Das waren die Salzburger Festspiele? Mitnichten, das Spektakel beginnt erst. Im September laufen die Gespräche mit den Nachfolgekandidaten des skandalös abmontierten Intendanten. Verzeihen Sie die arge Fachlichkeit des Folgenden, es kann sich lohnen.
Waren das Zeiten, als sich unsereins zum Sommerende noch zufrieden seufzend aus Salzburg Richtung Bundeshauptstadt davongemacht hat. Während realiter Abertausende Besucher den Betrieb bis zum letzten Augustwochenendtag am Kochen halten, hatte man sich schon in die Finessen der beginnenden Saison verstrickt.
Die beginnt heuer zwar auch. Gleichzeitig aber nimmt die Findungskommission für den Nachfolger des politischerseits skandalös aus dem Amt terrorisierten Festspielintendanten Markus Hinterhäuser jene Gespräche auf, von denen manche meinen, sie seien insgeheim schon abgeschlossen. 2028 soll der neue Intendant antreten, doch Interima Karin Bergmann wäre wohl zu einer maßvollen Verlängerung überredbar, wenn der Erwählte seinen aktuellen Arbeitsplatz nicht gleich fluchtartig räumen kann.
Im Findungsgremium amtieren Könner, keine Frage. Dass freilich die Letztentscheidung bei den Damen und Herren Edtstadler, Babler und Bürgermeister Auinger verharrt, kann nur Apokalyptiker mit Hang zur Satire ermutigen: Mangels fachlicher Grundausstattung sind sie den Angriffen von Ohrenbläsern, Eigeninteressenten und Krawallbloggern so gut wie wehrlos ausgesetzt.
Wer es könnte
Deshalb habe ich mir die umgehenden Namen im Lichte der künstlerischen Tatsachen angesehen. Das Kandidatenprofil haben dabei in News-Gesprächen nahezu einstimmig der höchst kundige Vorsitzende Kircher und die einflussreiche Interimsintendantin Karin Bergmann skizziert: gleich firm in den Bereichen Musik und Theater, wäre ein Künstler einem Manager vorzuziehen.
Das ist quasi der Steckbrief des australisch-jüdisch-osteuropäischen Regisseurs Barrie Kosky, der in einem viel beachteten News-Interview so beredt wie beredsam geschwiegen hat. Er hat je ein Opernhaus und eine Sprechbühne geleitet, ist in beiden Disziplinen erste Wahl. Der „Ring“ unter Antonio Pappano in London und „Frau ohne Schatten“ unter dem Superstar Klaus Mäkelä in Aix argumentieren für sich.
Ansonsten entspräche dem Profil noch einigermaßen Benedikt von Peter in Basel. Unter den Einschränkungen eines nicht ersten Hauses kündigt er im Theaterbereich einen gehobenen Josefstadt-Betrieb an, gut ausgewogen mit Büchner, Shakespeare, Ibsen und Regisseuren wie Anna Bergmann, Stefan Pucher und Antu Romero Nunes. Er selbst inszeniert Schönbergs „Moses und Aron“ und Brechts „Mahagonny“, Nikolaus Habjan „Figaro“ und Barrie Kosky „West Side Story“. In den musikalischen Belangen kann man mangels geläufiger Namen nur den beeindruckten Kollegen vertrauen.
Ansonsten bieten sich Opernintendanten an.
Die Österreicherin Elisabeth Sobotka, Intendantin der Berliner Staatsoper, müsste einen Schauspieldirektor beschäftigen. Ansonsten kann man in ihrem Spielplan freudvoll versinken: Musikdirektor Christian Thielemann verantwortet mit dem Regisseur David Boesch Humperdincks fein besetzte „Königskinder“, Asmik Grigorian ist Puccinis „Manon Lescaut“, Lise Davidsen die Leonore in Verdis „Macht des Schicksals“ unter Philippe Jordan/Vasili Barkhatov. Allerdings soll das Verhältnis zu Thielemann, den man jetzt von den schwankenden Bayreuther Festspielen auf tragfähigeres Gelände überreden müsste, nicht ideal sein. Ihr Vertrag endet im Sommer 2029, das sollte balancierbar sein.
Der augenhohe Zürcher Intendant Matthias Schulz ist dort bis Sommer 2030 gebunden und unumstritten. Der neue Musikdirektor Marcello Viotti ist ein Atout, auf seine stark besetzte „Elektra“, inszeniert von Lydia Steier, kann man sich ebenso freuen wie auf „Tannhäuser“, dirigiert von Markus Poschner, inszeniert von Þorleifur Örn Arnasson.
Findungskommissärin Nora Schmid (Semperoper Dresden) könnte den Chefdirigenten Daniele Gatti und einige ansprechende Besetzungen, etwa Klaus Florian Vogt als Wagners Rienzi, in den Bewerb einbringen.
Es gibt gefährliche Versuche, in Salzburg die feuilletongängige Provinz zu implantieren
Und die Provinz
Mittlerweile gibt es freilich Bestrebungen, in Salzburg die feuilletongängige, mit musikalischer Qualität überforderte Provinz zu implantieren. Das verstörende Gerücht, Lotte de Beer könnte aus der Volksoper abgeworben werden, ist gottlob haltlos. Aber das Profil ist anderswo nicht unverbreitet.
Die Amsterdamer Oper ist unter der gerüchteweise genannten Holländerin Sophie de Lint in der Unauffälligkeit versunken. Marcello Viotti hat man an Zürich verloren. Mit dem baldigen Chefdirigenten des Concertgebouw-Orchesters, dem vielgefragten Klaus Mäkelä, darf aber mittelfristig gerechnet werden. Ansonsten sind erprobte Regisseure wie Robert Carsen und Ivo van Hove schon in der Minderzahl. Evgeny Titovs ansprechend dekorative Tschaikowsky-„Iolanta“ kennt man von der koproduzierenden Wiener Staatsoper, die aber den Dirigenten Tugan Sokhiev leider nicht beistellen kann. Wagners „Fliegender Holländer“ unter Lotte de Beer in mehrheitlich maximal hüfthoher Besetzung verkörpert das, wovor viele sich ängstigen. Sara Jakubiak, Federica Lombardi und Kristina Mkhitaryan sind die namhaftesten der aufgebotenen Sänger.
Wer endlich mit unbekannten Sängern und großteils mittelklassigen Dirigenten verwöhnt werden will, muss sich an den mehrfach proponierten Stuttgarter Opernintendanten Viktor Schoner halten. Unter den Regisseuren finden sich dafür Benedikt von Peter („Traviata“), Ersan Mondtag (eine neue Atatürk-Oper) und Wiens Festwochenintendant Milo Rau, dessen Gluck-„Alceste“ auch Salzburg nur atemlos entgegenfiebern könnte.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.
