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Dordrecht: Die Stadt, in der man sich über Touristen freut

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Idyllische Szenerie: Historische Schiffe, die entlang des Kanals von Dordrecht anlegen.

Windmühlen, Grachten und Giebelhäuser: Dordrecht gilt als die älteste Stadt Hollands und ist dennoch ein Geheimtipp. Warum sich ein Wochenende abseits der Touristenströme lohnt.

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Windmühlen so weit das Auge reicht. Allerdings: Kein Lüftchen regt sich, und deshalb bewegen sich die Mühlenflügel auch kein Stück. Für die chinesischen Malerinnen und Maler, die hier wie die Impressionisten unter freiem Himmel ihre Staffeleien aufgebaut haben, erleichtert das aber vermutlich das Abmalen. Ob sie kollektiv einen Kreativkursus „Malen wie die alten Meister“ gebucht haben? Jedenfalls haben sie alle die gleichen Utensilien dabei.

Die Windmühlen von Kinderdijk gelten international als das holländische Postkartenmotiv schlechthin. Und „holländisch“ darf hier gesagt werden, denn man befindet sich mitten in Holland, dem westlichen Teil der Niederlande. Der Käsemarkt von Alkmaar, die Tulpen aus Amsterdam und die Windmühlen von Kinderdijk – all das ist Holland par excellence.

Die älteste Stadt Hollands

Während die Touristen in Kinderdijk im Sommer Schlange stehen, ist die unmittelbar benachbarte Stadt Dordrecht noch ein Geheimtipp. Leiden, Delft, Alkmaar oder Utrecht – okay. Aber Dordrecht? Nie von gehört.

Dabei ist Dordrecht – kurz Dordt – die älteste Stadt Hollands. Nicht der Niederlande – da gibt es wesentlich ältere wie die einstigen Römerstädte Maastricht und Nimwegen nahe der deutschen Grenze. Aber in Holland ist Dordrecht die Älteste. Im Mittelalter war sie ein wichtiger Stapelmarkt für Wein, Getreide und Holz. Sie profitierte von ihrer Lage im Mündungsgebiet des Rheins, bis heute ist sie an allen Seiten von Flüssen und Kanälen umgeben. Eine Wasserstadt.

Giebelhäuser, Zugbrücken und Grachten

Das historische Zentrum zeugt bis heute von Dordrechts großer Geschichte und umfasst alles, was man klischeehaft mit Holland verbindet: Giebelhäuser, Zugbrücken und Grachten. Ist dies vielleicht der holländischste Ort der Welt? In den Niederlanden selbst wird Dordrecht jedenfalls regelmäßig als die „meistunterschätzte Grachtenstadt“ oder als „urholländische Stadt“ bezeichnet.

Wahrzeichen ist die Grote Kerk (Große Kirche) mit ihrem leicht schiefen Turm, dem die Spitze fehlt. Das liegt daran, dass er aufgrund des sumpfigen Bodens während der Bauarbeiten absackte und man ihn deshalb lieber nicht weiterbaute.

Mitten im niederländischen Bibelgürtel

Harry Wouters kam vor 50 Jahren für seinen Job bei der Polizei nach Dordrecht. „Es war ein Kulturschock“, erinnert er sich. Wouters stammt aus der südlichen Provinz Brabant, die burgundisch-katholisch geprägt ist und im Ruf steht, von Lebensgenießern bevölkert zu sein. Dordrecht dagegen liegt mitten im niederländischen Bibelgürtel – hier regierte jahrhundertelang calvinistische Askese.

Leser des populären niederländischen Romanschriftstellers Maarten 't Hart, der ganz in der Nähe aufgewachsen ist, kennen diese Welt der sittenstrengen Spaßbremsen. „Es gab hier nichts“, erzählt Wouters. „Keine Cafés und so gut wie keine Restaurants. Das war hart für mich. Aber zum Glück: Im Laufe der Jahrzehnte habe ich miterlebt, wie sich Dordrecht immer weiter geöffnet und verändert hat.“ Gekommen sei das durch die vielen Zuzügler, die mit calvinistischer Engstirnigkeit nichts im Sinn hatten.

Heute kann man in Dordrecht durchaus gut essen, auch wenn die Zahl der Restaurants immer noch vergleichsweise überschaubar ist. Sein volles Potenzial hat Dordrecht noch lange nicht entfaltet, doch gerade das hat auch seine Vorteile: Von Overtourism ist hier noch nichts zu spüren, die Dordrechter freuen sich noch über Touristen.

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Die Prinsenstraat entstand im 16. Jahrhundert als Stadteingang über den Sluispoort, einem der Stadttore von Dordrecht.

 © Paul van de Velde / CC BY 2.0

Zurück ins „Goldene Zeitalter“

Die größte Attraktion der Stadt ist das 1842 gegründete Dordrechts Museum mit vielen Gemälden aus der Zeit von Rembrandt und Vermeer. Woanders würden sich davor die Besucher drängen, hier ist man an Werktagen allein mit den Meisterwerken.

Das Holland des „Goldenen Zeitalters“, des 17. Jahrhunderts, ist hier zum Greifen nah: das stille Land mit dem allgegenwärtigen Wasser, überragt von den immer ruhelosen Wolkengebirgen. Die hoch getürmten Segelschiffe, die in der Dünung wiegen. Die blank geputzten Kachelböden im Schachbrettmuster: Es gibt eine Welt zu entdecken, und diese wirkt – zumindest auf den Bildern – stiller und schöner als unsere.

Dordrecht hat auch selbst einen großen Maler hervorgebracht, Aelbert Cuyp (1620-1691). Er stellte die holländischen Kühe – Lieferanten des Rohstoffs Milch für den Käse – schön wie Rennpferde dar und tauchte sie in ein überirdisches Licht.

Auf den Spuren eines großen Staatsmanns

Der zweite große Sohn der Stadt ist der Staatsmann Johan de Witt (1625-1672). Womit man dann wieder in der Realität angekommen wäre. De Witt gilt als erster moderner Regierungschef: Die Niederlande waren zu seiner Zeit eine Republik inmitten von Königreichen, überaus modern und erfolgreich. Und der Dordrechter Anwalt de Witt stand ganz oben an der Spitze, 19 Jahre lang, als Ratspensionär von Holland. Er richtete seine Politik nach rationalen Grundsätzen aus und gewährte Meinungsfreiheit – so konnte auch der atheistische Philosoph Baruch de Spinoza seine Schriften veröffentlichen.

De Witts Bronzedenkmal in der Dordrechter Innenstadt zeigt ihn melancholisch versonnen auf einem Stuhl sitzend, neben ihm stehend sein älterer Bruder und politischer Weggefährte Cornelis. Die Dordrechter schmücken die beiden zuweilen mit Kleidungsstücken, Hüten oder Karnevalsartikeln und haben mit KI ein Video erstellt, das sie nachts die Plätze tauschen lässt: Dann darf auch Cornelis mal sitzen.

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Johan de Witt in einem Porträt des Malers Caspar Netscher

 © Gemeinfrei

Doch das Ende ihrer Lebensgeschichte ist alles andere als heiter: Als der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. 1672 die Niederlande angriff, verbreiteten de Witts politische Gegner in Flugschriften die Verschwörungserzählung, er sei von Frankreich bestochen worden. In Wahrheit nahm de Witt nie auch nur das kleinste Geschenk an. Doch gegen die Flut von Lügen-Pamphleten hatte die Wahrheit keine Chance – Johan wurde zusammen mit Cornelis grausam gelyncht.

Polarisierung und Hetze gab es also auch im beschaulichen Dordrecht, das heute so nach heiler Welt aussieht. Aber man muss sich die Geschichte der Brüder de Witt ja auch nicht antun. Man darf auch einfach hierherfahren und sich ein Wochenende mal aus allem ausklinken.

Nur Aelbert Cuyp mit seiner geschönten Wirklichkeit, kein Johan de Witt. Nur Kaffee trinken, schön essen gehen und die Altstadtfassaden bewundern. Der nächste Montag kommt bestimmt – aber bis dahin darf es einfach die pure holländische Idylle sein.

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