Unter dem Titel „Denk nicht, schau!“ feiert Wolfgang Hollegha († 94) im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden Deutschlandpremiere. Eine späte Wiederentdeckung eines großen Meisters.
Es sind monumentale Werke, die an den Wänden des 2024 eröffneten Privatmuseums Reinhard Ernst (mre) prangen. Die sogenannte „Kathedrale“ im mre ist ein quadratischer Raum von imposanter Höhe, der in seinen Proportionen an jene des Sommerateliers Holleghas am steirischen Rechberg bei Graz erinnert. Und damit an den Entstehungsort einiger der in Wiesbaden gezeigten, großformatigen Farbexplosionen – einem Dialog, in dem Verdichtung auf Reduktion trifft. Ab 1962 entstanden Holleghas Großformate im besagten, von Wald gesäumten Atelierturm nördlich von Graz. Der Kauf des alten Hofes und der Rückzug in die Natur markierten das Entsagen einer Weltkarriere. Seiner Weltkarriere.


© Marc Jacquemin
Ein OEuvre von Weltniveau
Denn Holleghas avantgardistische Singularität, in der sich Gesehenes und Empfundenes begegnen und ein höchst eigenständiges Narrativ von expressiver Farbigkeit und hohem Abstraktionsgrad formen, ebnet dem Guggenheim-Preisträger Ende der 1950er Jahre den Weg nach New York. Auf Einladung des bedeutenden Kritikers Clement Greenberg finden sich seine gestischen, farbgewaltigen Bildräume in der Kunstmetropole neben den Größen der Nachkriegskunst Amerikas wieder.
Gegenstand des Abstrakten
Obwohl ihm der Abstrakte Expressionismus in Übersee eine würdige künstlerische Heimat geboten hätte, fehlt es ihm in der Stadt an künstlerischer Inspiration. Denn die vermeintlich abstrakten Bildwelten des in Kärnten geborenen Wahlsteirers sind fest in der Realität verankert. „Ich bin kein abstrakter Maler“, sagte er einst über sich und seine Kunst. Holleghas Malerei entspringt stets einem Motiv – sie findet ihren Ursprung in der realen Welt. Oftmals in der steirischen Natur. Davon ausgehend, malte er, was er sah. Dabei beobachtete er so lange, bis Beobachtetes letztlich lebendig wurde. Eine Lebendigkeit, die er in eigener Ästhetik und künstlerischer Sprache auf den Bildträger bannte. So durchlaufen Holleghas künstlerische Ausgangspunkte eine Metamorphose, die das Offensichtliche ganz bewusst hinter sich lässt.


Steiermarks Landesrat Karlheinz Kornhäusl (rechts) reiste mit einer Deligation zur feierlichen Ausstellungseröffnung nach Wiesbaden.
© Marc JacqueminSpäte Wiederentdeckung
Das Museum Reinhard Ernst, das seinen Sammlungsschwerpunkt auf abstrakte Kunst richtet, widmet dem im Dezember 2023 verstorbenen Österreicher – bis 25. Oktober 2026 – nun seine erste große Deutschland Personale. Eine nachbarschaftliche Neuentdeckung ist diese aber keinesfalls. Viel eher eine späte Wiederentdeckung eines großen Meisters, der bereits 1964 auf der Documenta III in Kassel ausstellte. „Denk nicht, schau!“ ist eine posthume Würdigung, die beweist, dass Holleghas Werk von zeitloser Qualität nach wie vor neben großen, internationalen Namen wie etwa Helen Frankenthaler bestehen kann. Und wer weiß, vielleicht sieht man diese künftig öfter Seite an Seite.







