In seinen solitären Darstellungen entgegnet Richard Kaplenig der vermeintlichen Banalität profaner Gegenstände. In realistischer Manier erschafft er abstrakte Bildkompositionen, die mehr als eine Wahrheit zu kennen scheinen.
Atelierbesuch bei Richard Kaplenig
© VGN | Osama Rasheed
„Sodala, jetzt müsste es passen“, tritt Richard Kaplenig ein paar Schritte zurück. Kritisch beäugt er das Endresultat auf der großformatigen Leinwand, die an der Stirnseite des Ateliers unverkennbar den Arbeitsplatz markiert. Tageslichtlampen unterstützen dort die durch Oberlichten einfallende Sonne und sorgen für konstante Arbeitsverhältnisse. Seit mehr als 25 Jahren ist der architektonische Kubus unweit des Faaker Sees Hauptschaffensstätte des Kärntner Malers. Die offene, geradlinige Architektur und das weitgehend reduzierte Interieur spiegeln Kaplenigs unverkennbare Bildsprache geradezu sinnbildhaft wider. Ganz selbstverständlich komplettieren seine Arbeiten dieses gelungene Ensemble.
Das zuletzt mit dünnem Pinsel aufgebrachte reine Weiß haucht der überdimensionierten Darstellung eines handelsüblichen Inbus neues Leben ein. Genau darin liege die künstlerische Herausforderung – an dem Punkt, an dem die Gegenstände, die Kaplenig seit 17 Jahren als motivische Protagonisten dienen, lebendig werden, beginnt künstlerische Virtuosität. Der zurückhaltende, eben aufgebrachte Farbauftrag macht dabei einen eklatanten Unterschied: Beobachtet man den Künstler während seines Schaffens, wird man Zeuge künstlerischer Alchemie – wie durch Zauberhand verwandeln sich die zuvor aufgetragenen, nuancierten Grauabstufungen in glanzvolles Metall. „Die Glanzpunkte sind immer das Letzte, das auf der Leinwand passiert“, lüftet er das technische Geheimnis vermeintlicher Magie. Gezielt nähert er sich noch einmal der Leinwand. „Jetzt aber“, kommentiert er das Setzen des letzten gleißenden Glanzpunkts.
Von abstrakten Anfängen
Dass die Glanzpunkte den Abschluss einer Arbeit kennzeichnen, ist einfach erklärt. Gemalt wird in Schichten. Ausgegangen dabei vom Hintergrund. „Im Malprozess setzt du zunächst den Grundton und arbeitest dich dann sukzessive nach vorne“, erklärt er. Und hält fest: „Wie die alten Meister.“ Von ihnen hat Kaplenig einst auf indirekte Art und Weise das Malen gelernt. Im oberen Kärntner Gailtal aufgewachsen, ist die Berufswahl zunächst eine konventionell-bürgerliche. Dabei sind die Wurzeln der künstlerischen Faszination lang: „Ein weitschichtiger Verwandter hat bei seinen Besuchen immer die Landschaft aquarelliert“, erinnert er sich. „Da wurde mir als Kind früh klar: Das will ich auch.“
Den wortwörtlichen Grundstein seiner künstlerischen Laufbahn legt die Ausbildung zum Bildhauer. Und damit auch jenen seiner Malerei: „Das skulpturale Arbeiten hat das räumliche Denken, das plastische Erfassen und natürlich das formale Verständnis ungemein gefördert.“ Einige Zeit später geht er nach Venedig, um sich vollends der Malerei zu widmen. Fünf Jahre studiert er dort an der Academia di Belle Arti – inmitten alter Meister: „Wir haben damals im Museum gemalt“, schwelgt Kaplenig in positiven Erinnerungen. „Bellini und Tizian waren allgegenwärtig und haben mich mehr geprägt, als ich damals vielleicht vermutet hätte.“ Denn entgegen des ihn umgebenden gegenständlichen Ausdrucks kunstgeschichtlicher Größen, malt Kaplenig zunächst weit abseits der Figuration. „Emilio Vedova hat uns durch sein Informel während des Studiums extrem beeinflusst – Schau!“, fordert er auf. Sein Arm lenkt den Blick Richtung Esstisch. Oberhalb hängt eine sechsteilige Arbeit abstrakter Natur. „Aus meiner Zeit in Venedig.“
Die überdimensionierte Darstellung verleiht Kaplenigs Gegenständlichkeit Abstraktes
© Richard KaplenigGegenstände als Notlösung
Über Jahre hält er an der Abstraktion fest – bis sie ihn eines Tages zu langweilen beginnt. Als er ihr 2009 schließlich entsagt, verweilt er gerade als „Artist in Residence“ in Buenos Aires. Die Reflexion von allem Bisherigen setzt in Kaplenig eine künstlerische Neufindung in Gang: „Das Abstrakte hat für mich damals gänzlich an Reiz verloren“, sinniert er. Infolgedessen malt er Reisetagebücher; erfasst Straßen, Landschaften und Architektur. „Das war der Beginn meiner Gegenstandsmalerei.“ Über 140 Werke, die er nach seiner Rückkehr in der Wiener Remise der Öffentlichkeit präsentiert, entstehen damals während seines einjährigen Aufenthalts in Argentinien. Die Ausstellung ist für den Künstler der Abschluss seines Projekts.
Was danach kam, war wenig überraschend. Und doch erwischte es Kaplenig eiskalt: „Ich habe mich in einem völligen Leerraum wiedergefunden – vor mir hat sich plötzlich ein enormes Loch aufgetan.“ An der Kante des Abgrunds macht er kehrt und beginnt eine malerische Auseinandersetzungen mit Dingen seiner unmittelbaren Umgebung. „Malen ist wie Geige spielen“, holt er aus. „Wer nicht übt, verlernt es. Also habe ich mich in meinem Atelier nach Objekten umgesehen und begonnen, sie künstlerisch zu erfassen. So habe ich etwa die Glühbirne meiner Schreibtischlampe stark vergrößert gezeichnet oder einen Ausschnitt meiner Freisprechanlage skizziert.“ Dieses bewusste Befassen mit profanen Gegenständen zeigt Kaplenig, dass darin alle Parameter der Malerei enthalten sind: Farbe, Form, Licht und Raum.
Nach seinen Gegenständen braucht Kaplenig längst nicht mehr zu suchen: sie finden ihn.
© Richard KaplenigDie Schönheit des Profanen
Gemalt wird, was ihm sympathisch erscheint. Nach seinen Motiven zu suchen, braucht er heute längst nicht mehr. Die intensive Auseinandersetzung habe dazu geführt, dass die Dinge ihn finden: „Das mag komisch klingen“, kündigt er an, „aber ich sehe Dinge und höre sie förmlich zu mir sprechen: Kaplenig, mal’ mich!“ Es ist die Schönheit des Verkannten, die ihm dabei imponiert. „Etwa diese medizinische Zange“, nähert er sich der Vitrine voll persönlicher Preziosen. Mit besagter Zange in der Hand kehrt er demonstrierend wieder: „Schau’ dir einmal den Schwung an“, zeichnet er die ergonomische Form des Griffes mit seinem Finger begeistert nach. „Man sieht einfach, dass sich hier jemand – also ein Produktdesigner – irgendwann einmal Gedanken gemacht hat.“
Mehrere hundert solcher Gegenstände sind im Glasschrank zur Schau gestellt. Von verbindenden Schraubstücken, die still und heimlich ihre Arbeit verrichten, über medizinische Prothesen, die – erst einmal eingesetzt – das Gehen wieder leichter machen, bis hin zu Zündkerzen, die völlig verkannt einen Motor überhaupt erst laufen lassen. Was sie eint? Kaplenigs Protagonisten erscheinen auf den ersten Blick allesamt derart banal, dass wir sie gemeinhin für selbstverständlich erachten und ihnen keine größere Bedeutung beimessen. Nicht so der Künstler selbst: Auf mittel- bis großformatigen Leinwänden kehrt er diese vermeintliche Banalität des Alltäglichen in seinen überdimensionierten Darstellungen ins Gegenteil und räumt der eigentlichen Unverzichtbarkeit eben jenen Raum ein, den sie verdient. Die Loslösung von der ursprünglichen Dimension ist dabei Referenz auf seine abstrakten Wurzeln: „Dadurch schaffe ich in realistischer Malmanier ein abstraktes Ergebnis“, deutet er auf das monumentale Großformat von 1,70 mal 2,50 Meter, auf dem zwei Wahrheiten aufeinanderzuprallen scheinen. „Da kann ein Abflusssieb schnell zum Ufo mutieren.“ Farblich setzt er dazu auf bewusste Reduktion, fokussiert in sterilem Umfeld auf den porträtierten Gegenstand und malt von schmaler Palette aus Schwarz, Weiß, Indigo und mit seltenen Ausnahmen anderer zurückhaltender Farbtöne. Ein weiterer Vorteil, den seine Gegenstände mit sich bringen: „Sie alle erzählen eigene Geschichten, die sich des Erfahrungsschatzes der Betrachterinnen und Betrachter bedienen.“
Kaplenigs Gegenstände erzählen Geschichten, die sich des Erfahrungsschatzes Betrachtender bedienen.
© Richard KaplenigBiografischer Fingerabdruck
In seinen solitären Darstellungen geht es Kaplenig aber keinesfalls um die reine Abbildung eines Gegenstands. Es geht um künstlerische Auseinandersetzung: „Deshalb male ich ein und denselben Gegenstand immer auch mehrmals“, erläutert er seine malerische Redundanz, die ihn stets motiviert, das vorherige Ergebnis zu übertreffen. „Damit die Auseinandersetzung Fahrt aufnimmt und sich ein Dialog in Gang setzt – das Ziel ist es, über einen simplen Gegenstand Spannung zu erzeugen.“ Der malerische Weg dahin – der künstlerische Schaffensprozess – ist indes ein konzeptuell-ritualisierter, der wenig Raum für Zufälle eröffnet: Dabei beginnt Kaplenig stets mit dem Nicht-Offensichtlichen. Während seine realistische Malweise auf den ersten Blick motivische Rückschlüsse zulässt, ist es der zweite Blick, das genaue Betrachten, das Details offenbart, die unsere Wahrnehmung beim ersten Erfassen scheinbar verwehrt. Unter dem dünnen Farbauftrag wird ein Craquelé sichtbar, das sich wie feine Adern als eine Art Untermalung über den Bildträger spannt. Wer noch genauer hinsieht, liest Orte wie: Villach, Kranjska Gora oder Tarvis. „Aufkaschierte Landkarten“, so der erste Arbeitsschritt. „Der Malgrund ist stets örtlicher Bezug zur Entstehung der jeweiligen Arbeit. Eine Art biografischer Fingerabdruck, der Rückschlüsse erlaubt.“
KUNSTTIPP
Aktuell sind Kaplenigs Werke im Rahmen einer Ausstellungsbeteiligung in Aschaffenburg zu sehen – bis 25. Oktober zeigt die Kunsthalle Jesuitenkirche Arbeiten aus der Sammlung Gunther Jaegers.
Vom 18. bis 21. März 2027 sind Kaplenigs Arbeiten auf der SPARK Art Fair Vienna in der Marx Halle zu sehen. Parallel dazu zeigt die Galerie Lukas Feichtner (1., Seilerstätte 19) eine Einzelpräsentation.
Vom Malen und Golfen
In einem technisch-zeichnerischen Prozess überträgt er mittels Zirkel die Proportionen des zu porträtierende Gegenstands auf das Raster aus aufkaschierten Landkarten. Ist die Skizze erst einmal fertig, beginnt die eigentliche Malerei. Dabei sei es wichtig, den Protagonisten unmittelbar vor sich zu haben. „Ich muss die Materialität des Modells spüren können, um sie auf die Leinwand zu bannen.“ Dazu nutzt er Ölfarben – unverdünnt, direkt aus der Tube. „So entsteht die samtige Oberflächenstruktur im Endergebnis. Außerdem erlaubt die langsame Trocknung längerfristige Interventionen in der Bildkomposition.“ Das verhindere Ausschuss. „Wenn ein Schritt nicht gelingt, kannst du ihn 14 Tage später immer noch vom Bildträger wischen.“ Acrylfarbe kommt für Kaplenig nicht infrage: „Ich mag das Plastik einfach nicht – Ölmalerei ist und bleibt die Königsdisziplin“, so der Maler, dem es ein Stück weit um die Fortsetzung malerischer Tradition geht. Einziger Haken: In Anbetracht der versengenden Hitze ist die Farbe aktuell zu flüssig. „Kommt aber ganz gelegen“, lacht er. „Die Kreativität ist aktuell relativ überschaubar – da verbringe ich die Zeit lieber in den Julischen Alpen oder am Golfplatz.“ Das Malen sei dem Golfen gar nicht so unähnlich: „Es geht darum, in einen Flow zu kommen.“ Davon hänge ab, wie schnell man ans Ziel komme. „Und aus Erfahrung weiß ich, dass die Bilder, die rasch von der Hand gehen, am Ende meist die besseren sind.“
