Das individuelle Risiko, an Demenz zu erkranken, sinkt in vielen wohlhabenden Ländern deutlich. Dennoch wird die Zahl der Erkrankten wegen der alternden Bevölkerung weiter steigen. Warum Forscher trotzdem optimistisch sind.
Als Eric Stallard, Versicherungsmathematiker und Wissenschaftler, begann, die Demenzrate unter älteren Amerikanern zu untersuchen, war er von den Ergebnissen so überrascht, dass er die Veröffentlichung seiner ersten Studie zweieinhalb Jahre lang hinauszögerte. Er wollte die Daten noch einmal gründlich überprüfen.
„Ich wollte mir absolut sicher sein“, erinnert er sich, denn die Zahlen widersprachen der vorherrschenden Annahme. Statt die weitverbreitete Sorge vor einer zunehmenden Demenz-Epidemie in den USA zu bestätigen, deuteten sie auf das Gegenteil hin: Der Anteil älterer Menschen, die an Demenz erkrankten, ging deutlich zurück. „Ich war schockiert über das Ausmaß dieses Rückgangs“, sagt Stallard.
Sinkendes Risiko
Seit rund einem Jahrzehnt arbeitet Stallard daran, diese Erkenntnis weiter zu untermauern. Die Daten zeichnen inzwischen ein noch deutlicheres Bild. Im vergangenen Jahr veröffentlichten er und mehrere Kollegen im Journal of the American Medical Association eine Studie, der zufolge vor 40 Jahren drei von zehn Amerikanern im Alter zwischen 85 und 89 Jahren an Demenz litten. Im Jahr 2024 war es nur noch einer von zehn.
Zudem beschränkt sich dieser Trend nicht auf die USA. Zwischen 1988 und 2015 sank der Anteil älterer Menschen mit einer Demenzdiagnose in sechs Ländern Nordamerikas und Europas um durchschnittlich 13 Prozent pro Jahrzehnt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Frank Wolters vom Erasmus Medical Centre in Rotterdam und seinen Kollegen, an der fast 50.000 Menschen teilnahmen.
Auch kleinere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Daten aus der Framingham-Herzstudie, die über mehrere Jahrzehnte hinweg drei Generationen einer amerikanischen Kleinstadt begleitet hat, zeigen zwischen den späten 1970er- und den frühen 2010er-Jahren einen durchschnittlichen Rückgang der Neuerkrankungen an Demenz um 20 Prozent pro Jahrzehnt.
Anschaulich wird dieser Wandel im Generationenvergleich: Menschen, die um das Jahr 2013 – als Daft Punks „Get Lucky“ die Charts anführte – ein hohes Alter erreichten, hatten ein um 44 Prozent geringeres Demenzrisiko als jene, die Ende der 1970er-Jahre alt wurden, als Stings „Roxanne“ die Hitparaden prägte.
Kopernikanische Revolution
Während die meisten früheren Studien ältere Menschen lediglich zu einer Gruppe zusammenfassten und die Ergebnisse anschließend statistisch um das Alter bereinigten, untersuchte Stallard eng abgegrenzte Altersgruppen. So verglich er verschiedene Geburtsjahrgänge von Menschen über 50 Jahren miteinander. Indem er die Veränderungen zwischen aufeinanderfolgenden Kohorten analysierte, errechnete er, dass die Demenzraten pro Kalenderjahrgang um 2,5 bis 3 Prozent gesunken sind.
„Meiner Ansicht nach war das die kopernikanische Revolution auf diesem Gebiet“, sagt er. Seine Ergebnisse stellten damit grundlegende Annahmen über die Entwicklung von Demenz infrage. Ähnliche Kohortenstudien in mehreren europäischen Ländern und in Japan kamen ebenfalls zu vergleichbaren Trends.
Erinnerungen schaffen
Es bleiben viele Fragen offen: Warum sinken die Demenzraten – und wird sich dieser Trend fortsetzen? Die wachsende Zahl älterer Menschen in den meisten Ländern und die steigende Lebenserwartung bedeuten, dass die absolute Zahl der Demenzfälle weiterhin zunehmen wird, auch wenn ein kleinerer Anteil der älteren Bevölkerung betroffen ist. Zudem beschränken sich die positiven Entwicklungen bislang weitgehend auf wohlhabende Länder.
Die Befürchtung jedoch, dass eine Demenz-Epidemie in naher Zukunft außer Kontrolle geraten, immer mehr Menschenleben beeinträchtigen und die Gesundheitssysteme übermäßig belasten wird, erweist sich glücklicherweise als übertrieben.
Risikofaktor Alter
Der mit Abstand größte Risikofaktor für Demenz ist das Alter. Nach dem 70. Lebensjahr verdoppelt sich die Häufigkeit der Erkrankung etwa alle fünf Jahre. In den USA beispielsweise litten 2016 rund 4 Prozent der 70- bis 74-Jährigen an Demenz. Bei den 75- bis 79-Jährigen lag der Anteil bereits bei 9 Prozent, bei den 80- bis 84-Jährigen bei 18 Prozent. Unter den über 85-Jährigen war mehr als ein Viertel betroffen.
Dieser nahezu exponentielle Anstieg der Erkrankungsraten in Verbindung mit der steigenden Lebenserwartung hat seit Langem zu alarmierenden Prognosen geführt. In einer im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Studie prognostizierten Josef Coresh, Michael Fang und ihre Mitautoren, dass sich die Zahl der Neuerkrankungen in den USA von rund 500.000 pro Jahr im Jahr 2020 auf etwa 1 Million pro Jahr bis 2060 verdoppeln werde.
Eine im Jahr 2022 veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich die weltweite Zahl der Menschen mit Demenz von rund 57 Millionen im Jahr 2019 auf 153 Millionen im Jahr 2050 nahezu verdreifachen könnte.
Beunruhigende Schätzungen
Solche Zahlen führen wiederum zu beunruhigenden Schätzungen über die künftigen Kosten von Demenz. Die direkten Pflegekosten – einschließlich informeller Pflege durch Angehörige zu Hause – beliefen sich 2019 weltweit vermutlich auf rund 1,3 Billionen US-Dollar, also etwa 0,8 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Die tatsächliche Belastung ist jedoch noch größer, wenn indirekte Kosten wie der Verlust an Lebensqualität der Betroffenen berücksichtigt werden.
Allein in den USA beliefen sich diese Kosten im vergangenen Jahr laut einem vom National Institutes of Health finanzierten Modell auf rund 781 Milliarden US-Dollar beziehungsweise etwa 2,5 Prozent des BIP.
Eine Studie von Arindam Nandi vom Population Council, David Bloom von der Harvard University und weiteren Forschern verwendet einen noch umfassenderen Ansatz: Sie versucht, auch das Leiden der Betroffenen wirtschaftlich zu bewerten, indem geschätzt wird, wie viel Menschen bereit wären, für dessen Vermeidung zu zahlen. Demnach beliefen sich die weltweiten Kosten von Demenz im Jahr 2019 auf 2,8 Billionen US-Dollar. Bis 2030 könnten sie auf 4,7 Billionen, bis 2040 auf 8,5 Billionen und bis 2050 auf 16,9 Billionen US-Dollar steigen.
Falsche Prognosen?
Doch solche alarmierenden Prognosen sind mit großer Wahrscheinlichkeit falsch – zumindest, was die reichen westlichen Länder betrifft. Fast alle beruhen auf Modellen, die davon ausgehen, dass die altersbereinigte Demenzrate in den kommenden Jahrzehnten kaum oder gar nicht zurückgeht. Da die Zahl älterer Menschen in den meisten westlichen Ländern zunehmen und die Lebenserwartung weiter steigen wird, führen solche Annahmen zu einem drastischen Anstieg der prognostizierten Demenzfälle.
Dabei können bereits relativ geringe jährliche Veränderungen der Demenzrate, wenn sie sich über 30 Jahre hinweg summieren, zu deutlich positiveren Entwicklungen führen.
Zwei Szenarien
Um dies zu veranschaulichen, erstellten Chiara Celine Brück und ihre Mitautoren am Erasmus Medical Centre eine detaillierte Computersimulation für 10 Millionen Niederländer. Anschließend untersuchten sie, wie sich die Zahl der Demenzfälle unter zwei verschiedenen Szenarien entwickeln würde.
Im ersten Szenario gingen sie davon aus, dass sich das altersbereinigte Demenzrisiko im Laufe der Zeit nicht verändern würde. Das Ergebnis entsprach den gängigen Prognosen: Die Zahl der Niederländer mit Demenz würde sich bis 2050 mehr als verdoppeln.
In einem zweiten Szenario berücksichtigten die Forscher die Ergebnisse ihres Mitautors Frank Wolters, der gezeigt hatte, dass die altersbereinigte Demenz-Inzidenz pro Jahrzehnt um 13 Prozent zurückgegangen war. Sie simulierten, was passieren würde, wenn sich dieser Trend fortsetzte.
Das Ergebnis: Die Zahl der Demenzfälle würde zwar aufgrund der wachsenden Zahl älterer Menschen weiter steigen, sich bis 2050 aber nicht mehr als verdoppeln. Stattdessen würde sie gegenüber dem Stand von 2020 lediglich um 43 Prozent zunehmen.
Um solche Prognosen mit größerer Sicherheit treffen zu können, müssen Forscher herausfinden, warum immer mehr Menschen geistig gesund bleiben, und dadurch besser einschätzen können, ob sich dieser Trend fortsetzen wird. Das ist jedoch nicht einfach, vor allem weil Demenz eine komplexe Erkrankung mit vielen verschiedenen Ursachen ist, die sich typischerweise über Jahrzehnte hinweg entwickelt, bevor sie sich deutlich bemerkbar macht.
Gene vs. Lebensstil
Wissenschaftler wissen seit Langem, dass Demenz auch eine genetische Komponente hat. Rund 25 Prozent der Bevölkerung tragen eine einzige Kopie des als ApoE4 bekannten Gens, das mit einem zwei- bis dreifach erhöhten Risiko verbunden ist, an Alzheimer zu erkranken – der mit Abstand häufigsten der Dutzenden Erkrankungen, die Demenz verursachen können. Bei den etwa 2 bis 3 Prozent der Menschen, die zwei Kopien dieses Gens besitzen, ist das Risiko sogar zehn- bis 15-mal höher.
Dennoch erkranken viele Menschen ohne diese genetischen Varianten an Demenz, während zahlreiche Träger davon verschont bleiben. Die Suche nach weiteren Ursachen der Erkrankung erhielt in den 1970er-Jahren in Nordkarelien, einer abgelegenen und von schwierigen Lebensbedingungen geprägten Region Finnlands, neuen Auftrieb. Die Gegend wies damals eine der weltweit höchsten Herzinfarktraten auf.
Um dieser Belastung entgegenzuwirken, rieten Gesundheitsbehörden vom Rauchen ab, überwachten den Blutdruck und warben für eine gesündere Ernährung. Die öffentliche Gesundheitskampagne führte schließlich zu einem Rückgang der Todesfälle durch Herzinfarkte um 84 Prozent. Ein unerwarteter Nebeneffekt, so Tiia Ngandu, Forscherin am Finnischen Institut für Gesundheit und Soziales, war, dass Wissenschaftler dadurch detaillierte Gesundheitsdaten einer großen Bevölkerungsgruppe über einen Zeitraum von rund 40 Jahren auswerten konnten.
Gesetze des Gedächtnisses
Das Ergebnis war eine wegweisende Reihe von Beobachtungsstudien, die zeigten, dass Bluthochdruck, ein hoher Cholesterinspiegel, Übergewicht und mangelnde körperliche Fitness im mittleren Lebensalter das spätere Demenzrisiko erhöhen können.
„Das hat unsere Sichtweise auf Demenz grundlegend verändert“, sagt Miia Kivipelto vom Karolinska-Institut in Stockholm, die einige dieser Studien leitete. „Wir haben erkannt, dass es sich nicht nur um eine Erkrankung des hohen Alters handelt, die sich nicht verhindern lässt, sondern vielmehr um einen Prozess, der bereits in der Lebensmitte beginnt und bei dem es Möglichkeiten gibt, das Fortschreiten zumindest zu verlangsamen.“
Das Ergebnis war eine wegweisende Reihe von Beobachtungsstudien, die zeigten, dass Bluthochdruck, ein hoher Cholesterinspiegel, Übergewicht und mangelnde körperliche Fitness im mittleren Lebensalter das Risiko für eine Demenzerkrankung zwei Jahrzehnte später erhöhen.
„Das hat unsere Sichtweise auf Demenz grundlegend verändert“, sagt Miia Kivipelto vom Karolinska-Institut in Stockholm, die einige dieser Studien leitete. „Wir haben erkannt, dass es sich nicht nur um eine Erkrankung des hohen Alters handelt, die nicht verhindert werden kann, sondern vielmehr um einen Prozess, der bereits in der Lebensmitte beginnt und bei dem es Möglichkeiten gibt, das Fortschreiten zumindest zu verlangsamen.“
Beobachtungsstudien können jedoch keine Einflussfaktoren berücksichtigen, die Forscher entweder nicht erfassen können oder nicht erfassen, die aber dennoch zum Ergebnis beitragen könnten. Der beste Weg, solche Verzerrungen auszuschließen, ist eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) – der Goldstandard der klinischen Forschung. Dabei werden Teilnehmer zufällig in zwei Gruppen eingeteilt, von denen nur eine die zu untersuchende Intervention erhält.
Im Jahr 2009 starteten Dr. Ngandu und ein von Miia Kivipelto geleitetes Team die weltweit erste große RCT, um zu untersuchen, ob zwei Jahre mit gesunder Ernährung, Bewegung, kognitivem Training und Maßnahmen zur Herz-Kreislauf-Gesundheit das Demenzrisiko bei älteren Menschen mit erhöhtem Risiko senken könnten. Die 2015 veröffentlichten Ergebnisse der FINGER-Studie (Finnish Geriatric Intervention Study to Prevent Cognitive Impairment and Disability) zeigten tatsächlich, dass sich der kognitive Abbau durch einen gesunden Lebensstil deutlich verringern lässt.
Man kann seine Gene nicht ändern, aber man kann Maßnahmen ergreifen, um den Ausbruch der Erkrankung hinauszuzögern oder den Einfluss der genetischen Veranlagung zu verringern
Mehrere ähnliche RCTs in den USA, Australien und Japan kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass solche Veränderungen des Lebensstils erhebliche Vorteile bringen können. Da diese Studien vergleichbare Ansätze verfolgten, konnten Forscher die Ergebnisse zusammenführen und so eine ausreichend große Stichprobe schaffen, um Wechselwirkungen zwischen Lebensstil und genetischen Faktoren zu untersuchen.
Dies führte zu einem besonders ermutigenden Ergebnis für Menschen mit dem ApoE4-Gen: Sie profitierten von den Maßnahmen stärker als Menschen ohne diese genetische Variante. „Man kann seine Gene nicht ändern“, sagt Kivipelto, „aber man kann Maßnahmen ergreifen, um den Ausbruch der Erkrankung hinauszuzögern oder den Einfluss der genetischen Veranlagung zu verringern.“
14 Risikofaktoren verändern
Die Auswirkungen dieser Erkenntnisse sind enorm. Die Lancet-Kommission für Demenz, ein internationaler Zusammenschluss führender Experten, schätzt, dass bis zu 45 Prozent der weltweiten Demenzfälle verzögert oder verhindert werden könnten, wenn 14 „veränderbare Risikofaktoren“ in unterschiedlichen Lebensphasen gezielt angegangen würden.
Dazu zählen eine bessere Schulbildung im Kindesalter (eine unzureichende Bildung ist mit einem um 60 Prozent erhöhten Demenzrisiko verbunden), die Behandlung von Schwerhörigkeit, hohem Cholesterinspiegel und Depressionen im mittleren Lebensalter sowie die Vermeidung sozialer Isolation im Alter.
Die Gesundheit des Gehirns
Die Erkenntnisse der Kommission liefern politischen Entscheidungsträgern wichtige Hinweise darauf, wie sich die Häufigkeit – und damit auch die Kosten – von Demenz verringern lassen. Eine zentrale Erkenntnis lautet, den Fokus nicht ausschließlich auf jene Faktoren zu legen, die am stärksten mit Demenz verbunden sind, wie etwa unbehandelte Depressionen. Diese gehen zwar mit einem um 120 Prozent erhöhten Erkrankungsrisiko gegenüber dem Durchschnitt einher, betreffen jedoch nur einen Teil der Bevölkerung.
Größere Wirkung kann es daher haben, auch Risikofaktoren zu berücksichtigen, die zwar mit einem geringeren individuellen Risiko verbunden, aber weit verbreitet sind. So könnte die Behandlung von Menschen mit Hörverlust und hohem Cholesterinspiegel laut der Kommission die Gesamtzahl der Demenzfälle um 14 Prozent reduzieren.
Solche Fortschritte tragen dazu bei zu erklären, warum die Demenzinzidenz in den vergangenen 40 Jahren so deutlich gesunken ist. Verbesserungen im Bildungswesen sowie erfolgreiche Maßnahmen zur Verringerung von Herzerkrankungen und Schlaganfällen haben zudem einen unerwarteten Nebeneffekt: Sie fördern auch die Gesundheit des Gehirns.
„Als ich mein Medizinstudium abgeschlossen habe – was schon ziemlich lange zurückliegt –, dachten wir, Demenz sei einfach eines dieser Dinge, die einen völlig zufällig wie aus dem Weltall treffen“, sagt Gill Livingston vom University College London, die die Lancet-Kommission leitet. „Es ist äußerst positiv und hoffnungsvoll, dass wir heute wissen, dass Politik und jeder Einzelne sehr viel tun können, um das zu verändern.“
Neue Risikofaktoren
Forscher entdecken weiterhin neue Risikofaktoren. Im Jahr 2024 nahm die Lancet-Kommission beispielsweise unbehandelten Sehverlust und hohe LDL-Werte – eine Form des Cholesterins – in ihre Liste auf. Unter der verwirrenden Vielzahl weiterer möglicher Einflussfaktoren, die Wissenschaftler derzeit untersuchen, gibt es einige, auf die sich vergleichsweise einfach einwirken lässt, etwa regelmäßiges Zähneputzen und die Pflege der Mundgesundheit (Entzündungen durch Zahnfleischerkrankungen könnten dem Gehirn schaden, Anm.).
Andere Faktoren, wie etwa schlechter Schlaf, könnten bei ohnehin besorgten Menschen lediglich zusätzliche Sorgen auslösen. Und manche Zusammenhänge könnten sich als zweischneidiges Schwert erweisen, sagt Kivipelto. Menschen mit anspruchsvollen und geistig fordernden Berufen – etwa medizinische Forscher oder Journalisten, wie sie mit einem gewissen Augenzwinkern anmerkt – benötigen vermutlich weniger zusätzliche kognitive Übungen, um ihr Gehirn fit zu halten. Solche Berufe können jedoch auch mit mehr Stress verbunden sein, der sich wiederum als Risikofaktor erweisen könnte.
Unerwartete Maßnahmen
Die Forschung bringt zudem unerwartete Maßnahmen ans Licht, die dazu beitragen könnten, den alternden Geist länger fit zu halten. Eine der vielversprechendsten Erkenntnisse stammt aus der Analyse eines natürlichen Experiments in Wales durch Pascal Geldsetzer von der Stanford University und sein Team.
Im Jahr 2013 begann die britische Region, Menschen im Alter von 70 bis 79 Jahren über das öffentliche Gesundheitssystem kostenlose Impfungen anzubieten. Die Maßnahme ähnelte einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT), da eine große Zahl von Menschen nahezu zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt wurde: jene, die in den Wochen vor Einführung des Programms bereits 80 Jahre alt geworden waren und daher keinen Anspruch auf die Impfung hatten, sowie jene, die erst in den darauffolgenden Wochen 80 wurden und von denen etwa die Hälfte tatsächlich geimpft wurde.
Die Studie ergab, dass ein Impfstoff gegen Gürtelrose – eine durch das Windpockenvirus verursachte Erkrankung, die vor allem ältere Menschen betrifft – das Risiko, an Demenz zu erkranken, für mindestens sieben Jahre nach der Impfung um 20 Prozent senkte. Ähnliche Untersuchungen in Australien und Kanada bestätigten diese Ergebnisse.
„Wir waren von diesem Befund sehr begeistert“, sagt Geldsetzer, „denn er zeigte, dass eine so einfache und kostengünstige Maßnahme potenziell ein Fünftel der Fälle verhindern könnte.“ Eine neuere Studie desselben Teams deutet zudem darauf hin, dass der Impfstoff auch das Fortschreiten der Demenz bei Menschen verlangsamen könnte, die bereits vor der Impfung erkrankt waren.
Diese Ergebnisse sind nicht nur für sich genommen ermutigend, sondern eröffnen auch vielversprechende Perspektiven für weitere mögliche Vorteile. Sollte die Impfung bereits in jüngerem Alter – etwa mit 50 Jahren – erfolgen, da es Jahre dauern kann, bis sich Demenz entwickelt? Und sollten ältere Menschen im Laufe der Zeit regelmäßige Auffrischungsimpfungen erhalten?
Weniger ermutigende Nachrichten
Die Nachrichten über speziell zur Behandlung von Demenz entwickelte Therapien sind weniger ermutigend. Bis vor Kurzem galten Antikörper wie Lecanemab und Donanemab als die vielversprechendsten Medikamente. Sie binden an Amyloid-beta – ein Protein, das sich im Gehirn von Menschen mit Alzheimer ablagert – und tragen dazu bei, es abzubauen.
Studien deuten jedoch darauf hin, dass sie in der Praxis bislang nur einen begrenzten Nutzen bieten und mit erheblichen Risiken für Blutungen oder Schwellungen im Gehirn verbunden sind, insbesondere bei Menschen mit dem ApoE4-Gen. Mit anderen Worten: Ausgerechnet jene Menschen, die am stärksten von diesen Medikamenten profitieren könnten, sind zugleich dem größten Risiko ausgesetzt, dadurch Schaden zu nehmen.
Für manche Forscher stellen diese Ergebnisse auch die Hypothese infrage, dass Amyloid-Ablagerungen Alzheimer verursachen und dass ihre Beseitigung die Krankheit heilen könnte. Andere argumentieren, dass diese Medikamente möglicherweise bereits in jüngeren Jahren eingesetzt werden müssten, um eine wirksamere Wirkung zu erzielen.
Einige Beobachter hoffen, dass GLP-1-Präparate – Medikamente zur Gewichtsreduktion, die häufig als Wundermittel gegen eine Vielzahl von Beschwerden angepriesen werden – das Gehirn ebenso positiv beeinflussen könnten wie die Taille. Eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) zeigte jedoch, dass sie Menschen, die bereits an Alzheimer erkrankt sind, keinen messbaren Nutzen bringen. Frühere Beobachtungsstudien hatten zwar darauf hingedeutet, dass Menschen, die solche Medikamente einnehmen, möglicherweise von vornherein ein geringeres Risiko für eine Demenzerkrankung aufweisen.
Zahlreiche Medikamente im Test
Derzeit laufen zahlreiche Studien, in denen verschiedene Medikamente zur Behandlung von Demenz getestet werden – darunter auch viele Wirkstoffe, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Im EasyFit-Fitnessstudio im Zentrum von Helsinki steht eine Gruppe grauhaariger Frauen in Lycra-Kleidung stellvertretend für einen anderen Ansatz der Demenzforschung. Unter der ruhigen Anleitung einer Physiotherapeutin beginnen sie mit ihren Aufwärmübungen.
In der folgenden Stunde heben sie Gewichte, schwingen Kettlebells, bewegen sich spielerisch und lachen viel – als Teil einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT). „Alzheimer ist ein echtes Problem“, sagt die 77-jährige Riita. „Wenn etwas getan werden kann, um die Unterstützung für Betroffene zu verbessern, würde ich sehr gerne daran teilnehmen.“
Riita und ihre Freundinnen gehören zu den fast 600 Menschen in drei Ländern, die an der MET-FINGER-Studie teilnehmen. Diese kombiniert einen gesünderen Lebensstil mit Metformin, einem Medikament gegen Diabetes, um zu untersuchen, ob sich dadurch das Auftreten verschiedener Formen von Demenz verhindern oder zumindest verzögern lässt.
Andere Studien untersuchen unterschiedlichste Ansätze – von Saunagängen bis hin zu Eisbädern –, um herauszufinden, ob sich damit die geistige Leistungsfähigkeit erhalten oder verbessern lässt.
Gute Gründe für Optimismus
Selbst die optimistischsten Prognosen gehen derzeit noch davon aus, dass die Gesamtzahl der Demenzfälle in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen wird – wenn auch deutlich langsamer als bisher erwartet, da die Zahl älterer Menschen zunimmt.
Dennoch gibt es gute Gründe für die Hoffnung, dass eine Kombination aus Medikamenten, Impfungen, Veränderungen des Lebensstils und politischen Maßnahmen diese Entwicklung weiter abschwächen könnte. Es ist sogar möglich, dass die Gesamtzahl der Menschen mit Demenz in wohlhabenden Ländern schon bald zu sinken beginnt.
Sowohl Livingston als auch Kivipelto weisen darauf hin, dass die düstere Rechnung, wonach sich das Demenzrisiko ab dem 70. Lebensjahr etwa alle fünf Jahre verdoppelt, auch enorme Chancen eröffnet. Bereits eine Verzögerung des durchschnittlichen Erkrankungsbeginns um fünf Jahre würde die Gesamtzahl der Fälle um rund 50 Prozent senken.
„Ich bin optimistisch, dass das möglich ist“, sagt Livingston. Davon ist auch Lisa überzeugt, eine 66-Jährige, die im Fitnessstudio in Helsinki trainiert. Sie hebt fünfmal pro Woche Gewichte oder absolviert andere Übungen – motiviert unter anderem durch persönliche Erfahrungen. „Es ist nicht schön, zu sehen, wie die eigene Mutter zu einer anderen Person wird“, sagt sie. „Ich weiß, dass Alzheimer jeden treffen kann. Deshalb ist es gut, diese Dinge zu tun, wenn man kann.“
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