Mit Messiaens monumentaler Oper über Franz von Assisi gelingt den Salzburger Festspielen ein musikalisches und szenisches Ereignis.
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Die weißen Lettern „Je t’aime, Olivier, immense artiste“ („Ich liebe dich Olivier, gigantischer Künstler“) auf dem rot erleuchteten Vorhang sagen das Wesentliche über die Produktion von Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“ bei den Salzburger Festspielen.
Das „Ich“ hätte man hier lediglich mit „Wir“ ersetzen können. Denn diese Aufführung ist eine musikalische und szenische Hommage an den tiefgläubigen französischen Komponisten.
Getrieben vom Glauben
Olivier Messiaen (1908 -1992) war einer der zentralen Tonschöpfer des 20. Jahrhunderts. Er schuf gigantische Werke wie die „Turangalîla“-Symphonie, Kammermusik, wie das Quatuor a la fin du temps oder „Visions de l'Amen“ für Klavier (Diese führt Markus Hinterhäuser mit dem Pianisten Igor Levit am 11. August bei den Festspielen auf).
Nahezu alle von Messiaens Arbeiten sind geprägt von seinem Glauben. Nur vor dem Genre der Oper hielt er sich über Jahrzehnte fern. Erst der damalige französische Staatspräsident Georges Pompodiou konnte ihn Anfang der 1970er Jahre dazu bringen, sich dem Genre zu widmen.
Messiaen, bekennender Katholik und passionierter Ornithologe, fand den Stoff dafür in der Geschichte des Franz von Assisi. Er bereiste das italienische Umbrien, die französischen Kolonien Neukaledonien und Polynesien, um die örtliche Vogelwelt zu studieren. Er nahm die Stimmen der gefiederten iHimmelsboten auf und stellte sie ins Zentrum seiner Oper, für die er auch das Libretto selbst verfasst hat.
1992 ließ sie der damalige Intendant der Salzburger Festspiele Gérard Mortier von Peter Sellars in Szene setzen. Wer diese Aufführung erlebt hat, wird sie sein Leben lang nicht vergessen, wie die Berichterstatterin. Ein leuchtendes Kreuz, gefühlte hunderte Fernsehschirme, die Vögel zeigten, prägten sich bis heute ein.
Eindringliche Bilder
In diesem Jahr jährt sich der Todestag des Heiligen aus Assisi zum 800. Mal. Ein idealer Zeitpunkt, dieses Werk erneut bei den Festspielen zu zeigen. Diese Aufführung geriet zur Krönung der Ära des Intendanten Markus Hinterhäuser. Dass ihm ausgerechnet vor den Festspielen aus politischer Willkür sein Amt entzogen wurde, ist eine bittere Ironie des Schicksals. Denn er fand die beste Konstellation für dieses Werk. Romeo Castellucci, den genialen Bilderschöpfer, und Maxime Pascal, den in der zeitgenössischen Musik konkurrenzlosen Dirigenten.
Castellucci führt auf der gigantischen Bühne der Felsenreitschule in sehr reduzierten, aber umso eindringlicheren Bildern durch das Leben dieses Heiligen. Er demonstriert die Radikalität dieses Mannes aus wohlhabender Familie, indem er dessen Abschied von den Eltern und Reichtum den sechs Messiaen’schen Bildern voranstellt.
Auch im zweiten Akt fügt er ein Sujet ein, das nicht in der Oper vorkommt, aber im Leben des Franziskus zentral war, seine Fähigkeit mit Tieren zu kommunizieren. Das manifestiert sich bei Castellucci in der Episode „Franziskus und der Wolf von Gubbio“. Dieser Isegrim hatte die Stadt in Angst versetzt. Franziskus widmete sich dem Tier und nannte ihn „Bruder Wolf“. In wenigen Sekunden lässt Castellucci seinen Darsteller Philippe Sly mit einem wirklichen Wolf über die Bühne gehen. Das sagt alles.
King Kong, Engel, graue Gans
Jedes Bild, jede Szene funktioniert präzise im Einklang mit der Musik. Etwa, wenn die Brüder Brot backen und später töpfern. Subtil verwebt Castellucci die aktuellen globalen Katastrophen mit dem Geschehen. So zeigt er auf einem die gesamte Bühne überspannenden Vorhang eine Großstadt, die auf dem Kopf steht. In einem Eck ist ein schwarzes Monster abgebildet, das an King Kong erinnert, der die Wolkenkratzer zerstört.
In dieses Bild schwingt sich kopfüber die Gestalt des Engels, der Franziskus über die Musik zu Gott führt. Für das zentrale Element, die Vogelpredigt, findet Castellucci, ein beklemmendes Bild. Er lässt schwarze Vögel auf die Bühne klatschen. Manche flattern noch am Boden, ringen um ihr Dasein wie im wirklichen Leben in einer der Devastierung ausgelieferten Welt. Am Ende dieses Aktes tritt eine einsame graue Gans auf.
Verstörend stark zeigt Castellucci das Sterben des Heiligen. Noch einmal treten die betagten Eltern auf. Der Vater trägt einen Anzug und ein weißes Hemd für den Sohn, doch der ist längst entrückt. Ein zarter Flügel senkt sich von der Decke auf ihn herab. Franziskus geht am Ende in einer Wolke auf. Zum Finale wandert eine Schafherde über die Bühne.
Alles ausgezeichnet
Gesungen wird ausgezeichnet. Sly verkörpert den Gottsucher Franziskus mit jeder Phase seines Körpers und seiner Stimme. Er agiert so radikal wie die historische Figur. Mit seinem Bassbariton erfüllt er die Rolle mit vokaler und physischer Präsenz, keine Sekunde lässt die Spannung bei ihm in den über vier Stunden der Aufführung nach. Chapeau!
Ausgezeichnet sind auch die anderen Partien besetzt. Allen voran Lauranne Oliva als Engel. Ihr kristalliner Sopran betört in jeder Phase buchstäblich engelhaft. Tenor Sean Panikkar singt den Leprakranken famos. Willard White, der diesen Oktober 80 wird, verfügt ungebrochen über eine gigantische Präsenz. Russel Braun intoniert als Frère Leon das leitmotivische „J’ai peur“ mit eindringlicher Nachdrücklichkeit. Phänomenal intoniert der Chor der Wiener Staatsoper (Einstudierung: Jozef Chabron).
Schlussapplaus bei der Premiere.
© Salzburger Festspiele / Marco BorelliDelikates Dirigat
Nicht genug ist das Dirigat von Maxime Pascal hervorzuheben. Kaum vorstellbar, dass jemand diese Partitur besser, intensiver zum Klingen bringt als dieser Dirigent mit den furios disponierten Wiener Philharmonikern. Deren Klang lässt er mit den Ondes Martenots (elektronische Tasteninstrumente, die bei Messiaen immer wieder zum Einsatz kommen, Anm.) verschmelzen.
Hunderte Klangfarben leuchten in der Vogelszene auf. Das klingt tatsächlich nach dem, was Sophie im „Rosenkavalier“ von Richard Strauss einen „Gruss vom Himmel“ nennt. Ovationen.
