Der Bachmannpreis wird 50. Seine Namensgeberin, die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, wurde vor 100 Jahren in Klagenfurt geboren. Die Fortsetzung der „Tage der deutschsprachigen Literatur" stand zuletzt auf der Kippe, der Stadt Klagenfurt fehlte das Budget für das Preisgeld. Jetzt wird doch gelesen, vom 24. bis 28 Juni. Wie der Jury-Vorsitzende Klaus Kastberger, die Preisträger Maja Haderlap, Franzobel und Ferdinand Schmalz den Preis sehen und wer Österreich in diesem Jahr vertritt.
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Wie oft wurden nicht schon die letzten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ (TddL) ausgerufen. Das Gerede vom Ende des Bachmannpreises hat Tradition. Ausgerechnet im 50. Jahr seines Bestehens und der 100. Wiederkehr des Geburtstags der Namensgeberin, der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, rückten die Gerüchte von der Abschaffung des Wettlesens am Wörthersee ganz nah an die Wirklichkeit.
Das Wunder von Klagenfurt
Noch im Dezember fehlten der Stadt Klagenfurt die 25.000 Euro Preisgeld im Budget. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb von einer Zitterpartie um das Wettlesen. Doch im März kam die Entwarnung. Und dann, wie es der Jury-Vorsitzende Klaus Kastberger formuliert, das Wunder: Das Preisgeld wurde auf 30.000 Euro erhöht.
Auch der Literaturkurs für Autoren unter 35 Jahre, der 2025 aus Spargründen gestrichen war, findet in diesem Jahr wieder statt. Das Robert-Musil-Institut für Literaturforschung und das Kärntner Literaturarchiv richten den Kurs neu aus. Also wird vom 24. bis 28. Juni im Landesstudio Kärnten wieder die bewährt siebenköpfige Jury über die Texte von 14 Kandidaten entscheiden.
Kein kurzes Aufflackern
Manche in der Branche halten diese positive Entwicklung allerdings nur für ein kurzes Aufflackern vor dem Exitus. In unserem nördlichen Nachbarland hätten sich bereits kleine Reisegruppen formiert, die an den Wörthersee kommen wollen, um jetzt wirklich die letzten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ zu erleben, konstatiert Kastberger und räumt ein: Das seien aber wohl Gerüchte, aufgebracht möglicherweise von Leuten, denen selber dieses Spektakel, weil sie kein unmittelbarer Teil davon sind, eigentlich schon seit Jahren zu viel ist.
Mit Nachdruck stellt er klar: „Der Bachmannpreis ist eine der konstantesten und bedeutsamsten Kulturveranstaltungen des deutschsprachigen Raums. Es wird ihn noch lange geben, und es gibt wirklich nichts, was darauf hinweist, dass er abgeschafft wird.“ Lediglich er werde heuer sein Amt zurücklegen und aus der Jury ausschieden, denn „Zwölf Jahre sind genug“.
Wettlesen gegen alle Widerstände
Dass sich der spektakuläre Literaturwettbewerb seit Jahrzehnten hält, sei nicht zuletzt der Jury zu verdanken, präzisiert Kastberger. Damit meint er jedoch nicht das fernsehwirksame Auftreten der Juroren, sondern erinnert an deren Durchsetzungsvermögen in Krisenzeiten. Dass der Wettbewerb die Corona-Pandemie überstanden habe, sei vor allem einer Initiative der Jury zu verdanken, blickt er auf die jüngste Vergangenheit zurück. Sogar 2020, während der schwierigen Monate des Lockdowns, wurde der Wettbewerb live durchgezogen, aber nicht, wie gewohnt, im Landesstudio des ORF, sondern virtuell. Die Lesungen der Autoren wurden aufgezeichnet. Die Juroren wurden live per Kameraübertragung aus ihren Arbeitsräumen zugeschaltet.
„Diese Veranstaltung konnte überhaupt nur deshalb jso alt werden, weil sie beständig mit der Literatur der Gegenwart mitgewachsen ist“, sagt Kastberger.
Bachmannpreis 2026 – 24. und 28. Juni
Die Kandidaten: Gesche Heumann (Deutschland). Ozan Zakariya Keskinkılıç (D) Saina Kobler (CH). Wolfgang Popp (A). Kurt Prödel (D). Jovana Reisinger (D). Caroline Rosales (D). Slata Roschal (RU/D). Lena Schätte (D.). Magdalena Schrefel (A). Fiona Sironic (D/A). Christoph Szalay (A). Kinga Tóth (H). Derya Uzun (D).
Die Übertragung: 3Sat überträgt täglich die Lesungen und Jury-Diskussionen von 10 bis 15.30 Uhr. 28. Juni: Schlussdiskussion und Vergabe der Preise. NEWS-Kulturchef Heinz Sichrovsky berichtet täglich ab 19.45 Uhr auf ORF III.
Wie urteilt die Jury?
Bedeutet das nicht, dass jene Kritiker recht haben, die dem Bachmannpreis vorwerfen, dass er sich gewissen Tendenzen im Literaturbetrieb unterwerfe? Setzt man wie bei anderen Literaturpreisen auf Diversität und Gleichstellung? Werden Menschen mit Migrationshintergrund bevorzugt? Franzobel, Sieger des Jahres 1995, merkte an, es habe einmal eine Zeit gegeben, da wären Autoren mit einem DDR-Pass im Vorteil gewesen.
Heute seien es Kandidaten mit Migrationshintergrund oder aus der LGBTQ-Community. „Es gibt Jahr für Jahr diese Jammerei, was alles sein muss und nicht sein darf. Man muss aber gar nichts, man kann aus unterschiedlichsten Herkunftsländern hinfahren und mit den unterschiedlichsten literarischen Gattungen gewinnen. Ich will nicht sagen, dass in Klagenfurt immer die literarisch besten Texte gewinnen, aber es gewinnen immer die Texte, die in der Jury die meisten Emotionen auslösen“, stellt Kastberger fest. „Würde man seine queere Lebensgeschichte erzählen müssen, um zu gewinnen, dann würden ja alle alle sofort nur noch so jemanden nominieren. Das machen sie aber aus guten Gründen nicht, weil es eben nicht vorhersehbar ist, wer gewinnt.“
Nur die Grundvoraussetzungen müssen erfüllt sein: Der Vortrag muss 25 Minuten dauern, und der Text darf noch nicht veröffentlicht sein.
Über Nacht berühmt
Maja Haderlap, Bachmannpreisträgerin des Jahres 2011 konstatiert: „Für Frauen ist es jetzt möglich geworden, in der Literatur in Erscheinung zu treten. Und so weit ist es ja noch nicht, dass sich die Männer fürchten müssen. Dieser Preis war aber doch ausschlaggebend, dass mein Roman ,Engel des Vergessens‘ so umfassend rezipiert wurde.“
Ferdinand Schmalz, Sieger des Jahres 2017, überzeugte Jury und Feuilleton wie selten ein Kandidat zuvor. Seine Geschichte über den Tiefkühlkostzusteller Franz Schlicht war für Klaus Kastberger „perfekt“, für die Neue Zürcher Zeitung ein „veritables Sprachkunstwerk“ und für das Publikum war Schmalz „der Steirer“, der auf der Straße erkannt wurde.
„Man merkt, dass man durch dieses Wettlesen mit ernsthafter Literatur an Schichten rankommt, die man sonst nicht erreichen würde“, blickt Schmalz heute, neun Jahre später, zurück. Ähnliches, nämlich das Über-Nacht-berühmt-Sein, hat auch der Romancier Franzobel erlebt. „Man geht zum Bäcker und wird darauf angesprochen. Sogar ein Designer von Swatch-Uhren wollte mit mir ins Geschäft kommen“, erinnert er sich wohlwollend.
Etwas Grundsätzliches
Gäbe es einen Wettbewerb unter den Juroren, wer die meisten Preisträger verbuchen kann, wäre Kastberger sicher unter den Top drei. Er selbst habe nie darüber Buch geführt, wie viele seiner Kandidaten ausgezeichnet worden sind, aber es sind eine Menge.
Stolz sei er, wenn sich auch jene im Literaturbetrieb durchsetzen können, die bei den anderen Juroren durchgefallen seien. Als Beispiele führt er Barbi Marković und Tomer Gardi an. „Beide sind wenig später mit allen Ehren des Betriebs ausgezeichnet worden.“ Marković für ihren Prosaband „Minihorror“ und Gardi für seinen Roman „Eine runde Sache“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. „Das war dann für mich auch immer ein Hinweis darauf, wie Qualität in den Jury-Diskussionen aufgenommen worden ist.“ Für die aktuelle Ausgabe wählte er einen Text der deutsch-russischen Grazer Stadtschreiberin Slata Roschal und des Wieners Wolfgang Popp.
Zum Schluss nochmals Grundsätzliches: „Wenn es jetzt also sogar Klagenfurt schafft, im Kulturbudget einmal etwas zu erhöhen, dann sollten solche Wunder doch bitte auch anderswo möglich sein.“ Besonders in Wien, wo die Kultur von ärgsten Sparmaßnahmen bedrängt wird, wird so ein Wunder dringend gebraucht.
Magdalena Schrefel: „Schreiben beginnt mit dem Lesen“


Mit ihrem Erstling „Das Blaue vom Himmel“ über Klimakrise und die Abgründe einer intellektuellen Familie, der im Jänner bei Suhrkamp erschien, erschrieb sich Magdalena Schrefel die Aufmerksamkeit des deutschen Feuilletons. „Ein Buch, mit dem das neue Literaturjahr aufs Erfreulichste eingeleitet wird“, urteilte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Dem Roman verdankt sie auch die Teilnahme beim Bachmannpreis. Als Jurorin Laura de Weck das Buch gelesen hatte, forderte sie die Autorin auf, am Wettlesen teilzunehmen.
Zuvor war die 1990 in Korneuburg geborene Ethnologin und Wahl-Berlinerin als Dramatikerin bekannt geworden. Das Residenztheater München, das Kosmos Theater und das Wiener Schauspielhaus führten ihre Texte auf. Ausschlaggebend, sich auf den Wettbewerb einzulassen, sei für sie ihr aktuelles Projekt gewesen. Daraus habe sie einen Text fertigen können, der für den Anlass passe. Wie sie zum Schreiben kam? Für sie beginne das Schreiben mit dem Lesen. „Literatur war für mich ein Raum der Möglichkeiten. Und das meine ich nicht in einem didaktischen Sinn, sondern vor allem in einem sinnlichen.“ Für sie seien Bücher Räume, in denen man Erfahrungen machen kann, die einem ohne Bücher verwehrt blieben. „Aus dieser Erfahrung ist das Begehren entstanden, mit den eigenen Texten selbst solche Räume zu schaffen.“
Wolfgang Popp: „Die Muse heißt Adrenalin“


Hörern der Kultursenders Ö1 ist der Name des 1970 in Wien geborenen studierten Sinologen seit fast 20 Jahren ein Begriff. Der permanente Austausch mit Autorinnen und Autoren bringe ihn immer wieder auf Ideen. „Die Lust, Geschichten zu erzählen, zu erfinden“, habe er schon immer verspürt. Schreiben ist für ihn ein Experiment.
Um seine schriftstellerische Arbeit zu beschreiben, zitiert er den Filmemacher Wim Wenders. „Der hat einmal gemeint, er habe als Filmer den großen Vorteil, dass er nur an irgendeinen Ort fahren, dort die Kamera aufstellen müsse und die Geschichten würden sich ergeben. Ich habe mir gedacht, den Vorteil hole ich mir als Schriftsteller.“ Bei ihm stellten sich die Geschichten ohne Kamera ein, wie in Marokko. Das Ergebnis manifestiert sich im 240 Seiten starke Roman „Wüste Welt“ über einen Musiker, der seinen Bruder in Marokko sucht.
Schon öfter habe er beim Klagenfurter Wettlesen teilnehmen wollen, sagt Popp, jetzt habe er Klaus Kastberger überzeugt. Schreiben ist für ihn ein Experimentierfeld. Da er als Journalist einen Brotberuf ausübe, sei er lediglich einem zeitlichen Druck ausgesetzt. „Wenn man weiß, dass man schon in 20 Minuten zum nächsten Termin muss und das Adrenalin einschießt, führt das zu einer erhöhten Konzentration. Das ist die berühmte Muse Adrenalin.“
Fiona Sironic: „Ich lese gerne vor Menschen“


Mit ihrem Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ schaffte es die 31-jährige gebürtige Deutsche und Wahl-Wienerin auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ihre Geschichte über Artensterben und die Ängste junger Menschen verschaffte ihr auch die Einladung der Jurorin Laura de Weck zum Bachmannpreis. „Ich dachte, das ist eine wunderbare Gelegenheit“, sagt sie.
Das Wettlesen hat sie selbst vor neun Jahren als Zuschauerin vor Ort erlebt. Da war sie Stipendiatin des Literaturkurses für Autoren unter 35. Wann und warum sie mit dem Schreiben begonnen habe, sei für sie schwierig zu beantworten. „Ich schreibe schon sehr lange und kann mich gar nicht erinnern, wann ich damit begonnen habe.“
Ihren professionellen Beginn verortet sie in Hildesheim, wo sie kreatives Schreiben studierte. Anfang 20 setzte sie ihr Studium in Wien am Institut für Sprachkunst fort und blieb in der Stadt. „Da habe ich gemerkt habe, dass Schreiben das ist, was mir sehr viel Freude macht und mir in meiner Auseinandersetzung mit der Welt viel gibt. So bin ich dann dabei geblieben“, fasst sie die Geschichte ihrer jungen Karriere zusammen. Was den Bachmannpreis anlangt, hofft sie auf eine gute Woche. „Ich freue mich auf diesen Moment, wenn man vor Publikum liest, denn ich lese gerne vor Menschen.“
Christoph Szalay: „Schreiben ist auch Schmerz“


Eines stellt der 39-jährige Grazer auf Anfrage gleich fest: mit dem Booker-Preisträger David Szalay sei er nicht verwandt. Er habe aber gewusst, dass es den namhaften Kollegen gibt, bevor dieser einer großen Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Seine eigene Literatur sei aber in keiner Weise mit den Geschichten des anderen Szalay zu vergleichen.
Sozialisiert sagt er, wurde er im Sport. Seine Disziplin war nordische Kombination, also Skispringen und Langlaufen. Mit 20 wollte er nicht mehr und wandte sich dem Schreiben zu. Seine Erfahrungen aus dem Leistungssport – wie es ist, einen Körper ausdauernd beim Laufen zu trainieren – ließ er in „Hurt“ verstörend stark zur Literatur werden: einer Art Prosa-Langgedicht, das den Trainingsvorgang eines Läufers im Gelände präzise abbildet, ist im Ritter-Verlag erschienen.
„Schreiben ist für mich ganz eng mit Schmerzen verbunden“, sagt er. Der Prozess des Schreibens selbst sei für ihn schwierig und oft auch körperlich spürbar. Das müsse man bewältigen, um an einen „radikal-utopischen Ort“, nämlich zur Literatur, vorzudringen. Das habe bei ihm relativ gut funktioniert. Jetzt freue er sich über die Zustimmung der Jurorin Brigitte Schwens-Harrant und darauf, beim Bachmannpreis zu lesen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 25/2026 erschienen.







