Peter Plaikner
©Matt ObserveNeben Sozialhilfereform, Uni-Budget und Zukunftsdepot wirkt das Medienpaket als Mauerblümchen zum Start in den „Herbst der Ergebnisse“, versetzt Wiens Gratis-Boulevard aber in Rage. Denn er ist kein Nutznießer der Zustellförderung für Zeitungen. Noch-Medienminister Andreas Babler hat sich durchgesetzt.
1,1 Millionen abonnierte österreichische Kauf-Tageszeitungen landen allmorgendlich an Wohnungs- und Haustüren sowie in Briefkästen. Diese zehn verbliebenen Titel – von der riesigen Krone bis zur winzigen Neuen in Vorarlberg – sind die Hauptbegünstigten der Zustellförderung. Sie bildet neben Unterstützung der digitalen Transformation den Kern des Medienpakets und hätte seinen Beschluss fast verhindert. Die ÖVP hatte es blockiert, weil nicht alle Gratisblätter von den je 26,5 Millionen Euro für 2027 und 2028 profitieren.
Anders als etwa Mein Bezirk erhalten Heute und oe24 keine Zustellförderung. Das wirkt logisch, denn regionale Wochenzeitungen kommen überall in Österreich – zwar unverlangt – in die Postkästen, beide Wiener Dailys liegen dagegen nur zur freien Entnahme auf. Sie werden nicht zugestellt. Subvention unter diesem Titel wäre also widersinnig.
Gratis-Pionier nicht mehr auf Papier
Die Boulevardriesen haben laut Media-Analyse noch 700.000 (Heute) bzw. 440.000 (oe24) Papier- bzw. E-Paper-Leser. Umsichtige Passagiere der Wiener Öffis schütteln angesichts solcher Zahlen zwar ungläubig den Kopf, Marktforschungskritik ist aber kein Kriterium für Förderung. Unterdessen attestiert die Web-Analyse den Digital-Auftritten 510.000 (Heute) bzw. 340.000 (oe24) Nutzer. Die beiden Titel sind also eine Macht. Der rasante Umzug von Werbung zu globalen Plattformen lässt ihr Print-Geschäftsmodell allerdings noch schneller einstürzen als bei Kaufzeitungen.
Der Konzern hinter metro, der 1995 mitten im Internet-Aufbruch gegründeten ersten Gratis-Tageszeitung, wurde mit Ausgaben in 23 Staaten zum größten Herausgeber der Welt. Doch 2019 erschien das letzte Papier-Exemplar des Pioniers aus Stockholm. Die Schweizer Print-Ausgaben des Rivalen 20 Minuten wurden von der TX Group zum Jahreswechsel eingestellt. Die Eidgenossen waren schon 2024 aus ihrer 2016 erworbenen Beteiligung an Heute ausgestiegen.
Seine Herausgeberin Eva Dichand hatte in einem Interview zu ihrem 50. Geburtstag bereits 2023 zu Conny Bischofberger gesagt: „Ich glaube, die Zukunft der Zeitung, und das wird ganz schnell kommen, werden Wochenendausgaben sein. Und von Montag bis Freitag wird es das Medium nur online geben.“ Heute erscheint nur von Montag bis Freitag.
Verhinderung von Nachrichtenwüsten
Die Nicht-Berücksichtigung in der Zustellförderung wird das Ende der Papier-Ausgaben beider Gratis-Tagestitel beschleunigen, während Wochenblätter und Kaufzeitungen eine Galgenfrist zur Weiterentwicklung ihrer Gesamt-Geschäftsmodelle erhalten. Aus demokratiepolitischer Sicht geht es dabei insbesondere um Informationsversorgung im und über den ländlichen Raum. Es gilt, die Entstehung von News Deserts wie in den USA zu verhindern, wo es kein eigenes Medium mehr gibt. Aus unternehmerischer Perspektive braucht es dazu Konstruktionen, die Finanzierung von Online-Journalismus ermöglichen.
Print-Leser bilden zwar noch die Mehrheit und sorgen für den Großteil des Geschäfts, doch sie sterben absehbar aus. Die wegbrechenden Einnahmen lassen sich bisher kaum durch Digital-Abos ausgleichen. Da Werbung, die zweite Finanzierungsquelle, zusehends versiegt, wachsen die Wünsche an den Staat, Journalismus zu fördern. Doch das Etikett muss passen. Zustellförderung für nicht zugestellte Medien wäre ein Unding.
Peter Plaikner: Politikanalyst und Medienberater
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 44/2026 erschienen.
