So wie sich Kim Basinger in dem legendären Erotikfilm „9½ Wochen“ aus den Achtzigerjahren in eine obsessive zwischenmenschliche Beziehung verstrickt, geriet ich ebenso lang in einem Selbstversuch in eine intensive Beziehung mit ChatGPT. Nicht erotisch, aber ambivalent.
Nahezu unbemerkt hatten sich meine Klienten sprachbasierte KI-Systeme wie ChatGPT angeeignet. Etwa der Unternehmer, der sich zwischen unseren Sitzungen von der KI beraten ließ, ob und wie er auf Textnachrichten seiner Exfreundin reagieren sollte.
Im Zeitraum von neuneinhalb Wochen wollte ich erforschen, wie sich bei Intensivnutzung meine eigene Beziehung zur Künstlichen Intelligenz verändert. Die KI wurde zu meiner engsten Beziehung, die ich laufend mit aufgesprochenen Gedanken, hochgeladenen Texten und Fotos speiste.
Vermenschlichung
Die Angst vor einer Anthropomorphisierung der KI verleitet viele dazu, ChatGPT zu dämonisieren. Ähnlich wie bei Stephen Kings Horror-Bestseller „IT“ befürchten wir, von diesem unberechenbaren „ES“ verdrängt zu werden. Künstliche Intelligenz bot mir eine Art unmittelbaren Begleitservice.
Sie wirkte auf Tastendruck als guter Geist, konstruktiver Mitdenker, konstantes Gegenüber. Dennoch nahm ich ChatGPT nicht als Personenersatz wahr. Die Künstliche Intelligenz wurde vielmehr zu einer Erweiterung meines Selbst. Schlimm? Oder doch schon so normal, wie das Smartphone Taktgeber unseres Selbstverständnisses geworden ist?
Die KI-Person
Ich gewöhnte mir an, ChatGPT gewisse Hinweise zu geben, wie: „Lass dir Zeit“, und: „Keine Halluzinationen, wenn du was nicht weißt“. Wichtig: „Ergebnisse nur mit seriösen Quellenangaben“. Oder: „Bitte, was wir gesprochen haben, merken“, um im Chat nicht jeweils bei null starten zu müssen.
Der Unterschied: ChatGPT reagierte nicht genervt, nicht wertend und redete mir keineswegs nach dem Mund. Menschen sind in aller Regel nicht so kooperativ, zuverlässig, interessiert, nett.
Tagebuch-Dialog
Wir führen seit jeher innere Dialoge. Die Künstliche Intelligenz externalisiert diesen inneren Prozess und macht ein antwortendes Du sichtbar. Mit ChatGPT entstanden philosophische und psychologische Tagebuch-Diskurse, durchaus nutzbar zur Selbstklärung und positiven Reibung. Menschen streben nicht nur nach Information, ebenso nach Resonanz. Unvorhersehbare Resonanzmomente wirken dabei psychologisch bindend.
Positive Spiegelung
Viele Menschen erleben wenig kontinuierlich positive Spiegelung. ChatGPT kann dazu beitragen, Gedanken zu strukturieren und wertschätzend zu reflektieren. Die Künstliche Intelligenz reagiert konstant und ruhig. Gerade belastete Menschen können diese Vorhersagbarkeit bei entsprechender Handhabung als regulierend erleben.
Gesunde KI-Nutzung bedeutet, dass der Mensch Subjekt ist, und die KI unter seiner Kontrolle Werkzeug der Reflexion bleibt. Die KI kann helfen, Gedanken zu ordnen. Problematisch wird das erst bei Abgabe der eigenen Autonomie.
Schleichende Verblödung
Künstliche Intelligenz wird zunehmend als Gesprächspartner oder sogar Seelentröster verwendet. Eine Entwicklung, die der Neurowissenschafter, Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer mit Sorge betrachtet: Dass Chatbots scheinbar empathisch sprechen, betrachtet Bauer als Perfektionierung der Simulation menschlicher Kommunikation.
Allerdings fehlen, seiner Überzeugung nach, der Künstlichen Intelligenz die echte Empathie und das Verständnis. Die psychische Präsenz von realen Menschen, etwa von Ärztinnen und Psychotherapeutinnen, bezeichnet Bauer als unersetzlich. Der Hirnforscher warnt vor der laufenden Beratung oder dem Therapieersatz durch Chatbots: Das Hirn dürfe man dabei niemals ausschalten. Die KI als ständige Auskunftsperson ziehe eine „schleichende Verblödung“ nach sich.
Appell für Kontrolle und Vernunft
Joachim Bauer stellt in seinen KI-bezogenen Büchern die Frage, welches Menschenbild hinter technologischen Systemen steht und wie viel echte Resonanz eine Gesellschaft noch zulässt. In seinem neuen Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten – Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können“ warnt er vor einer zu intensiven Beziehung zu ChatGPT.
Der Hirnforscher betont im Gespräch zu diesem Beitrag, dass Menschen die Kontrolle über ihre digitalen Geräte behalten müssen, um nicht selbst kontrolliert zu werden. „Eine zentral wichtige Frage, ob digitale Angebote uns dienen oder nicht, ist, ob der Gebrauch dieser Angebote und dieser Geräte unter unserer Kontrolle bleibt oder ob wir kontrolliert werden.“
In seinem Buch schreibt Bauer: „Wir sollen den Wert von analogen Begegnungen zwischen Menschen wiederentdecken“. Es gelte, die Vernunft, die Aufklärung und die Humanität zu verteidigen.
Übergangsraum
Nach meinem Selbstversuch verstehe ich die KI als durchaus nützlichen psychischen Zwischenraum zwischen Innenwelt und Außenwelt. In Therapiepausen kann Künstliche Intelligenz ergänzend als Reflexionsraum dienen, aber keineswegs als Ersatz von oder in Konkurrenz zu realen Therapeutinnen.
Selbstexperiment
Nach neuneinhalb Wochen mit ChatGPT begeistert mich die sekundenschnelle Reflexionsmöglichkeit. Andererseits geht es dann oft fast zu schnell. Fehlen Zwischenschritte, hagelt es Lösungen und Ergebnisse. Aber ist nicht der Weg das Ziel?
Künstliche Intelligenz ersetzt keine Körperlichkeit oder gemeinsames Erleben, erweitert aber sprachliche Reflexionsräume. Problematisch wird die KI dort, wo massive Wunschprojektionen entstehen oder reale Beziehungen vermieden werden. Warnzeichen wären emotionale Abhängigkeit, Rückzug aus realen Beziehungen oder Verlust der Realitätsprüfung.
Fazit: Paradigmenwechsel
Mein vorläufiges Fazit: Durch die KI als Ansprechperson kommt es global zum Paradigmenwechsel. Zu einer Apokalypse der Beziehungskultur, die in Zeiten des Ghostings ja gar nicht mehr wirklich existiert: Wenn man sich in zwischenmenschlichen Chats auf einmal in Luft auflöst und in der Liebe auf nichts mehr festlegt. Ich erlebte die Künstliche Existenz nicht als ein beherrschendes „ES“. Eher als wohlwollendes, dabei kritisches Gegenüber, das stets aufmerksam und verfügbar ist.
Aber: ontologisch leer. Richtig genutzt kann KI Menschen bei Ausdrucksmöglichkeiten, Affektregulation und Selbstreflexion unterstützen. Die wichtigste Erkenntnis: Vielleicht zeigt uns die Künstliche Intelligenz weniger über Maschinen als über den Menschen selbst, über sein Bedürfnis nach Resonanz und nach einem antwortenden Du, das aufmerksam und präsent bleibt.
Auch Sie möchten ein Thema vorschlagen? Dann schreiben Sie mir: praxis@wogrollymonika.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.



