Während der juristische Ausgang weiter offen ist, werden ein abweichender Geschworener und der Vater der getöteten Kinder im Netz zu Projektionsflächen eines hoch emotionalisierten Falls.
Redaktioneller Hinweis
Dieser Beitrag geht von der Unschuldsvermutung aus und enthält keine eigene psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnose von Lindsay Clancy und keine Vorwegnahme des Gerichtsurteils. Monika Wogrolly kennt den Fall ausschließlich aus öffentlich zugänglichen Informationen. Die psychologische Einordnung beschreibt allgemeine Mechanismen und diagnostiziert keine Beteiligten. Patrick Clancy ist in der seriösen Berichterstattung Zeuge und Vater der Kinder, nicht Beschuldigter oder Verdächtiger.
Eine Frau, drei getötete Kind und noch immer kein Urteil: Nach dem weltweit für Aufsehen sorgenden und vorläufig gescheiterten Strafprozess von Lindsay Clancy in Massachusetts kam es bei der Anhörung am 29. September zu einem Paukenschlag: Ihr Verteidiger Kevin Reddington bestreitet nun, dass die Anklage ausreichend bewiesen habe, dass sie ihre drei Kinder getötet habe. Und: Ein einzelner Geschworener und der Vater der Kinder werden zu Projektionsflächen eines hoch emotionalisierten Falles
Kindstötungen
Am 29. September 2026 erschien Lindsay Clancy seit dem Scheitern ihres Strafprozesses erstmals wieder vor dem Plymouth Superior Court. Sie soll ihre drei Kinder am 24. Januar 2023 im Haus der Familie in Duxbury, Massachusetts mit Fitnesstrainingsbändern stranguliert haben, während ihr Mann Patrick Clancy unterwegs war, um Medikamente und das Abendessen zu holen.
Die fünfjährige Cora und der dreijährige Dawson wurden noch am selben Abend für tot erklärt; der acht Monate alte Callan starb drei Tage später im Boston Children’s Hospital.
Kehrtwende der Verteidigung
Und dann der Paukenschlag: War im ersten Strafprozess die ursächliche Verknüpfung von Lindsay Clancy mit dem Tod ihrer drei Kinder von ihm nicht in Frage gestellt worden, entwickelt ihr Verteidiger nun ein völlig neues Narrativ: Kevin Reddington zufolge habe die Staatsanwaltschaft noch nicht ausreichend bewiesen, dass sie die Kinder getötet habe. Ein Wendepunkt in der Verteidigungsstrategie. Im ersten Prozess hatte Anwalt Kevin Reddington die Tötungshandlungen noch nicht bestritten.
Polarisierung
Der von seinen Fans als „Big Red“ auf Social Media gehandelte Reddington wurde gleichsam zum kollektiven Symbol hingebungsvoller Einsatzbereitschaft, zugleich eine Art Vaterfigur und Superstar und für Kritiker zum Feindbild. Er hatte im gescheiterten Prozess festgehalten, Clancy sei wegen schwerer psychischer Erkrankung, in dem Fall wegen einer postpartalen Psychose, nicht strafrechtlich verantwortlich gewesen.
Staatsanwältin Shanan Buckingham bezeichnete seine neue Argumentation, es sei nicht ausreichend bewiesen, dass Lindsay Clancy ihre Kinder getötet habe, als „laughable“, sinngemäß als absurd, und setzte hinzu, die Beweise zeigten ein bewusstes Vorgehen bei Lindsay Clancy.
Vom Holdout zum Feindbild
Seit dem 11:1-Abstimmungsergebnis der Jury richtet sich enorme Aufmerksamkeit auf den einzigen „Holdout Juror“ Michael Desronvil. Elf Geschworene hatten für „nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit“ gestimmt und nur ein Geschworener hielt hartnäckig und unbeirrbar dagegen. Mittlerweile beantragt die Verteidigung eine Untersuchung des Verhaltens von Michael Desronvil und seiner Äußerungen. Ob daraus rechtlich relevantes Fehlverhalten folgt, bleibt abzuwarten.
Die kollektive Feindbild-Konstruktion lässt jene, die den Juror zu einem Fürsprecher der getöteten Kinder und zum Helden ernannten, um dessen Sicherheit bangen. Ganz gleich auf wessen Seite man ist: Ein abweichendes Votum sollte einen Geschworenen nicht automatisch zum Sündenbock machen.
Rollenzuschreibung zur Emotionsregulation
Psychologisch ist die Dynamik bemerkenswert: Hoch emotionalisierte Konflikte wie der um Lindsay Clancy erzeugen ein kollektives Verlangen, ja ein dringliches Bedürfnis nach emotionaler Regulation durch klaren Rollen. Komplexität wird leichter erträglich, wenn es eine Heldin und einen Schuldigen oder „Störenfried“ gibt. Gruppenpolarisierung und moralische Empörung manifestieren in dem Zusammenhang etablierte Glaubenssätze und Überzeugungen.
Patrick Clancy als Projektionsfläche
Auf Social Media grassieren Verschwörungstheorien über Lindsay Clancys Exmann als dem geheimen Mastermind der Tötungen oder eigentlich Schuldigen. Der Vater der getöteten Kinder war aber im Zeugenstand und nicht als Beschuldigter vor Gericht. Im Verfahren wurde er nicht als Täter oder Verdächtiger geführt. Dennoch kursieren online Überlegungen über eine mögliche Beteiligung.
Patrick Clancys Anwälte verwehren sich gegen eine sich zuspitzende Diffamierungskampagne und kündigten bereits rechtliche Schritte gegen Influencer an, die Patrick öffentlich verdächtigen. Doch auch Lindsay Clancys Verteidiger Reddington wies Spekulationen über Patrick Clancys Schuld ausdrücklich zurück. Psychologisch liegt nahe: Wo ein unerträgliches Phänomen wie die Tötung von drei Kleinkindern emotional überfordernd bleibt, steigt umso mehr das gesellschaftliche Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Ordnung.
Ohnmacht
Der gescheiterte erste Prozess brachte weder Freispruch noch Verurteilung. Lindsay Clancy ist weiterhin wegen Mordes angeklagt und befindet sich in einem psychiatrischen Krankenhaus. Ob es einen zweiten Prozess, eine Einigung oder keine Neuverhandlung geben wird, ist offen.
Richter Sullivan hat über den Antrag auf Freispruch noch nicht entschieden. Der Fall bleibt juristisch ungelöst. Er ist ein sozialpsychologisches Exempel darüber, wie es schwer unserer Gesellschaft fällt, kollektive Ohnmacht und Ambivalenz zu akzeptieren. Und vieles nicht zu verstehen und schon gar nicht sicher zu wissen.
Wichtiger Hinweis & Hilfsangebote
Wenn Sie sich in einer Krise befinden oder Suizidgedanken haben, holen Sie sich bitte Hilfe. Sprechen Sie mit Menschen, die Ihnen helfen können. Die folgenden Stellen bieten kostenlose, anonyme und professionelle Beratung rund um die Uhr:
Telefonseelsorge: 142 (Notruf für Erwachsene, gratis aus ganz Österreich)
Rat auf Draht: 147 (Notruf und Beratung speziell für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene)
Männernotruf: 05 76 77 (24 Stunden erreichbar)
Eine detaillierte Übersicht aller Bundesland-Hotlines und Krisendienste bietet die Website des Kriseninterventionszentrums Wien sowie das Gesundheitsportal des Bundesministeriums.
