Für Wogrollys Couch bittet Psychotherapeutin Monika Wogrolly den österreichischen Psychiater, Psychotherapeuten, Gerichtsgutachter und Sachbuchautor Reinhard Haller (74) zum Gespräch. Gemeinsam beleuchten sie den Fall von Lindsay Clancy aus psychotherapeutischer und forensisch-psychiatrischer Perspektive.
Im Zentrum eines international beachteten Gerichtsprozesses steht die Frage, ob Lindsay Clancy für die Tötung ihrer drei Kinder strafrechtlich verantwortlich ist. Die ehemalige Krankenschwester strangulierte im Jänner 2023 ihre fünfjährige Tochter Cora, ihren dreijährigen Sohn Dawson und den acht Monate alten Callan mit Fitnessbändern, ehe sie versuchte, sich selbst das Leben zu nehmen.
Sie überlebte schwer verletzt und sitzt seitdem im Rollstuhl. Gegensätzliche psychiatrische Gutachten machen den Fall zu einer Grundsatzfrage über die Grenzen forensischer Beurteilung.
Monika Wogrolly: Lindsay Clancys Verteidigung argumentiert mit einer schweren postpartalen psychischen Erkrankung und fehlender strafrechtlicher Verantwortlichkeit. Die Staatsanwaltschaft hingegen mit Planung, Einsichtsfähigkeit und Verantwortlichkeit. Halten Sie es nach allem, was im Prozess bekannt geworden ist, aus gerichtspsychiatrischer Sicht für plausibel, dass Lindsay Clancy zum Tatzeitpunkt an einer Wochenbettpsychose litt? Was spricht aus der Ferne dafür und was dagegen, gerade weil sich die psychiatrischen Gutachter in diesem Fall völlig widersprechen?
Reinhard Haller: Nach österreichischem Recht würde man vermutlich nach allem, was man bisher weiß, doch davon ausgehen, dass Frau Clancy an einer schweren Depression gelitten hat, sei es durch die Wochenbett-Umstände bedingt, das kann ja auch andere Ursachen haben, und dadurch zumindest erhebliche Zweifel an ihrer Zurechnungsfähigkeit bestehen. Dagegen spricht die Argumentation der Sachverständigen, die von der Staatsanwaltschaft bestellt worden sind. Die gehen eben davon aus, dass sie offensichtlich schon depressiv war. Aber nicht so schwer, als dass sie nicht gewusst hätte, was sie tut, beziehungsweise nach dieser Einsicht hätte handeln können.
Frau Clancy versuchte nach der Tötung ihrer Kinder, sich selbst das Leben zu nehmen. Könnte man das Geschehen auch als erweiterten Suizid verstehen?
So ist es. Die entscheidende Frage ist nicht mehr jene, ob sie depressiv war oder nicht – das wird ja von beiden Seiten so gesehen – sondern wie schwer Clancys Depression war. War sie einer Geisteskrankheit vergleichbar? Die Tatsache, dass sie sich selbst nachher auch das Leben nehmen wollte, spricht doch eher dafür, dass es sich um einen erweiterten Suizid gehandelt hat. Dabei geht es für die Betroffene letztlich darum, sich aus einer trostlosen Situation zu befreien und das, was man am liebsten hat, nämlich die Kinder, mit in ein scheinbar besseres Jenseits zu nehmen. Die eigene Depressivität wird auch auf die Kinder übertragen. Es handelt sich dann um eine Situation, die man beschreiben könnte als: „Mord aus Liebe“.
Ich kenne die Motive zu wenig, die von Seiten der Staatsanwaltschaft vermutet werden. In seltenen Fällen kommt es tatsächlich auch vor, dass Frauen, die Kinder zur Welt bringen, aber gerade auch einen Partnerschaftskonflikt haben, die Kinder töten und auch vielleicht sich selbst das Leben nehmen wollen, weil sie dem Partner etwas antun wollen. Dann ist es nicht mehr ein „Mord aus Liebe“, sondern dann ist es ein „Mord aus Egoismus“. Dann spricht man nicht mehr von erweitertem Selbstmord, sondern von erweitertem Mord. Die Gesamtumstände in diesem Fall sprechen aus der Ferne betrachtet eher dafür, dass es sich um eine suizidale Einengung gehandelt hat und das wiederum wäre ein Beweis für die Schwere der Depression.
Die Staatsanwaltschaft verweist auf die Planung: Clancy habe ihren Mann gezielt zu einem weiter entfernten Take-away geschickt und das kurze Zeitfenster genutzt. Am selben Tag war sie mit ihrer Tochter beim Kinderarzt, baute mit den Kindern einen Schneemann und wirkte laut ihrem Mann sogar besonders gut. Passt eine solche Planung zu suizidaler Einengung?
In der Suizidforschung und auch in der psychiatrischen Praxis wird immer wieder beobachtet, dass vor dem Suizid oder vor dem erweiterten Suizid die Ruhe vor dem Sturm eintritt. Das heißt, die Betroffenen haben beschlossen, ihrem Elend ein Ende zu machen und die Flucht in ein besseres Jenseits anzutreten. Und das erleichtert sie natürlich.
Nach außen hin meint man dann, die Depression sei besser geworden; es ist nicht mehr so eine schwere melancholische Stimmung festzustellen. Das täuscht allerdings darüber hinweg, dass die depressive Phase noch nicht wirklich vorbei ist, sondern im Gegenteil lediglich der Antrieb wieder gekommen ist. Und aufgrund dieses Antriebs sind Betroffene dann in der Lage, einen Suizid oder einen erweiterten Suizid zu planen und auch durchzuführen.
Ist dann davon auszugehen, dass Lindsay Clancy ihr Vorhaben bereits den ganzen Tag im Geheimen mit sich trug?
Davon kann vermutlich ausgegangen werden. Man muss jedoch daran erinnern, dass die Frage der Willensfreiheit, um die es hier ja immer geht, letztlich dadurch definiert wird: Leidet jemand an einer schweren psychischen Störung? Das muss nicht nur eine Wochenbettdepression sein, das könnte ja auch eine wahnhafte Störung sein oder das könnte ja auch eine Schizophrenie sein oder eine sehr schwere Substanzbeeinträchtigung. Und dass man eben im Zusammenhang damit eine Tat verübt.
Und bei einem erweiterten Suizid sind beide Bedingungen gegeben: Es liegt eine schwere Depressivität vor, und somit erlebt man die Wirklichkeit nicht mehr so, wie sie ist, sondern als vollkommen verzweifelt und hoffnungslos. Es gibt hier scheinbar nur einen Ausweg: Und das ist der Suizid, bei dem man eben die Kinder, die man ja nicht zurücklassen will, letztlich mit einbezieht.
Ich gehe von einem erweiterten Suizid aufgrund einer Wochenbettpsychose aus
Die psychiatrische Versorgung wurde im Prozess massiv kritisiert. Bei Clancy wurden verschiedene Medikamente anscheinend „ausprobiert“. Wie beurteilen Sie den Vorwurf der Übermedikation? Und wann kann man seriös von Therapieresistenz sprechen?
Diese Argumentation der Überdosierung verstehe ich nicht ganz. Wenn Frau Clancy tatsächlich zu hohe Dosen an Psychopharmaka bekommen hätte, dann würde sie das ja sehr gedämpft haben. Das würde ihren Antrieb minimiert haben. Sie würde dann bildlich gesprochen mehr oder minder „flach gelegen“ haben und wäre gar nicht in der Lage gewesen, eine solche Tat auszuführen. Dass man verschiedene Medikamente probiert hat, halte ich schon für möglich. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man mit ihr quasi einen Menschenversuch gemacht hat.
Gerade Wochenbettdepressionen sind sehr schwer zu behandeln. Und wenn man dann mit einem Medikament nicht ans Ziel kommt, dann setzt man ein anderes ein und versucht, ob man hier eine entsprechende stimmungsaufhellende Wirkung erzielen kann. Wenn das wiederum nicht möglich ist, kommt halt das dritte Medikament heran. Das wirkt dann für die Laien doch so, als ob man hier herumexperimentiert hätte, aber das ist meines Erachtens nicht so. Das ist hingegen der Schwierigkeit der Behandlung von Wochenbettdepressionen oder überhaupt auch von schweren depressiven Störungen geschuldet.
Laien stellen sich oft vor, der Arzt müsse das sofort wissen, welches Medikament hilft, obwohl Menschen auf Psychopharmaka sehr unterschiedlich reagieren.
Das ist so. Man muss einfach auch davon ausgehen, dass ungefähr ein Drittel dieser schweren Depressionen therapieresistent sind. Natürlich heißt das nicht, dass man von vornherein nichts tut, sondern man versucht verschiedene psychopharmakologische Wege, die in diesem Fall offensichtlich nicht genügend wirksam waren. Wo vielleicht ein Fehler liegen könnte, ist, dass man diese gesamte Behandlung nicht unter nur stationären Bedingungen durchgeführt hat. Das kann man aber aus der Ferne natürlich schwer beurteilen, wie die rechtlichen Möglichkeiten überhaupt waren.
Rund um Lindsay Clancy hat sich eine ungewöhnlich starke Unterstützerbewegung entwickelt, vor allem von Frauen. Hunderte kamen in Pink zum Gerichtsgebäude. Eine Unterstützerin wurde inzwischen angeblich sogar festgenommen, weil sie laut Staatsanwaltschaft Geschworene gefilmt haben soll. Was passiert psychologisch, wenn eine Angeklagte zur Identifikations- und Leitfigur für Frauen und Mütter wird? Besteht die Gefahr, dass aus berechtigter Aufmerksamkeit für postpartale Erkrankungen eine Idealisierung einer konkreten Täterin entsteht?
Positiv betrachtet könnte durch diese Proteste und durch diese Identifizierung etwas zum Ausdruck gebracht worden sein, das eben nur Menschen kennen, die das selbst erlebt haben, wie das ist bei einer Wochenbettdepression oder wie es überhaupt in einer melancholischen Phase ist, wie furchtbar, wie unsagbar schrecklich. Dass man das zum Ausdruck bringen wollte und dementsprechend sich solidarisiert mit einem Opfer. Dass man sagen will, das depressive Leben ist derartig schrecklich, dass man hier nicht mit dem Recht hineinfahren sollte und nicht über Personen, die in diesem Zustand was auch immer gemacht haben, urteilen sollte. Ich fürchte aber ein wenig, dass hier diese ganze Frage zu einem feministischen Thema gemacht wird und das würde ich schon ein Stück weit bedauern, weil man dadurch die ganze Komplexität eines solchen Dramas nicht wirklich erfassen kann.
Clancys Anwalt Kevin Reddington wird von vielen geradezu ikonisiert; als jemand, der seine Mandantin schützt, alles gibt und Sachverständige vehement ins Kreuzverhör nimmt. Was sagt dieses Bedürfnis nach einer solchen idealisierten Schutz- und Projektionsfigur über unsere Gesellschaft aus?
Es ist natürlich die Aufgabe des Anwaltes, mit allen Mitteln für seine Mandantschaft zu kämpfen. Da hat man in den USA doch ganz andere Möglichkeiten als in Österreich. Anwälte haben Schutzfunktion. Denn wenn wir in Streit geraten mit einem Nachbarn oder mit einem Berufskollegen, dann sagen wir ja auch immer sozusagen als gefährliche Drohung: „Ich nehme aber einen Anwalt.“ Oder in einem Scheidungsverfahren sagt man: „Ich habe aber den besseren Anwalt als du“. Und dadurch wird wahrscheinlich deren Rolle gestützt.
Und dieser Mann in diesem Verfahren scheint das also tatsächlich zu verkörpern. Es gibt hier aber nicht nur einen Star-Anwalt, sondern es gibt auch einen Star-Sachverständigen. Das ist Professor Phillip Resnick, der weltweit als der Experte schlechthin für die Frage der Kindestötungen gilt. Also hier hat die Verteidigung schon auch einen Hochkaräter auf ihrer gutachterlichen Seite.
Einordnung
Die im Gespräch erörterten psychiatrischen Erklärungsmodelle stellen
fachliche Einschätzungen und Hypothesen dar und sind keine
Ferndiagnosen. Eine abschließende Beurteilung des psychischen Zustands
von Lindsay Clancy zum Tatzeitpunkt ist auf dieser Grundlage nicht
möglich. Bis zu einer rechtskräftigen gerichtlichen Entscheidung gilt
die Unschuldsvermutung.
Phillip Resnick hat sich klar für eine Wochenbettpsychose ausgesprochen und wurde zu einem starken Faktor der Verteidigung.
Resnick ist eine historische Figur im Bereich der Frage der Kindestötungen. Ich denke mir, dass dessen Urteil, das auf sehr viel Wissenschaftlichkeit, Erfahrung und auch letztlich Persönlichkeitsstärke beruht, innerhalb dieser Sachverständigen das Gewichtigste ist.
Ich hatte aus unserem Gespräch zunächst den Eindruck, Ihre Einschätzung aus der Ferne gehe eher in Richtung erweiterter Suizid als Wochenbettpsychose.
Ein erweiterter Suizid aufgrund einer Wochenbettpsychose. Die Grundkrankheit ist die Wochenbettpsychose.
Ich hatte auch an eine mögliche Vergeltung gedacht – etwa vor dem Hintergrund denkbarer Ehe- oder Beziehungsprobleme. Das wäre natürlich rein spekulativ, aber ebenfalls eine Hypothese.
Ja, aber dann müsste er von einem erweiterten Mord sprechen und nicht von einem erweiterten Selbstmord. Selbstmord ist typisch Symptom einer Wochenbettdepression oder überhaupt einer Depression. Denn erweiterter Mord, wo es also letztlich darum geht, jemand anderem etwas anzutun, sich zu rächen oder das Kind dem anderen auch nicht zu geben, ist natürlich etwas ganz anderes und bedingt keine Zurechnungsunfähigkeit.
Gleichzeitig wird Clancy als Frau dargestellt, die vehement um Hilfe gesucht habe und dennoch vom System nicht aufgefangen worden sei. Für Laien ist schwer zu verstehen, wie parallel dazu eine schwere Wochenbettdepression oder sogar Psychose bestehen und eine so planvolle Tat möglich sein kann.
Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sie an einer schizophrenen Geisteskrankheit leidet. Das wird offensichtlich hier auch nicht diskutiert. Und die dritte verbleibende Möglichkeit ist, dass sie an einer bipolaren Störung leidet. Das, was man früher als schwere Melancholie oder als endogene Depression bezeichnet hat, gehört aber auch zur Gruppe der Geisteskrankheiten.
Und das ist also tatsächlich so, das steht in jedem Lehrbuch, dass man auch als Gutachter sehr oft schockiert ist, mit welcher scheinbaren Kaltherzigkeit solche erweiterten Suizide durchgeführt werden, weil man eben sieht: Man hat das genau geplant, man hat alles getan, dass das Kind zu Tode kommt. Es bleibt dann sehr häufig nicht mehr genügend aggressive Energie übrig, um sich selbst auch definitiv zu töten.
Darum überleben die Betroffenen meistens die Suizidversuche, weil sie am Schluss dieser Kette stehen, wo eben die Durchführungskraft bereits nachgelassen hat. Das ist im Prinzip auch eine Tragödie sondergleichen, aber das steht dem nicht entgegen, dass sie zu dieser Zeit immer noch an einer schweren Depression gelitten hat und die Tat damit und mit anderen Motiven in Zusammenhang zu bringen ist.
Was kann eine Gesellschaft präventiv tun, damit solche Tragödien möglichst verhindert werden?
Hier gilt es einfach besser aufzuklären. Nur wenn man Transparenz schafft, dann bringt man ein gewisses Licht in dieses Dunkel. Man muss den Betroffenen vielleicht viel mehr Informationen geben. Ich weiß nicht, wie das in den USA ist, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass in den Schwangerschaftskursen und in Kursen zur Geburtsvorbereitung dieses Thema Depression, Wochenbettdepression, weltweit einen breiteren Platz finden sollte.

Steckbrief
Reinhard Haller
Reinhard Haller ist Psychiater, Psychotherapeut und Autor. Der Facharzt für Psychiatrie lebt in Vorarlberg. Er ist als Gerichtsgutachter des Mörders Jack Unterweger namhaft geworden, des Attentäters Franz Fuchs, des Amokläufers von Winnenden und als Gutachter des Attentats von Dornbirn. Sein Buch „Toxisches Schweigen: Die psychologische Waffe erkennen und entschärfen“ handelt von der Wirkung des Schweigens.
