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Manfred Wakolbinger: Der Raum dazwischen

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©Patrick Schuster

Zwischen Skulptur und Fotografie begibt sich Manfred Wakolbinger auf explorative Entdeckungsreise. Im Innen und Außen ergründet er abseits des Gewohnten: Dort, wo Realität auf Illusion trifft, sucht er dabei vor allem nach einem – nach sich selbst.

© VGN | Osama Rasheed

W  A K O L B I N G E R – markieren in Schwarz gesprayte Lettern den Eingang ins Atelier in der Brigittenau. Die Tür ist, wenig überraschend, aus Metall. Wie auch das meiste, das sich dahinter verbirgt. Ob die Stühle – das Gestell aus gebürstetem Alu, die Sitzfläche aus geschichtetem Leimholz – auch echte Wakolbingers sind? „Nein“, lacht der Künstler. Und klärt auf: „Das sind die klassischen Häfensessel aus den USA.“ Die ausgedehnte Sitzprobe des Gefängnismöbels aus Übersee, das sich hier nahtlos ins metallische Gesamtgefüge eingliedert, überzeugt bei einer Tasse Kaffee. Nach Aluminium sucht man indes im künstlerischen Teil besagten Ensembles vergeblich. Was auf den ersten Blick vielleicht den Anschein erwecken mag, ist in Wahrheit wetterfester Edelstahl, wie ihn Manfred Wakolbinger für seine skulpturalen Interventionen im öffentlichen Raum vorrangig nutzt. „Glasperlengestrahlt“, erklärt er die satinierte, an Alu erinnernde Oberfläche.

Aus Stahl – diesmal verzinkt – ist auch die Treppe, die ins Untergeschoß des Ateliers führt. Seit 14 Jahren sind die rund 400 Quadratmeter, aufgeteilt auf zwei Etagen, Wakolbingers Wirkungsstätte. Hier hat er Ruhe. Und vor allem eines: Platz. Oben wird gewerkt, unten präsentiert und gelagert. Der Abstieg über wenige Stufen ist ein sprichwört­liches Abtauchen in eine fremde Welt – mannshohe Skulpturen aus patiniertem Kupfer, die in ihrer Ästhetik Biomorphes aufweisen, treten mit galaktisch-anmutenden Unterwasseraufnahmen in Resonanz. So eröffnet der Einblick in Wakol­bingers künstlerischen Kosmos abstrakte Ausblicke an die entlegensten Orte. Denn seine Kunst ist eine explorative Entdeckungsreise: Ein formales Oszillieren zwischen den Tiefen der Ozeane und fernen Galaxien. Ein Ergründungsversuch des Unergründlichen. „Eigentlich ist meine Arbeit eine permanente Suche nach mir selbst.“

Zwischen dem Innen und Außen

Der Anbeginn seiner Forschung datiert auf frühste Kindheitstage: „Es gibt Erlebnisse, die dich einfach nie wieder loslassen“, holt er aus, um von seinem „Initiationserlebnis“ zu erzählen. „1957 war ich gerade fünf Jahre alt, als sie im Radio rauf und runter berichtet haben, dass Sputnik, der erste Satellit, um 17 Uhr über Österreich fliegen würde. Der ganze Ort ist damals auf den Straßen zusammengekommen, um dieses Spektakel zu erleben.“ Und obwohl der Blick ins helle Firmament ein enttäuschender war, erschließt ihm die kollektive Begeisterung für den weitreichenden Einfluss menschlicher Möglichkeiten eine neue Sicht: Die Diskrepanz zwischen der vom Menschen ausgehenden Konstruktion und Dekonstruktion soll Jahre später zur treibenden Kraft seiner künstlerischen Auseinandersetzung werden – die Reflexion von Innen- und Außenwahrnehmung wird zur omnipräsenten Konstante.

Zwei Bezugspunkte, die Anfang der 90er einmal mehr an Bedeutung gewinnen: Über vier Jahre ergründet Wakol­binger im Rahmen einer Psychoanalyse die Tiefen seiner selbst. „Midlife-Crisis“, bringt er den Beweggrund dafür schmunzelnd auf den Punkt. „Du liegst auf der Couch und kommst einfach nicht aus – vom Dach abwärts räumst du Stock für Stock auf. Wieder und wieder.“ Ein Wendepunkt für ihn als Person. Aber ebenso für seine Kunst: „Die Reflexion verschärft die Wahrnehmung im Innen und Außen gleichermaßen – du beginnst, die Essenz der Dinge anders zu sehen.“

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Ende der 80er findet die Fotografie Einzug in Wakolbingers Œuvre und tritt in Dialog mit seinen Skulpturen. Seine Black-Water-­Fotografie eröffnet abstrakte Ausblick in vermeintliche Galaxien.

 © Beigestellt

Dass er kurze Zeit darauf das Tauchen für sich entdeckt, sieht er weniger als Zufall. Denn auch die Begeisterung hierfür ist Rudiment frühster Jahre: „Mein Bruder und ich haben, inspiriert von einer Fernsehserie der frühen 60er, immer Tauchen gespielt“, erinnert sich der 73-Jährige. Die plötzlich entfachte Leidenschaft nimmt unmittelbaren Einfluss auf seine Wahrnehmung und damit auf sein künstlerisches Schaffen. Nicht bloß in seiner Fotografie: „Die Schwerelosigkeit unter Wasser hat meinen Blickwinkel als Bildhauer ungemein erweitert. Ich denke, dass die Leichtigkeit in meinem formalen Ausdruck daher rührt – obwohl meine großen Skulpturen gut und gerne eine halbe Tonne wiegen.“

Von später Berufung

Mitten im Œuvre angelangt, drängt sich eine grundlegende Frage auf: Wie ist der Künstler überhaupt zur Kunst gekommen? Manfred Wakolbinger ist Spätberufener. Erst über die Jahre bahnt sich die immanente Sehnsucht nach künstlerischer Entfaltung ihren Weg vom Unterbewussten an die Oberfläche. „Ich bin ein Kind des Umbruchs. Und der war während der Zeit meines Erwachsenwerdens vor allem in der Musik spürbar“, erzählt er vom auditiven Türöffner in die Welt der Kunst. Das Magazin „Twen“ erweitert deren Horizont abseits der Musik: „Ende der 60er gab es einen Werbespot für Afri Cola – kennst du das überhaupt noch“, unterbricht er sich. Zum Smartphone greifend, ist er im Begriff, den Altersunterschied für einen Moment zu nivellieren. Auf dem Display zeichnen sich psychedelische Szenen ab: Hinter einer vereisten Glasscheibe erscheinen etwa Nonnen, Verliebte, ein Soldat und eine Braut, die sich vom Afri-­Cola-Rausch ein und dasselbe erhoffen – das propagierte Paradies auf Erden. „Gewaltig“, stellt er mit ungebrochener Euphorie fest. „Das war echt ein großes, avantgardistisches Ding, das Regisseur Charles Wilp damals gelungen ist.“ Im Magazin erscheint eine Fotoreihe, bei der Wilp Joseph Beuys, der mittels Stock vergängliche Bilder am Sandstrand zeichnete, begleitet. „Geschichten wie diese ­haben mich nicht nur für die Kunst, sondern auch fürs Künstlerdasein sensi­bilisiert – ich war echt angefixt.“

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Im prozessorientierten, skulpturalen Schaffen steht Kupfer als Material im Zentrum – nicht bloß aufgrund seiner Eigenschaften und seiner fleischigen Farbe: Durch seine Patina bildet Kupfer als eines von wenigen Materialien eine eigene Schutzhülle, die Wakolbingers Bezug zwischen Innen und Außen unterstreicht.

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Selbst eines Tages Künstler zu werden, war jedoch ein Wunschgedanke in weiter Ferne. Zunächst absolviert Wakolbinger also eine Ausbildung in Metallbearbeitung und Werkzeugbau. Erst als er Mitte der 70er seine heutige Frau – die arrivierte Schmuckkünstlerin Anna Heindl, die damals gerade an der Angewandten in Wien studierte – kennenlernt, ist der Traum zum Greifen nahe. Durch sein Wissen im handwerklichen Umgang mit Metallen unterstützt er Heindl bei der Umsetzung ihrer Designs – der Beginn einer etwa sechsjährigen Zusammenarbeit. „Unbezahlt“, lacht der Künstler, der sein Geld damals als Statist am Burgtheater verdiente.

Die Eroberung des Raums

Obwohl die Begeisterung für die Körper­skulpturen seiner Frau eine immerwährende ist, wächst damals in Wakolbinger – der parallel erste eigene skulpturale Experimente wagt – die Sehnsucht nach größeren Dimensionen. „Ich habe mich schlicht und einfach nach der körper­lichen Herausforderung gesehnt. Das tue ich bis heute“, verweist er auf eine Fotografie seiner elf Meter langen Skulptur „Connection“, die seit 2011 den Salzburger Rudolfskai ziert.

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Für seine zahlreichen Arbeiten im öffentlichen Raum nutzt Wakolbinger wetterfesten Edelstahl.

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Zur Zeit der „Jungen Wilden“ sind Wakolbingers erste Arbeiten jedoch von weit kleinerem Format und gemäß der gegenwärtigen Strömung in der Kunst vor allem eines: figurativ. Inspiriert vom italienischen Künstler Giorgio di Chirico wird der Betonsockel dabei nicht bloß zum Träger der Metallfiguren, sondern auch zu jenem von Bedeutung. „Er war fester, ikonografischer Bestandteil der Arbeit.“ Im Laufe der Genese geht Wakolbinger einen Schritt weiter: Das Metall wandert ins Podest – der Sockel selbst wird zur Skulptur. Der Bezug zwischen dem Innen und Außen wird erstmals visuell nachvollziehbar: „Auf den ersten Blick erschließt sich Betrachtenden nur die hermetische Hülle aus Beton“, so der Künstler. „Lässt man sich darauf ein und tritt näher, eröffnet sich im Inneren eine ganze Welt.“

Von frühen Erfolgen

Die Skulptur-Werdung des Sockels markiert den Startpunkt seiner Abstraktion: Über die Jahre der sich stetig erweiternden Wahrnehmung entwickelt Wakol­binger ein formales Narrativ, das durch biologische Assoziation eine geradezu biomorphe Sprache spricht. „Mein Vokabular ergibt sich aus meiner Art, Dinge zu sehen“, erklärt er das Resultat subjektiver Interpretation. Interpretiert werden Geschichten, die ihm als Ausgangspunkt seiner einzelnen Werkgruppen dienen. Eine inhaltliche Herangehensweise, die ihre Wurzeln in den Vorlesungen des renommierten Kunsttheoretikers Bazon Brock findet. Davon abgesehen, ist und bleibt Wakolbinger Autodidakt. Vor- oder Nachteil? „Der einzige Nachteil, der sich daraus ergeben könnte, ist ein fehlendes Netzwerk“, so der Künstler. „Aber auch in diesem Punkt konnte ich von den Vorlesungen bei Brock profitieren.“

So kommt es, dass die Ausläufer des künstlerischen Bebens des gebürtigen Oberösterreichers binnen kürzester Zeit von Wien aus in alle Welt reichen. Gerade einmal vier Jahre nach Beginn seines Kunstschaffens stellt Wakolbinger 1987 als einziger Österreicher auf der Documenta VIII aus. 1993 sind seine Arbeiten im Rahmen der Biennale di Venezia zu sehen.

Das Erleben im Fokus

Grundlage des Erfolgs ist seit jeher ein prozessorientierte Ansatz. In dessen Zentrum: Kupfer. Ein Werkstoff, den Wakolbinger nicht bloß aufgrund seiner „fleischigen Farbe“ und der „dankbaren Bearbeitungsmöglichkeiten“ schätzt. „Kupfer ist eines der wenigen Metalle, das durch seine Patina eine eigene Schutzhülle bildet, die sich im Laufe der Zeit immer weiter verändert“, referenziert er aufs Innen und Außen. „Außerdem mag ich es, wenn sich Skulpturen nach dem Verlassen des Ateliers noch weiterentwickeln.“ Dass die Lötnähte seiner Objekte sichtbar bleiben, ist ebenso gewollt. Auch der Farbumschlag durch die dabei entstehende Hitze ist ein willkommener Effekt. „Durch die Veränderung im Außen wird das Prozesshafte für Betrachtende nachvollzieh- und erlebbar.“ Und genau darum geht es Wakolbinger: um das Erleben.

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Wakolbingers Skulpturen laden zur Überwindung des Erfahrungsraumes, der Umgebung, ein – so sollen etwa polierte, spiegelnde Edelstahl den interaktiven Dialog mit Betrachtenden erweitern.

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Mit dem Wegfall des Betons finden sich seine zunehmend immer fließender erscheinenden Skulpturen für einige Zeit in Glaskuben wieder. „Das Glas wird zum Sockel der instabilen Skulptur“, erklärt er. „Das im Aggregatzustand eigentlich flüssige Material stabilisiert und stützt dabei das feste Metall, das formal bloß vorgibt, zu fließen.“ Weit offensichtlicher ist indes der installative Zugang, dessen Stellenwert spürbar bedeutender wird: „Die Umgebung ist aktiver Teil meiner Kunst: Der sich darin auftuende negative Raum zwischen Rezipierenden und dem Objekt ist essen­ziell für die Erfahrung“, so Wakolbinger. Ein Erfahrungsraum, den es zu überwinden gilt, um in einen interaktiven Dialog zu treten. „Eine Arbeit ist immer erst dann fertig, wenn Menschen darauf reflektieren – wenn die Geschichte, die ich darin erzähle, erlebbar wird.“ Das Verständnis für das Erzählte sei sekundär: „Am Ende sind meine Geschichten meine Geschichten – die möchte ich niemandem aufoktroyieren.“

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