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Prozess gescheitert: Warum Lindsay Clancys Fall zugleich Hoffnung und Gefahren birgt

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Lindsay Clancy und ihr Anwalt Kevin Reddington

©APA-Images, Josh Reynolds, AP

Der Fall von Lindsay Clancy geht auch nach Prozessende viral. Die Sozialen Medien borden über an Verschwörungstheorien und wachsender Anteilnahme, ja Bedauern für eine Frau, die ihre drei Kinder tötete und seit einem Suizidversuch im Rollstuhl sitzt. Clancys weltweit diskutierter, polarisierender Prozess endete jetzt ohne Urteil.

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Nach über sechsunddreißig Stunden Beratungszeit blieb die Jury gespalten: Elf Geschworene standen nur noch einem einzelnen gegenüber. Kaum war am 4. September 2026 der „Mistrial“ (Fehlprozess, Anm.) öffentlich ausgerufen, schien für viele ein neues Feindbild, für andere ein neuer Held gefunden: Jener einzelne – wie es ausdrücklich in den Meldungen heißt: – männliche Geschworene, der sich der Mehrheit nicht anschloss.

Hoffnung für vergessene Mütter

Was rund um diesen Fall geschieht, wirkt wie ein gesellschaftliches Drama, wobei sich Täterschaft, Opferstatus, Psychiatriekritik, Mutterschaftsideal und mediale Inszenierungen eigendynamisch in einer durch Social Media verrührten Knetmasse vermischt haben.

Clancys Verteidiger Kevin Reddington trat gegenüber Sachverständigen und Zeugen der Anklage äußerst streitbar auf, während er seine Mandantin zusehends von der Täterinnen-Rolle befreite. So konnte Clancy stillschweigend für viele Mütter zur Vorreiterin des Themas Wochenbettdepression werden. Und wird jetzt von vielen betroffenen Frauen schließlich nicht als der dreifachen Kindstötung Angeklagte, sondern als missverstandene, alleingelassene Patientin mit nicht erkannter Wochenbettpsychose wahrgenommen.

Frauen reisten aus anderen US-Bundesstaaten eigens nach Massachusetts, um Lindsay Clancy ihre Solidarität zu bekunden

Die Frau, die ihre Kinder tötete, gibt vergessenen Müttern Hoffnung: Hoffnung auf öffentliche Wahrnehmung und eine bessere Versorgung, Hoffnung auf Empathie und Unterstützung. Damit verschob sich der Fokus der Aufmerksamkeit von den drei getöteten Kindern und zu der Frage, ob Clancy selbst Opfer eines versagenden psychiatrischen Versorgungssystems geworden sei.

Bei Clancys Anhängerinnen kam es zum Phänomen der Identifikation mit „einer allein gelassenen Frau unter Perfektionismus-Druck“ und ihrer Idealisierung. Clancy wurde darauf von pink gekleideten Anhängerinnen zum Gericht eskortiert. Frauen reisten aus anderen US-Bundesstaaten eigens nach Massachusetts, um Lindsay Clancy ihre Solidarität zu bekunden. Etliche berichteten von eigenen postpartalen Krisen, Suizidgedanken oder Erfahrungen, von medizinischen Einrichtungen nicht ernst genommen zu werden. Eine Anhängerin formulierte über Clancy sinngemäß, sie könne „jede von uns“ sein.

Strafprozess als soziales Drama

Lindsay Clancy hat nicht bestritten, ihre Kinder Cora, Dawson und Callan getötet zu haben. Die entscheidende Frage, ob sie zum Tatzeitpunkt strafrechtlich verantwortlich war, konnte auf Grund des einen Geschworenen, der sich der Mehrheit nicht anschloss, nicht geklärt werden. Clancys Verteidigung pochte vehement darauf, Lindsay Clancy sei zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen, sie habe an einer postpartalen Psychose gelitten.

Die Staatsanwaltschaft sah hingegen bewusstes, zielgerichtetes und planmäßiges Handeln in der Abfolge der Begebenheiten. Nach sieben Wochen Prozess und langwierigen  Beratungen gelangte die zwölfköpfige Jury aus neun Frauen und drei Männern nunmehr zu keinem einstimmigen Ergebnis. Richter William Sullivan erklärte schließlich den „Mistrial“. Nun liegt der Fall auf Eis, wird wohl erst Ende September ein weiterer Ausblick geschaffen: Der Strafprozess kann, er muss aber nicht neu aufgerollt werden.

Gut und Böse

Psychologisch erwiesen ist: Menschen halten Ambivalenz schlecht aus. Nicht zu wissen, woran man ist, etwas oder jemanden nicht einordnen zu können, erzeugt Unbehagen und lässt eine Gedankenschleife offen. Die Realität ist aber nicht binär wie im Märchen. Eine Person kann psychisch krank, verzweifelt und möglicherweise unzureichend medizinisch behandelt worden sein und zugleich eine unfassbar schreckliche Gewalttat begangen haben.

Dichotomes Denken erleichtert um die psychologische Spannung, in die uns Widersprüche versetzt. Aus facettenreichen, im Wesenskern schwer greifbaren Menschen werden Opfer oder Täter modelliert, Helden oder Bösewichte, Retter oder Versager, anstatt die Widersprüchlichkeiten zu akzeptieren. Die Wirklichkeit in ihrer Schärfe erscheint dann leichter aushaltbar und – eben wie im Märchen – überschaubarer.

Solch eine dualistische Entwicklung bildete sich im Fall Clancy im Verlauf des Gerichtsprozesses immer deutlicher ab: Verteidiger Kevin Reddingten wurde zur väterlichen Heilsfigur aller vergessenen Frauen, die an postpartaler Depression und Psychose litten. Mehr noch wurde er zum Übervater und Ausgleichsregulator eines verstörten Kollektivs. Der Slogan: „Lindsay, same“ und Solidaritätsbekundungen vor dem Gerichtsgebäude bestätigten Reddingtons Bild einer liebenden Mutter, die unermüdlich Hilfe gesucht habe und von einem fragmentierten Versorgungssystem nicht ausreichend behandelt worden sei.

Polarisierungsprozess

Bei einem Polarisierungsprozess wie im Fall von Lindsay Clancy werden von gleichgesinnten Gruppen radikale Positionen nicht nur bestätigt, sondern häufig noch weiter verstärkt. Online-Kommunikation unterstützt diese Dynamik, wobei sich soziale Identitäten über ein gemeinsames Narrativ und die Abgrenzung von einer feindlichen Community heranbilden.

Kindstötungen

Je stärker eine Person mit Clancys Geschichte heroisiert wird, desto größer ist die Gefahr, dass die getöteten Kinder mit der Täterin gemeinsam Opfer sind. Die Kinder wurden stranguliert, was für das soziale Gewissen wohl viel schwerer verkraftbar ist als Lindsay Clancys Verwandlung zur missverstandenen Heldin.

Eine Psychose kann Verantwortlichkeit aufheben, macht jedoch die Gewalt nicht ungeschehen. Postpartale Depression, intrusive Gedanken oder eine postpartale Psychose können Kindstötung niemals schlüssig und erklärbar machen. Von diesen Erkrankungen betroffene Frauen werden in ihrer überwiegenden Mehrheit nie gewalttätig. Ein Fall wie Clancys darf nicht zur scheinbaren Conclusio einer allgemeinen Reflexion erschöpfter Mütter werden.

Werther-Effekt

Wie sensibel der öffentliche Umgang mit Clancys Fall sein muss, zeigt ein aktueller Fall aus Illinois: Die Anklage gegen Corie Walsh aus Frankfort Anfang September wegen des Todes ihres zweijährigen Sohnes. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte Walsh sich unmittelbar vor der Tat intensiv mit dem Lindsay-Clancy-Verfahren beschäftigt, noch wenige Stunden zuvor in einem Gruppenchat mitdiskutiert. Ermittlern soll sie erklärt haben, sie habe zum Tatzeitpunkt ihren Sohn für den „Teufel“ gehalten.

Ob zwischen der Auseinandersetzung mit dem Fall Clancy und der Tat – wie bei Goethes Werther – tatsächlich ein Zusammenhang und infolgedessen ein Nachahmungseffekt besteht, bleibt offen. Die zeitliche Nähe macht jedoch klar, warum bei emotional stark aufgeladenen Tötungs- und Suizidfällen eine sensible Berichterstattung und sprachliche Zurückhaltung erforderlich sind. Gerade deshalb sollte die öffentliche Berichterstattung Clancy weder romantisieren noch Identifikationsangebote schaffen, sondern psychische Erkrankung, Verantwortung und Gewalt mit derselben Aufmerksamkeit, aber differenziert behandeln.

Superman-Effekt

Clancys mitsiebzigjährige Strafverteidiger Kevin Reddington wurde während des Prozesses selbst zur Social-Media-Superman-Figur. Fanvideos, Spitznamen und Zusammenschnitte seiner Gerichtsmomente machten aus ihm zunehmend eine Popstar ähnliche Kunstfigur. Vor dem Gerichtsgebäude wurde ihm von Clancys Unterstützerinnen begeistert zugejubelt und wurden Selfies mit ihm gemacht.

Parasoziale Beziehungen entstehen, wenn Zuschauer durch wiederholte mediale Beobachtung das Gefühl von Vertrautheit und emotionaler Nähe zu einer öffentlich auftretenden Person entwickeln. Nach dem Mistrial charaktersierte Reddington seine Mandantin Clancy wieder öffentlich als „großartigen und wunderbaren Menschen“. Er lobte elf Geschworene überschwänglich und erklärte gleichzeitig, seine Mandantin sei von dem einen abweichenden Geschworenen „beraubt“ worden.

Dann setzte er noch vieldeutig hinzu, dass „er hoffe, der Mann könne nachts schlafen“. Richter Sullivan hatte zuvor Reddingtons Antrag abgelehnt, jenen Geschworenen zu entfernen, zumal er keine ausreichende Grundlage dafür sah, dass er das Recht nicht befolge, wie Reddington behauptet hatte. Damit war neben dem Bild der gefallenen Mutter und des heroischen Verteidigers plötzlich auch eine dritte klischeehafte Rolle besetzt: Der Böse und der Schuldige.

Elf gegen einen

Die Konstellation einer überwiegenden Mehrheit besitzt enorme psychologische Suggestivkraft. Forschung zu Gruppenentscheidungen zeigt, dass Minderheitenpositionen eine wichtige Funktion haben können. Dissens kann dazu führen, dass Gruppen noch mehr Informationen austauschen, Annahmen genauer überprüfen und intensiver diskutieren.

Unter bestimmten Bedingungen verbessert das Vorhandensein abweichender Positionen die Qualität von Gruppenentscheidungen, selbst wenn die abweichende Person nicht automatisch die richtige Lösung vertritt. Umgekehrt  ist bekannt, dass Gruppen ihre ursprüngliche Mehrheitsposition während kollektiver Beratungen verstärken können. Das Phänomen der Gruppenpolarisation ist auch bei Entscheidungen in juristischen Kontexten geläufig. Elf gegen einen bedeutet nicht automatisch: Elf Vernünftige gegen einen Irrationalen.

Sündenbock-Funktion

Nach sieben Wochen Prozess, emotional belastenden Zeugenaussagen und einer Woche erfolgloser Beratungen war das Bedürfnis nach einem klaren Abschluss für die Jury im Clancy-Prozess nachvollziehbar. Scheitert dieser Abschluss scheinbar an nur einem Menschen, entsteht diffuse Frustration unter einigen Geschworenen.

Sündenbockmechanismen funktionieren über Personalisierung. Ein unlösbarer Konflikt wird emotional überschaubar, sobald er einer Person zugeschrieben werden kann. Im konkreten Fall besteht die Gefahr, dass aus dem Geschworenen ein Störenfried gemacht wird, der angeblich einen siebenwöchigen Prozess zerstörte.

Helden und Feinde

Social Media verträgt Grauzonen schlecht. Eindeutige Geschichten erzeugen mehr emotionale Beteiligung als komplexere: Lindsay wird zur verlassenen Mutter. Reddington zum kämpfenden Retter. Staatsanwältinnen und Gutachter werden zu perfiden Gegnern.

Strafprozess als Story

Der Fall Lindsay Clancy braucht weder eine Heilige noch ein Monster. Er braucht auch keinen Superman-Anwalt und keinen einzelnen bösen Geschworenen, der allen das Spiel verdirbt und Klärung verhindert. Wir müssen die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Wahrheiten akzeptieren: Eine Mutter kann zugleich durch ein Versorgungssystem gefallen sein und dennoch Handlungen gesetzt haben, die juristisch geklärt werden müssen.

Ein Verteidiger kann zugleich brillant arbeiten und rhetorisch übers Ziel hinausschießen. Elf Geschworene können von etwas überzeugt sein, ohne dass der zwölfte, der deren Meinung nicht teilt, böswillig sein muss. Drei getötete Kinder können im Zentrum der Aufmerksamkeit bleiben, ohne dass wir die psychische Not ihrer Mutter verleugnen müssen. Psychologisch liegt darin vielleicht die schwierigste gesellschaftliche Aufgabe dieses Falles: Ambivalenz auszuhalten, anstatt sie durch psychisch entlastende Feindbilder zu beseitigen.

Prävention entsteht nicht durch Idealisierung und Ikonisierung. Sie entsteht am ehesten dann, wenn Mütter Schwäche zeigen dürfen, ohne sich als Versagerinnen zu erleben. Wenn Familien Überforderung nicht erst dann wahrnehmen, wenn die Situation eskaliert. Wenn Medizin und Psychiatrie genauer hinsehen und zuhören, Empathie zeigen. Und wenn psychische Erkrankungen weder dämonisiert noch romantisiert werden, aber auch nicht als alleinige Erklärung herhalten.

Vielleicht ist genau das der Sinn des Clancy-Prozesses: nicht herauszufinden, wer in dieser Geschichte richtig liegt und wer gut und wer böse ist. Sondern wieder zu lernen, dass die Lebenswirklichkeit mehr als eine Wahrheit gleichzeitig bieten kann.

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