ABO

Salzburger Festspiele: Die Elite stellt sich hinter Hinterhäuser

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
12 min
Artikelbild

Das Beste vom Besten. Markus Hinterhäuser mit den „Carmen“-Protagonisten Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman.

©Franz Neumayr

Der politischerseits skandalös abgesetzte Intendant Markus Hinterhäuser wird auf seinen Wegen durch Salzburg für sein exquisites Festspielprogramm akklamiert. Im nahen Schloss Fuschl traf einander ein eleganter Kreis von Künstlern und Wirtschaftsmagnaten zur Solidaritätsveranstaltung. Hinterhäuser wurde dort erstmals deutlich. Und für die Politik wird es eng

Vom elegant umschatteten Fuschl­see weht es so kühl über die Schlossterrasse, als hätte man der Hitze und Hektik der nahen Festspielstadt den Zutritt verwehrt. Die Anmutung einer Enklave vertieft sich beim Blick auf die Gesellschaft, die sich Samstagfrüh um halb zehn zusammengefunden hat: Hier trifft sich eine kompakte Abordnung des Besten, das um diese Jahreszeit in Salzburg umgeht.

Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman, die Protagonisten der gefeierten „Carmen“, sind gekommen, wenig später trifft der omnipräsente Jedermann Philipp Hochmair ein. Womit die drei Identitätsstifter der heurigen Festspiele der Einladung des bayrischen Industriellenpaars Gugger-Bessinger gefolgt sind.

Der veranstaltende „Passauer Kreis“ wurde 1986 von Wohlhabenden formiert und sammelt jährlich zur Festspielzeit für eine karitative Sache. Vereinszweck war und bleibt die Abwehr jeglichen Antisemitismus, unterstützt wird heuer die Salzburger Caritas.

Der Markus hat für das Festival gebrannt, er war das Gesicht und das Mastermind

Claudia Gugger-Bessinger

Beschämende Einmischung der Politik

Allerdings sei das Vereinsjahr 2026 mit keinem davor vergleichbar, hält die Gastgeberin fest. Gehe es doch darum, dem reuen Verbündeten Markus Hinterhäuser jene Ehre zu erweisen, die ihm die Politik abschneiden wollte.

Und in der Tat: Seit das als Festspielkuratorium agierende Politbüro den Intendanten im Februar wegen undefinierter Wohlverhaltensverstöße außer Dienst gestellt hat, wird er in Salzburg auf offener Straße akklamiert, während das noch von ihm gestaltete Programm Verkaufsrekorde bricht. Was er begangen hat, weiß niemand, angeblich hat er sich öffentlich über Landeshauptfrau Edtstadler lustig gemacht.

„Der Markus hat für das Festival gebrannt, er war das Gesicht und das Mastermind“, zürnt Claudia Gugger-Bessinger. „Ich finde es beschämend, wie sich die Politik mit unberufenen Händen in die Kunst einmischt. Es muss den verantwortlichen Personen bewusst gemacht werden, dass die Festspiele nicht ihr Privateigentum sind. Sie tragen eine Verantwortung und haben sich ihr auch zu stellen.“

Bei der Festgesellschaft macht derweil ein Bonmot die Runde: Politikabhängige Lokalmedien und Provinzpromis, die früher meterhoch gesprungen wären, um sich auf einem Foto hinter einem Namhaften zu verewigen, wollten sich mit der Landeshauptfrau keinen Ärger einwirtschaften und haben abgesagt.

Sie versäumen etwas, auch abgesehen von der exklusiven Gesellschaft. Denn Hinterhäuser, der seine Absetzung bisher nicht kommentiert hat, ist freudig echauffiert und kommt in seiner Dankadresse auf das Memorandum zu sprechen, das er und die seither schmerzlich vermisste Präsidentin Helga Rabl-Stadler im Corona-Sommer 2020 verabschiedet haben.

„Politische Kleingeistigkeit“

Die Welt stand damals still, aber die Festspiele sperrten unter riskanten Bedingungen auf und triumphierten über die Depression.

„Das Wichtige ist, dass wir in diesem Memorandum keine Selbstfeier veranstalten, sondern zum Ausdruck bringen wollten, was Festspiele sein können, sein sollten, vielleicht auch sein müssen: nämlich eine Haltung zur Welt. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wohin sollen sich die Festspiele in Zukunft bewegen, auch perspektivisch, damit es sie nicht nur 100 Jahre, sondern 150, 200 Jahre gibt? Einige Protagonisten, die glauben, auf die Festspiele großen Einfluss nehmen zu müssen, wird es sicher nicht mehr geben“, biegt Hinterhäuser dann auf die Brisanzschiene ein.

„Aber die Festspiele wird es geben. Sie waren ganz wesentlich ein politisches Projekt, ein Friedensprojekt nach dem Ersten Weltkrieg inmitten der sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe. Da gab es Menschen, die den Mut hatten, etwas ins Leben zu rufen, das heute noch Bestand hat. Und das sage ich jetzt bewusst: Es ist wirklich nicht in Ordnung, das Kostbarste, was Salzburg der Welt zu bieten hat, als Instrument politischer Kleingeistigkeit zu missbrauchen. Das ist ein sehr gefährlicher Vorgang. Das darf nicht passieren, da müssen wir alle achtsam sein, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Das sitzt, so wie auch Hinterhäusers Dank an Alt-Landeshauptmann Haslauer. Und die Akklamation kommt aus besten Kreisen. „Markus ist ein unglaublicher Visionär und Humanist“, rühmt Philipp Hochmair. „Das ist eine Qualität, die ein Festival dieses Ausmaßes ganz dringend braucht. Dass das auch noch mit so großem Erfolg und künstlerischem Wert verbunden war, das war eine absolute Win-win-Situation. Wie es jetzt zu der Tragödie gekommen ist, kann ich weder beantworten, noch kann ich mich einmischen. Aber den Kopf schütteln und mir das Ganze mit Schaudern ansehen, das kann ich.“

„Mein Freund und Mentor“

„Zunächst betrachte ich Markus als meinen Mentor bei meinem entscheidenden Sprung auf das höchste Niveau des Berufs“, erinnert Asmik Grigorian an die aufführungshistorische „Salome“ des Jahres 2018. „Und als Mensch ist er mir ein ganz enger Freund geworden. Dass ich heute beim größten und glänzendsten Opernfestival der Welt auftrete, ist ein großes Geschenk, für das ich ihm den Rest meines Lebens dankbar sein werde. Was ihm die Politik angetan hat, weiß ich nicht, ich war nicht dabei. Ich kann ihn nur als einen Künstler unterstützen, der mir und vielen anderen die schönsten Dinge ermöglicht hat. Deshalb sind wir heute alle hier.“

Und Hinterhäusers Freund, der Musiker Hubert von Goisern: „Seine Intendanz war eine gewaltige Zeit, und ich habe große Hoffnung, dass ich mir in Zukunft viel Geld erspare. Was jetzt geschehen ist, war eine unheilige Allianz zwischen dem Bürgermeister und der Landeshauptfrau. Dass sie sich in so was versteigt, war eine große Enttäuschung. Aber offensichtlich haben Machtanspruch und Eitelkeit gesiegt. Wir, die österreichische Gesellschaft“, lenkt dann der weltweise Musiker ein, „haben ja im Großen und Ganzen das Herz auf dem rechten Fleck. Leider sitzen einige sehr laute Leute an den Hebeln der Macht.“

Millionenklage gegen Politiker?

Als Zeichen offensiven Aufbegehrens haben die Passauer den derzeit aktivsten Widerstandskämpfer gegen die Provinznomenklatura Edtstadler (ÖVP) und Bürgermeister Auinger (SPÖ) eingeladen. Der Musikintellektuelle und Jurist Sven Hartberger hat die Abberufung Hinterhäusers im stürmisch nachgefragten Bändchen „Das Salzburger Große Affentheater“ dokumentiert. Soeben hat er gerichtlich erstritten, dass der Festspielfonds, bestehend aus Kuratorium und Direktorium, die Gesamtkosten des Willkürakts offenlegen muss.

Etwas mehr als eine Million werde das mit Hinterhäusers Abfertigung, der Gage der interimistischen Nachfolgerin Karin Bergmann und den bürokratischen Fixkosten schon sein.

Nun fordert Hartberger: Dem Gesetz entsprechend möge die betont Hinterhäuser-skeptische Festspielpräsidentin Kristina Hammer ihr eigenes Kuratorium, von dem sie im März gern verlängert werden möchte, auf Ersatz der vollen Million klagen. Zuzugreifen sei laut Präzedenzfall Gusi auf das Privatvermögen der Aufsichtsversager. Oder, ebenso reizvoll: Kulturminister Babler klagt die Summe mit der Finanzprokuratur namens der geschädigten Republik ein. Seinen eigenen Deputierten im Kuratorium stünden dann interessante Zeiten bevor.

Blurred image background

Anita Müller und Philipp Hochmair

 © FRANZ NEUMAYR

Das Votum der Milliardärin

Und da schon die Zahlen sprechen: Fünf Milliarden Euro! Die Sprache sollten selbst intellektuell genügsam ausgestattete Politiker verstehen. So hoch war zuletzt der Umsatz der Drogeriekette Müller. Gründergattin Anita Müller, Mitglied im „Passauer Kreis“: „Ich bin fasziniert, was Hinterhäuser in den letzten zehn Jahren mit den Festspielen gelungen ist. Deshalb will und werde ich die Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, nicht akzeptieren. Ich habe nämlich viel für Gerechtigkeit über. Ich habe nie verstanden, was da eigentlich passiert ist. Vielleicht geht es um persönliche Konflikte. Die wären hier allerdings vollkommen fehl am Platz.“

Den Festspielfördererklub hat die Milliardärin nach dem Hinterhäuser-Eklat dauerhaft verlassen und durfte deshalb seitens der Präsidentin lesen, sie sei ohnehin bloß ein Mitglied unterer Ordnung gewesen. Das Erstaunen war allgemein. „Dann wollte sie mich anrufen. Leider hatte ich keinen Termin frei.“

Der Nachfolger? Sie wird ihm jedenfalls durch ihre Anwesenheit eine Chance geben, um sich vom Gebotenen zu überzeugen.

Und würde Hinterhäuser ein Opernhaus, vielleicht wieder ein Festival leiten: Wäre sie wieder als Unterstützerin dabei? Auch in etwas größerem Ausmaß? „Mit Sicherheit“, sagt Anita Müller, der man zuzuhören pflegt, wenn sie etwas sagt.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 32/2026 erschienen.

Dossier Kunst & KulturKunst & Kultur
Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER