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Fußball: Die Diktatur der Pfeife

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Der Italiener Pier Luigi Collina war der wahrscheinlich erste Superstar unter den Schiedsrichtern.

©Pressefoto Baumann, IMAGO

Ein schriller Ton entscheidet über Jubel oder Enttäuschung im Fußball.

Wenn am 11. Juni die Fußball-WM beginnt, gibt es kaum ein Geräusch in der Welt des Sports, das schneller die Aufmerksamkeit provoziert als der Pfiff des Schiedsrichters. 22 Spieler erstarren, Zehntausende im Stadion schreien auf, Millionen vor den Bildschirmen jubeln oder fluchen.

Zurufe, Handbewegungen, Taschentücher

Die Pfeife ist das akustische Machtinstrument jener Männer und Frauen in Schwarz, die mit einem einzigen, unüberhörbaren Ton Spiele unterbrechen, Entscheidungen durchsetzen, über Begeisterung oder Verzweiflung, Triumph oder Wut herrschen.

In den ersten Jahrzehnten des modernen Spiels im 19. Jahrhundert versuchten Schiedsrichter mit Zurufen, Handbewegungen oder winkenden Taschentüchern den Wettkampf zu kontrol­lie­ren. Auf staubigen Wiesen Englands, zwischen Fabrikschloten und Bierhäusern, brüllten Männer gegen Wind, Regen und pöbelnde Zuschauer.

Von den Umpires zum Referee

Zu Beginn stellte jede Mannschaft einen Vertreter, die Umpires, die an den Seiten des Spielfelds standen. 1871 tauchte zum ersten Mal der Begriff „Referee“ auf, der sich einmischte, wenn die beiden Umpire sich nicht einigten. Ab 1891 kontrollierte ein Referee alleine das Spiel.

Die Idee der Pfeife kam nicht aus dem Sport, sondern aus der Welt der Ordnungsmacht. Der Handwerker Joseph Hudson aus Birmingham wollte eine effektivere Pfeife für die Polizei entwickeln. 1883 stellte Hudson die „Acme Thunderer“ vor. Im Gegensatz zu früheren Pfeifen verwendete dieses Modell eine kleine Korkkugel im Inneren, die einen kraftvollen, trillernden Klang erzeugte. Der Fußball übernahm sie sofort. Zum ersten Mal angeblich beim Spiel Nottingham Forest gegen Sheffield Norfolk.

Der Klang der absoluten Autorität

Der Pfiff übertönte Lärm und Streit, beendete Missverständnisse und Diskussionen, ob der Schiedsrichter etwa gerufen, mit den Armen oder dem Taschentuch gewinkt hätte. Das Pfeifsignal war bald das Symbol absoluter Autorität der Referees. 1884 nahm „The Football Association“ sie offiziell in die Regeln auf – kein Spiel mehr ohne ­Pfeife.

Bei modernen Pfeifen liegt die Tonhöhe meist zwischen 3.000 und 4.500 Hertz – das ist der Bereich, den das menschliche Ohr auch bei größtem Lärm sofort wahrnimmt. Viele Modelle erzeugen mehrere Frequenzen gleichzeitig, damit wirkt der Klang aggressiv, schrill und beinahe bedrohlich. Manche Pfeifen überschreiten 120 Dezibel und sind lauter als ein Presslufthammer.

„Fox 40“: Die Pfeife, die immer funktioniert

Berühmte Modelle wie „Acme Thunderer“ oder „Fox 40 Classic“ entwickelten Kultstatus unter Schiedsrichtern und Schiedsrichterinnen. Besonders die kugellose „Fox 40“ setzte sich in modernen Stadien durch, weil sie bei Regen, Hitze oder eisiger Kälte funktioniert.

In der modernen Welt des Fußballs bleibt die Pfeife ein seltsam altmodisches Relikt. Während Sensoren messen, ob ein Spieler einen Zentimeter im Abseits steht, Trainer Künstliche Intelligenz einsetzen, um Spielszenen zu analysieren, hängt die letzte Autorität immer noch an einem simplen Luftstoß durch ein kleines Metall- oder Plastikstück mit einem Geräusch aus dem viktorianischen England.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.

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