innovation „Wir spielen für Österreich“, die anno Corona die verzweifelnde Branche vor dem Zusammenbruch gerettet hat? Wurde unter Anleitung des Generaldirektors Wrabetz vom visionären Sendergründer Peter Schöber gegen das österreichische Nationaldogma „Geht ned“ umgesetzt.
Und das Orchester?
Die drittletzte Frage betrifft die ORF-III-Belegschaft, die überschaubare Bezüge mit atypischem Arbeitsaufkommen vergilt (und nicht etwa umgekehrt). Ihr jetzt an die Existenz zu gehen, wäre eine Infamie sondergleichen.
Die vorletzte richtet sich an den hoch besetzten Kulturbeirat des Senders, in dem Theaterdirektoren, Schriftsteller, Intellektuelle und Manager von Rang amtieren. Wann hört man von ihnen?
Die letzte betrifft das Radiosymphonieorchester RSO, das u. a. dem Theater an der Wien die Spielfähigkeit sicherstellt. Wann immer im ORF das Geld knapp wurde, hat man die Musiker in Geiselhaft befördert. Jetzt wird es ernst, angeblich sucht man ein „Trägerschaftsmodell“ mit Privatbeteiligungen.
Babler hat dem RSO übrigens zu Regierungsantritt auf News-Beharren den Bestand bis 2029 garantiert. Ebenso wie ORF III. Sollte das Orchester ähnlich gerettet werden wie der Sender, wird man ihm bald als Combo für Betriebsfeiern wieder begegnen.
PS.: Was jetzt noch fehlt, ist die von der FPÖ geforderte und von der ÖVP nicht mehr ausgeschlossene ORF-Finanzierung aus Regierungshand nach Abschaffung der Haushaltsabgabe. Dann haben wir, analog zum Erfolgsmodell Orbán, 2029 Vokaki-TV.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 45/2026 erschienen.
