Er besetzte in Führungsposition vier bedeutendste Opern- und Theaterdirektionen, war am Zwangsrückzug des Salzburger Festspielintendanten Markus Hinterhäuser beteiligt und sucht nun dessen Nachfolger. Christian Kircher, Bundestheaterchef bis 31. März 2026, über Vergangenes und Kommendes.
Der Öffentlichkeit war er nahezu unbekannt. Keine Ambition hat Christian Kircher gezeigt, seinen schillernden Vorvorgänger Georg Springer in den „Seitenblicken“ abzulösen. Aber als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding hat er die weitaus bedeutendsten Bühnen des Landes mitbesetzt: Er verbrachte Bogdan Roščić in die Staatsoper, Martin Kusej und Stefan Bachmann ans Burgtheater, Lotte de Beer an die Volksoper.
In seine Amtszeit schlugen die Corona-Pandemie und die Teichtmeister-Katastrophe. Am 31. März 2026 zog er sich nach zehn gelungenen Jahren zurück, glaubhaft wegen einer Erkrankung seiner Frau, die den geräumigen Landwirtschaftsbetrieb in der Südsteiermark nicht mehr allein regieren konnte.
Burg und Oper in Gefahr
Es war fünf vor zwölf seiner Amtszeit, der Glockenschwengel holte schon zur Geisterstunde aus, da wurde es plötzlich laut um Christian Kircher: Seine Endlosforderung, die Subvention der Bundestheater müsse der Inflation angepasst werden, glüht jetzt angesichts drohender Sparvorgaben als Menetekel an den Wänden.
2028 werden alle erwirtschafteten Rücklagen aufgebraucht sein, und dann geht es an die Substanz. Babler lässt schon Bühnenschließungen durchrechnen. Und zwei wöchentliche Schließtage an der stets ausverkauften Staatsoper hätten riesigen Personalabbau und protestierende Touristenmassen zur Folge.
Er hoffe nach wie vor auf Valorisierung, mische sich aber nicht mehr ein, sagt Kircher. Österreichs internationales Ansehen, Tourismus, Wirtschaft – viel ruhe auf der Kultur. „Wenn das in so einem Ausmaß zurückgefahren würde, ginge das an die Substanz des Landes.“
Die wegen der hohen Kosten angegriffene Bundestheater-Gesellschaft Art for Art, zuständig für die Erstellung von Bühnenbildern und Kostümen, nimmt er in Schutz. Deren Spitzenqualität verdiene ein klares Bekenntnis. Eher, so lässt er aufhorchen, seien die Bühnen zu disziplinieren. Den Leading teams – speziell Regisseuren, Bühnen- und Kostümbildnern – sollten nicht verhandelbare Budgetvorgaben gestellt werden.
Am teuersten seien, einigermaßen überraschend, „kurzfristige Änderungen, neue Kostüme, veränderte Bühnenbilder. Ich halte es für missverstandene Freiheit der Kunst, dass all das möglich sein muss“. Und deutlich Richtung Staatsoper: Internationale Gäste seien unerlässlich. Doch widerspreche es dem Bekenntnis zum Ensemble, kleinere Rollen und Covers mit Gästen zu besetzen.
Akteur in Salzburg
Wobei die diesbezüglichen Turbulenzen noch diskret abgehandelt wurden, verglichen mit den Ereignissen um die Abberufung des Salzburger Festspielintendanten Markus Hinterhäuser. Kircher saß in seiner Eigenschaft als scheidender Bundestheater-General bis 31. März ohne Stimmrecht im Kuratorium, als das aus Provinzpolitikern und Regierungsemissären formierte Gremium gegen Hinterhäuser zu agitieren begann.
Den Strick drehte man Hinterhäuser dabei aus angeblich nicht eingehaltenen Fristenabläufen bei der Bestellung der Schauspieldirektion: Er hatte, ungeachtet der gesetzlich gar nicht verlangten Ausschreibung, die ehemalige Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann favorisiert. Wobei die Letztentscheidung laut Festspielgesetz einzig ihm oblag.
Die Causa eskalierte, und alsbald wurde bekannt, dass Hinterhäuser die branchenüblichen Direktgespräche mit der hoch qualifizierten Karin Bergmann dem Kuratoriumsmitglied Kircher mehrfach korrekt gemeldet hatte.
Dennoch wurde Hinterhäuser Monate vor Festspieleröffnung zwangsbeurlaubt. An seine Stelle wurde zur allgemeinen Verwirrung just Karin Bergmann berufen. Sie soll die von Hinterhäuser programmierten Festspiele 2026 und 2027 administrieren, während gleichzeitig der halbe Bezirk umgebaut wird – weshalb wichtigste Festspielstätten ausgelagert werden müssen, niemand weiß, wohin.
Wen Hinterhäuser informierte
Der Reihe nach also. Der Vertrag mit Hinterhäuser sei einvernehmlich, unter Vereinbarung einer Verschwiegenheitsklausel, aufgelöst worden, sagt Kircher. An die werde er sich halten. Aber hat ihm der Intendant nun die Gespräche mit Karin Bergmann gemeldet? Die Aufmerksamkeit verdienende Antwort: „Ja, wir haben beide mehrfach über Karin
Bergmann gesprochen.“ Zusatz: „Sie war aber nie der Knackpunkt.“ Das wurde aber anders kommuniziert, nicht? „Es war ausgemacht, dass es einen fairen Prozess mit Ausschreibung gibt. Ob der in dieser Form gewährleistet war, habe ich nicht mehr zu kommunizieren.“
Er sucht Hinterhäusers Nachfolger
Anderes aber schon: Kircher ist Vorsitzender der Findungskommission für Hinterhäusers Nachfolge! Am 30. April wurde mit Bewerbungsende 5. Juni ausgeschrieben. Neben Kircher fahnden die Dresdner Opernintendantin Nora Schmid, Sonja Anders vom Hamburger Thalia-Theater und der Dirigent Franz Welser-Möst. Dass der, mit Hinterhäuser zuletzt stark überworfen, sich selbst finden könnte? „Er hat es ausgeschlossen, dem kann ich nichts hinzufügen.“
Wird denn, abgesehen vom Bewerbungsprozedere, auch direkt mit Wunschkandidaten gesprochen, wie man Hinterhäuser verübelt hat? „Selbstverständlich werden auch Leute direkt angesprochen. Das ist allgemein üblich, die meisten Interessenten bewerben sich erfahrungsgemäß auch erst ganz am Ende der Ausschreibungsfrist.“
Hoch interessante Gespräche in ernstzunehmender Zahl würden permanent geführt und nach dem 5. Juni die Geeignetsten zu Hearings gebeten. Die Bekanntgabe? Obliege dem Kuratorium. „Aber meiner Meinung nach spricht vieles dafür, dass es wohl erst nach den Festspielen im Herbst sein wird.“
Im Gespräch als Intendant
Matthias Schulz, 49, Deutscher, langjährige Festspieltätigkeit in Salzburg, seit 2025 Chef der Zürcher Oper
Elisabeth Sobotka, 60, Wienerin, kam über Graz und Bregenz nach Berlin, wo sie seit 2024 die Staatsoper leitet
Barrie Kosky, 49, Australier, Regisseur mit Führungspraxis am Wiener Schauspielhaus und an der Komischen Oper Berlin
Stefan Herheim, 56, Norweger, Regisseur, leitet das Theater an der Wien
Christoph Lieben-Seutter, 61, Wiener, kam über das Wiener Konzerthaus an die Elbphilharmonie Hamburg
Viktor Schoner, 51, Deutscher, derzeit Stuttgarter Oper, typischer Reiter des Intendantenkarussells
Abgesagt haben u. a. Serge Dorny (München), Stefan Pauly (Musikverein), Matthias Naske (Konzerthaus), Karin Bergmann, Franz Welser-Möst.
Womit der wundeste Punkt zu touchieren ist. Als man Hinterhäuser nicht mehr wegen der Schauspieldirektion behelligen konnte, ging es plötzlich um „mangelndes Wohlverhalten“. Gerüchten zufolge soll er sich bloß majestätsbeleidigend über Landeshauptfrau Edtstadler lustig gemacht haben. Offiziell wird ihm harscher Führungsstil vorgeworfen. Kircher, prinzipiell: „Ich habe den Eindruck, wir eiern zwischen Political Correctness und der nach wie vor vorhandenen Anbetung autoritärer Strukturen. Ich möchte weder das eine noch das andere überbewertet haben.“
Und zum Findungsprozedere: „Das Erste ist Exzellenz. Salzburg steht für das Weltbeste, das suchen wir. Zweitens schreiben wir das Jahr 2026 und haben Anforderungen an die Qualifikation als Führungspersönlichkeit.“ Drittens gehe es um die herausfordernde Administration der Umbauzeit.
Namen werden schon genannt. Aber Matthias Schulz ist erst 2025 an der Zürcher Oper und Elisabeth Sobotka erst 2024 in Berlin angetreten. Wenn die nicht gleich aus ihren Verträgen können, wird allseits mit weiteren bergmannschen Übergangsjahren gerechnet. Da dementiert Kircher erstaunlich klar: „Es wurde von ihr klargestellt, dass sie es für diese zwei Jahre machen will. Dabei bleibt es meines Erachtens. Das Ziel ist es, die Intendanz ab 2028 zu besetzen. Salzburg ist eine Weltklasse für sich. Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm Salzburg interessant genug ist, um dafür aus einem anderen Vertrag herauszukommen.“
In Begleitung des Spechts
Dass die neue Führungskraft aus dem innersten Bereich des Musiktheaters kommen müsse – häufig wird auch der von der Stadtverwaltung übel behandelte Intendant des Opernhauses an der Wien, Stefan Herheim, genannt – will Kircher relativieren: „Karin Bergmann wird beispielsweise immer als Theaterdirektorin gesehen, aber sie hat mit Nikolaus Bachler an der Volksoper schon früh das Musiktheater mitgestaltet. Wenn wir nun eine Person finden, die nur beim Musiktheater zu Hause ist, kommt der Vorwurf, dass der Gründungsgedanke der Festspiele aus dem Schauspiel gekommen ist und die Person davon keine Ahnung hat. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es geht um die beste Gesamtidee.“
Ende des Telefonats aus dem kircherschen Anwesen. Im Hintergrund klopft ein Specht den Takt. Erholsam sei es hier nach den Wiener Mühen, sagt Kircher, der schon fälschlich als Geschäftsführer des Carinthischen Sommers bekanntgegeben wurde.
Wird er am Ende gar kaufmännischer Direktor der Salzburger Festspiele? Nie und nimmer, Lukas Crepaz besetze das Amt allseits unbestritten. Im Herbst werde man mehr über seine, Kirchers, Pläne wissen. Eile bestehe keine. Und dass man in Vergessenheit gerät, wenn man zu lang abwesend ist? „Das ist eine ernste Gefahr, da gebe ich Ihnen recht.“ Panisch klingt das allerdings nicht.
Steckbrief
Christian Kircher
Christian Kircher wurde 1964 in Spittal/ Drau, Kärnten in eine Unternehmerfamilie geboren. Der studierte Betriebswirt war 15 Jahre in der Privatwirtschaft tätig, ab 2005 fungierte er als Finanzdirektor Wien-Museum und von 2016 bis 2026 als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding.
Kircher sang 30 Jahre beim Schönberg-Chor. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist Vorstand im Schönberg-Center und Aufsichtsrat des Jüdischen Museums Wien. Mit seiner Frau führt er ein Landgut in der Südsteiermark.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.






