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50 Jahre Bachmannpreis: Die erstaunliche Überlebensgeschichte eines Literaturwettstreits

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©APA-Images / APA / WOLFGANG JANNACH

Der Bachmannpreis wird 50. Seine Namensgeberin, die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, wurde vor 100 Jahren in Klagenfurt geboren. Die Fortsetzung der „Tage der deutschsprachigen Literatur" stand zuletzt auf der Kippe, der Stadt Klagenfurt fehlte das Budget für das Preisgeld. Jetzt wird doch gelesen, vom 24. bis 28 Juni. Wie der Jury-Vorsitzende Klaus Kastberger, die Preisträger Maja Haderlap, Franzobel und Ferdinand Schmalz den Preis sehen und wer Österreich in diesem Jahr vertritt.

Wie oft wurden nicht schon die letzten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ (TddL) ausgerufen. Das Gerede vom Ende des Bachmannpreises hat Tradition. Ausgerechnet im 50. Jahr seines Bestehens und der 100. Wiederkehr des Geburtstags der Namensgeberin, der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, rückten die Gerüchte von der Abschaffung des Wettlesens am Wörthersee ganz nah an die Wirklichkeit.

Das Wunder von Klagenfurt

Noch im Dezember fehlten der Stadt Klagenfurt die 25.000 Euro Preisgeld im Budget. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb von einer Zitterpartie um das Wettlesen. Doch im März kam die Entwarnung. Und dann, wie es der Jury-Vorsitzende Klaus Kastberger formuliert, das Wunder: Das Preisgeld wurde auf 30.000 Euro erhöht.

Auch der Literaturkurs für Autoren unter 35 Jahre, der 2025 aus Spargründen gestrichen war, findet in diesem Jahr wieder statt. Das Robert-Musil-Institut für Literaturforschung und das Kärntner Literaturarchiv richten den Kurs neu aus. Also wird vom 24. bis 28. Juni im Landesstudio Kärnten wieder die bewährt siebenköpfige Jury über die Texte von 14 Kandidaten entscheiden.

Kein kurzes Aufflackern

Manche in der Branche halten diese positive Entwicklung allerdings nur für ein kurzes Aufflackern vor dem Exitus. In unserem nördlichen Nachbarland hätten sich bereits kleine Reisegruppen formiert, die an den Wörthersee kommen wollen, um jetzt wirklich die letzten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ zu erleben, konstatiert Kastberger und räumt ein: Das seien aber wohl Gerüchte, aufgebracht möglicherweise von Leuten, denen selber dieses Spektakel, weil sie kein unmittelbarer Teil davon sind, eigentlich schon seit Jahren zu viel ist.

Mit Nachdruck stellt er klar: „Der Bachmannpreis ist eine der konstantesten und bedeutsamsten Kulturveranstaltungen des deutschsprachigen Raums. Es wird ihn noch lange geben, und es gibt wirklich nichts, was darauf hinweist, dass er abgeschafft wird.“ Lediglich er werde heuer sein Amt zurücklegen und aus der Jury ausschieden, denn „Zwölf Jahre sind genug“.

Wettlesen gegen alle Widerstände

Dass sich der spektakuläre Literaturwettbewerb seit Jahrzehnten hält, sei nicht zuletzt der Jury zu verdanken, präzisiert Kastberger. Damit meint er jedoch nicht das fernsehwirksame Auftreten der Juroren, sondern erinnert an deren Durchsetzungsvermögen in Krisenzeiten. Dass der Wettbewerb die Corona-Pandemie überstanden habe, sei vor allem einer Initiative der Jury zu verdanken, blickt er auf die jüngste Vergangenheit zurück. Sogar 2020, während der schwierigen Monate des Lockdowns, wurde der Wettbewerb live durchgezogen, aber nicht, wie gewohnt, im Landesstudio des ORF, sondern virtuell. Die Lesungen der Autoren wurden aufgezeichnet. Die Juroren wurden live per Kameraübertragung aus ihren Arbeitsräumen zugeschaltet.

„Diese Veranstaltung konnte überhaupt nur deshalb jso alt werden, weil sie beständig mit der Literatur der Gegenwart mitgewachsen ist“, sagt Kastberger.

Wie urteilt die Jury?

Bedeutet das nicht, dass jene Kritiker recht haben, die dem Bachmannpreis vorwerfen, dass er sich gewissen Tendenzen im Literaturbetrieb unterwerfe? Setzt man wie bei anderen Literaturpreisen auf Diversität und Gleichstellung? Werden Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugt? Franzobel, Sieger des Jahres 1995, merkte an, es habe einmal eine Zeit gegeben, da wären Autoren mit einem DDR-Pass im Vorteil gewesen.

Heute seien es Kandidaten mit Migrationshintergrund oder aus der LGBTQ-Community. „Es gibt Jahr für Jahr diese Jammerei, was alles sein muss und nicht sein darf. Man muss aber gar nichts, man kann aus unterschiedlichsten Herkunftsländern hinfahren und mit den unterschiedlichsten literarischen Gattungen gewinnen. Ich will nicht sagen, dass in Klagenfurt immer die literarisch besten Texte gewinnen, aber es gewinnen immer die Texte, die in der Jury die meisten Emotionen auslösen“, stellt Kastberger fest. „Würde man seine queere Lebensgeschichte erzählen müssen, um zu gewinnen, dann würden ja alle alle sofort nur noch so jemanden nominieren. Das machen sie aber aus guten Gründen nicht, weil es eben nicht vorhersehbar ist, wer gewinnt.“

Nur die Grundvoraussetzungen müssen erfüllt sein: Der Vortrag muss 25 Minuten dauern, und der Text darf noch nicht veröffentlicht sein.

Über Nacht berühmt

Maja Haderlap, Bachmannpreisträgerin des Jahres 2011 konstatiert: „Für Frauen ist es jetzt möglich geworden, in der Literatur in Erscheinung zu treten. Und so weit ist es ja noch nicht, dass sich die Männer fürchten müssen. Dieser Preis war aber doch ausschlaggebend, dass mein Roman ,Engel des Vergessens‘ so umfassend rezipiert wurde.“

Ferdinand Schmalz, Sieger des Jahres 2017, überzeugte Jury und Feuilleton wie selten ein Kandidat zuvor. Seine Geschichte über den Tiefkühlkostzusteller Franz Schlicht war für Klaus Kastberger „perfekt“, für die Neue Zürcher ­Zeitung ein „veritables Sprachkunstwerk“ und für das Publikum war Schmalz „der Steirer“, der auf der Straße erkannt wurde.

„Man merkt, dass man durch dieses Wettlesen mit ernsthafter Literatur an Schichten rankommt, die man sonst nicht erreichen würde“, blickt Schmalz heute, neun Jahre später, zurück. Ähnliches, nämlich das Über-Nacht-berühmt-Sein, hat auch der Romancier Franzobel erlebt. „Man geht zum Bäcker und wird darauf angesprochen. Sogar ein Designer von Swatch-Uhren wollte mit mir ins Geschäft kommen“, erinnert er sich wohlwollend.

Etwas Grundsätzliches

Gäbe es einen Wettbewerb unter den Juroren, wer die meisten Preisträger verbuchen kann, wäre Kastberger sicher unter den Top drei. Er selbst habe nie darüber Buch geführt, wie viele seiner Kandidaten ausgezeichnet worden sind, aber es sind eine Menge.

Stolz sei er, wenn sich auch jene im Literaturbetrieb durchsetzen können, die bei den anderen Juroren durchgefallen seien. Als Beispiele führt er Barbi Marković und Tomer Gardi an. „Beide sind wenig später mit allen Ehren des Betriebs ausgezeichnet worden.“ Marković für ihren Prosaband „Minihorror“ und Gardi für seinen Roman „Eine runde Sache“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. „Das war dann für mich auch immer ein Hinweis darauf, wie Qualität in den Jury-Diskussionen aufgenommen worden ist.“ Für die aktuelle Ausgabe wählte er einen Text der deutsch-russischen Grazer Stadtschreiberin Slata Roschal und des Wieners Wolfgang Popp.

Zum Schluss nochmals Grundsätzliches: „Wenn es jetzt also sogar Klagenfurt schafft, im Kulturbudget einmal etwas zu erhöhen, dann sollten solche Wunder doch bitte auch anderswo möglich sein.“ Besonders in Wien, wo die Kultur von ärgsten Sparmaßnahmen bedrängt wird, wird so ein Wunder dringend gebraucht.

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Magdalena Schrefel: „Schreiben beginnt mit dem Lesen“
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Fiona Sironic: „Ich lese gerne vor Menschen“
 © ORF/Apollonia Theresa Bitzan

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Christoph Szalay: „Schreiben ist auch Schmerz“

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.

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