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Kneipp-Medizin bisher ohne wissenschaftliche Basis

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Kneippen ist immer noch en vogue
©APA/APA/dpa/Florian Wiegand
Das "Kneippen" ist nach langer Geschichte noch immer en vogue. Die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK) stellt für Ärzte nach Kursen weiterhin ein "ÖÄK Diplom Kneippmedizin" aus. Doch laut einer aktuellen systematischen Übersichtsarbeit von Wissenschaftern der MedUni Wien fehlt ihren Methoden eine "fundierte wissenschaftliche Validierung". So lautet das Fazit der Autoren der Publikation in der Wiener Klinischen Wochenschrift.

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"Die Kneipp -Medizin, ein naturheilkundliches System, das auf Hydrotherapie, Bewegung, Ernährung, Phytotherapie und Lebensstilregulierung basiert, blickt auf eine lange Geschichte zurück. Es fehlt jedoch an einer umfassenden systematischen Übersichtsarbeit zu ihrer klinischen Wirksamkeit aus randomisierten (mit durch Zufall bestimmten Probandengruppen, Anm.) kontrollierten (Placebo; Anm.) Studien (RCTs)", schrieben jetzt Nikolas Reisecker vom Zentrum für Physiologie und Pharmakologie der MedUni Wien und seine Co-Autoren (doi: 10.1007/s00508-026-02780-2). Obwohl Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 bis 1897) seine Methoden als "Naturheilkunde" betrachtet hätte, würde sein System heute sowohl im Wellnessbereich als auch in der Komplementärmedizin angewendet.

Ziel sei es gewesen, durch Informationen von Kneipp-Institutionen und Ausübenden der Verfahren Einblick zu erlangen. Dann hätte man eine systematische Recherche in der wissenschaftlichen Literatur nach Studien zur Kneipp-Medizin durchgeführt. Man suchte nach klinischen Studien, eben randomisiert und Placebo-kontrolliert, wie das für den wissenschaftlichen Beleg eines eventuellen Effekts einer therapeutischen Intervention notwendig ist. Als Kriterien hätte man nach Ergebnissen über Mortalität, Krankheitslast und Lebensqualität gesucht.

Doch es fand sich ausgesprochen wenig. "Die Suche ergab 77 Treffer, aber nur eine Studie erfüllte die Einschlusskriterien. Diese einzige eingeschlossene Studie war, wenn auch mit einer geringen Patientenzahl von nur 30, eine explorative Machbarkeitsstudie", schrieben die Wissenschafter. Unter solchen Studien werden zum Beispiel auch frühe Untersuchungen verstanden, die überhaupt erst einmal zeigen sollen, welche Fragen man in weiteren Projekten sinnvollerweise stellen und klären sollte. Insgesamt hatte man nur acht wissenschaftliche Studien in der Vorauswahl herausfiltern können. Doch zumeist gab es keine Vergleichsgruppen, wodurch man Effekte einer Behandlung nach Kneipp im Unterschied zu Nichtanwendung belegen hätte können.

Die Autoren der systematischen Übersichtsarbeit wurden somit kaum fündig: "Die systematische Übersichtsarbeit zeigte einen signifikanten Mangel an qualitativ hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zur Bewertung der Kneipp-Technik. Die Kneipp-Medizin als Gesamtkonzept oder ihre einzelnen Säulen wurde untersucht. Die identifizierten Studien wiesen häufig methodische Mängel auf, darunter kleine Stichproben, unzureichende Kontrollgruppen und fehlende Verblindung. Institutionelle Anfragen lieferten zwar Einblicke in Lehrmethoden und Werbemaßnahmen, jedoch fehlte es an einer soliden wissenschaftlichen Dokumentation", stellten die Fachleute fest.

Allein die Ausschlussgründe für die Nichtverwendung von Studien seien aufschlussreich gewesen. "Sie offenbaren ein Feld, in dem grundlegende methodische Standards für klinische Studien, adäquate Kontrollgruppen, Verblindungsversuche und klinisch relevante Ergebnisparameter routinemäßig nicht eingehalten werden", heißt es in der wissenschaftlichen Arbeit. Dabei gäbe es in der wissenschaftlichen Literatur - zum Beispiel für eine Form von Hydrotherapie - durchaus eine "groß angelegte randomisierte, kontrollierte Studie (3.018 Probanden), in der man mit regelmäßigem kalten Duschen eine Reduktion von krankheitsbedingten Fehlzeiten um 29 Prozent belegt hätte. Doch in Sachen Kneipp existierten solche Untersuchungen offenbar nicht.

"Die geringe Anzahl aussagekräftiger Studien wirft die Frage auf: Was trägt zur Popularität der Kneipp-Medizin bei? Unsere Ergebnisse deuten auf eine bedeutende Rolle von Marketingstrategien hin, die darauf abzielen, Teilnehmer für Kurse und Seminare zu gewinnen. Dieser Fokus, kombiniert mit dem eingeschränkten Zugang zu Lehrmaterialien, die oft hinter Bezahlschranken verborgen sind, lässt auf erhebliche finanzielle Interessen schließen", meinen die Wiener Wissenschafter.

Jedenfalls reicht es laut den Autoren nicht aus, durchaus potenziell gesundheitsfördernde Prinzipien als Begründung anzugeben. "Obwohl bestimmte Kneipp-Prinzipien (z. B. Bewegung und ausgewogene Ernährung) mit aktuellen Gesundheitsrichtlinien übereinstimmen und einzelne Komponenten in anderen Forschungsprogrammen untersucht wurden, reichen die Belege für spezifische therapeutische Wirkungen des integrierten Kneipp-Konzepts, die über die für seine einzelnen Praktiken nachgewiesenen hinausgehen, nicht aus. Solange keine methodisch hochwertigen Studien die Kneipp-Medizin als den systemischen Fünf-Säulen-Ansatz evaluieren, als den sie sich selbst darstellt, bleibt ihre zeitgenössische medizinische Relevanz als eigenständiges Therapiesystem unbegründet", heißt es in der Zusammenfassung.

Die Autoren führen auch an, dass man beim wichtigsten Unternehmen mit kommerziellen Kneipp-Produkten von einem Jahresumsatz von 150 bis 250 Millionen Euro ausgehe. Von dort seien nur "produktspezifische Studien (wie beispielsweise eine gesponserte randomisierte kontrollierte Studie zur Bewertung eines Flohsamenpräparats)" bekannt. Systematische Untersuchungen des "gesamten Kneipp-Therapiekonzepts" fehlten.

19.06.2026, Hessen, Fulda: Besucherinnen des Hessentags erfrischen sich bei sommerlichen Temperaturen beim Gang durch ein Kneipp-Becken. Das 63. hessische Landesfest findet vom 12. bis 21. Juni in Fulda statt. Foto: Florian Wiegand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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