Der Klimawandel bedroht das Lieblingsgetränk der Österreich: Kaffee. Seine Zukunft könnte von einer längst verschollenen Pflanze abhängen.
An einem glühend heißen Januarnachmittag steigt Aaron Davis aus einem weißen Toyota Land Cruiser. Er ist gerade in einem Dorf aus Lehmhütten in Sierra Leone angekommen. Es ist der Höhepunkt der Trockenzeit. Der Boden leuchtet in sattem Ocker und ist von tiefen, runden Schächten durchzogen – Minen, die die Dorfbewohner gegraben haben, um nach Gold und Diamanten zu suchen. Doch Davis ist wegen einer anderen Art von Schatz hier.
Auf dem Weg zu dem Dorf im Osten des Landes passierten wir Ölpalmen- und Cashewplantagen sowie eine Eisenbahnstrecke, über die im Rahmen eines von China unterstützten Bergbauprojekts Eisenerz an die Küste transportiert wurde. Davis, der zum Schutz vor der Sonne ein Biker-Bandana um den Hals trug, hatte mir erlaubt, ihn zu begleiten – unter der Bedingung, den Namen des Dorfes geheim zu halten. Es kursierten Gerüchte, dass dort bereits andere Ausländer Nachforschungen angestellt hätten.
Ein geheimes Experiment
Ein örtlicher Bauer namens Alex John Bulle führte uns einen schmalen Pfad hinter einer Hütte am Waldrand hinunter. Unter dem Blätterdach war die Luft spürbar kühler. Davis eilte zu einigen vergilbten, spindeldürren Sträuchern. Für mein ungeübtes Auge unterschieden sie sich kaum von der übrigen Vegetation. Doch es war keine gewöhnliche Plantage. Hier lief ein geheimes Experiment zur Entwicklung einer Kaffeepflanze, die den Folgen des Klimawandels standhalten könnte.
Derzeit werden weltweit nur zwei Kaffeesorten im großen Stil angebaut: Arabica und Robusta. Die meisten Kaffeetrinker bevorzugen den Geschmack von Arabica. Gleichzeitig gilt die Sorte als besonders anfällig für steigende Temperaturen. Davis ist überzeugt, dass die Setzlinge, die wir uns ansahen – sie gehören zu einer von Natur aus hitzeresistenten Wildart namens Stenophylla –, entscheidend dazu beitragen könnten, Kaffee auch unter den Bedingungen des Klimawandels zu erhalten.
Bis vor wenigen Jahren gingen Wissenschaftler davon aus, dass Stenophylla in Sierra Leone ausgestorben sei. Doch 2018 entdeckte Davis die Art wieder – nach monatelangen Streifzügen durch die Wälder des Landes. Die Lichtung war einer von Dutzenden Standorten, an denen Davis und sein Team, zu dem auch Bulle gehörte, die Pflanze inzwischen kultivierten.
Die umkämpfte Welt des Wildkaffees
Davis, Botaniker an den Royal Botanic Gardens in Kew bei London, gilt als einer der bedeutendsten Entdecker von Wildkaffee. Er und sein Team haben nach eigenen Angaben rund ein Drittel der mehr als 130 bekannten Wildkaffeearten entdeckt. Als Wissenschaftler ist Davis grundsätzlich darauf ausgerichtet, seine Forschung offen zu teilen. Doch genau diesen Reflex musste er sich abgewöhnen.
Die Welt des Wildkaffees ist überraschend umkämpft. Botaniker, Talentscouts von Unternehmen und Glücksritter wetteifern darum, Arten aufzuspüren, die eines Tages kommerziell wertvoll werden könnten. Auf einer kürzlichen Reise nach Malaysia, wo Davis Kaffeefarmen besuchen wollte, auf denen eine seltene Hybridsorte angebaut wird, bemerkte er, dass ihm offenbar jemand folgte.
Landwirte berichteten seinem Team, welches in den sozialen Medien Postings über Davis’ Reise veröffentlichte hatte, dass eine verdächtige Person etwa zwei Wochen nach seiner Abreise dieselben Orte aufgesucht und nach Samen gefragt habe. Manchmal verzichten Kaffeejäger jedoch ganz auf solche Umwege: Davis erzählte mir, dass im vergangenen Jahr Diebe Tausende Stenophylla-Pflanzen von einer Farm in Sierra Leone gestohlen hätten.
Mangel an Innovation
Noch größere Herausforderungen stehen dem Versuch entgegen, den Kaffee zu retten. Die Erderwärmung bringt selbst die Hitzetoleranz von Stenophylla an ihre Grenzen. Davis hatte darauf bestanden, die Pflanzen, die ich in Sierra Leone sah, nicht zu bewässern: Ziel des Experiments war es herauszufinden, ob Stenophylla in seinem natürlichen Lebensraum weiterhin gedeihen kann. Doch die Pflanzen wirkten geschwächt. Ihre langen, bandförmigen Blätter, die eigentlich ein tiefes, glänzendes Grün aufweisen sollten, waren blass und wirkten papierartig trocken.
Im Laufe der Jahre musste Davis zudem erkennen, dass große Unternehmen offenbar wenig Interesse daran zeigen, ihn zu unterstützen. Eine Handvoll überwiegend in Europa und den USA ansässiger Konzerne dominiert den Kaffeemarkt, dessen jährliches Volumen auf rund 250 Milliarden Dollar geschätzt wird. Ihr Fokus liegt auf der kurzfristigen Versorgung, während langfristige Strategien offenbar eine geringere Rolle spielen.
Im vergangenen Jahr schätzte Mywish Maredia, Wirtschaftswissenschaftler an der Michigan State University, dass die globale Kaffeeindustrie weniger als 0,1 Prozent ihres Jahresumsatzes in Forschung und Entwicklung investiert – deutlich weniger als vergleichbare Branchen. Dieser Mangel an Innovation könnte die Versorgung der weltweit täglich konsumierten 2,25 Milliarden Tassen Kaffee gefährden. „Ich würde das Wort ‚Krise‘ verwenden“, sagte Maredia.
Ich bekomme keine Prämien, keine Vergünstigungen. Ich übernachte in den schlechtesten Unterkünften … Ich mache das allein aus Freude an der Arbeit und weil ich glaube, dass es etwas bewirken wird
Davis, 61, der zwischen seinen Kaffeeexpeditionen auf einem Oldtimer-Motorrad durch West-London fährt, hat es sich offenbar zur Aufgabe gemacht, Arten aufzuspüren, die dem Klimawandel standhalten können. Abgesehen von seinem bescheidenen Gehalt bei Kew verdient Davis mit seinen Projekten kein Geld – und wird dies auch künftig nicht tun.
In einem Straßenrestaurant in Sierra Leone setzte er die Kosten für ein einfaches Fischgericht als Spesen an. „Die Leute halten das für verrückt“, erzählte er mir. „Ich bekomme keine Prämien, keine Vergünstigungen. Ich übernachte in den schlechtesten Unterkünften … Ich mache das allein aus Freude an der Arbeit und weil ich glaube, dass es etwas bewirken wird.“
Nonkonformist mit einer donquichotischen Vision
Davis gilt in der Kaffeeindustrie als Nonkonformist – als jemand mit interessanten, aber letztlich unrealistischen Ideen für die Zukunft des Kaffees. Zwar erkennen einige Branchenvertreter die Notwendigkeit von Experimenten an („Wir müssen unter jedem Stein nach Chancen suchen“, sagte mir eine Führungskraft eines US-Unternehmens), doch die großen Kaffeeunternehmen betrachten Davis’ Plan, neue Sorten im großen Maßstab anzubauen, häufig als kostspielige und donquichotische Vision.
Doch Davis liebt die Herausforderung geradezu. Für seine Versuche in Sierra Leone hat er ein Land gewählt, das einst zu den bedeutenden Kaffeeexporteuren zählte, seit den 1990er-Jahren jedoch – nachdem ein Bürgerkrieg weite Teile des Landes verwüstet hatte – kaum noch Kaffee produziert. Die meisten Kaffeebauern sind überzeugt, dass das Klima zu heiß und zu trocken ist, um hochwertige Bohnen anzubauen. Davis sieht das anders. Seine Logik: Wenn Kaffee in Sierra Leone gedeihen kann, dann ist er auch in vielen anderen Regionen der Welt anbaubar.
Unentdeckte Schätze
In Kew ist die Vorstellung, dass die Wälder der Welt unentdeckte Schätze bergen, tief verankert. 1759 gründete Prinzessin Augusta, die Mutter von König Georg III., die Gärten, die heute eine Fläche von 130 Hektar am Südufer der Themse im Westen Londons einnehmen. Kew entwickelte sich zum Zentrum der imperialen Botanik. Seine Pflanzensammler durchstreiften Afrika, Asien und Amerika auf der Suche nach Arten mit wirtschaftlichem Potenzial, verpackten vielversprechende Exemplare in eigens angefertigte Kisten und verschifften sie nach London.
Einige dieser Pflanzen wurden im gesamten Britischen Empire weiterverbreitet. Mitte des 19. Jahrhunderts schickten Mitarbeiter südamerikanische Chinarindenbäume von Kew nach Indien, um sie dort anzubauen. Aus ihrer Rinde wurde Chinin gewonnen, ein natürliches Mittel gegen Malaria. Das Medikament half den Briten, Malaria in West- und Zentralafrika zu überleben, und erleichterte damit die Kolonisierung des Landesinneren.
© Illustration: Aga Wieckowska / The Economist
Kew trug auch dazu bei, die weltweite Kautschukproduktion vom Amazonas nach Südostasien zu verlagern. 1876 vollbrachte der Entdecker Henry Wickham einen der spektakulärsten Pflanzenschmuggel der Geschichte, als er 70.000 Kautschuksamen aus Brasilien außer Landes brachte und nach Kew schickte. Die Samen wurden anschließend nach Britisch-Malaya – einem Gebiet, das heute Singapur und Teile Malaysias umfasst – transportiert, wo sie als Grundlage für den Aufbau von Plantagen dienten.
Heute liegt der Schwerpunkt von Kew weniger auf der Suche nach tropischen Nutzpflanzen als auf Artenschutz und Forschung. Doch das Herbarium der Gärten, ein gewaltiges wissenschaftliches Archiv mit mehr als sieben Millionen konservierten Pflanzenexemplaren, birgt wertvolle Hinweise für die Suche nach klimaresistenten Kulturpflanzen.
Dürre, Frost, Hagel, Überschwemmungen
In den vergangenen Jahren hatten Kaffeebauern mit Dürren, Frost, Hagel und Überschwemmungen zu kämpfen. Gleichzeitig sind die Jahreszeiten unberechenbarer geworden: Regenfälle setzen zu früh ein, Trockenperioden dauern länger an. In Äthiopien, der Wiege des Arabica-Kaffees, lösen frühe Niederschläge die Blüte aus, die jedoch oft noch vor der Bestäubung verwelkt. „Das ist einfach beispiellos. Wenn man mit den Einheimischen dort spricht, sagen sie: ‚So etwas haben wir noch nie gesehen‘“, sagt Davis.
In Kolumbien zwingt die steigende Hitze Arabica-Bauern dazu, ihre Plantagen in höhere Lagen zu verlegen, wo Anbauflächen knapper, die Temperaturen aber niedriger sind. Arabica gedeiht bei Temperaturen über 30 Grad nur schlecht. In Brasilien, dem weltweit größten Kaffeeproduzenten, vernichteten eine schwere Dürre und die darauf folgenden Frostperioden in den Jahren 2020 und 2021 fast 600 Millionen Kilogramm Kaffee – rund sechs Prozent der weltweiten Jahresproduktion.
„Kaffee wird zum Luxusprodukt“
Der Klimawandel, Zölle und steigende Arbeitskosten haben dazu geführt, dass sich der Durchschnittspreis für ein halbes Kilogramm gemahlenen Röstkaffees in den USA seit 2020 mehr als verdoppelt hat. „Innerhalb eines Jahrzehnts“, sagt Davis, „wird Kaffee zu einem Luxusprodukt werden.“
Robusta, eine koffeinreichere Sorte, die häufig für Instantkaffee verwendet wird, gilt als hitzeresistenter als Arabica – ihr Name verweist auf ihre vermeintliche Widerstandsfähigkeit. Doch auch Robusta ist nicht vor den Folgen des Klimawandels gefeit. Im zentralen Hochland Vietnams, dem weltweit wichtigsten Anbaugebiet für Robusta, haben lang anhaltende Dürren, unterbrochen von Überschwemmungen, zu erheblichen Ertragseinbußen geführt.
Weckruf für die Branche
2015 veröffentlichten Forscher aus Deutschland, Kolumbien und Nicaragua eine Studie, die zu dem Schluss kam, dass bis 2050 die Hälfte der weltweiten Kaffeeanbauflächen ungeeignet werden könnte. Für die Branche war das ein Weckruf. „Die Studie zu lesen, war wie eine kalte Dusche“, erzählte mir Andrea Illy, Vorsitzender des italienischen Kaffeeunternehmens Illycaffè, in seinem Büro in Mailand. „Wir sagten: ‚Oh mein Gott.‘“
Der Kaffeeanbau war schon immer ein Geschäft mit hohen Risiken und geringen Gewinnmargen. Rund die Hälfte der weltweit 25 Millionen Kaffeebauern lebt von weniger als 3,20 Dollar pro Tag. In diesem Jahr kamen für sie aufgrund von Donald Trumps Krieg gegen den Iran zudem höhere Kosten für Düngemittel hinzu. Zusammen mit den zunehmend unberechenbaren Wetterbedingungen wird aus einem ohnehin prekären Geschäft ein zunehmend instabiles Unterfangen.
Der weltweite Kaffeedurst steigt
Der Klimawandel veranlasst viele Erzeuger, über den Wechsel zu widerstandsfähigeren Kulturen wie Kochbananen oder Palmöl nachzudenken – oder die Branche ganz aufzugeben. Gleichzeitig steigt die weltweite Nachfrage nach Kaffee weiter. In China hat sich der Verbrauch innerhalb der vergangenen zehn Jahre mehr als verdoppelt.
Die Frage, wie die künftige Nachfrage gedeckt werden kann, bereitet Produzenten zunehmend Sorgen. „Woher sollen die nächsten 20 Millionen Säcke kommen?“, fragte Dave Behrends, Leiter des Handels beim Genfer Kaffeehandelsunternehmen Sucafina. „Und die nächsten 40 Millionen?“
Der Ursprung der Faszination
Auch abseits seiner Arbeit verbringt Davis einen Großteil seiner Zeit zwischen Pflanzen. Er pflegt seinen Schrebergarten ebenso wie den Garten des Hauses im Westen Londons, das er mit seiner Frau Lucy Smith bewohnt, einer botanischen Künstlerin, die er in Kew kennengelernt hat.
Nach dem Tod seiner Eltern begann Davis, regelmäßig mit dem Fahrrad an die Küste von Kent im Südosten Englands zu fahren, um sich um deren üppigen tropischen Garten zu kümmern. Hier nahm seine Faszination für die Pflanzenjagd ihren Anfang. Als Davis und seine Schwester noch Kinder waren, nahm ihre Mutter, eine begeisterte Gärtnerin, sie häufig mit zu Pflanzenmessen und in Baumschulen, um seltene Blumen und Sträucher zu kaufen. Der Garten der Familie gedieh so prächtig, dass der örtliche Postbote dort gelegentlich heimlich seine Teepausen verbrachte.
Pflanzen statt Schmetterlinge
Als Davis ein Teenager war, hatte er eine Freundin, deren Vater in den 1950er-Jahren in Indien als Schmetterlingssammler gearbeitet hatte. Die Romantik und das Abenteuer dieses Berufs, bei dem man auf der Suche nach exotischen Exemplaren um die Welt reiste, beflügelten seine Fantasie.
Zunächst begann er, Raupen zu sammeln, stellte jedoch bald fest, dass ihn der Anbau der Pflanzen, von denen sie sich ernährten, noch mehr faszinierte. An der Universität studierte Davis Botanik und verfasste seine Doktorarbeit über Schneeglöckchen – weiße Wildblumen, die in Europa und im Nahen Osten heimisch sind und im Winter blühen.
Kurz nach Abschluss seiner Dissertation saß Davis gerade bei einer Tasse Tee in den Kew Gardens, als er zufällig mit Diane Bridson ins Gespräch kam, einer Kaffeepflanzen-Expertin, die dort arbeitete. Der Überlieferung nach löcherte Davis Bridson mit Fragen dazu, wie viele Kaffeearten es gibt und wo sie wachsen. Ihre Antwort: „Das weiß niemand genau.“ Beeindruckt von seiner Begeisterung stellte Bridson ihn schließlich ein, damit er dieser Frage nachging. Davis begann daraufhin, die Kaffeepflanzen der Welt zu katalogisieren, und verbrachte einen Großteil seiner Zeit in Madagaskar.
© Illustration: Aga Wieckowska / The Economist
Schockierende Ergebnisse
Mitte der 2000er-Jahre, als der Klimawandel in Gesprächen unter Kollegen immer stärker in den Mittelpunkt rückte, beschäftigte sich Davis zunehmend mit den möglichen Folgen für den Kaffee. Als ihm bewusst wurde, dass es dazu kaum Daten gab, stellte er 2012 ein kleines Team von Botanikern zusammen, um so viele Informationen wie möglich zu sammeln.
Sie beschlossen, ihre Forschung auf Äthiopien, Afrikas größten Kaffeeproduzenten, zu konzentrieren. Gemeinsam mit ihren äthiopischen Kollegen legten die Wissenschaftler aus Kew über mehrere Jahre hinweg mehr als 30.000 Meilen quer durch das Land zurück – oft auf abgelegenen Straßen, die nicht einmal in den Karten der Regierung verzeichnet waren.
Sie besuchten möglichst viele Kaffeefarmen, erfassten Klimadaten aus den jeweiligen Regionen und entwickelten Modelle, um vorherzusagen, welche Folgen steigende Temperaturen haben würden. Die Ergebnisse schockierten sie: Den Berechnungen zufolge könnten bis zum Ende des Jahrhunderts große Teile Äthiopiens für den Kaffeeanbau ungeeignet werden.
Mythos Stenophylla
Davis hatte gehofft, in Äthiopien wilde Arabica-Sorten zu finden, die von Natur aus an höhere Temperaturen angepasst waren. Doch er kehrte mit leeren Händen zurück. Er begann sich zu fragen, ob er nach einer völlig anderen Wildart suchen sollte. Irgendwo in den Wäldern Afrikas, so seine Vermutung, mussten Kaffeepflanzen mit wertvollen genetischen Eigenschaften existieren – etwa mit einer höheren Toleranz gegenüber Hitze oder Trockenheit. Sie mussten allerdings auch geschmacklich überzeugen.
Eine Art, die sein Interesse weckte, war Stenophylla. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Sierra Leone angebaut, in den 1950er-Jahren jedoch nicht mehr kultiviert. Davis hatte noch nie eine lebende Pflanze gesehen, wusste aber, wie sie aussah.
Im Herbarium von Kew befindet sich ein Exemplar, das der schottische Botaniker George Don während einer Expedition nach Sierra Leone in den 1830er-Jahren gesammelt hatte. Zeitweise wurde Stenophylla auch in mehreren anderen afrikanischen Ländern kommerziell angebaut – allerdings in deutlich kleinerem Umfang als in Sierra Leone.
Viele Vorzüge
Obwohl Arabica die erste Kaffeepflanze war, von der bekannt ist, dass sie gehandelt wurde, könnten die Menschen in Westafrika Stenophylla bereits deutlich länger konsumiert haben. Daniel Sarmu, ein Entwicklungsexperte aus Sierra Leone, der sich später an der Suche nach der verschollenen Art beteiligte, erzählte mir, dass seine Vorfahren Stenophylla-Samen über offenem Feuer rösteten und anschließend in Mörsern mahlten.
Frauen nutzten die Früchte der Pflanze, die sogenannten Kirschen, zur Herstellung von Seife und zum Würzen von Speisen. Aus den Zweigen wurden Spazierstöcke geschnitzt. Auch unter britischer Kolonialherrschaft bauten Bauern Stenophylla weiter an. Ab dem frühen 20. Jahrhundert stellten jedoch immer mehr von ihnen auf Robusta um, da diese Sorte zuverlässig höhere Erträge lieferte.
Stenophylla besaß jedoch noch weitere Vorzüge. Berichte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert lobten den Geschmack der Sorte; ein französischer Forscher bezeichnete ihn 1929 in einer wissenschaftlichen Zeitschrift als „exquisit“. Don wiederum war der Ansicht, ihr Geschmack übertreffe den von Arabica.
Schwer zu finden
Davis wusste, dass Stenophylla Hitze und Trockenheit widerstehen konnte: Die Art stammt aus einer Region, die deutlich wärmer ist als die Kaffeeanbaugebiete Äthiopiens. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass die Suche nach Stenophylla oder ähnlichen Arten kein Vorhaben war, das sich leicht bewältigen ließ. „Es ist sehr, sehr schwer, wilden Kaffee zu finden“, sagte Davis mir im Dezember, als wir in seinem Büro saßen, das über eine rote schmiedeeiserne Wendeltreppe erreichbar ist und über dem Herbarium liegt.
Der kleine Raum war gefüllt mit Gläsern voller alter Kaffeebohnen, DNA-Proben von Wildkaffee in luftdichten Behältern, Karten und in Leder gebundenen viktorianischen Pflanzenhandbüchern. Wir schlürften Tassen mit süßem, fruchtigem Excelsa – einer weiteren dürreresistenten Art, bei deren Anbau Davis Bauern in Uganda unterstützt.
Davis erklärte, dass viele Wildarten in kleinen, isolierten Nischen dichter Wälder wachsen. Manche Kaffeebäume erreichen in hoch gelegenen Regenwäldern eine Höhe von bis zu 20 Metern, während andere in tieferen Lagen als verzweigte Sträucher gedeihen. Ihre Früchte können leuchtend rot oder tiefschwarz sein und in ihrer Größe von einer Erbse bis zu einer Traube variieren. Die darin enthaltenen Samen – die wir gemeinhin als Bohnen bezeichnen – lassen sich zu Kaffeesorten mit einer erstaunlichen Vielfalt an Geschmacksnoten verarbeiten: von Jasmin, Nelke und Holzkohle bis hin zu Marshmallow und lila Yamswurzel.
Anstrengende und gefährliche Suche
Die Suche nach wildem Kaffee ist körperlich fordernde Arbeit. Tagelang muss man sich durch dichtes Unterholz kämpfen und dabei die unhandlichen Schnittstangen balancieren, die nötig sind, um die Früchte aus den Baumkronen zu pflücken. Als Davis Anfang der 2000er-Jahre in Kamerun nach Arten suchte, wurde seine Ausrüstung zusätzlich durch einen Rucksack erschwert, der mit klirrenden Flaschen Johnnie Walker Black gefüllt war – Geschenke für Dorfvorsteher als Gegenleistung für die Erlaubnis, ihr Land zu durchstreifen.
Die Suche nach Kaffee kann auch gefährlich sein. In den Wäldern Madagaskars suchten Davis und sein Mentor, der madagassische Biologe Franck Rakotonasolo, Ende der 1990er-Jahre nach Arten, von denen sie vermuteten, dass sie von Natur aus koffeinfrei sein könnten. Während der Expedition erkrankte Davis an Grabenfuß und verbrachte wegen eines Hakenwurmbefalls eine Woche im Krankenhaus. Trotz dieser Strapazen erinnert er sich mit einer gewissen Nostalgie an diese Abenteuer. „Die Kombination aus Naivität, Jugend und knappen finanziellen Mitteln“, erzählte er mir, „macht die Dinge immer spannend.“
2014 wurde Davis 50 Jahre alt. Er hatte noch immer die Energie eines jüngeren Mannes – ganz zu schweigen von zwei Jahrzehnten Erfahrung im Dschungel. Finanziell war er weiterhin äußerst eingeschränkt. Doch wenn jemand Stenophylla aufspüren konnte, dann war er es.
Ein langer Weg
Ein Gespräch mit einem ehemaligen Kollegen zeigte Davis einen möglichen Weg. Jeremy Haggar, Ökologe an der Universität Greenwich, erzählte ihm, dass er mit Bauern zusammenarbeitete, die in Sierra Leone Robusta anbauten. Davis schlug vor, gemeinsam nach Stenophylla zu suchen – falls die Art überhaupt noch existierte.
Nach Davis’ eigenen Recherchen sind 60 Prozent der wild wachsenden Kaffeepflanzen durch eine Kombination aus Abholzung, Klimawandel, Schädlingen und Krankheiten vom Aussterben bedroht. Und selbst wenn Stenophylla noch irgendwo vorkam, müssten sie in einem Land suchen, das etwa so groß ist wie Schottland.
Haggar war von der Herausforderung begeistert, doch beide Männer wussten, dass sie systematisch vorgehen mussten. Davis durchforstete die Dokumente in der Bibliothek von Kew und fand heraus, dass die letzte dokumentierte Sichtung von Stenophylla aus dem Jahr 1954 stammte – in einem Wald etwa drei Stunden östlich von Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones.
Eine Menge seltsamer Dinge
2018 begannen er und Haggar gemeinsam mit Daniel Sarmu, dem Entwicklungsexperten aus Sierra Leone, an diesem Ort sowie in den Hügeln rund um Freetown mit der Suche. Es war ein langer Weg gewesen, bis sie überhaupt so weit kamen. Zunächst mussten ihre Reisepläne wegen des Ebola-Ausbruchs in Westafrika verschoben werden. Dann erwiesen sich einige vielversprechend aussehende Blätter, die Haggar in Sierra Leone gefunden hatte, als nicht identisch mit dem im Herbarium von Kew aufbewahrten Exemplar.
Trotz der Begeisterung der Männer, endlich vor Ort zu sein, blieb die Pflanze hartnäckig verschwunden. Sarmu fuhr mit seinem Motorrad von Farm zu Farm und bat die Menschen, nach ihr Ausschau zu halten. Er hängte „Gesucht“-Plakate mit Fotokopien von Stenophylla-Blättern auf und rief dazu auf, Proben einzusenden. „Wir haben eine Menge seltsamer Dinge bekommen“, erzählte mir Davis. „Aber kein Stenophylla.“
Absolute Erleichterung
An einem schwülen Dezembernachmittag bahnten sich Davis, Haggar und Sarmu ihren Weg durch die Kasewe Hills, ein Waldgebiet im Landesinneren. Es wurde bereits spät. Stunden hatten sie damit verbracht, die Erlaubnis des Dorfvorstehers für den Zugang zum Wald einzuholen und jemanden zu finden, der sie dorthin fahren konnte.
Plötzlich entdeckte Davis einen kleinen Strauch, der versteckt im Unterholz wuchs. Es war die einzige Kaffeepflanze weit und breit. Ihre Blätter waren lang und schmal und liefen spitz zu. Davis war überzeugt: Es handelte sich um Stenophylla.
Das Gefühl, erzählte mir Davis, sei „absolute Erleichterung“ gewesen. „Endlich eine lebende Pflanze zu finden, war wirklich aufregend.“ Der Strauch war zwar gesund, aber noch zu jung, um Früchte zu tragen. Doch immerhin war damit bewiesen, dass Stenophylla noch existierte und gedeihen konnte.
© Illustration: Aga Wieckowska / The Economist
Auf dem Rückweg zum Auto erwähnte Sarmu, dass ihn die Landschaft an die Wälder rund um seine Heimatstadt Kenema erinnerte, die als Zentrum des Diamantenhandels in Sierra Leone gilt. Vielleicht wuchs Stenophylla auch dort? Das Trio machte sich in diese Richtung auf den Weg.
Nach mehreren Stunden Wanderung durch dichten Wald in den Hügeln rund um Kenema entdeckten die drei mehrere ausgewachsene Stenophylla-Bäume, etwa sieben Meter hoch, die an einem abfallenden Bergrücken wuchsen. Auch sie trugen noch keine Früchte. Doch als das Trio Anfang 2020 zurückkehrte, um die Pflanzen erneut zu untersuchen, fanden sie Äste, die mit Trauben tiefschwarzer Früchte behangen waren.
Sie waren noch nicht vollständig reif. Nachdem seine Kollegen nach Hause zurückgekehrt waren, erntete Sarmu die Kirschen und schickte zehn Gramm Stenophylla-Samen nach England.
Zu Davis’ Freude konnten die meisten Verkoster Stenophylla nicht von Arabica unterscheiden.
Gerade genug für ein paar Espressi
2021 brachten Davis und Haggar das Päckchen zum Hauptsitz von Union Coffee, einer Rösterei im Osten Londons, die sich auf ethisch produzierte Bohnen spezialisiert hat. Steven Macatonia, Mitbegründer von Union Coffee, zeigte Interesse daran, Stenophylla zu vermarkten – vorausgesetzt, die Sorte würde ihrem Ruf gerecht werden.
Nachdem es ihnen gelungen war, gerade genug Kaffee für ein paar Espressi zusammenzubekommen, nahmen die Männer ihre ersten Schlucke. Nach den Regeln der Kaffeeverkostung müssen Verkoster nach dem Probieren einen neutralen Gesichtsausdruck bewahren, um ihre Kollegen nicht zu beeinflussen. Doch Davis fiel es schwer, sein Pokerface aufrechtzuerhalten – zu deutlich zeichnete sich ein Grinsen ab.
Sie waren sich alle einig: Die Süße, der seidige Körper und die geschmeidige Textur von Stenophylla erinnerten an einen hochwertigen Arabica – insbesondere an den „Rwandan Red Bourbon“, eine begehrte Sorte, die den Kaffeeanbau in dem ostafrikanischen Land prägt. „Es war umwerfend“, sagte Davis.
© Illustration: Aga Wieckowska / The Economist
Voller Posteingang
Union war bereit, Stenophylla zu verkaufen, sofern die Sorte in großem Maßstab angebaut werden könnte. Davis wiederum bemühte sich, weitere Unternehmen für das Projekt zu gewinnen. Im folgenden Jahr organisierte er im französischen Montpellier eine Blindverkostung für eine Gruppe professioneller Verkoster. Zu Davis’ Freude konnten die meisten Teilnehmer – darunter auch ein Experte von Nespresso – Stenophylla nicht von Arabica unterscheiden.
Im April 2021 veröffentlichte Davis die Ergebnisse in einem Artikel in Nature. Innerhalb weniger Stunden war sein Posteingang mit Anfragen nach Stenophylla überfüllt – einige davon kamen von großen Kaffeeunternehmen wie Illy. (Leider gab es nicht genügend Stenophylla, um die Nachfrage zu bedienen.) Es wurde über weitere Versuche gesprochen. Starbucks, das damit wirbt, ausschließlich 100 Prozent Arabica zu verwenden, begann mit der Planung einer Kreuzung mit Stenophylla, in der Hoffnung, einen Teil von dessen Hitze- und Trockenheitstoleranz zu übernehmen.
Kurzlebiger Hype
Fünf Jahre später ist der anfängliche Hype um Stenophylla jedoch abgeklungen. Während kleine Spezialitätenkaffee-Anbieter weiterhin um die weltweit äußerst begrenzten Vorräte konkurrieren, ist das Interesse der großen Branchenakteure überschaubar geblieben. Die umfangreichen Investitionen, auf die Davis gehofft hatte, sind ausgeblieben.
Stattdessen konzentriert sich der Großteil der klimabezogenen Forschung und Entwicklung darauf, widerstandsfähigere Varianten bereits etablierter Kaffeesorten zu züchten. Davis ist überzeugt, dass dieser Ansatz nur begrenzt funktionieren kann. „Wenn man innerhalb einer Art bleibt“, sagte er mir, „ist man an deren biologische Grenzen gebunden.“
Schwierige Domestizierung
Doch die Domestizierung von Wildkaffees wie Stenophylla ist schwierig und kostspielig. Der erste Schritt bei der Einführung einer neuen Art besteht darin, im Wald eine Pflanze zu finden, die nicht nur geschmacklich überzeugt, sondern auch ausreichend Früchte trägt. Danach beginnt die eigentliche Forschungsarbeit: Wie viel Schatten verträgt sie? In welchen Höhenlagen kann sie wachsen? Wie viel Wasser benötigt sie?
Bevor sich eine widerspenstige Wildart im großen Maßstab anbauen lässt, muss sie zunächst „gezähmt“ werden. „Wenn man versucht, ein Zebra dazu zu bringen, einen Karren zu ziehen, wird das ein ziemliches Chaos“, sagte Vern Long, Geschäftsführer von World Coffee Research, einer Organisation, die gemeinsam mit der Kaffeeindustrie an der Entwicklung temperaturresistenter Arabica- und Robustasorten arbeitet.
Über mehrere Pflanzengenerationen hinweg, erklärte Long, müssten die stärksten Exemplare ausgewählt werden – jene mit den besten Erträgen, der größten Widerstandsfähigkeit und dem besten Geschmack. Anschließend müsse man sie weiterzüchten, bis Pflanzen mit verlässlich guten genetischen Eigenschaften entstehen. Selbst mit modernen Züchtungsmethoden kann dieser Prozess Jahrzehnte dauern.
Es besteht ein großes Risiko, den Verbrauchern etwas Unbekanntes vorzustellen
Es gibt noch weitere Hürden zu überwinden. Bauern müssen davon überzeugt werden, ihre bestehenden Kaffeebäume zu roden und stattdessen eine unbekannte Art anzupflanzen, die Jahre braucht, um ihre volle Reife zu erreichen. Bulle – der Landwirt, der an Davis’ Projekt beteiligt ist – erzählte mir, dass seine Eltern einst Robusta anbauten, ihre Kaffeepflanzen jedoch während des Bürgerkriegs in den 1990er-Jahren aufgaben, als 2,6 Millionen Menschen aus ihren Heimatregionen vertrieben wurden.
Für Landwirte seiner Generation ist Stenophylla daher zugleich Chance und Herausforderung. „Ich bin sehr besorgt“, sagte er mir. „Es ist so anders.“
Schließlich muss man darauf hoffen, dass Verbraucher sich nicht vom ungewohnten Geschmack einer neuen Kaffeesorte abschrecken lassen. „Es besteht ein großes Risiko, den Verbrauchern etwas Unbekanntes vorzustellen“, sagte Pablo von Waldenfels, Leiter für Unternehmensverantwortung beim deutschen Kaffeehändler Tchibo.
Glaube an das Potenzial
Doch Davis ist weiterhin vom Potenzial von Stenophylla überzeugt und entschlossen zu zeigen, dass die Sorte in ihrer natürlichen Umgebung kommerziell angebaut werden kann. Gemeinsam mit Sarmu und Haggar arbeitet er mit Dutzenden Bauern in Sierra Leone daran, im Rahmen eines Programms 12.000 Pflanzen anzubauen. Unterstützt wird das Vorhaben durch einen kleinen Zuschuss des Kaffeehandelsunternehmens Sucafina.
„Wir glauben, dass dies unserer Branche in den kommenden 20 Jahren wirklich helfen könnte“, erklärte mir Behrends, der Handelsleiter des Unternehmens. Trotz der Unterstützung durch Sucafina waren die Versuche weiterhin unterfinanziert. Davis und Haggar reisten daher häufig nach Sierra Leone, um die jungen Pflanzen zu überwachen.
Bei null anfangen
Als ich mich ihnen im Januar anschloss, litt das Land unter einer ungewöhnlich schweren Trockenzeit. Während unser Flugzeug auf den Flughafen von Freetown zusteuerte, sah ich kleine Feuer, die im Wald unter uns glühten.
Als wir am nächsten Morgen im Speisesaal unseres Hotels außerhalb von Freetown saßen, lehnte Davis den kostenlosen Nescafé kurzerhand ab. „So ein gewöhnliches Zeug trinke ich nicht mehr“, sagte er lachend. „Ich trinke Dinge, die der Wissenschaft noch gar nicht bekannt sind.“ Aus seinem Gepäck holte er eine handbetriebene Kaffeemühle und eine kleine Tüte Bohnen hervor und bereitete mir eine weitere Tasse Excelsa zu.
Davis und Haggar verbrachten eine Woche damit, ihre Stenophylla-Versuchsflächen im ganzen Land zu überprüfen. An vielen Standorten wirkten die Bäume verkümmert und gestresst – teilweise wegen der Hitze, teilweise aber auch, weil das Projekt mit minimalen Ressourcen und in einigen Fällen ohne Dünger auskommen musste.
Mitunter belastete der provisorische Charakter des Vorhabens Davis’ sonst so heitere Art. „Wir fangen bei null an“, sagte er mir, nachdem er einen enttäuschenden Standort begutachtet hatte. „Die Kapazitäten für Forschung [und] Maßnahmen in Sierra Leone sind praktisch nicht vorhanden.“
Symbolträchtige Ausbeute
Als wir weiter ins Landesinnere in Richtung des östlichen Hochlands vordrangen, wirkten die Bäume allmählich gesünder. Sie waren größer und kräftiger, und ihre Blätter hatten ein dunkleres Grün. Auf einer Parzelle trafen wir einen Bauern, dessen größtes Problem darin bestand, seine Nachbarn fernzuhalten. Da diese die Stenophylla-Pflanzen für Unkraut hielten, hatten sie mehrere davon gefällt.
„Die meisten Menschen hier wissen nichts über Stenophylla“, erzählte er mir. Glücklicherweise hatten Dutzende seiner Pflanzen die Rodung überstanden und standen kurz vor der Blüte. Er war stolz darauf, den einheimischen Kaffee seines Landes anzubauen, und freute sich darauf, im nächsten Jahr mehrere Kilogramm Bohnen zu ernten – eine kleine, aber symbolträchtige Ausbeute.
Davis wiederum war begeistert davon, wie gut sich die Stenophylla-Pflanzen entwickelten. „Ich war schon so weit, dass ich dachte, sie würden niemals blühen. Deshalb bin ich einfach überglücklich“, sagte er.
High-End-Produkt für Kaffee-Nerds
Als Davis nach London zurückkehrte, begann für ihn das bange Warten auf Neuigkeiten aus den Stenophylla-Plantagen. Würden die Pflanzen die lange Trockenzeit überstehen? Im Juni schrieb er mir aufgeregt eine Nachricht, um mir mitzuteilen, dass die Pflanzen, die im Januar geblüht hatten, nun Früchte trugen. „Weißt du“, sagte er, „ich glaube, es wird klappen. Wir werden Stenophylla trinken.“
Der Plan sieht vor, den Kaffee zunächst als High-End-Produkt zu vermarkten und zu einem Premiumpreis an Kaffee-Nerds zu verkaufen. Die geringen Erträge von Stenophylla bedeuten jedoch, dass Bauern wie Bulle weiterhin auf andere Einkommensquellen angewiesen wären. Davis glaubt dennoch, dass sich ein Weg finden lassen könnte, das Risiko zu streuen. Er hat die Wälder Sierra Leones nach einer weiteren wilden Kaffeesorte durchsucht.
Liberica, eine Kaffeesorte, die mit höheren Temperaturen besser zurechtkommt als Arabica, wird heute hauptsächlich in Südostasien angebaut, stammt ursprünglich jedoch aus Westafrika. Im 19. Jahrhundert importierten amerikanische Abolitionisten die Bohnen aus Liberia, einer westafrikanischen Republik, die gegründet wurde, um freie und ehemals versklavte schwarze Amerikaner „neu anzusiedeln“. Sie servierten den fruchtigen, rauchigen Kaffee den Truppen der Union im Bürgerkrieg.
Davis glaubt, dass Liberica, die bis zu 20 Meter hoch werden kann, den Stenophylla-Bäumen den dringend benötigten Schatten spenden und Bauern zugleich dabei helfen könnte, ihre Anbaukulturen zu diversifizieren. Anfang dieses Jahres entdeckte er in einem Wald an der Grenze zwischen Sierra Leone und Liberia einen Baum, bei dem es sich möglicherweise um einen Liberica-Baum handelt, und will dessen DNA untersuchen.
Sein Team in Kew hat eine natürliche Kreuzung aus Liberica und Excelsa identifiziert: „Libex“ ist offenbar geschmacklich überzeugender und ertragreicher als reine Liberica-Pflanzen, behält dabei aber deren Hitzetoleranz.
Große Hoffnung
Davis ist stets auf der Suche nach Möglichkeiten, andere Menschen für Wildkaffee ebenso zu begeistern wie er selbst. Gemeinsam mit seiner Frau spricht er manchmal darüber, ein Buch über sein Lebenswerk zu schreiben. Smith zögert jedoch, ein Projekt in Angriff zu nehmen, das zu einem endlosen Unterfangen werden könnte. Sie vermutet, dass ihr Mann immer wieder neue Kaffeesorten entdecken wird.
Davis überlegt außerdem, Frankreichs besten Barista dazu zu bewegen, bei der Weltmeisterschaft der Baristas Espressos aus Stenophylla zuzubereiten. Eine weitere Idee ist, die bevorstehende Ernte des Bauern aus dem Osten Sierra Leones bei Sotheby’s oder Christie’s versteigern zu lassen. Um für Aufmerksamkeit zu sorgen, schenkte er James Hoffmann, einem britischen Barista mit einem beliebten YouTube-Kanal, eine kleine Tüte Stenophylla-Bohnen.
„Es ist letztendlich ein reiner, süß schmeckender Kaffee mit einer gewissen Säure und blumigen Noten“, sagte Hoffmann in einem Video. Er „erfüllt mich tatsächlich mit großer Hoffnung.“
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