Drei Wochen vor ihrem 80. Geburtstag steht Elfriede Jelinek im Zentrum spektakulärer Großformate. Am Burgtheater wird die Groteske „Über Tiere“ gestürmt. Jetzt erwidert das Volkstheater mit dem Dreistünder „Die Ankunft“. Emmy Werner, bis 2005 die legendäre Direktorin des Hauses, kehrt dafür nach mehr als 40 Jahren auf die Bühne zurück.
Solch eine Bühnengestalt hat man lang nicht mehr gesehen: Ein winziger alter Engel mit leuchtend weißem Haar und riesigen schwarzen Flügeln, in rastloser Sorge die Zeitläufe umkreisend. Aber vom erstarkenden politischen Pöbel verspottet, einmal sogar unter den Bühnenboden gehämmert. Man mochte an George Taboris letzte Inszenierung in Berlin denken: Da thronte der alte Gottvater in verklärter Schönheit während der ganzen Aufführungslänge auf der Bühne, stumm, manchmal einschlafend, aber leuchtend wie ein Atomkraftwerk.
Aber welch ein Unterschied. Die große Theaterdirektorin Emmy Werner steht in ihrem 88. Jahr mitten im Bühnenleben der jüngsten Volkstheaterproduktion. Ihr Nachnachnachnachfolger Jan Philipp Gloger, 45, hat sie nach 21 Jahren zurückgeholt, und sie verkörpert Walter Benjamins „Engel der Geschichte“. Den Schlussmonolog hat ihr Elfriede Jelinek als einsamen Höhepunkt geschrieben, und er zieht die politische Lebensbilanz der Nobelpreisträgerin: „Eine plötzliche Lähmung hat mich befallen, mich greise Verleumderin. Ja, alte Frauen müssen ja immer jemand anschwärzen, sonst sind sie unglücklich. Aber ich gebe Ruh. Ich geh in Ruhe unter. In Schweigen aber nicht. Das wissen Sie inzwischen.“
Arbeit ist das beste Heilmittel
Der Dreistünder mit dem Titel „Die Ankunft“ kompiliert Jelinek’sche Theatertexte der vergangenen vier Jahrzehnte, und immer geht es um das Kernthema: die Bestialität, die unter der hauchdünnen Decke der Zivilisation – der österreichischen wie der deutschen – lauert. Bis zur bevorstehenden Ankunft des Volkskanzlers. Der erste Text, „Wolken.Heim“, datiert aus dem Jahr 1988 und wurde in Bonn uraufgeführt.
Zwei Jahre später holte die kurz zuvor ins Amt gelangte Emmy Werner die spätere Nobelpreisträgerin mit „Krankheit oder moderne Frauen“ erstmals auf eine österreichische Bühne.
„Ich habe den Theatertext zuerst nicht wirklich verstanden. Dann hat man ihn mir erklärt, und ich war begeistert.“ Fünf Produktionen insgesamt wurden es, auch als Claus Peymann die zunächst wenig Geschätzte am Burgtheater etablierte. „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“ war dabei, notgeborenes Einspringen ausgenommen, die einzige Inszenierung, die sie je am eigenen Haus besorgte.
„Ja, die Emmy Werner war, nachdem ich ein paar Jahre nur in Bonn aufgeführt worden bin, die Einzige, die mich hier aufgeführt hat“, bestätigt Elfriede Jelinek, deren bevorstehender Achtziger schon gewaltige Wellen wirft. „Das werde ich ihr nie vergessen. Und sie ist auch eine hervorragende Regisseurin, mein Mann und ich haben noch ewig gelacht über die riesigen Cognacschwenker in meiner nora ..., und das Geräusch, das sie gemacht haben, als sie aneinandergestoßen wurden (sie waren aus Plastik!). Sie hat auch in der ,Ausgesperrten‘-Verfilmung gespielt“, kommt sie auf Franz Novotnys unterschätztes Geniestück mit Paulus Manker. „Sie war auch eine sehr gute Schauspielerin und eine sehr schöne Frau. Schon fast zu viel für eine Person ...“
Engel der Geschichte. Emmy Werner mit dem vortrefflichen Ensemble.
© Antonia Mayer, VolkstheaterDie Aufführung
„Die Ankunft" fasst vier Theatertexte Elfriede Jelineks zusammen: „Wolken-Heim" legt mit Zitaten von Heidegger, Kleist und Hölderlin das philosophische Fundament. „Rechnitz" thematisiert das Nazi-Massaker im burgenländischen Ort, „Das schweigsame Mädchen" den deutschen NSU-Prozess. „Der Abschied" schlägt den Bogen von Haiders Abgang zur nahen Ankunft des Volkskanzlers. Jan Philipp Gloger hat inszeniert. Sehenswert!
Nach 40 Jahren wieder auf der Bühne
Drei Tage vor der bejubelten Premiere war Emmy Werner noch in Sorge wegen ihres schmalen Textvolumens im Kontrast zum stürmischen Medieninteresse. Aber der Engel der Geschichte müsse eben eine Zeitzeugin sein, die mit Jelinek-Texten zu tun habe. Sie selbst, gelernte Schauspielerin, ist zuletzt vor mehr als 40 Jahren auf der Bühne gestanden. Im von ihr geleiteten winzigen Theater Drachengasse war das, in einer ebensolchen Rolle. Ihre große Schauspielerzeit, fügt sie hinzu, hatte sie bis 1976 in der mythenumwobenen Wiener Kleinbühne Theater der Courage. Dort begann sie mit späteren Bühnengrößen wie dem Regisseur Rudolf Jusits und den nachmaligen Burgschauspielern Karlheinz Hackl und Elisabeth Augustin.
Die Männer ihres Bühnenlebens sind alle früh gestorben: ihr Wunderschauspieler Toni Böhm mit 57, sein charismatischer Kollege Georg Schuchter schon mit 48, Ludwig Hirsch dafür erst mit 65. Ein Mirakel des Frühverglühens.
Nicht zu reden von einer persönlichen Katastrophe vor zehn Jahren, die sie nicht näher benennen will. „Ich habe den größten Verlust meines Lebens erlitten. Ich habe es nie verwunden, aber ich habe etwas gelernt: Arbeit ist das beste Heilmittel. Die Eltern verliert man, das ist klar. Aber was ich erlebt habe, ist das einzige wirkliche Unglück, das einem widerfahren kann. Man lernt da auch seine Freunde kennen. Andrea Eckert und Karl Markovics“, kommt sie auf weitere Größen ihrer Direktionszeit, „haben mir Geschaftln gegeben. Und wenn es mir wieder nicht gut geht, hilft die Arbeit. Und wenn es nur das Geschirrwaschen oder Putzen ist. Dann putze ich halt meine Sammlung von 1.200 Eulen. Ich habe Musik laufen, und das Putzen ist wie eine Meditation.“
Jetzt wird das Abschiednehmen zur Qualroutine: Erni Mangold, die sie aus der Versenkung in eine gewaltige Spätkarriere geholt hat; Vera Borek, die stets Unterschätzte, die bei ihr Protagonistin sein konnte. „Ich gehe aber zu keinen Verabschiedungen mehr. Ich kann das nicht mehr.“
Schlachtfest mit Schwein
Dass sie Elfriede Jelineks dramatisches Schaffen in Österreich etabliert hat, „dieses Federl steck ich mir an den Hut“. Sie bewunderte damals die Prosa der nicht mehr Blutjungen. Schon 1980 sollte sie von Paulus Manker in der Filmfassung der „Ausgesperrten“ in der Badewanne erstochen werden, verweigerte die Erfahrung allerdings und wurde durch ein geschlachtetes Schwein gedoubelt. Den genialischen Manker kennt sie, seit er ein Kind war und mit ihrem Sohn spielte: „Ich stehe dazu, dass er eine der größten österreichischen Begabungen ist, aber vielleicht ist er sich selbst im Weg gestanden.“
Zeit der Aggression
Das aktuelle Jelinek-Projekt macht ihr auch aufgrund seiner bedrängenden Gegenwärtigkeit Gedanken. Vor der Premiere kam ein in ungelenken Satzrudimenten stammelnder Hassbrief ins Haus, ihn auf der Bühne zu verlesen, erscheint freilich zu viel der Unehre.
Aber dass das Gepöbel nach dem Nobelpreis womöglich noch lauter wurde; dass man der Verhassten, gegen alle Usancen des Untertanenstaats, bis heute nicht einmal die höchste Ehre der Welt verzeiht: Das kann aufgeklärte Menschen schon beunruhigen.
War die Zeit früher denn liberaler als heute? „Ja, das war sie“, erklärte sie die aggressive Polarisierung von heute zur gefährlichen Eskalationsstufe. „Ich habe immer an allem teilgenommen, obwohl ich eigentlich schon zu alt war. Aber ich habe so jung ausgeschaut und überall Einlass gefunden, auch bei Jugendfreundinnen, die tiefschwarz waren und mit Industriemagnaten und Bankern verkehrt haben. Aber am nächsten Tag war ich bei der Gruppe Revolutionärer Marxisten. Ich war bei der Arena-Besetzung, und dann kam die Frauenbewegung! Ich habe meine damaligen Partner immer bedeckt gehalten, aber unsere Männer waren immer solidarisch mit der Drachengasse. Da hat alles zusammengefunden.“
Quoten gegen Kunst
Dass sie 1988 „als erste Frau“ eine hiesige Großbühne übernahm, wird wieder gellend ausgetrommelt. Ist aber ohne Belang und hat mit dem flügelschlagenden Diversitäts- und Quotengeschrei von heute nichts zu tun. Ja, Emmy Werners Spielplan war weiblich, und sie entdeckte großartige Schauspielerinnen wie Birgit Doll.
Aber er war weiblich, weil die grandiosen Frauengestalten von Euripides, Sophokles, Schiller, Ibsen, Hebbel, Kleist, Horváth, Brecht, Williams in seinem Zentrum leuchteten. „Nach wie vor“, beantwortet sie diplomatisch, aber unmissverständlich die sich aufdrängende Frage, „sollten Frauen auch in der Kunst so viel wie möglich gefördert werden. Quoten allerdings halte ich in nichtkünstlerischen Unternehmungen für nötiger. In der Kunst gilt: Es muss immer die oder der Bessere eingesetzt werden.“
Damit ist das Gespräch von selbst zum todfaden Wikipedia-Belehrungsgeschwafel namens der entgleisten Postdramatik gelangt.
Den Monolog der Wegbereiterin hiesiger Theateravantgarde – sie hat auch dem Genie Gert Jonke die Bühne geöffnet – lässt man besser für sich argumentieren. „Ich bin inzwischen ganz feindselig gegen die vielen Videos am Theater. Jetzt bin ich schon so alt und maße mir nicht an, zu sagen, was am Theater geht oder nicht. Aber es geht um die Geschichte, die Geschichte, die Geschichte! Das Theater erzählt Geschichten. Und die Sprache! Das sind meine zwei Lieblingswörter. Die Geschichte, die Sprache und dann die Schauspieler. Dann kommt lang nichts, dann der Regisseur, und dann kann man ein Bühnenbild machen.“ Wer folgerichtig die Regie für arg überschätzt hält, kann sich an der Anekdote von den beiden alten Burgschauspielern bestätigen, die Emmy Werner überliefert. „Dort, wo du stehst“, sagt der eine zum anderen, „kann ich nicht stehen, wo ich stehe, kannst du nicht stehen. Das genügt.“
Den Austausch ganzer Ensembles bei Direktionsübernahmen musste sie selbst nach ihrem Abgang erleiden, sie hatte Stars aufgebaut, die dann an der Josefstadt noch heller glänzten: Wer vom Publikum geliebt werde, habe Bleiberecht erworben.
Gloger, so ist anzumerken, war diesbezüglich privilegiert, weil sein fataler Vorgänger seine Importtruppe nach Köln weitergeschleust hat. „Aber“, räumt Emmy Werner vorsorglich ein, „auch ich habe neue Leute geholt, und ich spiele jetzt mit sehr guten Jungen.“
Das ewige Sorgenhaus
Das Haus immer am Blühen gehalten zu haben, wird heute als ihr Alleinstellungsmerkmal bewundert. Aber das relativiert sie entschieden. „Das Haus ist arm und ganz schwierig. Es stand immer auf der Kippe. Wenn es gut ging, wurde mir auf die Schulter geklopft, aber wehe, es ging schlecht, dann wurde ich in Grund und Boden gestampft. Trotzdem geht die Legende, alles wäre erfolgreich gewesen. Das stimmt ja gar nicht. Aber eines halte ich uns zugute. Wir haben viel riskiert. Es ist viel danebengegangen, aber auch viel gelungen, weil ich auf das Bauchgefühl gehorcht habe. Das war das Wichtigste.“
Vor einigen Jahren hat sie schon die offene Befürchtung geäußert, das Haus wäre unrettbar. Jetzt sei es wieder in guten Händen, weil sich der Direktor, ein Mann von Humor, dem Publikum verpflichtet habe.
Und „Airbert One“
Bleibt die Frage, vor der allen schon graust, weil jeder sie stellt und keiner sie beantworten kann. Im letzten Bild wird Kickls schamloser Remigrations-Hit „Airbert One“ in voller Breite gespielt.
Da folgt der nächste Monolog, der keine Unterbrechung braucht. „Ich kann nicht antworten, weil ich es nicht verstehe. Ich verstehe auch nicht, dass man einen Herrn Trump wählen konnte. Jedenfalls müssen wir uns von der Illusion verabschieden, dass das Theater etwas aufhalten oder verändern kann. Aber es kann ein kleiner Aufklärungsort sein. Ein Ort der Ermutigung für die Anständigen. Das ist das Wort, das meine Nachbarin Barbara Coudenhove-Kalergi gern gebraucht. Sie ist 95 und wacher als Sie und ich zusammen. Ein anständiger Mensch wählt bestimmte Parteien nicht. Und die anderen schauen sich unsere Vorstellung nicht an. Aber wir können uns gegenseitig Mut machen, um nicht zu schweigen.“
Ob man dabei die Jungen erreicht, ist mehr als ungewiss. Das Häuschen im Grünen jenseits der Kämpfe sei wieder vielfach das Ideal, klagt Emmy Werner. Und was dagegen tun? „Ihnen unser Stück vorspielen, und wenn wir sie mit Freikarten holen müssen.“
Noch etwas vergessen, außer alles? Ja, um Babler täte es ihr leid. „Er ist anständig, wahrhaftig, authentisch, aber das genügt anscheinend nicht.“ Was sonst als ein radikal antizyklisches Schlusswort sollte von Emmy Werner zu erwarten sein?

Steckbrief
Emmy Werner
Geboren am 13. September 1938 in Wien als Tochter des Wienerliedertexters Hans Werner, studierte sie Schauspiel, debütierte an größeren Wiener Bühnen und leitete dann das Theater der Courage neben der legendären Stella Kadmon. 1979 gründete sie das Theater Drachengasse, 1988 wurde sie von Ursula Pasterk an die Spitze des Volkstheaters berufen, das sie bis 2005 leitete. Emmy Werner lebt in Wien und Niederösterreich.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 40/2026 erschienen.
