Mit dem Namen Amélie Nothomb verbindet der französische Buchhandel Millionenumsätze. Ihre verblüffenden Romane sind in mehr als 40 Sprachen übersetzt. In ihrem aktuellen Buch „Die unmögliche Rückkehr“ lässt sie eine Reise nach Japan, ins Land ihrer Kindheit, zur Literatur werden. Mit News sprach sie über Heimkehren, Fremdsein und die Notwendigkeit, für die Kultur in jedem Land zu streiten.
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Japan sei ihr liebstes, ihr heiliges Land, konstatiert Amélie Nothomb in ihrem jüngsten Buch „Die unmögliche Rückkehr“. Dort wurde die Autorin von mehr als 30 Bestsellern vor 58 Jahren als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren, dort verbrachte sie die glücklichsten Jahre ihrer Kindheit.
Ihre vergangene Reise ins Land der aufgehenden Sonne ließ sie zu einer literarischen Reflexion über Fremdsein und Heimkehr werden. News erreichte sie in ihrer Wahlheimat Paris, wo sie seit mehr als 30 Jahren lebt.
Was macht Ihre Faszination an Japan aus? Die Erinnerung an Ihren Vater, Ihre Kindheit?
Eine Mischung aus all dem. Meine ersten Erinnerungen sind japanisch, meine erste Identifikation war japanisch, meine erste Definition der Welt war japanisch. Weil ich die ersten fünf Jahre meines Lebens in Japan verbrachte, war ich überzeugt, ich sei Japanerin. Ich hatte sogar eine japanische Nanny, Nishio-san. Ich liebte sie genauso sehr wie meine Mutter.
Japanisch und Französisch waren meine beiden Muttersprachen. Es war der Schock meines Lebens, dass ich die japanische Sprache vergaß, als ich das Land verlassen hatte. Mit 21 kehrte ich zurück und damit auch die Sprache. Das wiederholte sich bei jeder Reise, die Sprache steigt stets in mir wie das Meer bei Flut. Das ist ein Rätsel.
Wie wirkt sich das auf Ihr Schreiben aus?
Ich habe das Gefühl, Japanisch ist meine Phantomsprache. Denn sie beeinflusst mich auch unbewusst beim Schreiben. Manche halten meinen Stil für seltsam. Das lässt sich durch den Einfluss meiner Phantomsprache erklären.
Kann man „Die unmögliche Rückkehr“ auch als eine Art philosophisches Buch, als Metapher für Heimkehr an sich sehen?
Absolut. Hätte ich meine Kindheit in der Schweiz oder in Südfrankreich verbracht, verhielte es sich mit der Rückkehr genauso. Ich denke, dieses Thema betrifft jeden. Man muss nicht sein ganzes Leben im selben Land verbracht haben, um sich wie im Exil zu fühlen. Aber Japan weckt bei mir stärkere Leidenschaften als andere Länder.
Mein Buch handelt also auch von einem allgemeinen Phänomen: Jeder sehnt sich nach dem Ort seiner Kindheit, und wenn es nur das Dorf von nebenan ist. Japan ist das Land, in dem man sich wirklich zutiefst fremd fühlen kann. Tanizaki Junichiro erklärt in seinem Buch „Lob des Schattens“ wunderbar, was die Japaner von allen anderen Menschen auf der Welt unterscheidet – sie ziehen den Schatten dem Licht vor. Sie sind sehr höflich.
Sie beschreiben in Ihrem Roman „Mit Staunen und Zittern“ , wie abweisend, wie grausam die Menschen in Japan sein können …
Sie sind sehr widersprüchlich. Sie sind die höflichsten Menschen der Welt und heißen einen herzlich willkommen, aber nur, solange man wirklich eine Ausländerin ist. Ich wollte die Grenze überschreiten. Ich kam an und sagte: „Ich möchte als Japanerin hier sein, ich gehöre zu euch.“ Das war eine sehr, sehr schlechte Idee.
Das Buch


In die „Die unmögliche Rückkehr“ lässt Amélie Nothomb die Schilderung einer Reise nach Japan zur fesselnden Reflexion über Fremdsein und Heimat werden. Diogenes, € 20,99
Auf den ersten Fotos, die von Ihnen erschienen sind, sehen Sie tatsächlich aus, als wäre entweder Ihre Mutter oder Ihr Vater aus Japan. Wie kommt das?
Das freut mich sehr, und ich glaube, Sie haben recht, es gibt etwas zutiefst Japanisches in mir, obwohl meine Eltern nicht aus Japan kommen. Das kommt von meiner Liebe zu Japan und zu meiner japanischen Nanny, obwohl ich im Grunde keinen Tropfen japanisches Blut habe.
Sie schreiben im Buch, dass Sie während der Reise auch literarisch gearbeitet haben. Hatten Sie bereits während Ihres Japan-Aufenthalts dieses Buch geschrieben oder erinnern Sie sich nicht mehr, welches das war?
Wissen Sie, ich nenne meine Bücher meine Kinder. Ich weiß immer, wann ich welches Buch geschrieben habe. Das im Buch Erwähnte ist noch nicht erschienen.
Macht es für Sie einen Unterschied, wo Sie etwas schreiben?
Nun, ich habe mir angewöhnt, in allen Situationen zu schreiben, da ich viel unterwegs bin. Also musste ich lernen, überall zu schreiben. Das ist nicht einfach. Aber nun ja, ich kann es.
Sie schildern im Buch, wie Sie auf Ihrer Reise in Tränen ausbrachen, weil Sie Ihr U-Bahn-Ticket verloren haben. Das ist ein sehr unjapanisches Verhalten. Ist das so passiert?
Es war schrecklich, ich fühlte mich wie eine Fünfjährige. Das war so demütigend. Wieder einmal scheiterte ich daran, Japanerin zu sein. Nicht einmal mein Zugticket konnte ich aufbewahren. Ich empfand das als Katastrophe. Meine Tränen galten auch dem Verlust, aber nicht so sehr dem meines Tickets.
Plötzlich wurde mir bewusst, dass meine Kindheit unwiederbringlich vorbei ist. Ich denke, auf diesen Moment habe ich ungewöhnlich lange gewartet, aber das zu erkennen, braucht Zeit. Ich weine auch oft beim Schreiben, aber paradoxerweise habe ich in diesem Moment wirklich verstanden, dass mein Vater tot war. Dafür musste ich offenbar erst an denselben Ort zurückkehren, wo ich mit ihm war.
Seit Jahren zählen Sie zu den erfolgreichsten Schriftstellern. Millionenauflagen, Auftritte in Talkshows im französischen Fernsehen. Das hat Ausmaße wie bei einem Pop-Star. Wie wirkt sich das auf Sie aus?
Das ist nicht wichtig. Es sind jetzt schon 34 Jahre, seit mein erstes Buch veröffentlicht wurde. Das ist eine lange Zeit. Veröffentlicht zu werden, war eine große Veränderung an sich. Aber ich bin immer noch derselbe Mensch.
Sie schildern, wie Sie auf Ihrer Reise zwischen den Japanern und Ihrer Freundin, mit der sie unterwegs waren, wie eine Diplomatin vermitteln mussten.
Japaner sind sehr seltsame Menschen, kulturelle Missverständnisse können sehr heftige Reaktionen auslösen. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich einen Krieg verhindern müsse. Das war wirklich etwas ganz Besonderes, diesen Spagat zwischen Wahrheit und Diplomatie zu schaffen.
Die Franzosen sind so revolutionär, so wütend und zu allem bereit, dass ich glaube, dass sie immer für den Schutz ihrer Kultur und ihrer Literatur kämpfen werden
Welche Rolle spielt Wahrheit in der Literatur?
Wir meinen, die Wahrheit in der Literatur zu lieben. Über sich selbst kann man diese problemlos sagen. Aber bei anderen hat man nicht das Recht dazu, sonst zeigt man den anderen keinen Respekt.
Muss man heute vorsichtiger damit umgehen als früher?
Ich muss Ihnen sagen, dass ich diese Entwicklung nicht gespürt habe, weil ich schon immer darauf geachtet habe, respektvoll mit anderen umzugehen.
Lassen Sie uns noch über Außerliterarisches sprechen. In Österreich soll den Universitäten eine Milliarde genommen werden. Latein sollte an den Schulen reduziert werden. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Zu Österreich kann ich nichts sagen. Ich kenne Ihr Land leider nicht. Aber man muss sehr entschlossen gegen diese zunehmenden Tendenzen der Regierungen vorgehen, die Rolle der Kultur zu schmälern. Deshalb müssen die Bürger sehr wachsam sein.
Ist die Kultur nicht auch in Frankreich bedroht?
Da bin ich ziemlich zuversichtlich, denn die Franzosen sind so revolutionär, so wütend und zu allem bereit, dass ich glaube, dass sie immer für den Schutz ihrer Kultur und ihrer Literatur kämpfen werden. Das heißt aber nicht, dass man nicht vorsichtig sein muss. Ich mache mir doch mehr Sorgen um andere Länder, wie zum Beispiel mein eigenes, Belgien. Da haben wir das revolutionäre Temperament nicht.
Kann Literatur den Blick der Menschen schärfen?
Ich bin überzeugt, dass Literatur die Welt retten kann. Ich weiß, dass ich sehr naiv klinge, wenn ich das sage, aber es ist wirklich meine tiefe Überzeugung. Solange Menschen Bücher lesen, vorzugsweise gute Bücher, werden sie gerettet sein. Lesen ist der zivilisatorische Akt schlechthin. Deshalb muss es Schriftsteller geben, die weiterhin gute Bücher schreiben. Denn solange Schriftsteller gute Bücher schreiben, werden die Menschen Lust haben, sie zu lesen.
Steckbrief
Amélie Nothomb
Amélie Nothomb wurde 1967 in Kobe, Japan, als Tochter eines belgischen Diplomaten geboren. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Fernost. Ihre Bücher sind in mehr als 40 Sprachen übersetzt und erreichen Millionenauflagen.
Für ihren Roman „Mit Staunen und Zittern" erhielt sie den Grand Prix de l'Académie française, für den Roman über ihren Vater, „Der belgische Konsul, den Prix Renaudot 2021 und den Premio Strega Europeo. In Italien wurde sie 2023 mit dem „Premio Hemingway" ausgezeichnet. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.







