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Fall Lindsay Clancy: Extremes Mitgefühl zur kollektiven Entlastung

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Das extreme Mitgefühl und die Identifikation mit Lindsay Clancy wirft grundlegende psychologische und ethische Fragen auf.

©GettyImages

Der Fall Lindsay Clancy löst weltweit extreme Anteilnahme aus. Doch warum wird die angeklagte Mutter zur Identifikationsfigur, während die drei getöteten Kinder in den Hintergrund geraten? Eine psychologische Analyse über kollektive Schuldabwehr, moralische Gewissheiten und die Grenzen des Mitgefühls.

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Die US-Amerikanerin Lindsay Clancy soll im Jänner 2023 ihre drei kleinen Kinder getötet haben. Ihre Verteidigung führte im ersten gescheiterten Prozess die Tat auf eine schwere psychische Erkrankung zurück und argumentierte, Clancy sei zum Tatzeitpunkt nicht zurechnungsfähig gewesen.

Der Fall polarisiert indessen weit über Amerikas Grenzen hinaus die Öffentlichkeit. Während Lindsay Clancy für manche zur Symbolfigur postnatal erkrankter Mütter geworden ist, werfen das extreme Mitgefühl und die Identifikation mit der Angeklagten grundlegende psychologische und ethische Fragen auf.

Kollektive Schuldabwehr

Der als Jahrhundertprozess bezeichnete Fall entfacht weltweite Anteilnahme und widersprüchliche Emotionen. Das Phänomen dahinter: Die Tötung von Kindern durch ihre eigene Mutter ist inakzeptabel und übersteigt jedwede menschliche Toleranzgrenze.

Das kann zu einem kollektiven Verantwortungsgefühl, sogar Schuldbewusstsein führen, wenn die Argumentation der Verteidigung auch nur annähernd zutrifft: Clancy sei von Medizinerinnen, Gesundheitssystem und familiärem sowie sozialem Bezugssystem nicht hinreichend wahrgenommen, mit ihrem Leid alleingelassen worden – und das trotz wiederholter Hilferufe der überforderten Mutter.

Sicherer Ort

Hinzu kommt, was das kollektive Schuldgefühl noch verstärken kann: Wenn das Vertrauen in die Familie als Ort des Schutzes und der Sicherheit erschüttert wird, entsteht ein schwer erträglicher Widerspruch zwischen dem vertrauten Bild fürsorglicher Mutterschaft und der Gewalt, um die es im Fall von Lindsay Clancy vor Gericht geht.

Das dringliche Bedürfnis nach Klärung lässt sich deshalb psychologisch als Versuch verstehen, schnellstmöglich die Ordnung wiederherzustellen und die noch so grausame Tat kontrollierbar erscheinen zu lassen, rational einzuordnen. Auf diese Weise können aufkeimende kollektive Schuldgefühle am ehesten abgewehrt werden.

Moralische Ordnung

Sozialpsychologisch betrachtet, verarbeiten Menschen unerträgliche, bedrohliche Informationen häufig so, dass ihr Weltbild und ihr Selbstverständnis davon möglichst unbenommen bleiben. Die Gerechtigkeitsforschung zeigt, wie tiefsitzend das menschliche Bedürfnis ist, erschütternde Ereignisse in eine nachvollziehbare moralische Ordnung einzufügen.

Für den Fall von Lindsay Clancy lässt sich daraus folgern: Eine überzeugende Erklärung verheißt psychologische Entlastung und Erleichterung, allerdings ohne dass damit alle Fragen beantwortet sind.

Paradoxe Identifikation

Betroffene Frauen erfahren wohl psychologische Entlastung und Erleichterung, seitdem postpartale Erkrankungen durch Clancys Fall öffentlich stärker wahrgenommen und diskutiert werden. Auslösend dafür war die Diskussion über Clancys leidvolle Erfahrungen mit Überforderung, Schlafentzug, Scham, Einsamkeit und unzureichender Unterstützung nach der Geburt ihres jüngsten Kindes. Solch enorme Resonanz kann gesellschaftlich wichtig sein.

Sie macht psychische Erkrankungen rund um Schwangerschaft und Geburt transparenter und verständlicher und kann dazu beitragen, dass Betroffene früher Hilfe suchen und von Familie und Gesellschaft ernst genommen werden. Psychologisch schwierig wird es dort, wo die Identifikation mit einer Angeklagten so intensiv wird, dass ihr Schicksal die Anliegen einer ganzen Gruppe repräsentieren soll – hier der Gruppe von postpartalen Erkrankungen betroffener Frauen.

Wir-Gefühl

Soziale Identifikation stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und kann Menschen in belastenden Situationen psychisch stabilisierenf. Wer sich in Lindsay Clancy wiedererkennt, verteidigt unter Umständen zugleich eine Vorstellung von sich selbst oder von Frauen, die sich vom Klischee perfekter Mutterschaft unter Druck gesetzt fühlen. Die Angeklagte kann dabei zur Projektionsfläche für Leid werden, das mit der konkreten Tat kaum noch eine Verbindung hat.

Drei tote Kinder

Die Hinwendung zu einer lebenden Person, deren Geschichte erzählt, erklärt und verteidigt werden kann, bietet schlichtweg mehr Handlungsspielraum als das Betrauern dreier toter Kinder. Man kann für die erwachsene Frau protestieren und demonstrieren, Argumente sammeln, sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen und auf einen positiven Prozess-Ausgang hoffen.

Die toten Kinder bleiben demgegenüber unwiederbringlich tot. Auch darin liegt eine mögliche Form kollektiver Affektregulation: Die kollektive Aufmerksamkeit verlagert sich auf den Teil der Geschichte, an dem sich noch etwas machen, gestalten und verändern lässt.

Der Verteidiger als Heilsfigur

Auch Clancys Verteidiger Kevin Reddington wurde selbst zum Gegenstand kollektiver Idealisierung. Berichte über Tausende TikTok-Beiträge, Spitznamen für den älteren Herrn und gefeierte Auftritte zeigen, dass sich seine Rolle über Lindsay Clancys juristische Vertretung hinaus mehr und mehr emotional auflud.

In einem Ohnmacht und Fassungslosigkeit auslösenden Fall verschafft ein streitbarer Anwalt stellvertretend ein Gefühl von Kontrolle. Seine rhetorische Sicherheit suggeriert Klarheit und Orientierung. Aus der Forschung über parasoziale Beziehungen ist bekannt, dass medial vermittelte Vertrautheit intensive emotionale Bindungen begünstigen kann.

Wechselnde Narrative

Im ersten Verfahren war für Clancys Verteidiger die fehlende strafrechtliche Verantwortlichkeit wegen einer behaupteten schweren psychischen Erkrankung zentral. Nach dem gescheiterten Prozess bestritt Reddington bei einer Anhörung Ende September auch, dass die Staatsanwaltschaft die Tatbegehung ausreichend bewiesen habe. Das kann nach außen widersprüchlich erscheinen, zumal die Verteidigung die Tötungen im Rahmen ihrer Argumentation zuvor nicht bestritten hatte.

Die strafprozessuale Aufgabe eines Verteidigers besteht allenthalben darin, die Beweisführung des Staates zu prüfen und zulässige Anträge im Interesse seiner Mandantin zu stellen. Die ethische Frage betrifft daher vor allem die öffentliche Wirkung. Wenn juristische Positionen zunächst als moralische Gewissheiten inszeniert oder als solche verstanden werden, kann eine geänderte Strategie paradox, sogar verunsichernd wirken.

Sündenbock

Nach der Spaltung der Jury mit elf zu einer Stimme verlagerte sich ein Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit auf den einzigen abweichenden Geschworenen, den sogenannten Holdout-Juror. Gegen ihn erhobene Vorwürfe werden aktuell rechtlich geprüft.

Sozialpsychologisch bedeutsam ist, wie schnell eine einzelne Person zum Träger kollektiver Enttäuschung werden kann. Die Sündenbockdynamik bietet einer Gruppe eine scheinbar greifbare Ursache für ein Ergebnis, das sie nicht akzeptieren möchte. Die Komplexität des Verfahrens konzentriert sich dann auf die Person, die einer erwarteten Einigung im Weg steht. Gruppendruck und Konformität sind menschlich. Aus ihnen folgt jedoch keineswegs, dass der abweichende Geschworene recht hatte oder dass die Mehrheit falsch lag.

Strafverfahren als Handelsware

Eine weitere ethische Grenze berühren Wetten auf den Ausgang des Gerichtsverfahrens. Das Wall Street Journal berichtete am 12. Oktober über erhebliche Einsätze auf den Clancy-Prozess. Auf Polymarket werden Verträge zu einer möglichen Verurteilung gehandelt. Die dort ausgewiesenen Handelsvolumina geben keinen Aufschluss über Gewinne oder Verluste einzelner Beteiligter. Belege für eine tatsächliche Beeinflussung der Geschworenen durch solche Märkte liegen nicht vor.

Die Forschung beschreibt, wie Interessen und Erwartungen die Auswahl und Bewertung von Informationen beeinflussen können. Im Strafverfahren ist eine solche Dynamik besonders ethisch brisant.

Das Unerträgliche ertragen

Die psychologische Versuchung dieses Falles liegt in der Aussicht auf ein Narrativ, welches das Entsetzen über den dreifachen Kindsmord auflöst. Eine schwere psychische Erkrankung könnte vieles verständlicher erscheinen lassen. Die Hoffnung auf einen gerechten Ausgang gibt einer Gemeinschaft Halt. Auch die Identifikation mit einem streitbaren Verteidiger oder die Empörung über einen Geschworenen kann vorübergehend entlastend wirken. Doch das Bedürfnis nach psychologischer Entlastung ist noch kein Maß für die Wahrheit.

Ob und in welchem Ausmaß Clancy zum Tatzeitpunkt strafrechtlich verantwortlich war, ist nur anhand der rechtlichen Maßstäbe und der Beweise zu beurteilen. Fragen nach Versorgungslücken und etablierten gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter verdienen jedenfalls ernsthafte Aufmerksamkeit. Die Würde der Kinder verlangt jedoch, dass ihre Lebensgeschichten nicht bloß zum verschwommenen Hintergrund einer Debatte über Schuld oder Unschuld der Mutter werden. Die schwierigste kollektive Herausforderung besteht wohl darin, mitzufühlen, ohne alles voreilig in eine weichgezeichnete Geschichte zu packen.

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